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Der Kapitän und sein Steuermann © Familie Gerlach Der Kapitän und sein Steuermann © Familie Gerlach
Seemannschaft

Es wird gemacht, was Papa sagt

Wie bewältigt eine Familie mit sechs Kindern das Thema Sicherheit an Bord beim Segeln?

von
Tanja Gerlach
in
5 Minuten

Mit sechs Kindern sicher auf der Ostsee zu segeln ist ganz einfach. Man nimmt ein großes Schiff, wirft viele Rettungs- und Schwimmwesten hinein, fügt einige eiserne Grundregeln hinzu und mischt das Ganze jeden Tag aufs Neue zusammen. Heraus kommt eine Familiencrew, die ruhig und (un-)bewusst mit dem Thema Sicherheit an Bord umgeht – ohne dass die Angst ein ständiger Begleiter ist. Schließlich soll das Segeln ein Hobby sein, dass uns allen Freude bereitet.

Sicherheit beim Familiensegeln
Segelnde Großfamilie: Einen Sack voll Flöhe hüten © Familie Gerlach

Direkt nach der Frage, ob wir keinen Fernseher haben, folgt die häufigste Frage, die uns als Seglerfamilie mit sechs Kindern gestellt wird: Habt ihr keine Angst, dass etwas passiert? Antwort: Natürlich! Aber in gesundem Maße. Unser ältestes Kind Justus ist zehn, der Nesthaken Julius gerade mal zwei Jahre alt. Ihre vier Geschwister liegen in regelmäßigem Abstand dazwischen. Spielsituationen eskalieren leicht, aus Knuffen wird Hauen, aus Lachen schnell Weinen. Um diese Fülle an kindlichen Emotionen und Spontanaktionen unter Kontrolle zu halten, lautet das oberste Sicherheitsgebot:

Es wird gemacht, was Papa sagt

Mein Ehemann Jan (45) ist Schiffsführer und somit verantwortlich für das Wohl seiner Crew. Unsere Kinder können Gefahrensituationen nicht korrekt einschätzen – ich als niedersächsische Landratte auch nicht. Ein Beispiel: Wir segelten im Juni vom Wochenend-Törn zurück von Burgstaaken nach Neustadt. Die Sonne schien, charmante 4-5 Windstärken ließen unser Schiff mit knapp zehn Knoten dem Ziel entgegenfliegen. Gerade wollte ich alle Kinder mit Schwimmwesten versehen und an Deck scheuchen, als mein Mann das Kommando „alle schnell unter Deck“ gab.

Sicherheit beim Familiensegeln
In Sachen Sicherheit hat Papa das Sagen © Familie Gerlach

Ich schwöre, es war auf keinem Wetterradar zu sehen, was auf uns zukam. Eine schwarze Wetterwand hatte sich gebildet, innerhalb von nur zehn Minuten kam ein Sturm auf. Die See war schwarz, der Wind tobte mit knapp 50 Knoten um uns herum, ich hatte Todesängste. Während ich oben das gefühlte siebte Kind bekam in meinen Angstwehen, saßen die Kinder unten in der Luvkoje und – spielten ein Spiel auf dem Notebook.

Fazit: Mein Mann kann potentielle Gefahrenmomente auf See erkennen, wir nicht. Daraus folgt die eiserne Regel: Es wird gemacht, was Papa sagt. Natürlich verfügen wir über eine große Rettungsinsel, Berge- und Notsysteme, AIS und Funk sind an Bord. Aber letztlich reduziert es sich im Alltag immer wieder auf den Satz: Es wird gemacht, was Papa sagt.

Sicherheit beim Familiensegeln
Als Familiencrew ruhig und bewusst mit dem Thema Sicherheit umgehen © Familie Gerlach

Schwimmwesten sind ein Muss

Und der Papa gibt zu dem Thema folgende allgemeingültige Anweisung: Ab Niedergang tragen alle Kinder Schwimm- oder Rettungswesten. Auch bei wenig Wind und praller Sonne, sehr zum Verdruss unserer älteren Kinder Justus, Leonard (9) und Juno (7), die allesamt mit ihrem Totenkopf-Schwimmabzeichen argumentieren. Bei einer Menge von sechs Kindern verlieren wir manchmal den Überblick, wer gerade wo ist.

Würde einer der größeren Bagaluten vom Vordeck aus ins Wasser fallen, während ich unten die Windel wechsele und Jan am Steuerstand dem heulenden Gregor erklärt, wieso er jetzt nicht Trecker fahren kann – wir würden es womöglich erst einige hundert Meter später bemerken. Tragen sie ihre Schwimmwesten, ist es lediglich ein unbeabsichtigtes Bad in der kalten Ostsee. Ohne Schwimmweste jedoch bleiben uns höchstens drei Minuten, bevor die Kälte siegt und das Kind ertrinkt.

Sicherheit beim Familiensegeln
Schwimmwestenpflicht für den Nachwuchs
Sicherheit beim Familiensegeln
Greta schläft sicher mit Lifebelt an Deck © Familie Gerlach

Dieses Argument macht alle „aber ich kann doch im Freibad eine Stunde schwimmen“-Einwände zunichte. Julius’ Aufenthaltsort hingegen wird alle zehn Minuten geprüft. Als Schlusspunkt der Gerlachschen Familienplanung ist er mit Abstand der Schlimmste von allen. Ist die Badeplattform unten, marschiert Julius „Brackelmann“ Gerlach stumpf vom Cockpit durch ins Wasser. Seitdem darf er nie, Schwimmweste hin oder her, allein oben sein. Nicht mal kurz oder aus Versehen. Denn für die nächste Sicherheitsvorkehrung, den Lifebelt, ist er noch zu klein.

Ein Jägerzaun stört das Karma

Bei uns verläuft das Strecktau vom Heck des Schiffes auf beiden Seiten bis zum Bugkorb durch. Bevor die Kinder nach vorne gehen, müssen sie ihre Sorgleinen in das Strecktau einhaken. Geht eines unserer Kinder so von Bord, bleibt es am Rumpf hängen und kann von uns hochgezogen werden. Wir haben uns bewusst gegen eine Relingsverkleidung oder Seezaun mit Netz entschieden. Der Grund liegt auf der Hand: Es sieht furchtbar aus. Auch wir sind mit an Bord. Mit einem Jägerzaun auf dem Wasser können wir uns nicht anfreunden, das stört unser Karma. Lieber brüllen wir zehnmal mehr unsere Kinder an, dass sie gefälligst Westen tragen und auf die anderen achten sollen.

Sicherheit beim Familiensegeln
Kein Seezaun, aber stets angeleinte Kinder © Familie Gerlach

Denn ein nicht zu unterschätzender Faktor ist das Mitmachen. Wir haben Früh- und Spätdienste, Koch- und Putzschichten. Die Kinder wechseln sich ab, auch die Jüngsten werden mit eingebunden, wenn auch nur der Fairness halber. Wir wollen unseren Nachwuchs nicht als schwimmendes Taxi über die Ostsee fahren. Sie sollen Segeln lernen, und dazu gehört auch, die eigene Sicherheit und die der anderen Crewmitglieder zu gewährleisten. Das fängt mit dem Schließen der Luken durch Greta und Gregor an und endet damit, dass Justus und Leo gemeinsam das Groß anschlagen. Immer zu zweit, immer im Wechsel: einer führt aus, der andere kontrolliert.

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Immer wachsam... und nie ohne Weste © Familie Gerlach

Küche klar vor dem Ablegen

Wie gefährlich es werden kann, Aufgaben auf die leichte Schulter zu nehmen, haben wir bei einem kurzen Schlag von Heiligenhafen nach Orth bemerkt. Am Abend zuvor hatten wir gegrillt. Weil der Törn nach Fehmarn sehr kurz sein würde und wir endlich loswollten, ließ ich das benutzte Besteck dreckig in der Spülmaschine. Als wenige Minuten später draußen auf See die Schräglage beim Segeln schräger als gedacht einsetzte, flogen scharfe Messer, Gabeln und Gläser quer durch das Schiff. Glücklicherweise wurde niemand verletzt. Seitdem achte ich penibel darauf, vor jedem Ablegen die Küche aufgeräumt zu haben. Erst wenn von unten „Unter Deck ist alles klar zum Ablegen“ gerufen wird, wird der Motor angeworfen.

Die Kinder wissen, wo sich Feuerlöscher und Rettungsinsel befinden. Wir weisen sie immer wieder in die Sicherheitsvorkehrungen ein und machen bei Flaute Mann-über-Bord-Manöver mit zwei Kugelfendern oder – erschwerte Bedingungen – mit einer Nuckelflasche. Und wir sagen ihnen immer wieder, dass auf See das Leben eines jeden von der Arbeit und der Gewissenhaftigkeit des anderen abhängt. Dass es bei Starkwind und hohen Wellentälern keine Chance gibt, jemanden so schnell aus dem Wasser zu ziehen wie die Fender bei Flaute. Anders verhält es sich leider mit dem Aufräumen der Kabinen, aber das ist eine andere Geschichte – und wird im nächsten Artikel erzählt, wenn es darum geht, wie man sechs Kinder auf hoher See unterhält.

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