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Brambusch macht blau Bordleben mit Besuch: Jens Brambusch mit Freunden auf der Dilly-Dally © Jens Brambusch
Brambusch macht blau

Freunde an Bord: Fluch und Segen

float-Autor und Segelaussteiger Jens Brambusch lebt seit einem Jahr auf seiner Moody 425 in der Türkei. Über die Hälfte der Zeit hatte er Freunde an Bord.

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6 Minuten | 1 Kommentar

Es muss toll sein, einen Freund zu haben, der auf einem Segelboot am Mittelmeer lebt. Ein paar Tage Entspannung unter weißen Segeln vor blauem Himmel über glitzerndem Wasser. Füße und Seele baumeln lassen, der Kopf freigepustet von einer frischen Brise, der Magen gefüllt mit den Köstlichkeiten der türkischen Küche. So herrlich kann Urlaub sein. Und so unkompliziert.

Wäre meine Moody 425 ein Charterboot, sie hätte eine ausgezeichnete Auslastung. Über 30 Freunde haben mich im ersten Jahr auf dem Wasser besucht, manche bereits mehrmals. Sechs Monate Herbergsvater auf dem Wasser. Nicht immer lief alles reibungslos. Aber über jeden Besuch habe ich mich gefreut. Und das nicht nur, weil jeder Einzelne eine Flasche Whisky oder Rum aus dem Duty-Free-Shop mitzubringen hat. Und doch war es bisweilen etwas anstrengend.

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Wie ein soziales Experiment: viele Freunde an Bord © Jens Brambusch

Das Zusammenleben auf einem Boot ist nicht einfach. Es fehlt an Luxus unter Deck, an Platz zum Entfalten (und wenn es nur die viel zu reichlich mitgebrachten Klamotten sind). Rückzugsorte gibt es kaum. Leider auch keine der Verbannung. Konflikte können weder ausgesessen, noch ihnen aus dem Weg gegangen werden. Das Leben an Bord ist daher wie ein gesellschaftliches Projekt, quasi eine soziale Studie. Und das Ergebnis ist bisweilen erschütternd. Schon nach wenigen Tagen fallen die Masken, treten Marotten zum Vorschein, die an Land nie aufgefallen sind.

Durchschlagen, statt auf den Kopf hauen

Alles beginnt mit einem großen Missverständnis: Wer auf einem Boot lebt, der hat doch eh das ganze Jahr Urlaub! Und Kohle ohne Ende. Das glauben anscheinend viele, auch einige meiner Freunde. Schön wär’s. Die Realität sieht leider anders aus. Ich würde behaupten, das Leben auf einem Boot besteht zu 80 Prozent aus Improvisation, Organisation – und Achtung: Arbeit. Am Boot und für den Lebensunterhalt. Ein paar Euro hier, ein paar dort. Durchschlagen statt auf den Kopf hauen.

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Leben auf dem Boot: Verzicht auf Konsum – und unerwartet viel zu tun © Jens Brambusch

Wie ein Kind dem Märchenonkel lausche ich manchmal fasziniert den Gesprächen an Bord, in denen merkwürdige Zahlen fallen. Aber es geht nicht um 40 Räuber, sondern beispielsweise um 800 Euro. „Sind 800 Euro zu wenig?“ Es geht um Tagessätze. Ich wiege den Kopf von links nach rechts und wieder nach links und grübele. Mein Budget liegt bei etwa 600 Euro – im Monat. Für den gesamten Lebensunterhalt. Der Luxus, den ich genieße, ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Er wird sogar frei Haus geliefert: die größtmögliche Freiheit in einer der schönsten Kulissen, die die Natur geschaffen hat.

Von daher reichen 600 Euro für ein entspanntes Leben, in dem es mir an nichts fehlt. Anderen vielleicht schon. „Komm, ist doch Urlaub“, höre ich dann oft, wenn es wieder in ein hippes Restaurant, eine coole Bar oder in eine teure Marina gehen soll. Nein, für mich ist es eben kein Urlaub. Sondern Normalität.

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Wichtig: sich auf das entschleunigte Bordleben einlassen © Jens Brambusch

Die Reserve auf meinem Konto habe ich umgerechnet in eine Währung namens Zeit. Zeit, in der ich meinen Traum vom Leben auf dem Wasser leben kann. Und jedes Prassen prasselt wie ein Lagerfeuer, in dem die sorglose Restzeit verbrennt. Natürlich gehe auch ich gerne gut Essen, aber einmal die Woche muss in der Regel reichen.

Alltag eben, nicht Urlaub. Und auch möchte ich nicht eingeladen werden. Wer glaubt, das Leben besteht aus ständigem Konsum, der hat das Prinzip des Aussteigens nicht verstanden: Die Entschleunigung, das Runterkommen, das Erfreuen an den einfachen Dingen des Lebens. Das ist der Reiz. Ansonsten hätte ich auch in meinem gut bezahlten Job und meiner Altbauwohnung in Berlin bleiben können.

Andere Ansprüche an das Dasein

Manche Freunde bringen die Hektik, vor der ich geflohen bin, mit an Bord. Anstatt sich auf das entschleunigte Bordleben einzulassen, bei dem man heute nicht weiß, wo man morgen ist, weil man nicht weiß, ob man am Abend versackt oder der Wind am Morgen versagt, werden bereits von Deutschland aus Tische in Restaurants reserviert. Sie meinen es sicherlich gut, haben aber nichts verstanden.

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Entspannen mit Freunden: Es muss nicht das hippe Restaurant sein © Jens Brambusch

Das Klischee vom Bordleben entspricht einer hochglänzenden Werbebroschüre und beginnt mit dem Wort „Yacht“ statt „Boot“. Das klingt mondäner und luxuriöser, nach knappem Bikini auf brauner Haut.
Dazu kristallklares Wasser, stolz geschwelte Segel und blauer Himmel. Und immer drei Windstärken.

Verglichen mit dem Leben einiger Freunde ist mein Leben wie ein „Clash of Cultures“. All-Inclusive-Mentalität trifft auf Aussteigerleben

Natürlich ist es manchmal genau so, aber längst nicht immer. Manche verbinden daher mit Segeln, faul an Deck zu liegen. Sie nennen das Relaxen. Oder Chillen. Klingt einfach besser. Es ist ja auch für alles gesorgt. Nichts leckt, nichts tropft und das laufende Gut läuft gut. Natürlich sind die Behördengänge (Crewlist für Transitlog) längst erledigt. Diesel- und Wassertanks sind gefüllt, die Gasflaschen ausgetauscht, die Maschine gewartet, die Bettwäsche duftet frisch und das Guthaben auf dem Wlan-Router ist aufgeladen. Denn wehe, wenn es in der Ankerbucht keinen Empfang gibt oder das Datenvolumen sich bereits in Bildern und Filmchen aufgelöst hat. Dann ist Drama. Volle fünf Akte.

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Geht auch: entspannt an Bord, wenn alle sich einbringen © Jens Brambusch

Nicht fragen, einfach machen!

Ankommen, ablegen, ablegen. Erst mit dem Boot, dann sich selbst. Und weil der Skipper ja ständig in Bewegung ist, die Segel setzt und stellt, den Kurs berechnet, das Meer inspiziert, den Wind checkt, liegt es ja nur allzu nahe: „Kannst Du mir mal…“. Es war ein langer Lernprozess, aber mittlerweile lautet die Antwort: Nein!

Ich versuche, ein einfaches Prinzip an Bord durchzusetzen: Nicht fragen, machen. Und dabei die anderen fragen, ob man etwas mitbringen kann. Aus dem Kühlschrank, aus der Pantry, der Kabine. Wer Hunger hat, bereitet etwas zu. Für alle. Wer das letzte Glas oder den letzten Teller in die Spüle presst, wäscht ab. Wer das Boot verlässt, nimmt den Müll mit. Kein Gang, keine Handlung ohne etwas zu erledigen. Wenn sich jeder an diese einfache Regel hält, herrscht das harmonischste Bordleben, was man sich vorstellen kann. Hat es jemals geklappt? Hm…nein!

Damit das Bordleben klappt, brauchen sich die Gäste nicht unterzuordnen. Sie müssen nur bereit sein, sich einzuordnen

Es ist erstaunlich, wie schwer sich manche Menschen damit tun, sich in einer noch so kleinen Gesellschaft von Freunden einzubringen. Sie brauchen sich an Bord nicht unterzuordnen, sie müssen sich nur einordnen. Teil eines Ganzen sein. Die Akzeptanz von Vakanz fehlt teilweise komplett. Dafür wird eine unglaubliche Verschwendungssucht und Sorglosigkeit gepflegt.

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Beim Landgang auch mal dran denken, Erledigungen zu übernehmen © Jens Brambusch

Immer ein neues Getränk, auch wenn das alte noch halbvoll herumsteht. Eine fast ausgetrunkene Flasche Cola mit Kaugummi-Kügelchen steht plötzlich im Kühlschrank. Das Kochbesteck mit den Rührei-Resten, das hinter den Herd gefallen ist, wird dort einfach liegen gelassen. Es gibt ja noch sauberes im Schrank.

Falsches Prinzip: Der Skipper buckelt, die anderen machen Urlaub

Der Skipper steckt in einem Dauerdilemma. Gerade bei Freunden an Bord. Entweder verteilt er Aufgaben diktatorengleich, was meist zu einem Murren der Crew führt, oder der Skipper buckelt die ganze Zeit allein vor sich. Er ist der erste, der am Morgen aufsteht, den Wetterbericht checkt, das Beiboot samt Außenborder einholt und das Auslaufen vorbereitet.

Leinen los um 9 Uhr? Dann muss es ja reichen, denkt so manches Crewmitglied, um fünf vor neun aus den Federn zu kriechen, mit glasigen Augen und fahlem Atem, und als erstes nach einem Kaffee zu fragen, bevor man noch mal Schwimmen geht oder in die Stadt. Natürlich nur ganz kurz. Aber man ist ja schließlich im Urlaub.

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Skipper im Dauerdilemma: Diktator oder Dienstleister © Jens Brambusch

Ich bewundere Skipper von Charterbooten, die jede Woche mit einer neuen Crew aufbrechen. Aber vielleicht genießen sie als angeheuerter Kapitän auch mehr Respekt. Trotz aller Meckerei: Die schönste Zeit an Bord habe ich natürlich, wenn Freunde da sind. Selbst chaotische. Und verpeilte. Die dafür aber verstehen, dass sich jeder einbringen muss. Auch wenn es einiger Ermahnungen bedarf. Manchmal hilft auch die Natur nach. Dann zum Beispiel, wenn auch nach dem dritten Hinweis immer noch der Bikini zum Trocknen an der Reling baumelt und dann die See sich ihn holt. Das Mitleid hält sich in Grenzen.

Der Kapitän hat immer Recht

Und wenn alle erzieherischen Maßnahmen versagen, dann muss ich meinen Vater fragen, ob er noch dieses alte Messingschild hat, das damals, in den 80er Jahren, an seiner Neptun 22 im Vorschiff hing und die Regeln an Bord diktierte: „§ 1: Der Kapitän hat immer Recht“, stand da. Und: „§ 2: Sollte der Kapitän einmal nicht Recht haben, tritt automatisch § 1 in Kraft.“ Damals fand ich das doof. Heute denke ich anders darüber.

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Wenn alle erzieherischen Maßnahmen versagen... © Kerstin Zillmer

Ein Kommentar

Sardonic smile /

Sehr wahr. Wir sehen es jedoch im Nachklapp nicht so einlenkend wie der Autor. Die schönste Zeit haben wir, wenn wir zwei allein an Bord sind.
Man muss nicht ständig aufs Neue
– Gastgeber und Entertainer spielen,
– um das Anlegen der Rettungsweste betteln,
– uns morgens leise bewegen, damit die Peristaltik des Gastes nicht aus dem Takt kommt,
– aus Höflichkeit uns den gastlichen Wünschen unterordnen,
– aus Großzügigkeit über die verstopfte Toilette hinwegsehen,
– das abgebrochene Scharnier uva.

Ohne Gäste sind wir frei. Frei in der Gestaltung des Tagesablaufs, der Atmosphäre.
Und vielleicht haben wir dann keine Freunde?

Hätte der Autor ebenso viel und lange Besuch, wohnte er in Altenessen-Nord? Bei gleicher Zeit, aber deutlich weniger Sonnenstunden?

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