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Sebastian Kummer (li.) und Autor Jens Brambusch © float
Leben an Bord

Irgendwo im Nirgendwo

Sebastian Kummer liegt mit seinem Kat irgendwo in der Ägäis. Sein Ziel: die Türkei. Ankommen darf er nicht – eine echte Grenzerfahrung.

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6 Minuten | 3 Kommentare

Bevor das Gespräch beginnt, schickt Sebastian Kummer ein Foto. Auf dem Herd dünstet ein großer Fisch neben Kartoffeln. „Reicht für zwei!“, schreibt der 57-Jährige dazu, daneben ein Smiley. Es ist Sonntagabend, Zeit für einen Abendplausch per Telefon. Von Boot zu Boot, die beide nicht weiter voneinander entfernt liegen als eine Tagestour.

Sebastian Kummer
Als Abendessen dünstet ein Fisch im Topf © Sebastian Kummer

Und doch könnte die Situation nicht unterschiedlicher sein. Ich liege in der Türkei, in der Marina von Kaş. Ich habe Strom und Wasser am Steg, und wenn in wenigen Stunden die wochenendliche Ausgangssperre beendet ist, einen Supermarkt direkt vor der Tür. Sebastian Kummer hat sich. Und nur sich. Und das seit vielen Wochen. Wegen der Corona-Krise darf er in kein Land einreisen. Sein letzter Landaufenthalt war auf den Balearen.

Sebastian Kummer
Sebastian Kummer und © Sebastian Kummer
Sebastian Kummer
Jens Brambusch sind nicht weit voneinander entfernt © Jens Brambusch

Wie fühlt man sich nach so langer Zeit allein auf einem Segelboot? Reicht der Proviant? Wie geht man mit der Ungewissheit um, wann die Tortur ein Ende hat? Als ich Sebastians Stimme höre, ist er aufgekratzt, gut gelaunt und voller Vorfreude – auf den Fisch in seinem Kochtopf. Er erzählt, dass die Tiefkühltruhe immer noch voller Meeresfrüchte sei.

Sein heutiges Abendessen hat er irgendwo bei Gibraltar aus dem Meer gezogen. Er lacht viel, knüpft Anekdote an Anekdote, erzählt, wie sich ein Mitsegler an dem Stachel eines Petermännchens verletzt hat, „einem der giftigsten Tiere Europas“. Alles gut gegangen, lacht Sebastian.

Sebastian Kummer
Sebastian Kummer ist auch nach vier Wochen allein an Bord noch gut gelaunt © Sebastian Kummer

float: Vor einigen Wochen hast Du mal gesagt, Du hättest noch Klopapier und Rum für eine lange Zeit an Bord. Was ist eher ausgegangen?

Sebastian Kummer: (lacht) Keines von beiden! Noch ist alles da. Generell bin ich gut versorgt. Wir hatten ja für eine große Crew proviantiert. Ich bin in keiner Notlage. Überhaupt nicht. Niemand muss sich Sorgen machen.

Dein Gas war knapp, auch im Wassertank waren nur noch 150 Liter. Also wirklich keine Bedenken, dass es bald eng wird?

Ich bin ja alleine an Bord, da reicht es, wenn ich einmal die Woche dusche. Über einen Videochat kann mich ja niemand riechen (lacht). Und im Meer kann ich schwimmen. Schon seit Wochen benutze ich Salzwasser zum Kochen und Abwaschen. Es ist wirklich erstaunlich, mit wie wenig man auskommt. Und Gas habe ich auch wieder.

Sebastian Kummer
Wer hat das wohl ausgesucht? © Sebastian Kummer

Das heißt, Du bekommst Proviant?
(nach einigen Zögern) Ja! Mittlerweile hat das geklappt.

Darf ich fragen, wo Du gerade liegst?
Ich sage immer: Im Niemandsland! Ich darf ja seit Ausbruch der Coronakrise in kein Land mehr offiziell einreisen. Das begann mit Italien. Als ich in Griechenland ankam, schloss auch Athen die Häfen.

Dann folgte die Türkei, das Ziel des Überführungstörns. Ich muss eben ausharren, bis ich wieder einchecken darf. Wann immer das ist? Ich hoffe mal auf Mitte Mai.

Du kannst ja aber nicht seit Wochen außerhalb der Seegrenzen auf dem Meer herumtreiben?

Natürlich nicht. Ich suche den Schutz in kleinen Buchten, anders geht es ja gar nicht. Aber ich kann das Boot natürlich nicht verlassen.

Das heißt, die Küstenwache duldet Dich?
Das weiß ich nicht, aber ich habe den Eindruck, dass jeder Verständnis für meine Situation hat. Allerdings hatte ich in Griechenland einige schlechte Erfahrungen machen müssen. Eine Nacht schaute ich in die Mündung einer Maschinenpistole der Küstenwache. Ich musste die sichere Bucht verlassen, durfte mich nicht näher als zwei Seemeilen der Küste nähern. Die Beamten haben mich anfangs sogar begleitet. Vielleicht lag das auch daran, dass ich unter türkischer Flagge fahre.

Sebastian Kummer
Unter türkischer Flagge unterwegs © Sebastian Kummer

Wenn Du sagst, Du bist im Niemandsland, dann bezieht sich das auf den legalen Status. Tatsächlich liegst Du aber in irgendwelchen Hoheitsgewässern, ohne offiziell eingecheckt zu haben?

So kann man das sagen. Ich möchte natürlich ungern meine Position verraten, auf die Gefahr hin, wieder vertrieben zu werden. Aber ich bin meinem Ziel schon relativ nahe. Sagen wir mal so, ich könnte es in 24 Stunden locker erreichen.

Keine Angst, dass die Küstenwache Dich aufbringt? Gerade zwischen der Türkei und Griechenland wird derzeit ja sehr stark kontrolliert – auch wegen der Flüchtlingsproblematik.

Einmal ist mir das Herz in die Hose gerutscht, da kam die Küstenwache auf dem Meer längsseits. Aber dann blieb es bei einer Sichtkontrolle. Vielleicht wussten die auch, wer ich bin – und haben mich passieren lassen.

Wenn Du nicht erwischt werden willst, hast Du sicherlich Dein AIS ausgestellt?
Ja, und das Funkgerät auch. Das ist ja ebenfalls rückzuverfolgen. Stattdessen nutze ich ein Handfunkgerät, das immer auf Kanal 16 eingestellt ist. Für Notfälle.

Du segelst auf einem Katamaran, einer Lagoon 46, die Du bei der Werft in Les Sables-d’Olonne an der französischen Atlantikküste übernommen hast, um sie nach Göcek zu überführen. Das heißt, es nicht Dein Katamaran?

Sebastian Kummer
Eine Lagoon 46 ist nicht der schlechteste Ort für Quaratäne © Sebastian Kummer

Nein, der Katamaran gehört der Gesellschaft „Sailing with friends“, in Kooperation mit Pitter-Yachting soll er in der Türkei verchartert werden. Deshalb auch die türkische Flagge, die seit vergangenem Jahr Vorschrift ist für Charterboote. Wenn ich – wann auch immer – das Boot abgeliefert habe, überführe ich eine Lagoon 450 von Göcek nach Kroatien. Das ist zumindest der Plan.

Klingt, als seist Du Profisegler, dabei bist Du doch Professor in Wien an der Wirtschaftsuniversität. Sogar Vorstand des Instituts für Transportwirtschaft und Logistik.

Ja, das stimmt. Aber ich bin in einer Art Sabbatical. Ich habe meine Stelle auf 50 Prozent reduziert. Mein Plan war eigentlich eine Weltumsegelung, über den Atlantik bin ich noch gesegelt, habe dann aber meinen Katamaran dort verkauft. Das war nach dem Hurrikan Irma, der sehr viel Schaden an Yachten angerichtet hat. Ich konnte den Kat für gutes Geld verkaufen.

Aber derzeit arbeite ich auch täglich vier bis fünf Stunden für die Universität. Und habe endlich Zeit, die Neuauflage meines Buches „Einführung in die Transportwirtschaft“ zu schreiben.

Sebastian Kummer
Sebastian Kummer im Panamakanal © Sebastian Kummer

Wie bist Du eigentlich zum Segeln gekommen?

Ich bin in Unna aufgewachsen und habe auf dem Möhnesee im Optimist begonnen, dann bin ich in den Laser umgestiegen, war auch im Kader und habe im Jahr 2000 an der Weltmeisterschaft in Kanada teilgenommen. Aber dann habe ich mich mehr auf das Studium konzentriert, weniger trainiert und schwupps – da hatte ich keine Chance mehr. Das war echt frustrierend. Später bin ich dann einige Seeregatten gesegelt, wie Helgoland – Edinburgh. Ich glaube, da habe ich gelernt, mit wenig auszukommen. Wir hatten gerade mal 60 Liter für sechs Mann und vier bis fünf Tage dabei.

Das heißt, Du fühlst Dich auch jetzt auf dem Katamaran wohl und sicher?

Auf alle Fälle! Ich führe ja quasi ein Piratenleben im Niemandsland. Und erst wenn der Rum aus ist, wird’s ernst. Dann muss ich auf Gin und Wodka umsteigen. Aber davon bin ich noch weit entfernt. Ich nippe aber auch nur am Rum.

Nie daran gedacht, das Auswärtige Amt einzuschalten?

Ja, doch. Irgendwann habe ich mich dort registriert und meine Situation geschildert. Aber alles, was zurückkam, war das übliche Rundschreiben. Sie würden sich melden, wenn es wieder Flüge aus der Türkei gebe. Dass mein Problem aber ist, dass ich eben nicht in die Türkei einreisen kann, und auch in kein anderes Land, das haben die gar nicht verstanden. Genau so habe ich mir die Hilfe vorgestellt. (lacht)

Sebastian Kummer
Noch genießt Kummer sein Piratendasein © Sebastian Kummer

Ist das nicht total langweilig, so lange allein an Bord?

Überhaupt nicht. Die Zeit verfliegt. Neben dem Schreiben lese ich auch sehr viel. Albert Camus habe ich gerade beendet, jetzt lese ich den 1000-Seiten-Wälzer „Die Tore der Welt“ von Ken Follett.

Ist der Katamaran eigentlich autark? Solarenergie, Watermaker…?

Leider nicht. Keins davon. Die Ausrüstung sollte erst in Göcek erfolgen. Strom kann ich nur generieren, wenn ich die Maschine laufen lasse. Jeden Tag zwei bis drei Stunden im Leerlauf bei 1.200 Umdrehungen. Nervt ein bisschen, geht aber nicht anders.

Kein Problem mit dem Diesel?

Nein, ich bin ja fast die ganze Zeit gesegelt. Ein Drittel im 1.100-Liter-Tank ist noch vorhanden.

Und wie geht es jetzt weiter?

Ich habe gehört, dass der Flugbetrieb am 20. Mai wieder aufgenommen werden soll. Ich denke, dass ich dann endlich auch Göcek anlaufen kann. Bis dahin genieße ich noch mein Piratendasein. Wenigstens muss ich mir an Bord keine Sorgen um Corona machen.

Dann wünsche ich weiterhin alles Gute. Aber erst mal: Guten Appetit!

Am Dienstagmorgen, der Fisch ist längst verdaut, meldet sich die Deutsche Botschaft bei Sebastian Kummer. Sie wollen jetzt zusammen mit den türkischen Hafenbehörden nach einer Lösung suchen. Und wie die Geschichte ausging, lest ihr hier.

3 Kommentare

Selcuk Anilmis /

Schöner Propagandatitel mit dem der Artikel auf Focus Online beworben wird:
Deutscher Segler darf in Türkei nicht anlegen: „Plötzlich schaute ich in eine Maschinenpistole“

Griechische Soldaten halten dem Segler eine Maschinenpistole ins Gesicht und im Titel steht Türkei. Wieso llautet der Titel nicht richtigerweise:
Deutscher Segler darf in der EU (Italien und Griechenland) nicht anlegen: „Plötzlich schaute ich in eine Maschinenpistole“?

Antwort
Stefan Gerhard /

Richtig angemerkt und dort geändert. In der Türkei darf Sebastian Kummer leider auch nicht anlegen, sonst wäre er längst in Göçec. 🙂

Antwort

Überschrift und Inhalt… würde sagen passt nicht. Griechenland müsste es heißen. Stimmungsmache 😉

Antwort

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