float Magazine

Pete der Schiffsbauer © Leo Sampson
Refit-Projekt

Hey Pete, was machst Du?

Vollblut-Bootsbauer Pete erzählt, wie er zum Namen „No feet Pete“ kam. Rosie bekommt eine Werkzeugkiste mit einem Vermächtnis.

von
Tommy Loewe
in
5 Minuten

Leo Sampson ist zufrieden. Das Anbringen der Planken an der 111 Jahre alten „Tally Ho“ geht gut voran. Es gibt auch zum Start des Jahres 2021 viel zu tun beim Wiederaufbau des von Albert Strange konstruierten Rennkutters. Und da sich die Arbeitsschritte für die Refit-Crew in Sequim im US-Bundesstaat Washington wiederholen, stellt Leo seine Crew vor.

Diese Episode gehört Pete Stein. Der Vollblut-Holzschiffbauer erzählt uns seine eigene interessante Geschichte. Außerdem gibt es einen Besuch bei den Kollegen in Port Townsend und eine Kiste voll Werkzeug für Rosie.

Tally Ho Refit
Ein Segeltörn mit der Crew © Leo Sampson
Petes Gaffelsegler
Petes Gaffelsegler Truant © Leo Sampson

Doch zu Neujahr gönnt sich die Refit-Crew der Tally Ho zunächst einen freien Tag in Port Townsend. Das Wetter ist nicht zu kalt für einen Segeltörn mit Petes Gaffelsegler „Truant“ (zu deutsch Bummler), einem 26 Fuß langen Rundgatter (einem „Fantail“) Gaffelsegler, der 1994 auf der Holzbootsbauerschule von Port Townsend gebaut wurde. Jeder darf mal steuern. Und Matt, der harte Hund, badet bei eisigen Temperaturen seine Füße.

Petes Geschichte

Der Port Townsend Boats Haven, wo auch das Race 2 Alaska beginnt, ist voll von Schiffbaubetrieben. Hier hat Pete seine eigene kleine Werkstatt in einem Gebäude der Port Townsend Shipwrights Co-Op. Dieser Zusammenschluss von Handwerkern hat sich seit Beginn der 1980er-Jahre dem traditionellen Boots- und Schiffbau verschrieben.

Vor neun Jahren ist Pete von St. Louis nach Port Townsend gekommen. Zuvor war er einige Jahre wie ein Hobo der 1930er-Jahre als Wanderarbeiter auf Güterzügen durch Amerika getrampt. Nachdem er einige Jahre als Fischer zur See fuhr, entdeckte er durch seinen Mentor Bob Cunningham aus Massachusetts die Liebe zum Holzschiffsbau.

Tally Ho Refit
Pete in seiner Werkstatt in einem Gebäude der Port Townsend Shipwrights Co-Op © Leo Sampson

1.500 laufende Meter Dichtmasse

Pete war auch an der Restaurierung der „Western Flyer“ beteiligt. Das Hochsee-Fischerboot von 1940 wurde durch die Expedition des US-Autors John Steinbeck in die Baja California zu einem amerikanischem Kultobjekt. Als unabhängiger Bootsbauer hat Pete eigene Aufträge. Zur Zeit ist er aber mit Tally Ho absolut glücklich. Es ist, so sagt er, „das Beste, was einem jungen Bootsbauer passieren kann“. Traditionellen Holzbootsbau sieht er als aussterbende Kunst.
Die Western Flyer ist kurz vor ihrer Fertigstellung. Projektleiter Tim Lee gibt uns einen kleinen Überblick, während eine Bootsbauerin Würste rollt – aus Dichtmasse. Die Würste werden mit der Druckluftpistole in die Kalfatnähte gedrückt und verschließen sie. Es sind etwa 1.500 laufende Meter.

  • Tally Ho RefitEine Bootsbauerin rollt Würste © Leo Sampson
  • Tally Ho RefitDie Dichtmasse © Leo Sampson
  • Tally Ho RefitLeo ist scharf auf diese Druckluftistole © Leo Sampson

Leo ist scharf auf die Pistole des Nachbarprojekts: „Was wäre, wenn jemand nachts in die Werft einstiege und sie sich ausleiht?“ fragt er. „Kein Problem“, kontert Tim, „solange er ein paar Flaschen guten Whisky dalässt.“ Das ist Westküstenhumor.

Die Sache mit dem Güterwaggon

Während Matt 200 weitere Kupfernieten drückt – diesmal sind es etwas längere, um die Planken durch die Spanten und Bodenwrangen hindurch zu vernieten – kommt plötzlich Pete in die Werkstatt gehumpelt. „Matt bitte hilf, ich hab’ mir den Fuß verdreht!“ Völlig ungerührt nimmt Matt den nach hinten stehenden Fuß und dreht ihn um 180 Grad wieder zurück. „Danke, Kumpel“, sagt Pete und geht wieder an die Arbeit.

Was aussieht wie eine Clownsnummer im Zirkus hat einen ernsten Hintergrund. Pete krempelt die Hose hoch und zieht seinen hohen Stiefel aus: Darunter kommt eine moderne Titan-Carbon-Prothese mit Gummifuß zum Vorschein. Ein Andenken an einen Unfall mit einem Güterwaggon, der vor neun Jahren seine Zeit als Hobo jäh beendet und ihn beide Unterschenkel gekostet hat.

  • Tally Ho RefitPete‘s High-Tech Fuß © Leo Sampson
  • Tally Ho Refit„Matt bitte hilf, ich hab’ mir den Fuß verdreht!“ © Leo Sampson
  • Tally Ho RefitAuf seine Finger hat er „stumped!“ tätowieren lassen © Leo Sampson

„No feet Pete“ ist kein schmeichelhafter Spitzname, aber er nimmt es mit Humor. Auf seine Finger hat er „stumped!“ tätowieren lassen. Das heißt sowohl „perplex“ als auch „mit Stümpfen“. Er kann zwar nicht alles machen, aber wer kann das schon? Und außerdem hat er noch seine Knie – „anyway“, was soll‘s. Es beeindruckt, wie er sein Schicksal annimmt und wie locker und humorvoll er darüber spricht.

Angélique- und Wana-Planken

Pete ist der Meister der „Broads“, der breiten Planken, die vom Kiel aus nach oben wachsen. Sie werden in die Achtersteven- und Vorsteven-Sponung eingepasst. Dazu schnitzt er kleine Musterplättchen, nach deren Vorgabe er genau den Einfallswinkel an der Planke abschneiden kann. Der Vorrat an hartem Angélique-Holz geht zur Neige, das Restholz wird für den Schergang, die oberste Planke gebraucht.

Tally Ho Refit
Eine der Broads wird angesetzt © Leo Sampson

Also wechselt die Refit-Crew jetzt auf das etwas leichtere Wana-Holz. Mit vielen Schraubzwingen werden die Planken angebracht, bevor sie vernietet und verschraubt werden. Manchmal müssen Nieten wieder herausgezogen werden, doch es wäre nicht Leos Refit-Projekt, wenn es nicht auch hierfür ein Spezialwerkzeug gäbe.

Jakes Vermächtnis

Rosie steht noch am Anfang ihrer Karriere. Sie hat eine besondere Verantwortung als Bewahrerin der Werkzeugkiste von Schiffbauer-Ikone Mike „Jake“ Jacobsen. Jake war eine Persönlichkeit in der nordwest-amerikanischen Schiffbauer-Szene. Als guter Teamleiter und Lehrer gab er sein Wissen über den Holzschiffsbau an Generationen junger Bootsbauer weiter.

Tally Ho Refit
Rosie mit Jakes Werkzeug © Leo Sampson

Als Jacobsen starb, hat Andy Stewart von Emerald Marine gelobt, das Vermächtnis des Meisters zu bewahren. Er gelobte, Jakes Kiste voller Werkzeug-Schätze einer ambitionierten jungen Holzschiffbauerin (oder Bootsbauer) zu übergeben um damit gutes Handwerk und den Respekt vor gepflegtem Werkzeug zu erlernen.

Rosie nimmt das gerne an. Sie gelobt, Hobel, Bohrer und Stecheisen gut geschärft und geölt an den oder die Nächste/n weiter zu geben, wenn sie soweit ist. Welche Ehre! Einige der Wikinger-Gesetze, die auf der Innenseite des Deckels stehen, gefallen ihr gut. Aber sie ist noch keine Wikinger-Kriegerin.

Während Rosie sich über ihr neues Werkzeug freut, bringen die Jungs Planke für Planke an die Tally Ho und Leo verabschiedet sich wie immer mit Dank von seiner weltweiten Fan-Gemeinde.

“Hey Pete, what are you doing?!” (Rebuilding Tally Ho / EP89)

Hier könnt ihr Leo Sampsons Refit-Projekt Tally Ho unterstützen.

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