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Die beiden Weltrekord-Ruderer Mark Slats (r.) und Kai Wiedmer © Talisker Race
Talisker Atlantic Challenge

Er wollte nur gewinnen

Mark Slats und Kai Wiedmer sind in Weltrekordzeit über den Atlantik gerudert. Sie unterboten die Bestzeit der Talisker Atlantic Challenge um ganze fünf Tage.

von
Jan Joswig
in
4 Minuten

Manchen Menschen ist ihre Bestimmung auf den Leib geschrieben. In der Antike wäre Mark Slats Gladiator gewesen. Im 21. Jahrhundert begeistert der zwei Meter große Muskelmann als Abenteurer. Er passt in die Schuhe solcher Giganten wie Mike Horn, setzt auf Sieg und bricht Rekorde. Der Niederländer hat sein erstes Buch draußen und spektakuläre Pläne für die Zukunft. Wir haben ihn zwei Tage nach seinen jüngsten Weltrekord gesprochen.

Mark Slats
Nur mit Muskelkraft und eisernem Willen 3000 Seemeilen über den Atlantik © Mark Slats

Gerade jetzt kann er die nächste Kerbe in sein Ruderblatt schnitzen: Zum zweiten Mal hat Mark Slats die Ruderregatta Talisker Whisky Atlantic Challenge mit einem Weltrekordsieg beendet. Zusammen mit Partner Kai Wiedmer durchpflügte er die Strecke von den Kanaren nach Antigua in 32 Tagen, 22 Stunden und 13 Minuten und unterbot so den bisherigen Rekord um satte fünf Tage.

Schon bei der Talisker-Regatta vor drei Jahren hatte er mit 19 Tagen Vorsprung einen neuen Weltrekord im Solo-Rudern aufgestellt. Ein Jahr darauf nahm er an einer Weltumseglung der härtesten Art teil. Mit einer nicht für den Southern Ocean gemachten Langkieler Rustler 36 trat er zum traditionalistischen Golden Globe Race an und musste nur gegen Jean-Luc Van den Heede zurückstecken, einem Routinier der Blauwasserregatten. An Van den Heede herangerobbt hat sich Mark Slats bis zur letzten Etappe, ein zäher Verfolger, der so kämpfen wie fluchen kann.

  • Mark SlatsMark Slats wird Zweiter beim Golden Globe Race 2018/19 © Copyright
  • Mark SlatsDer Kämpfer und Abenteurer macht Knobelaufgaben auf seiner Rustler 36 © Mark Slats
  • Mark SlatsMark Slats mit Jean-Luc Van den Heede (re.) nach dem Golden Globe Race 2019 © GGR

Kampf und Komfort

Für die Talisker Whisky Atlantic Challenge 2020/21 hat der Holländer mit australischen Wurzeln und ausgeprägtem Sieger-Gen alles selbst in die Hand genommen. War er 2017/18 noch mit einem fremden Boot gestartet, nutzte er diesmal die Erfahrungen seiner ersten Atlantiküberquerung, um sein eigenes Boot zu entwerfen und zu bauen.

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Vor allem eins hatte er gelernt nach der ersten Talisker-Teilnahme: Enorm wichtig bei der Konzeption des Ozean-Ruderboots ist es, an die Pausenzeiten an Bord zwischen den Rudereinsätzen zu denken, sagte Mark Slats gegenüber float. Ähnlich war es den Wellenbrecherinnen aus Hamburg gegangen, die als erstes deutsches Ruder-Frauenteam zum Talikser-Rennen 2019 angetreten sind.

Mark Slats
1.500 Stunden flossen in den Bootsbau © Mark Slats

Während des Ruderns sind Position und Ablauf festgelegt. Aber für die Erholungsphasen muss der Komfort an Bord optimal stimmen. Die Displays müssen in Blickrichtung liegen, der Wassertank muss mit einem Griff zugänglich sein, sagt Slats. All die kleinen Details sind es, die das Wohlbefinden an Bord ausmachen – und über die Leistung entscheiden. Der Bootsbau hat 1.500 Stunden verschlungen, doppelt so viel Zeit wie die Regatta selbst.

Ruderpartner Kai Wiedmer kam ohne Erfahrung

Schon in der Bauphase war sein Partner Kai Wiedmer involviert. Der 25-jährige Chef einer Familien-Werft in Holland hat weder Ruder- noch Atlantiküberquerungs-Erfahrung. Aber Mark Slats hat gleich die verwandte Kämpfernatur gerochen: Zwei, die siegen wollen. Und dabei das Lachen nicht verlernen.

Mark Slats
5 Tage schneller als der bestehende Rekord! © Mark Slats

Gleich nach dem Start haben sie gemeinsam 24 Stunden durchgeprügelt.

Kai war bodenlos erschöpft, konnte aber unter den Schlechtwetterbedingungen keinen Schlaf finden. Das Boot knirschte und knackte und rollte in alle Richtungen. Kai kamen Zweifel: Wenn das so die nächsten 30 Tage weitergeht, könnte ihm das glatt die Regattalaune vermiesen.

Aber schnell pendelten sie sich auf einen Zwei-Stunden-Rhythmus ein. Zwei Stunden Vollgas-Rudern, eine halbe Stunde essen, eineinhalb Stunden schlafen. Je weniger Schlaf Kai Wiedmer bekam, desto mehr wuchs seine Selbsterkenntnis. Der aufs Grundlegenste reduzierte Alltag weckte den Philosophen im Athleten.

Rudern im Schlaf

Rudern mag monoton sein, langweilig wird es nie. Ständig ändern sich die Wetterbedingungen. Am ärgerlichsten waren zwei ganze Wochen ohne Wind. Der Wind gibt dem Boot so viel Vortrieb, dass es ruhig durchs Wasser zieht. Alle zwei Tage, für die nächsten zwölf Ruderphasen, bekamen sie die ernüchternde Wettervorhersage – und mussten akzeptieren: Es bleibt windstill und damit kabbelig.

Das zermürbte. Die Schulen an Thunfischen, die sie in der Windstille begleiteten, boten nur magereren Trost. Egal wie ausgelaugt der Einzelne war, als Team blieben sie stark. Vor lauter Verantwortungsgefühl dem anderen gegenüber sind Kai und Mark manchmal eine Stunde vor ihrem Rudereinsatz aufgewacht. Andererseits ist Kai während des Ruderns eingeschlafen. Als er aufwachte, ruderte er immer noch.

  • Mark SlatsJe größer die Schwierigkeit, desto größer der Ruhm, sie zu überwinden © Mark Slats
  • Mark SlatsSei schneller als du gestern warst © Mark Slats
  • Mark SlatsHohes Ziel, hohe Reichweite, brich diesen Rekord © Mark Slats

Die letzten vier Tage vor Antigua kamen die Schlafphasen einem Knock-out gleich. Der Schweiß lief ihnen unter der Sonne der Karibik in die Augen. Und der Mix aus „hard times and fun“ war nicht mehr so selbstverständlich das Gleiche wie zum Anfang der Regatta. Aber Kai würde jederzeit wieder mit Mark ein Wettbewerbs-Team bilden.

Als nächstes großes Ziel verfolgt Mark Slats allerdings einen Solo-Törn. Er hat sich fest die Teilnahme an der Vendée Globe vorgenommen, seine Kampagne steht kurz vor dem Start. Er würde alleine segeln und dabei Tausende inspirieren. Schon nach seiner Golden-Globe-Teilnahme schrieb ihm ein schwerkranker Mann: „Ihr Beispiel hat mir die Energie gegeben, meine harte Zeit zu überstehen.“ Das sind die Momente, in denen der Vorzeige-Abenteurer sich auf dem richtigen Weg weiß.

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