float Magazine

Isabelle Autissier © Isabelle Autissier
Literatur

Gestrandet auf der einsamen Insel

Einhand-Weltumseglerin Isabelle Autissier hat ihren ersten Roman geschrieben.

Cornelia Gerlach
von in
3 Minuten

Louise arbeitet im Finanzamt, Ludovic in einer Eventagentur – bis sie sich eines Tages eine Yacht kaufen und in den Südatlantik segeln. Auf einer einsamen Insel, fernab der Zivilisation, gehen sie vor Anker und fahren mit dem Schlauchboot an Land. Sie wollen die Schönheit der Natur genießen. Doch dann kommt ein Sturm. Als die Wogen sich wieder glätten, ist ihr Schiff spurlos verschwunden. Und es ist niemand da, der die beiden retten könnte. Eine grausame Robinsonade beginnt.

Das ist das Setting von Isabelle Autissiers erstem Roman. Seglern und vor allem Seglerinnen ist die Autorin bekannt: 1991 nimmt die Französin als erste Frau an einer Regatta einhand um die Welt teil, der 7. BOC Challenge. Sie hat schon als Kind davon geträumt, auf Langfahrt zu gehen – und diesen Traum wahr gemacht. Als sie ankommt, wird sie wie ein Star gefeiert und zum Idol einer ganzen Generation von Seglerinnen.

„Als ich damals ins Ziel kam, hatte ich geschafft, was ich mir vorgenommen hatte“, sagt Isabelle Autissier im Rückblick. „Von da ab konnte ich tun, was immer ich wollte. Vielleicht fühle ich mich deshalb so frei zu tun, was ich will.“ Mit dem Schreiben des Romans „Herz auf Eis“ hat sie sich einen weiteren Traum erfüllt.

alternative text

Als erste Frau einhand um die Welt © privat

Isabelle Autissier ist eine Frau der Extreme. Immer wieder suchte sie in den 1990er-Jahren die Herausforderung, das Meer einhand zu bezwingen. Bei der Around Alone 1999 kenterte ihre Yacht 1.900 Meilen westlich von Kap Hoorn und trieb tagelang kieloben im Meer, bis ein anderer Segler sie retten konnte. 1997 brach bei der Vendeé Globe das Ruder und sie musste aufgeben. Um sich von diesen Strapazen zu erholen, segelte Autissier danach vor Patagonien. „Das war sehr gut für mich“, sagt sie. „Nach dieser anstrengenden Regatta kam mein Kopf dort zur Ruhe.“ Was für andere nach einem Schauplatz für raue Abenteuer klingt, erlebte sie als Ort, um wieder zu Kräften zu kommen.

Die beeindruckende Landschaft an den Küsten des Südatlantiks wurde zur Inspiration für den Roman. Zwar spielt das Segeln selbst im Buch nur eine Nebenrolle – es macht die Ausgangssituation möglich. Aber es prägt die Gedankenwelt des Paars, von dem die Geschichte handelt. Segeln ist hier Aufbruch, sich frei-machen, alles hinter sich lassen, sogar die Familie und die engsten Vertrauten.

Wochen und Monate allein auf dem Meer haben sie geprägt – und dieses Wissen um die dunklen Seiten der Seele prägen den Roman.

Der Ort, an dem die beiden stranden, könnte einsamer nicht sein. Hunderte von Meilen liegen zwischen ihnen und den nächsten Menschen. Die Chance, dass auf absehbare Zeit jemand kommt und sie rettet, ist minimal. Als Nahrung dienen geschlachtete Pinguine und andere schwer verdauliche Geschöpfe. Die Schiffbrüchigen sind auf sich gestellt und allein mit ihren Gefühlen, die zwischen Nähe, Verzweiflung und zunehmender Aggression schwanken. So hatten sie sich ihre Auszeit nicht gedacht.

Autobiografisch inspriert oder nicht?

Dass der Roman die eigene Erfahrung spiegelt, weist Isabelle Autissier von sich. Ihre großen Einhandrennen seien vom Erfolg geprägt gewesen und nicht von der Verzweiflung. Im Ziel sei sie als Heldin gefeiert worden, sie habe sich als stark erlebt und nicht als traumatisiert wie die Heldin ihres Buches. „Immer, wenn ich nach einer Regatta wieder an Land kam, wurde ich mit Jubel begrüßt“, erzählt sie. Und doch hat man beim Lesen das Gefühl, dass hier eine Autorin schreibt, die große Kenntnis um die Abgründe von Einsamkeit und Ohnmacht gegenüber den Naturgewalten mitbringt. Wochen und Monate allein auf dem Meer haben sie geprägt – und dieses Wissen um die dunklen Seiten der Seele prägen den Roman.

„Ein Roman muss die Menschen, die ihn lesen, berühren und etwas in ihnen zum Schwingen bringen“, ist Isabelle Autissier überzeugt. Dies ist ihr mit „Herz auf Eis“ überraschend gut gelungen. So manche Leserin wird dieses Buch zur Hand nehmen, weil der große Name der Autorin lockt. Aber sie wird schnell feststellen, dass Isabelle Autissier mehr ist als eine große Seglerin: So überzeugend, wie sie das Ruder an Bord ihrer Rennmaschinen geführt hat, so überzeugend nimmt sie nun ihre Leserinnen und Leser mit auf die Reise durch die Abgründe des Menschseins. Das fand auch die Jury des Prix Goncourd, des wichtigsten Literaturpreis in Frankreich. „Ich dachte immer, der Preis sei nur etwas für große Schriftsteller“, sagt Autissier. Mit „Herz auf Eis“ war sie für diesen Preis nominiert. Zu Recht. Denn das Buch ist mehr als ein Abenteuerschinken. Es ist ein spannendes Stück Literatur.

Herz auf Eis
Autorin: Isabelle Autissier
Übersetzung: Kirsten Gleinig
Mare-Verlag Hamburg 2017, 22 Euro
www.mare.de

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.