float Magazine

Valerian Dahmen am Steuer der Grace © Kerstin Zillmer
Porträt

Flussfahrt mit Grace

Mit Valerian Dahmen auf dem Flusswohnboot über die Havel von Werder nach Berlin

von
Kerstin Zillmer
in
5 Minuten

Valerian wirft die Motoren an, und ein Beben rüttelt das Schiff wach. Wir machen die Leinen los und der Kapitän manövriert das große Schiff präzise aus dem Hafen. Kein Bugstrahlruder, nur viel Erfahrung helfen dabei. Und schon fahren wir aus der Marina Havelauen Richtung Großer Zernsee.

„Grace“ heißt die Anmutige, die uns mitnimmt. Valerian Dahmen ist ihr Kapitän und Frank Richert ihr Eigner. Er hat uns eingeladen von der Boot & Fun Inwater in Werder auf dem Wasserweg nach Berlin zurückzufahren. Etwa sieben Stunden werden wir bis in die Innenstadt brauchen. Auf dem Großen Zernsee nehmen wir Fahrt auf und genießen den weiten Blick vom Steuerstand. Die anderen Boote auf dem See kommen uns plötzlich klein vor.

So robust, dass noch die Enkel fahren können

Grace ist ein Flusswohnboot aus dem Hause Flussreich. Sie ist wirklich „amazing“, 24,90 m lang und 6,50 m breit und hat dabei einen Tiefgang von nur 0,65 m. Dafür bringt sie einiges auf die Waage. Je nach Beladung wiegt das Stahlschiff zwischen 60 und 70 Tonnen. Das ist gut für ein langes Leben. Die Flussreich 25 Schiffe sind so robust gebaut, damit auch die Enkel darauf noch fahren können, meint Valerian Dahmen.

Grace
Das Flusswohnboot Grace auf der Havel © Graceplace

Ein See reiht sich an den nächsten. Wir fahren über den Wublitzsee in den Schlanitzsee und biegen dann in den Sakrow-Paretzer-Kanal ab, der wiederum in den Jungfernsee mündet. Hier fahren wir flussaufwärts auf der Havel weiter. Es gibt so viel Wasser um Berlin, man muss es selbst befahren sein, um es zu ermessen und ein Gefühl dafür zu bekommen.

___STEADY_PAYWALL___
Valerian Dahmen
Grün soweit das Auge reicht © Kerstin Zillmer

Ob Schiff oder Boot: Die Grace ist ein idealer Lebensraum auf dem Wasser. Der Salon mit den umlaufenden Fenstern ist hell und großzügig, die Pantry ist eine ausgewachsene Einbauküche. An kühlen Abenden sorgt ein Kamin für gemütliche Stimmung. Wärme schafft auf dem ganzen Boot eine Heizung, die über Solarthermie und Diesel gespeist wird. Es gibt zwei Badezimmer, zwei Schlafzimmer und viel Raum an Deck. Das Leben auf der Grace ist Luxus, den man mieten kann.

  • FlussreichEin Vorschiffssalon, der seinen Namen verdient © Graceplace
  • FlussreichDie Pantry mit Mamorarbeitsplatte, Gewicht spielt hier keine Rolle © Graceplace
  • FlussreichDas Achterdeck hat Platz für einen großen Esstisch und ein Dinghy. © Graceplace
  • FlussreichSchlafzimmer mit Blick auf den Fluss © Graceplace

Der Wohnbootbauer

Flussreich, das ist Karsten Sahner. Er ist freier Bootshersteller, der bei seinen Bootsbauprojekten mit größeren Werften zusammenarbeitet. Die Grace wurde in Stettin gebaut. Eine neue Flussreich liegt gerade in der Hegemann-Werft in Berlin-Spandau auf Kiel. Sie soll spätestens nächstes Jahr auf Berliner Gewässern als Fahrgastschiff unterwegs sein. Von der Konstruktion ist sie so gerechnet, dass sie elektrisch unterwegs sein kann. Auch unsere Grace, in der im Maschinenraum ein Diesel schnurrt, soll demnächst zum Hybrid umgerüstet werden.

Valerian Dahmen
Valerian Dahmen liebt Boote seit er ein Kind ist © Kerstin Zillmer

Am Steuer steht Valerian Dahmen – Bootsbauer, Hafenmeister, Segler und guter Freund. Um die Grace auf den Berliner Gewässern fahren zu können, hat er letztes Jahr sein B-Patent gemacht. Das A-Patent fiel gerade Corona zum Opfer. Macht nichts.

Er ist auch ohne Patent einer der besten Skipper in Berlin. Einer, der umsichtig und rücksichtsvoll auf den Berliner Wasserstraßen unterwegs ist. Das ist nicht immer üblich hier. Der Ton ist rau auf dem Funkkanal der Fahrgastschiffer in der Berliner Innenstadt.

Valle, wie ihn seine Freunde nennen, ist schon seit seiner Kindheit begeisterter Wassersportler. Mit 17 schmiss er die Schule, um eine Lehre als Bootsbauer zu machen, ging nach Bremen und studierte anschließend in Cuxhaven mehrere Semester Nautik und arbeitete als selbstständiger Bootsbauer. Vor sechs Jahren fing er bei Frank Richert in der  City-Marina an, unterstützte den Busunternehmner im Aufbau der Mietbootflotte „Spreeboote“ und betreut das Chartergeschäft und das Winterlager.

  • Valerian Dahmen RymhartDer Berliner hat auf der Havel segeln gelernt © Kerstin Zillmer
  • Valerian Dahmen Rymhart © Kerstin Zillmer
  • Valerian Dahmen RymhartBegegnungsverbot hat jetzt noch eine weitere Deutung © Kerstin Zillmer

Valle und die Wolle

Der 37-jährige Hafenmeister arbeitet draußen bei Wind und Wetter, wenn er nicht gerade als Kapitän auf der Grace am Ruder steht, oder eine der Sloepen durch Berlin skippert. Er war es, der mich auf der Boot & Fun Berlin auf die Marke Rymhart aufmerksam machte, wo die Troyer-Strickerei jeden November mit einem Stand vertreten ist.

Valerian Dahmen Rymhart
Dünnes Strick © Kerstin Zillmer
Valerian Dahmen Rymhart
Dickes Strick © Kerstin Zillmer

Dann habe ich Karl Siegel in seiner Garnschmiede in Stade an der Elbe besucht und verstanden, warum Valerian so auf diese Pullover und Woll-Shirts steht. Sie sind nicht nur warm und halten lange, sie werden in Deutschland gestrickt, sie sind vor allem auch schön. Wie „Kalle“ Siegel selbst sagt: es sind alles Zuhauses. Für Valerian Dahmen ist das ebenso.

Valerian Dahmen
Im Hintergrund die Pfaueninsel mit dem Schloss © Kerstin Zillmer

Wir passieren die Sakrower Schifferkirche, die Pfaueninsel und fahren flussaufwärts Richtung Spandau. Dort biegen wir in die Spree ab, und es wird deutlich industrieller

  • Berlin SpreeAlte Kähne bei Spandau © Kerstin Zillmer
  • Berlin Spree BootIndustriearchitektur im Abendlicht © Kerstin Zillmer
  • Berlin Spree BootUnd en passent eine Hochzeit © Kerstin Zillmer

Hinter der Schleuse Charlottenburg geht es nach Moabit, vorbei am Kanzleramt und dem Reichstag. Wer Berlin noch nicht auf dem Wasserweg kennengelernt hat, sollte das unbedingt tun. Es ist zweifelsohne die schönste Art, die Stadt zu entdecken.

iSloep Rapida 990
Paul-Löbe-Haus
iSloep Rapida 990
Spiegelung des Reichstags im Elisabeth-Lüders-Haus

Am S-Bahnhof Friedrichstadt steigen wir aus und nehmen die S-Bahn nach Hause. Valerian fährt weiter zur Rummelsburger Bucht in seinen Heimathafen.

iSloep Rapida 990
Kurz vorm Heimathafen: die Oberbaumbrücke © Kerstin Zillmer

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.