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Eiszeit an Bord Eiszeit an Bord in der Marina Kas © Jens Brambusch
Überwintern auf dem Boot

Eiszeit an Bord

Segelaussteiger Jens Brambusch überwintert an Bord seiner Moody 425 an der türkischen Südküste. Nicht immer ist alles eitel Sonnenschein.

Jens Brambusch
von in
7 Minuten

Auch wenn die Marina in einer geschützten Bucht liegt und die meisten Wellen an der langen Schutzmauer brechen, tanzen die Yachten wie aus dem Takt geratene Teenager auf ihrer ersten Party. Sie rucken in den Festmachern und schieben Lage wie bei kräftigem halben Wind auf See, wenn die Fallböen den Rumpf in die Seile drücken. Mich persönlich stört das Geschaukel kaum. Besucher mussten aber schon mal das Schiff verlassen, weil sie seekrank wurden. Im Hafen.

Auf dem Schiff fühle ich mich wohl, an Land aber eiere ich wie volltrunken zur Dusche. Einmal musste ich mich nach einer stürmischen Nacht unter der Brause an den Wänden der Kabine abstützen, weil die Dusche wie die „Wilde Maus“ auf dem Hamburger Dom auf Berg- und Talfahrt ging.

Eiszeit an Bord

Manchmal bleibt kein Brett trocken © Jens Brambusch

In manchen Nächten liege ich wach in meiner Koje, das Gesicht aschfahl vom Licht des Laptops, auf dem Wolkenwände sich auf die rote Nadel zubewegen, die meinen Standort markiert. Ich verfolge, wie sich explosionsartig immer neue Formationen aus Blitzen, Starkwind und heftigem Regen auf dem Meer bilden. Höre den Donner, der die Satellitenbilder bestätigt. Zähle die Tropfen, die sich an der Luke abseilen, weil ich wieder mal vergessen habe, die Dichtung zu reparieren.

Dazu rinnt das Kondenswasser die Alurahmen herab. Die Bettdecke ist klamm von der Luftfeuchtigkeit und den pitschnassen Klamotten, die verteilt im Salon hängen, weil ich bereits mehrmals an Deck musste, die Lampe auf der Stirn, die Angst vor Blitzen im Genick. Bimini abbauen, Festmacher checken, Mooring kontrollieren. Ist das Schiff etwa eben mit dem Heck an den Steg gedotzt? Oder war es nur ein extremes Einrucken in die Festmacher? Kontrolle ist besser.

Bananenbrot backen hält warm

Aber auch Nächte wie diese gehen vorbei. Und der Kaffee am nächsten Morgen schmeckt noch besser, besonders in Gemeinschaft. Mittlerweile ist es bei uns am Steg Gewohnheit, dass die Segler zusammen frühstücken. Wer zuerst wach ist, kocht eine riesige Kanne Kaffee, ein anderer schwenkt Pfannkuchen oder dippt Weißbrot in Ei und brutzelt French Toast.

Die Schäden der Nacht werden gemeinsam begutachtet und behoben. Wie an Bord der australischen ABSea, die im Stadthafen eines nachts so heftig vom Schwell gegen die Kaimauer gedrückt wurde, dass vier der acht Fender platzten. Drei Stunden kämpften Barry und Aannscha in der Nacht bei zehn Beaufort um ihr Schiff. Sie konnten es Dank der Hilfe etlicher türkischer Helfer vor schweren Schäden schützen.

Eiszeit an Bord

Gemeinsam essen ist nicht nur gesellig, es heizt auch ein © Jens Brambusch

Winterzeit ist Reparaturzeit. Undichte Fenster, kaputte Pumpen, Kontrolle der Segel, Wartung der Maschine. Wer auf einem Schiff lebt, dem wird nie langweilig. Und wenn tatsächlich am eigenen Boot alles erledigt scheint, dann sind helfende Hände beim Nachbarn gefragt.

Sikaflex-Tuben wandern von Boot zu Boot, der Rest Teaköl wird geteilt. Das Werkzeug verteilt sich im ganzen Hafen. Die Abende enden oft im Oxygen-Pub in der Marina, wenn sich die Sonne blutrot im Meer versenkt oder in einer Bar in der Altstadt vor dem Kamin. Oder wir kochen gemeinsam.

Eiszeit an Bord

Helfende Hände gibt es auch beim Abwasch © Jens Brambusch

Der Vorteil: Wer kocht, spart Heizkosten. Der Herd reicht vollkommen aus, um den Salon wohlig warm zu halten. Mittlerweile backe ich regelmäßig abends Bananenbrot. Dann ist es schön warm an Bord der Dilly-Dally – und außerdem ist das Frühstück gesichert. Und wenn ich trotzdem mal wieder mit dem Wetter hadere, dann schalte ich den Laptop an, tippe „Wetter + Deutschland“ in die Suchmaske – und schon fühle ich mich besser.

Mehr übers Glücklichsein lesen

Jens Brambusch hat für sein Aussteiger-ABC insgesamt vier Artikel geschrieben. In Teil 1 berichtet er von seinen Vorplanungen, Vorbereitungen und Formalitäten in Deutschland. Im zweiten Teil geht es um den Bootskauf in der Türkei und mögliche Klippen, die dabei zu umschiffen sind. Im dritten Teil der befasst er sich mit den ersten Tagen auf der Dilly-Dally und damit, wie man das Segelboot als Lebensort für sich erobert. Die Wahl des richtigen Hafens, notwendige Papiere und praktische Tipps für die Türkei von WLAN bis Krankenkasse sind Themen in Teil 4 unserer float-Serie.

Mehr zu lesen gibt es auf Jens Brambusch macht blau.

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