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Eiszeit an Bord Eiszeit an Bord in der Marina Kas © Jens Brambusch
Überwintern auf dem Boot

Eiszeit an Bord

Segelaussteiger Jens Brambusch überwintert an Bord seiner Moody 425 an der türkischen Südküste. Nicht immer ist alles eitel Sonnenschein.

Jens Brambusch
von in
7 Minuten

Es war zwei Tage vor Heiligabend, als mir klar wurde, dass es so nicht mehr geht. Ich hatte geahnt, dass dieser Tag an Bord kommen wird. Auch hier an der türkischen Südküste, in Kaş, einem beschaulichen Ort im früheren Lykien, wo das Wasser so klar ist wie sonst nirgends in der Türkei und die Orangen am Wegesrand wachsen. Sie hatten mich gewarnt. Die Mitarbeiter der Marina, die Bootsnachbarn aus Südafrika und Istanbul, der Brite und ein Schotte. Sogar der Norweger.

Und dann, an diesem Abend, die Sonne war vor zwei Stunden hinter der griechischen Insel Kastellorizo (auch Megisti genannt) untergegangen und der Wind zerrte mit heftigen Böen an den Festmachern, auf dass sie stöhnten und ächzten, da verkroch ich mich in meiner Achterkabine, kramte ganz tief im Schrank. Erst Steuerbord, dann Backbord. Und dann fand ich sie: meine lange Hose. Nach einem Vierteljahr auf dem Schiff musste ich mir zum ersten Mal wieder eine lange Hose anziehen. Bislang hatte der blaue Rolli zu kurzer Hose ausgereicht. Aber jetzt war er da – der Winter.

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Dilly Dally, eine Moody 425 von 1989 © Jens Brambusch

Die Vorstellung, heizen zu müssen, erschien absurd

Seit Anfang Oktober lebe ich auf der Dilly-Dally, eine Moody 425. Eine alte Lady im besten Alter. Vor 30 Jahren wurde sie im britischen Plymouth zu Wasser gelassen. Einer meiner drei Voreigner segelte mit ihr über den Atlantik. Aber die meiste Zeit lag sie im Mittelmeer, verbrachte die Winter an Land. Als ich im September das Schiff kaufte, war ich begeistert davon, wie angenehm kühl es unter Deck verglichen mit der Hitze draußen war. Nur beiläufig fragte ich nach einer Heizung. Heizen an Bord? Die Vorstellung, heizen zu müssen, erschien absurd.

Hugh, der südafrikanische Vorbesitzer, der den vergangenen Winter auf der Dilly-Dally ebenfalls in der Türkei verbracht hatte, beruhigte: Er habe ein elektrisches Heizgebläse, das aber habe er nur drei Mal benutzen müssen. Nun ist die Dilly-Dally mein Zuhause. Nicht einen Tag habe ich meinen Entschluss, auf ein Boot zu ziehen, bereut. Aber manchmal ertappe ich mich dabei, wie ich an meinen gusseisernen Kamin in Berlin denke.

Eiszeit an Bord

Gemeinsame Ausfahrt an Heiligabend © Jens Brambusch

Im Winter ist das Mittelmeer ein unberechenbares Biest

Überwintern an Bord ist der Traum vieler Segler. Morgens schimmert die Sonne durch die Luken. Strahlend blauer Himmel vor massiven Bergen über weitem Meer. Kann es etwas Schöneres geben? Schwimmen an Heiligabend, Segeln in den Sonnenuntergang. Kein Klischee, aber auch nicht Alltag. Leider!

Das Leben an Bord im Winter ist wider alle romantische Verklärung manchmal nervig bis aufreibend. Selbst im Mittelmeer. Abends zieht die Feuchtigkeit durch die Ritzen, die Polster sind klamm, ich sitze mit Jacke und Mütze im Salon – tippe mich durchs Internet oder lese. Längst hat heißer Tee das kühle Bier abgelöst.

Dieses Jahr soll der Winter härter sein als alle vorherigen. Sagt Elaine. Die Britin überwintert das vierte Jahr in Kaş. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten leben die beiden von Überführungstörns. So einen kühlen und nassen Winter hätte sie noch nicht erlebt, sagt Elaine, die bibbernd vor dem Heizlüfter unter Deck sitzt. Sobald wieder Geld in der Kasse sei, wolle sie eine Diesel-Heizung einbauen. Derweil verkriecht sie sich nachts unter einer elektrischen Wärmedecke. Die fünf Euro, die ein durchlaufender Heizlüfter verbraten würde, spart sie lieber.

Eiszeit an Bord

Ismael aus Istanbul radelt durch die Marina Kaş © Jens Brambusch

Ich liege in Kaş, dem südlichsten Punkt der Türkei. Viele Segler, die auf ihren Yachten überwintern, kommen hierher. Wie Mark, der Südafrikaner, der Schotte Jim, Aannscha und Barry aus Australien – oder Ismael aus Istanbul. Die ersten Winter auf seiner Wanda hatte er in Datça verbracht, 120 Seemeilen weiter westlich. Aber dort ziehen im Herbst und Winter heftige Stürme die Ägäis entlang. In Kaş ist es vergleichsweise mild. Trotzdem verirren sich nur wenige Gastlieger in den Wintermonaten hierher. Die letzten kamen Ende November, ein amerikanisches Paar, auf dem Weg mit ihrer Yacht nach Ägypten.

Im Winter ist das Mittelmeer ungemütlich, ein unberechenbares Biest. Wind und Wetter sind kaum kalkulierbar, Fahrtensegeln kann zum Fiasko werden. Schwer vorstellbar, dass die Region um Kaş im Sommer ein Schwachwindrevier ist. Die Windvorhersagen sind oft unzuverlässig. Selbst die geschütztesten Ankerbuchten können zur Falle werden, wenn plötzlich Böen mit bis zu zehn Windstärken aus dem eben noch spiegelglatten Wasser ein Wellenbad machen.

Eiszeit an Bord

Schöne, aber kalte Sonnenuntergänge © Jens Brambusch

Vier Jahreszeiten in 24 Stunden

Das Wetter verläuft wie im Zeitraffer. Vier Jahreszeiten in 24 Stunden. Morgens, wenn die Sonne hinter den Ausläufern des Taurusgebirges aufsteigt, liegt die Temperatur noch im Keller. In der Nacht fällt sie im Januar nicht selten auf drei bis vier Grad. In wolkenlosen und windstillen Phasen ist tagsüber ein Sonnenbad in kurzer Hose und T-Shirt aber möglich. Das Wasser ist immer noch angenehm warm. Bei unserem Weihnachtsausflug sprangen wir in der Ankerbucht vor lykischen Felsengräbern über Bord. An schönen Tagen geht es raus aufs Meer, ein paar Stunden segeln, ankern, grillen an Bord. Mal nur mit einem Boot, mal mit zweien oder dreien.

Eiszeit an Bord

Zusammen segeln, ankern und grillen an Bord © Jens Brambusch

Die Bedingungen auf dem Wasser ändern sich schnell. Als ich Anfang Januar zusammen mit einem Freund, der mich besuchte, das neue Jahr mit einem kleinen Schlag begrüßte, hatten wir herrliches Segelwetter. Sonne und Wind. Nachmittags saßen wir in einem Café und genossen die Sonne. Dann kam die Sintflut. Schlagartig verfinsterte sich der Himmel, Blitze zuckten durch die tiefschwarzen Wolken, in Böen pfiffen die Masten wie ein schäbiger Shantychor, begleitet vom Trommeln des Regens auf dem Deck.

Auch wenn die Marina in einer geschützten Bucht liegt und die meisten Wellen an der langen Schutzmauer brechen, tanzen die Yachten wie aus dem Takt geratene Teenager auf ihrer ersten Party. Sie rucken in den Festmachern und schieben Lage wie bei kräftigem halben Wind auf See, wenn die Fallböen den Rumpf in die Seile drücken. Mich persönlich stört das Geschaukel kaum. Besucher mussten aber schon mal das Schiff verlassen, weil sie seekrank wurden. Im Hafen.

Auf dem Schiff fühle ich mich wohl, an Land aber eiere ich wie volltrunken zur Dusche. Einmal musste ich mich nach einer stürmischen Nacht unter der Brause an den Wänden der Kabine abstützen, weil die Dusche wie die „Wilde Maus“ auf dem Hamburger Dom auf Berg- und Talfahrt ging.

Eiszeit an Bord

Manchmal bleibt kein Brett trocken © Jens Brambusch

In manchen Nächten liege ich wach in meiner Koje, das Gesicht aschfahl vom Licht des Laptops, auf dem Wolkenwände sich auf die rote Nadel zubewegen, die meinen Standort markiert. Ich verfolge, wie sich explosionsartig immer neue Formationen aus Blitzen, Starkwind und heftigem Regen auf dem Meer bilden. Höre den Donner, der die Satellitenbilder bestätigt. Zähle die Tropfen, die sich an der Luke abseilen, weil ich wieder mal vergessen habe, die Dichtung zu reparieren.

Dazu rinnt das Kondenswasser die Alurahmen herab. Die Bettdecke ist klamm von der Luftfeuchtigkeit und den pitschnassen Klamotten, die verteilt im Salon hängen, weil ich bereits mehrmals an Deck musste, die Lampe auf der Stirn, die Angst vor Blitzen im Genick. Bimini abbauen, Festmacher checken, Mooring kontrollieren. Ist das Schiff etwa eben mit dem Heck an den Steg gedotzt? Oder war es nur ein extremes Einrucken in die Festmacher? Kontrolle ist besser.

Bananenbrot backen hält warm

Aber auch Nächte wie diese gehen vorbei. Und der Kaffee am nächsten Morgen schmeckt noch besser, besonders in Gemeinschaft. Mittlerweile ist es bei uns am Steg Gewohnheit, dass die Segler zusammen frühstücken. Wer zuerst wach ist, kocht eine riesige Kanne Kaffee, ein anderer schwenkt Pfannkuchen oder dippt Weißbrot in Ei und brutzelt French Toast.

Die Schäden der Nacht werden gemeinsam begutachtet und behoben. Wie an Bord der australischen ABSea, die im Stadthafen eines nachts so heftig vom Schwell gegen die Kaimauer gedrückt wurde, dass vier der acht Fender platzten. Drei Stunden kämpften Barry und Aannscha in der Nacht bei zehn Beaufort um ihr Schiff. Sie konnten es Dank der Hilfe etlicher türkischer Helfer vor schweren Schäden schützen.

Eiszeit an Bord

Gemeinsam essen ist nicht nur gesellig, es heizt auch ein © Jens Brambusch

Winterzeit ist Reparaturzeit. Undichte Fenster, kaputte Pumpen, Kontrolle der Segel, Wartung der Maschine. Wer auf einem Schiff lebt, dem wird nie langweilig. Und wenn tatsächlich am eigenen Boot alles erledigt scheint, dann sind helfende Hände beim Nachbarn gefragt.

Sikaflex-Tuben wandern von Boot zu Boot, der Rest Teaköl wird geteilt. Das Werkzeug verteilt sich im ganzen Hafen. Die Abende enden oft im Oxygen-Pub in der Marina, wenn sich die Sonne blutrot im Meer versenkt oder in einer Bar in der Altstadt vor dem Kamin. Oder wir kochen gemeinsam.

Eiszeit an Bord

Helfende Hände gibt es auch beim Abwasch © Jens Brambusch

Der Vorteil: Wer kocht, spart Heizkosten. Der Herd reicht vollkommen aus, um den Salon wohlig warm zu halten. Mittlerweile backe ich regelmäßig abends Bananenbrot. Dann ist es schön warm an Bord der Dilly-Dally – und außerdem ist das Frühstück gesichert. Und wenn ich trotzdem mal wieder mit dem Wetter hadere, dann schalte ich den Laptop an, tippe „Wetter + Deutschland“ in die Suchmaske – und schon fühle ich mich besser.

Mehr übers Glücklichsein lesen

Jens Brambusch hat für sein Aussteiger-ABC insgesamt vier Artikel geschrieben. In Teil 1 berichtet er von seinen Vorplanungen, Vorbereitungen und Formalitäten in Deutschland. Im zweiten Teil geht es um den Bootskauf in der Türkei und mögliche Klippen, die dabei zu umschiffen sind. Im dritten Teil der befasst er sich mit den ersten Tagen auf der Dilly-Dally und damit, wie man das Segelboot als Lebensort für sich erobert. Die Wahl des richtigen Hafens, notwendige Papiere und praktische Tipps für die Türkei von WLAN bis Krankenkasse sind Themen in Teil 4 unserer float-Serie.

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