float Magazine

Wird Boris Herrmann das Rennen machen? © Boris Herrmann / Seaexplorer
Vendée Globe 2020

Go, Boris, go!

Die Vendée Globe steht kurz vor einer Sensation. Kommt mit Boris Herrmann erstmals ein Deutscher aufs Podium?

von
Dee Caffari
in
6 Minuten

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Während ich mit angehaltenem Atem das Finale der Vendée Globe beobachte, wird immer klarer: Diese Vendée Globe könnte den ersten nicht-französischen Sieger hervorbringen! Boris Herrmann ist kurz vor dem Ziel und kann das Potenzial seines Bootes voll ausreizen. Aber man soll nichts heraufbeschwören.

Boris’ Gefühle schwanken zwischen Freude und Stress: „Es wird ein unglaubliches Finish. Ich erwarte, dass es am Mittwochnachmittag auf das letzte Grad des Windwinkels ankommt, und das ist so schwer vorherzusagen. Ich werde es ein bisschen nach Gehör spielen.“

Boris Herrmann
Boris Herrmann freut sich auf ein unglaubliches Finish © Jean-Marie Liot / Malizia

Der Endspurt gibt ihm auf den letzten Meilen neue Energie. Alle Boote sind mitgenommen, auch Boris musste seine Segel reparieren. Aber der komplette Segelsatz ist einsatzbereit und seine Foils haben keinerlei Schaden gelitten. Vom Erstplatzierten Charlie Dalin trennen ihn nur etwa 70 Meilen, und er hat seinen perfekten Kurs durch die Wellen gefunden.

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Auf die Vendée Globe steuert der 39-jährige Deutsche seit Teenagertagen zu. Wertvolle Erfahrungen sammelte er bei der Round-the-World-Regatta 2008/09 auf einer Class 40 mit seinem Freund Felix Oehme, gefolgt von der Teilnahme am Barcelona World Race 2010 auf einer IMOCA 60 mit Ryan Breymaier. Mit Frances Joyon und Giovanni Soldini erprobte er sich auf Mehrrumpfbooten. Auf „Idec“ gewann er 2016 mit Frances Joyon die Trophée Jules Verne, auf der MOD70 Maserati unternahm er mehrere Rekordversuche mit Giovanni Soldini.

Sponsoren mit Programm

Auf der Maserati lernte er auch Pierre Casiraghi kennen, den Vizepräsidenten des Yacht-Clubs von Monaco. 2016 beschlossen sie, das Team Malizia zu gründen. Pierre Casiraghi steuerte den Namen bei. Er symbolisiert die enge Verbundenheit der Grimaldi-Familie zum Meer. Francesco Grimaldi, Gründer der Familiendynastie, erhielt 1927 diesen Spitznamen.

Boris Herrmann
Die für die Vendee Globe überarbeitete Malizia © Boris Herrmann Racing

Die Segelyacht „Seaexplorer – Yacht Club de Monaco“ wurde 2016 nach einem Entwurf von Verdier VPLP auf der französischen Werft Multiplast gebaut. Seb Josse trat mit ihr unter dem Namen „Edmond de Rothschild“ bei der Vendée Globe 2016 an. Er musste aber nach einem Foil-Schaden aufgeben.

Neben dem Yacht Club de Monaco treten auch das Logistikunternehmen Kühne + Nagel und Seaexplorer als Sponsoren auf. Weitere Unterstützer sind die EFG Bank, MSC, CMA und Hapag Lloyd. Bootspunkt kam gerade als Stifter eines Begleitboots dazu.

Der Ozean wird’s danken

Im Vergleich zu den neueren Booten hat die Seaexplorer ein niedrigeres Cockpit. Aber Boris hat seit 2016 alles daran gesetzt, seine Yacht so seefest wie möglich zu machen. Die ursprünglichen Foils hat er gegen Version-2-Foils von Verdier ausgetauscht, die sich schon auf der „MACSF“ bewährt haben. Auf dem passenden Kurs kann Boris so mit seinen großen Foils der Konkurrenz davonsegeln.

Boris Herrmann
Die Version-2-Foils von Verdier © Boris Herrmann Racing
Seine IMOCA besitzt speziell angefertigte Solarpaneele mit 1,3 kW Leistung und zwei Hydrogeneratoren von Watt & Sea, um den Verbrauch von fossilen Brennstoffen so gering wie möglich zu halten. Je weniger man braucht, desto weniger muss man mitführen. Das verringert das Gewicht. Eine Plus an Gewicht bedeutet der CO2-Meeressensor, den Boris an Bord genommen hat.

Mit dem Erfassen von Daten in entlegenen Ozeangebieten unterstützt er die Wissenschaft. Der Sensor erfasst den CO2-Gehalt, den Salzgehalt, den Druck und die Temperatur des Wassers. Ich selbst hatte eine schwerere Version an Bord der „Turn the Tide on Plastic“ während des Ocean Race 2017. Mit den Daten wird die internationale Datenbank SOCAT gefüttert.

Boris Herrmann
Die Maschine misst Wassertemperatur, Salzgehalt, PH-Wert und den CO2-Gehalt © Boris Herrmann / Seaexplorer

Das Team-Malizia-Projekt ist nicht nur wissenschaftlich, sondern auch pädagogisch ausgerichtet. Das Team hat sich mit 10.500 Kindern getroffen und 25 Konferenzen abgehalten. Ihr Lehrprogramm wurde häufig heruntergeladen. Boris hat sich sogar während des Rennens die Zeit für einen Chat mit Schülern genommen.

Immer auf Sendung

Noch nie ist ein deutscher Segler bei einer Vendée Globe angetreten. Aber Boris Herrmann ist bestens vorbereitet. Er hat dreimal die Erde umsegelt, einmal nonstop. Allerdings war er nie einhand unterwegs. Die Einsamkeit bekämpft er mit der Kamera. Jeden Schritt seines Rennens hat er mit uns geteilt. Und die internationalen Medien haben schnell zu nutzen gewusst, dass er drei Sprachen fließend beherrscht.

Boris Herrmann
Die Einsamkeit bekämpft Boris mit der Kamera © Boris Herrmann / Seaexplorer

Boris hat auch in den herausforderndsten Momenten den Kontakt gehalten. So haben wir ein ungeschöntes Bild von den Zumutungen dieser Regatta bekommen. Essen, schlafen, für Weihnachten umziehen. Sein Weihnachts-Overall wird für mich das Highlight der Regatta bleiben. Boris trug ihn vom 21. Dezember bis zum Ende der Festtage.

Mit der Kamera folgten wir ihm in den Mast und sahen die Gefährliche Aktion im Masttopp und später beim Segelwechseln. Und er fing mit der Kamera seine Mitsegler ein, die in der Weihnachtszeit seinen Kurs kreuzten.

Im Südlichen Ozean hat Boris eine sehr abgeklärte Strategie verfolgt: nichts überstrapazieren, aber auch nicht den Anschluss verlieren. Er wusste, dass seine Stunde beim Verlassen des Südatlantiks kommen würde, dass dann der Podiumsplatz in Reichweite rücken könnte. Die letzte Etappe zeigt, dass er richtig entschieden hat.

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Das Material nicht überstrapazieren im Südmeer © Boris Herrmann / Seaexplorer

Deutsche Tugenden

Ich liebte es, wie „typisch deutsch“ Boris seine Kampagne angegangen ist. Er war immer einen Schritt voraus. Nicht nur traf er als Erster in Les Sables d’Olonne im Oktober ein. Sein Boot war auch schon bereit zum Start. Das Team hatte kaum noch etwas zu tun. Boris beobachtete das Wetter, achtete auf seine Ernährung und verbrachte viel Zeit mit Frau und Kind. Und er hielt die Corona-Beschränkungen ein.

Segeln mit einer IMOCA bedeutet Hightech. Alle erdenklichen Bord-Daten werden erfasst, um Risiken für Mast, Rumpf und Foils zu minimieren. Boris wusste diese Hilfe optimal zu nutzen, sodass er das Boot beim Endspurt voll aussegeln kann. Unliebsame Überraschungen will er sich aber bis zum Schluss ersparen.

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Boris ist technisch bestens ausgestattet an Bord © Boris Herrmann / Seaexplorer

Seine Probleme während der Regatta hat er im Blog und in Videos dokumentiert. Er ist beeindruckend beherrscht und lösungsorientiert geblieben. An Tag 53 musste er den Motor der Hydraulikpumpe für den Kiel auswechseln. Der Wechsel lief glatt, aber noch einmal darf es keinen Schaden an dem Motor geben.

Schon am dritten Tag wurde sein J3-Segel beschädigt. An Tag 19 musste Boris in den Mast entern, um die Gennaker-Befestigung zu reparieren. Das Großsegel riss an Tag 34 ein, wobei eine Segellatte brach. Er holte das Segel ein, flickte es mit Sikaflex und erneuerte die Latte. Einen Tag später musste er das Vorstag erklimmen, um einen Reiter zu ersetzen.

Boris Herrmann
Den Riss im Achterliek... © Seaexplorer
Boris Herrmann
... konnte Herrmann reparieren © Seaexplorer

Gottes Hand und Zeitbonus

Gute zehn Tage musste er auf günstiges Wetter warten, vom 26. bis 37. Tag, um die ausgefallenen Hydrogeneratoren reparieren zu können. Er feierte die Kap-Hoorn-Umrundung am 57. Tag. Es war das vierte Mal, dass er den mythischen Ort passierte, aber das erste Mal solo. Die Freude währte nur kurz. Der Wind drehte auf 45 bis 50 Knoten auf. Boris setzte das J3-Segel und zog zwei Reffs ein.
Beim Versuch, aufs dritte Reff zu verkleinern, verhedderte sich das Achterliek des Großsegels in den Wanten und riss ein. Ein dummer Fehler, selbst verschuldet. Boris ärgerte sich über sich selbst. Um Kap Hoorn ging es nur unter Vorsegel. Aber am nächsten Tag war das Groß wieder einsatzbereit.

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Nicht oft konnte Boris die Foils voll ausnutzen © Boris Herrmann / Seaexplorer

Von diesen kleinen Malheurs abgesehen hat Boris sein Boot wie ein rohes Ei geschützt und keinen notwendigen Handgriff hinausgezögert. Das kommt ihm jetzt zugute. Er gehört zu der Dreiergruppe, aus der jeder gewinnen kann. Zu 80 Prozent hat man sein Geschick selbst in der Hand, 20 Prozent liegen in Gottes Händen, weiß er. Und dann darf man nicht die Zeitkompensationen außer acht lassen.

Boris kann sich sechs Stunden gutrechnen, weil er an der Rettung von Kevin Escoffier mit seiner havarierten PRB beteiligt war. Aus dem gleichen Grund werden Yannick Bestaven 10 Stunden 15 Minuten und Jean Le Cam 16 Stunden 15 Minuten gutgeschrieben. Wer den ersten Platz macht, wird also nicht durch die Reihenfolge an der Ziellinie entschieden.

Die Ziellinie wurde verlängert

Für den Fall der Fälle – die mögliche gleichzeitige Ankunft mehrerer Boote – hat die Wettfahrtleitung inzwischen eine Verlängerung der Ziellinie beschlossen. In Übereinstimmung mit Artikel 9.1 in der Segelanweisung wurde die ursprünglich mit 0,3 Seemeilen Länge (500 Meter) geplante Linie auf 1.9 Seemeilen (3,1 Kilometer) in Richtung Süden ausgedehnt. Das dürfte der Flotte für den Zielsprint genügend Raum geben.

Spannedn ist das Wetter-Routing von Will Harris zum Endspurt. Das Feld der Führungsflotte hat sich geteilt. Boris Herrmann hat mit Charlie Dalin und Louis Burton die Passage am Kap Finisterre gewählt, während die anderen die Nordroute gewählt haben. Laut Will treffen sich beide Gruppen zum Endspurt vor der Ziellinie. Es wird also ein extrem enges Rennen werden.

Mögliche Ankunftszeiten

Unwahrscheinlich erscheint aus Sicht der Routings vom 25. Januar eine Ankunft des ersten Boots in Les Sables-d’Olonne vor dem 27. Januar um 13 Uhr. Sehr wahrscheinlich ist dagegen eine erste Ankunft zwischen 15 und 21 Uhr. Die ETA (Estimated Time of Arrival) für Boris Herrmann wird voraussichtlich am frühen Morgen des 28. Januars sein.

Die sechsfache Weltumseglerin Dee Caffari, die für float die Vendée Globe begleitete, wird den Zieleinlauf am Mittwoch auf Englisch live kommentieren.

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