float Magazine

Ein Brief vom County bedroht das Refit-Projekt Tally Ho © Leo Sampson
Refit-Projekt

Dunkle Wolken über Tally Ho

Einem Nachbarn und dem County gefällt es nicht, dass Leo Sampson mit weltweiter Unterstützung sein 112 Jahre altes Schiff restauriert. Droht das Ende?

von
Tommy Loewe
in
5 Minuten

Dunkle Wolken hängen über der „Tally Ho“, dem 1909 von Albert Strange gebauten Rennkutter, den Leo Sampson als Refit-Projekt mit seiner Crew in Sequim im US-Bundesstaat Washington wieder aufbaut. Sie entladen sich in einem kleinen Blizzard, der weite Teile der Freiluft-Werft und den Innenraum der noch offenen neuen Tally Ho in eine Schneelandschaft verwandelt. Aber ein Schreiben des US-Countys in Leo Sampsons Briefkasten stellt eine viel größere Bedrohung als ein Schneesturm dar.

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt…

Die Reste von Süßwasser nach der Schneeschmelze sind gerade die geringste Sorge, die Leo plagen. Denn das Holz kann mit einer Salzwasserdusche aus dem nahe gelegenen Puget Sound wieder konserviert werden.

Ein Brief bedroht die „Tally Ho“

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbar nicht gefällt… so schrieb es Friedrich Schiller im Wilhelm Tell. Das Tally-Ho-Projekt hat durch die regelmäßigen Videos Freunde in der ganzen Welt gefunden, die es mit Sympathie, Geschenken und Spenden unterstützen. float berichtet seit 2017 kontinuierlich über das Projekt.

Auch die Nachbarn rund um die Baustelle sind begeistert von dem Spirit, mit dem die jungen Leute das schöne alte Holzboot wieder aufbauen. Nur einer ist darunter, der sich von Anfang an gestört fühlte: von den Schreien der Papageiendame Pancho, vom Kreischen der E-Hobel und der Kreissäge und vom Gehämmer beim Festnieten der Planken.

Schnee auf den Planken für die Tally Ho
Schnee auf dem Holzlager © Leo Sampson
Schnee im Rumpf der Tally Ho
und im Rumpf © Leo Sampson

Da nützt es nichts, dass die Bootsbauer sich an die Arbeits- und Ruhezeiten halten. Der sensible Nachbar überzieht Leo mit Beschwerden. Und er hat sich bereits wiederholt an die Kreisverwaltung gewandt – mit schlimmen Konsequenzen.

Optimismus ist gefragt

In bis heute 91 Video-Folgen hat Leo Sampson seinen Zuschauerinnen und Zuschauern gezeigt, mit welcher Akribie und Genauigkeit er arbeitet – und wie empathisch er mit Menschen umgeht. Es geht ihm, stets darum beste Arbeit zu leisten und darüber zu berichten. Wer die Videos verfolgt hat, konnte eine Menge über traditionellen Bootsbau lernen.

Nie ging es dabei um Politik oder Störungen durch unzufriedene Menschen. Die Querelen des Konflikts mit dem Nachbarn quälen Leo schon länger. Nur mochte er diese Probleme bisher nicht öffentlich teilen. Doch nun ist der Druck so groß geworden, dass Leo Sampson sich an seine Community wendet. Er erzählt in der aktuellen Video-Folge die Geschichte aus seiner Sicht, und bemüht er sich darum, nur bei den Fakten zu bleiben.

Auslöser ist ein dicker Brief von der Kreisverwaltung des Clallam County. In diesem wird er bei Androhung eines hohen Bußgelds dazu aufgefordert, das Einwerben von Spenden durch seine Videos einzustellen. Es scheint, als sei das ganze Projekt bedroht. An einen anderen Ort transportieren kann er den Rumpf im derzeitigen Zustand nicht. Ohne Deck und fertige Außenhautbeplankung wäre er zu fragil und könnte aus der Form geraten. Auf Spenden indes ist die Tally Ho angewiesen.

Pancho, die Papageiendame, zeigt mit ihrem Flügel in Richtung des Nachbars
Pancho zeigt uns, wo der Nachbar wohnt © Leo Sampson

Leo wendet sich an seine Fans

Leo ist ein ausgesprochener Optimist. Er hegt keinen Groll und bittet seine Fan-Gemeinde, ruhig zu bleiben: „Wenn Ihr eure Unterstützung für dieses Projekt in irgendeiner Form zeigen wollt, tut das bitte mit Ruhe, Freundlichkeit und positiver Einstellung.“ Er fährt fort: „Ärger und Aggression wird die Angelegenheit für jeden nur schwieriger machen. Ich bin sicher, dass ich eine Lösung finden werde, die gut sein wird für das Projekt und für jeden, der in diesen Disput involviert ist.“

Mitte März wird es eine Anhörung geben. Dabei wird entschieden, wie es weitergeht. Die vielen ermutigenden Tipps und Ratschläge, die gleich nach Veröffentlichung des Videos am 1. März über Instagram und Facebook kamen, waren für Leo, so sagt er, „überwältigend“. Sie werden ihn durch die Anhörung tragen.

Ritterköpfe, Ohrhölzer und Schergänge

Ach ja, um Bootsbau geht es auch in dieser Episode. Die Außenhaut der Tally Ho schließt sich mehr und mehr. Pete, die Auszubildende Rosie, Matt, David und Rowan setzen Planke um Planke an, während Leo sich um die Schergänge (die „sheer strakes“) kümmert.
Das ist der oberste Plankengang, auf dem der Schandeckel liegt, also die äußere Decksbegrenzung. Diese Planke soll besonders kräftig ausgeführt werden, wofür er sich einen Rest des guten Angelique-Holzes aufgehoben hat.

  • Pete und Matt befestigen mit Gerüst eine weitere PlankePete und Matt befestigen mit Gerüst eine weitere Planke © Leo Sampson
  • Rowan haut mit einem Hammer auf die PlankeRowan haut Öber lang © Leo Sampson
  • Pete guckt mit großen Augen auf seinen NotizzettelPete findet einen Fehler © Leo Sampson
  • Für den Schergang wird eine Modell an der Tally Ho befestigtModell für Schergang an Steuerbord © Leo Sampson
  • Leo und Pete arbeiten an den PlankenBetrieb auf dem Bauplatz © Leo Sampson

Der Schergang hat am meisten auszuhalten, wenn das Boot am Kai liegt oder gerammt werden sollte. Leider ist das Restholz nicht genug. Denn die Bohlen haben Schäden in der Struktur, und es gelingt nur mit Mühe, zumindest den Steuerbord-Schergang daraus zu schneiden.

Bronze-Muttern, die in Sacklöchern versenkt sind, werden von Rowan mit beherzten Hammerschlägen gekörnt, damit sie sich nicht lösen können. Die Löcher werden mit einer Mischung aus Dolfinite-Dichtmasse und Wurzelteer verfüllt, bevor die Planken darüber festgeschraubt werden. Hier ruckelt und rottet nichts mehr.

Bald werden die Ohrhölzer eingesetzt

Bevor der Schergang montiert wird, müssten noch die „Knightheads“, zu deutsch Ohrhölzer, eingesetzt werden. Diese senkrechten Holzstützen sind beidseitig zum Vorsteven angebracht und stützen den Bugspriet.

Leo hat recherchiert, dass die Tally Ho im Original keine Knightheads hatte, sondern dass sie erst später eingebaut wurden. Also setzt er dafür lieber zwei dicke Knacken (Unterschläge) aus Purple-Heart-Holz ein – dem gleichen Holz, aus dem der Vorsteven gebaut ist, um später den Bugspriet und das Schanzkleid abzustützen.

  • Leo zeigt uns, mit seiner Hand, wo die Knightheads warenHier waren die Knightheads © Leo Sampson
  • Ein altes Bild der frühreren Tally Ho Tally Hos früheres Schanzkleid © Leo Sampson
  • Leo zeigt uns wo die Backbord knacken sindBackbord „Knacken“ © Leo Sampson

Alles wird gut – hoffentlich

Am Ende ist zumindest ein Schergang fest. Die Arbeit lenkt von dem Generve mit dem Nachbarn und den Behörden ab. Wir drücken die Daumen, dass die Anhörung gut verläuft und es so fröhlich weitergehen kann wie bisher. Und dass wir in knapp zwei Jahren alle zusammen den Stapellauf der neuen Tally Ho feiern.

Doch auch wenn alle Stricke reißen: Die Tally Ho hat inzwischen genug Freunde, dass auch ein Umzug möglich wäre. Wer das Tally-Ho-Projekt unterstützen möchte, kann dies hier tun.

Can the County shut down TALLY HO?! / Sheer Planks (Rebuilding Tally Ho / EP92)

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.