float Magazine

Annika Möslein an Bord des österreichischen Ocean-Racers Sisi © Stefan Leitner / The Austrian Ocean Race Project
Magenta Project

Erste deutsche Seglerin beim Ocean Race Europe

Als erste Deutsche profitiert Annika Möslein vom Magenta Project Mentoring. Beim Ocean Race Europe segelt sie für Österreich.

von
Kerstin Zillmer
in
7 Minuten

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Von der Oxford University zum Offshore-Segeln. Die deutsche Studentin Annika Möslein hat eine beeindruckend zielstrebige Karriere im Profisegeln hingelegt. Mit 24 Jahren gehört sie zur Crew von The Austrian Ocean Race Project, der österreichischen Kampagne für das Ocean Race. Den entscheidenden Anstoß hat sie als eine der ersten Teilnehmerinnen beim Magenta Project erhalten.

Wieso dieses Mentoring-Programm für Nachwuchs-Profiseglerinnen, das wir vor kurzem vorgestellt haben, so wichtig ist und wie Annika Möslein vom Regattafieber gepackt wurde, erzählt die Nanotechnologie-Doktorandin im Gespräch mit float.

Annika Möslein hat das Offshore-Fieber gepackt

Annika Möslein
Annika Möslein hat das Offshore-Fieber gepackt © privat

float: Annika, wie kamst du zum Regattasegeln?

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Annika Möslein: Ich bin in einem Dorf in den bayerischen Alpen aufgewachsen – weit weg von der Hochsee. Meine Brüder sind beide gesegelt, ich wollte immer nur klettern. Mit 15 habe ich beim Klassenzimmer unter Segeln auf der „Thor Heyerdahl“ mitgemacht und hier fand ich meine Liebe zum Meer und zur Hochsee. Die Meersehnsucht hat danach nicht mehr aufgehört. In den Jahren bis zum Studium in München bin ich auf den bayerischen Seen gesegelt. Erst als ich nach England für ein Auslandssemester wechselte, ging es mit dem Yacht- und Regattasegeln richtig los.

Ich bin ins Unisegelteam eingestiegen und habe es sofort geliebt, auf dem Solent zu segeln. Es war nass, kalt, aufregend – und die beste Abwechslung zum Studium. Ich war jedes Wochenende auf dem Wasser. Und unter der Woche habe ich Ingenieurwissenschaften studiert.

Annika Möslein
Annika war Captain des Uniteams © privat

Mir wurde klar: Ich will nicht zurück, ich will hierbleiben. Dann bekam ich das Angebot, meine Promotion hier in England zu machen, und ich habe es sofort angenommen. Unter der Woche promoviere ich jetzt und am Wochenende gehe ich Offshore-Segeln.

Klingt toll, aber geht ins Geld?

Ich habe großes Glück! Ich habe ein Sportstipendium über die Oxford University fürs Segeln bekommen. Als Studentin ist es sonst schwierig, das Segeln zu finanzieren. Das Gute beim professionellen Yachtsegeln ist natürlich, dass man in der Crewposition nicht mehr selber zahlt. Für Ausrüstung und Transport etc. habe ich das Sportstipendium.

Vom Uniteam zum Offshore-Segeln

Als eine von 25 Sportstipendiaten bekomme ich Zugang zu persönlichem Training, Sportpsychologie und Ernährungsberatung. Das ist unglaublich hilfreich, vor allem um in der Lockdown-Zeit weiter Fortschritte zu machen.

Annika Möslein Magenta Project
Anika Möslein will voll einsteigen ins Offshore-Segeln © Stefan Leitner / The Austrian Ocean Race Project

Wie soll es nach der Uni weitergehen?

Ich will ganz ins Offshore-Segeln einsteigen. Mein Ziel ist es, die Promotion vor dem Ocean Race im nächsten Jahr abzuschließen und mich dann auf das Segeln zu konzentrieren. Zukünftig kann ich mir aber gut vorstellen Ingenieurwissenschaften und Segeln miteinander zu verbinden. Ich habe schon für das Engineering Team von SailGP gearbeitet. Das hat mir extrem viel Spaß gemacht. Und was beim America’s Cup an technischer Entwicklung dahintersteht, ist ja auch höchst spannend!

Was war dein tollstes Rennen bisher?

Die verrückteste Regatta war wohl im Norden Englands, wo wir in einer Nacht 100 Seemeilen segeln und insgesamt 49 km laufen mussten. Wir sollten zu verschiedenen Inseln segeln, dort ankern, zum Strand paddeln und jedes Mal zwischen 10 und 15 km rennen – und das die ganze Nacht durch. Das war eine ganz schöne Herausforderung, auch weil wir uns nicht auskannten, unser Echolot nicht funktionierte und wir uns dauernd in den Dünen verlaufen haben. Aber am Ende haben wir sogar gewonnen.

Annika Möslein Magenta Project
Mit dem Uniteam beim Round Britain © privat

Eine andere Regatta, die mir sehr viel Spaß gemacht hat, war das „Round Britain and Irland Race“, 2018, das wir mit unserem Uniteam gemacht haben: mit fünf Studenten 13 Tage lang auf Hochsee. Leider hatten wir richtig Pech mit dem Wetter, entweder Sturm oder zu wenig Wind, und immer Wind direkt von vorne. Danach war das Middle Sea Race auch toll, weil ich zum ersten Mal im Warmen gesegelt bin und nicht im englischen Wetter. Nachts am lavaspuckenden Vulkan Ätna vorbeizusegeln, war wunderschön!

Das Phänomen Lad Culture

Das Beste war aber die Überführung auf der VO65 Scallywag nach dem Volvo Ocean Race zurück nach Cascais mit allen anderen Teams. Wir hatten da unsere eigene kleine Regatta veranstaltet und ich konnte so viel lernen.

  • Annika MösleinGlücklich auf der VO65 Scallywag © Magenta Project
  • Annika MösleinAnnika am Ruder der Scallywag © Magenta Project
  • Annika MösleinAnnika steigt in den Mast © Annika Möslein

Stichwort „Lad Culture“. Beim Profisegeln trifft man als junge Frau auf eine Phalanx robust auftretender Männer. Wie gehst du damit um?

Oft ist man die einzige Frau an Bord, oder auch die Jüngste, und da gibt es schon diese „lad culture“, zu viel Testosteron an Bord. Frauen haben häufig nicht genug Selbstbewusstsein obwohl sie genau so viel Erfahrung mitbringen.
Zu lernen, wie du dich sofort einbringst und zeigst, was du drauf hast, ist ganz wichtig. Dieser Auftritt macht einen großen Unterschied, vor allem, wenn du mit komplett neuen Teams segelt.

Wie trete ich denn am besten auf?

Du solltest dich selbst nicht unterschätzen. Auch wenn du weniger Muskeln hast und weniger grinden kannst als die Jungs, bringst du genauso viel mit, kannst genauso mitreden, musst dich nicht verstecken und dich nicht leise an deine Position setzen. Du brauchst Mut, um Leute anzusprechen, laut zu sein, Fragen zu stellen, ins Gespräch zu kommen.

Annika Möslein Magenta Project
Muskeln sind längst nicht alles beim Regattasegeln © Stefan Leitner/The Austrian Ocean Race Project

Das geht ja schon damit los, dass du dich traust, Mails zu schreiben, dein Sailing Curriculum herumzuschicken, nach Telefon-Nummern zu fragen oder Leute direkt am Steg anzusprechen. Das zu können, ist extrem wichtig, besonders für junge Frauen.

Es ist leichter schüchtern zu sein, aber dabei machst du keine Fortschritte.

Hast du schon erlebt, dass Frauen eingeschüchtert wurden?

Auf jeden Fall. Oft trauen sich Frauen nicht so viel zu, obwohl sie es drauf haben. Denn je lauter du bist, desto präsenter bist du an Bord. Das fällt uns Frauen oft schwerer.

Annika Möslein Magenta Project
Frauen sollten sich an Bord das Ruder von Männern nicht aus der Hand nehmen lassen © privat

Genau diese Rückenstärkung für Frauen hat sich das Magenta Project auf die Fahnen geschrieben. Wie bist du mit dem Mentoring-Programm in Kontakt gekommen?

2018 hatte das Magenta Project eine Überführung auf einer VO65 organisiert. Als das Ocean Race in Den Haag ankam, gab es fünf Crewpositionen für junge Seglerinnen auf der Scallywag. Wir waren zwei Britinnen, eine Australierin, eine Seglerin aus den USA und ich aus Deutschland. Danach habe ich mich für das Mentoring beworben und wurde mit Abby Ehler vernetzt, die das Magenta Project mitgegründet hat. Im Oktober 2018 ging es los.

Magenta Project The Ocean Race
Unter den ausgewählten Seglerinnen der Scallywag-Überführung ist auch Annika (2. von li.) © Magenta Project

Worin bestand eure Zusammenarbeit?

Das Mentoring erstreckt sich über neun Monate. Zuerst haben wir zusammen überlegt, in welche Richtung meine Segelkarriere gehen soll, welche Hindernisse auf dem Weg liegen könnten. Und viel wichtiger, wie wir die ganzen Ideen umsetzen können. Abby Ehler und ich haben viel miteinander telefoniert. Und als ich dann im Januar 2019 für die Promotion zurück nach England gegangen bin, konnten wir uns persönlich treffen.

Für mich war die größte Herausforderung, dass ich, als ich nach England kam, nicht die nötigen Kontakte hatte. Gerade beim Segeln läuft eigentlich alles über Kontakte. Deshalb war für mich der wichtigste Schritt zu lernen, wie man Leute, Boote und Teams findet.

Lernen, wie Abby Ehler an Bord agiert

Super spannend war natürlich, dass ich mit Abby Ehler an Bord gehen konnte. Ich bin mit ihr beim Fastnet Race und beim Middle Sea Race auf der Aegir, einer 82-Fuß-Yacht, mit einem professionellen Team gesegelt. Auch Dee Caffari war dabei. Das war für mich das Highlight, mit diesen Role Models zu segeln und direkt von ihnen zu lernen. Aber nicht nur zu sehen, wie Abby perfekt Segel trimmt, sondern vor allem, wie sie sich an Bord einbringt, war vielleicht die größte Lernkurve.

  • Annika Möslein Abby EhlerDie dreifache Weltumseglerin Abby Ehler war Mösleins Mentorin © Magenta Project
  • Annika Möslein Magenta ProjectAnnika im Team Aigir mit Dee Caffari beim Fastnet Race © Magenta Project
  • Annika Möslein Magenta ProjectDie Grinderin an der Winsch © privat

Was macht ein Role Model oder Vorbild aus? 

Das ist spannend. Ich hatte natürlich das Volvo Ocean Race 2017 verfolgt und kannte die ganzen Namen: Annie Lush, Dee Caffari, Abby Ehler. Plötzlich dann mit diesen Stars in Kontakt zu treten, zu sprechen und von ihnen Input zu bekommen, war super-faszinierend. Zusammen zu segeln zeigt, wie viel Arbeit dahintersteckt. Aber auch, wie es möglich ist so weit zu kommen. Aus den Vorbildern sind Freunde und Bekannte geworden. Wir sind immer noch in gutem Kontakt.

Warum würdest du das Mentoring beim Magenta Project besonders empfehlen?

Ich glaube, der größte Vorteil ist, wie viele Türen es öffnet. Sei es durch Kontakte, sei es durch die Fragen, die man stellen kann, die Antworten, die man bekommt. Sei es, den eigenen Weg besser zu finden und den Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Und wie man dorthin kommt, wo man hin will. Die Hand, die einem gereicht wird.

Annika Möslein The Ocean Race
Annika an Bord der Sisi, der VO 65 von The Austrian Ocean Race Project Eike Schurr / TAORP

Mein großer Traum ist es, beim Ocean Race mitzumachen. Durch das Mentoring wurde dieser Traum zum ersten Mal greifbar. Zu träumen ist das eine, aber dahin zu navigieren, das andere.

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