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Tally Ho Eine Hitzeschutzjacke ist angesagt beim Bronzeguss in der Port Townsend Foundry © Leo Sampson
Refit-Projekt

Heißes Handwerk

Leo Sampson lässt die neuen Bodenwrangen für die Tally Ho aus Bronze gießen. Etwas Glänzenderes gab es zuvor nie an Bord des alten Schiffs.

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5 Minuten

Am Ende steht sie zwischen den geputzten Spanten wie das goldene Herzstück des 1910 von Albert Strange gebauten Cutters „Tally Ho“: die erste Bodenwrange. Gegossen aus hochwertiger Silizium-Bronze und auf Hochglanz poliert, ist sie bestimmt an die 30 Kilogramm schwer – und die erste von insgesamt 19 Stück. Leo, der mit neuer Verstärkung weiter an dem Neuaufbau arbeitet, ist sichtlich stolz. Schließlich hat er bei dem seit mehr als zwei Jahren laufenden Refit-Projekt ordentlich mit angepackt in der Port Townsend Foundry und viel dabei gelernt. Vor allem, wieviel Arbeit in einem solchen Gussstück steckt.

Tally Ho
Glanz für die Tally Ho: Die erste polierte Bronze-Bodenwrange © Leo Sampson

Neue Manpower aus Oregon

Sein Team ist inzwischen wieder auf vier Mitarbeiter angewachsen. Neben Schiffszimmerer Pete und dem von Corona am Boden gehaltenen Piloten Clark ist nun auch Pat, der IT-Beamte aus Oregon als Volunteer wieder mit an Bord. Er bereitet die Spanten für das Aufplanken vor. Unter anderem, indem er die Schraubenlöcher der Stützbretter mit Spiekerpints (also spitzen Holznägeln) und PU-Leim verschließt.

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Freiwilliger Helfer Pat, IT-Beamter aus Oregon © Leo Sampson

Siliziumbronze ist die beste Wahl

Aber eins nach dem anderen. Zuerst müssen die Bodenwrangen (die floors), die wie eine Klammer den Kiel mit den Spanten verbinden, gegossen werden. Leo hat sich viele Gedanken über das richtige Material gemacht: Holz ist zu voluminös und hat eine schlechte Lastaufnahme. Stahl oder Edelstahl sind zu korrosionsanfällig. Beide Materialien würden für die nächsten 30 Jahre halten. Leo reicht das nicht. Er möchte nicht nur mit der „Tally Ho“ alt werden. Er möchte sie gerne auch für die nächsten Generationen erhalten.

Deshalb kommt für ihn nur die langlebige Gussbronze in Frage, damit „Tally Ho“ noch einmal 110 Jahre oder mehr überdauert. Aber Qualität hat bekanntlich seinen Preis: 11.000 US-Dollar sind es alleine für das Material plus die Arbeit der Gießerei. Dank der ständig wachsenden spendablen Anhängerschar, die er nicht nur seiner engagierten Arbeit als Bootsbauer, sondern auch den hervorragend gemachten Videos und seiner gewinnenden Art zu verdanken hat, ist die Kasse für das Refit-Projekt gut gefüllt. So darf das Beste für das Refit-Projekt gut genug sein.

Schablonenbau, eine Kunst für sich

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Pete verleimt die Schablonen... © Leo Sampson
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...aus sich verjüngenden Sperrholz © Leo Sampson

Drei Wochen haben Pete und Clark damit verbracht, von jeder einzelnen Wrange eine genaue Gussschablone (ein pattern) zu bauen. Es ist verleimt aus mehreren Lagen Sperrholz und nach oben hin verjüngt. Die meisten haben Aussparungen für die Nüstergatten (limberholes), die Ablauflöcher zwischen Kiel und Spant, um das Leckwasser, das sich in einem Holzschiff sammelt, zum tiefsten Punkt der Bilge, den Sumpf zu leiten. Von dort kann es abgepumpt werden.
An diesen Aussparungen wird die Schablone entsprechend verstärkt. Jede einzelne Form muss so gebaut sein, dass sie sich aus der Gussform lösen lässt, ohne diese zu beschädigen. Und so wird geschliffen, gespachtelt und lackiert, bis 19 perfekte Schablonen dastehen, bereit für die Gießerei.

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  • Tally Ho EP75Schleifen © Leo Sampson
  • Tally Ho EP75Spachteln © Leo Sampson
  • Tally Ho EP75Lackieren © Leo Sampson

Wo aus Abfall Kunstwerke entstehen

Und auf geht’s zur Gießerei, der Port Townsend Foundry. Hier stehen Pete Langley und sein Team bereit, um mit Leo die Wrangen zu gießen. Pete hat den seit 1883 bestehenden Traditionsbetrieb hundert Jahre später übernommen. Er ist für seine edlen Bronze- und Alu-Gussarbeiten über die Grenzen des US-Staats Washington hinaus bekannt. Er gießt, was man ihm aufträgt: von kleinen Beschlägen bis zu großen Schiffsglocken. Und er verfügt über einen großen Erfahrungsschatz in diesem Kunsthandwerk.

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Pete Langley, Meistergießer und Chef der PTF © Leo Sampson

Pete erklärt im Video den gesamten Gießprozess. Er weiß alles und erzählt manches über Materialien, Gussformen, die Lastaufnahme der Gussbronze, Metallschrumpf beim Abkühlen und vieles mehr. Erstaunlich ist, wie umweltbewusst sein Betrieb dabei arbeitet. Das beginnt beim Gussmaterial aus Altmetall, geht über wiederverwendbare Formen-Sände und Trennmehl aus Nussschalen bis zum gasbetriebenen Ofen. Nicht zuletzt aus diesem Grund hat Leo sich entschlossen, die Wrangen hier gießen zu lassen. Und weil in diesem Traditionshandwerk wieder junge Frauen und Männer arbeiten; das unterstützt er gern.

Von der Stirne heiß, rinnen muss der Schweiß…

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Vorbereiten der Flasks © Leo Sampson

Beim Füllen der Sandkästen (den flasks) legt Leo Sampson selbst mit Hand an. Er hilft, den Sand in der oberen und unteren Form zu verdichten und Angusskegel (den sprue), Aufstiegsrohre (die risers) und Belüftungslöcher (die vents) zu setzen. Beim Guss gibt er sogar den Assistenten in der silberfarbenen Hitzeschutzjacke. Die hat Pete aus seiner Zeit als Waldbrandbekämpfer auf dem Löschflugzeug aufbewahrt hat. Den Guss indes macht der Meister selbst. Nur er kennt die richtige Gießgeschwindigkeit. Jede Form erfordert viel Vorarbeit, und nicht jeder Guss gelingt.

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Den Guss macht der Meister selbst © Leo Sampson

Am Ende des Tages stehen die ersten beiden Wrangen für die „Tally Ho“ in der Werkshalle der Foundry. Pete macht die Klangprobe, und er ist zufrieden. Sein Job für das Refit-Projekt macht ihm sichtlich Spaß. Er liebt es, aus unförmigen Altmetallbarren schöne Stücke zu schaffen. Im Anschluss wird geflext, geschliffen und poliert, was das Zeug hält. Das ist der perfekte Job für Clark in Sequim.

Zum Schluss sitzt das hochglänzende Meisterstück im Bauch der alten „Tally Ho“. Es ist sogar poliert – nur zum Spaß, um dem Inneren des Schiffs ein bisschen Glanz zu verleihen, wie Leo sagt. So etwas Hochwertiges hat die „Tally Ho“ in 110 Jahren nicht an Bord gehabt. Möge es ihr ein langes zweites Leben bescheren.

  • Tally Ho EP75Aus der Form gegraben: Der Rohguss © Leo Sampson
  • Tally Ho EP75Steigrohre und andere Anhänge werden abgesägt © Leo Sampson
  • Tally Ho EP75Flexen und Schleifen © Leo Sampson
  • Tally Ho EP75Polieren © Leo Sampson
  • Tally Ho EP75Das hochglänzende Meisterstück im Bauch von „Tally Ho“ © Leo Sampson

Zwei Wochen sind schnell vorbei, und wieder ist ein gutes Stück Arbeit geleistet worden. Holzschiffbau ist ein mühsames Geschäft. Dennoch, doch Leo Sampson ist wie immer glücklich. Denn wieder ist er einen Schritt weiter.

Zum besseren Verständnis dieser interessanten Episode stellt einfach die Untertitel auf Deutsch ein. Wer das Refit-Projekt „Tally Ho“ unterstützen möchte, findet hier die Support-Seite.

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