float Magazine

Boris Herrmann ist bereit für das letzte Match © Andreas Lindlahr, Boris Herrmann/Seaexplorer
Vendée Globe 2020

Ich bin der Jäger, sie die Gejagten

Boris Herrmann hat große Chancen, aufs Podium zu kommen. Er bleibt entspannt und freut sich auf dieses letzte Match.

von
Kerstin Zillmer
in
4 Minuten

Boris Herrmann liegt auf Platz 3, nachdem die Taktik von Louis Burton heute morgen aufging und er sich von Westen auf den zweiten Platz, hinter Charlie Dalin, schieben konnte. Alle Erstplatzierten müssen aktuell durch einen Windkorridor, wie Meteorologe Sebastian Wache erklärt.

Bevor es auf die Zielgerade geht, laden wir euch zum virtuellen Drink mit Boris Herrmann live an Bord der „Seaexplorer“ ein – beim Get Together per Zoom-Video an diesem Sonntag (24. Januar 2021) um 17 Uhr. Den Zugangscode erhalten alle Abonnenten des float Newsletters automatisch ins Postfach.

Wie sich das Rennen weiter entwickelt, bleibt die nächsten Stunden und Tage extrem spannend. Die Rennleitung geht davon aus, dass die sechs führenden Schiffe in kurzen Abständen ab dem 27. Januar ins Ziel laufen werden. Boris Herrmann rechnet aktuell mit dem 28. Januar morgens gegen 4 Uhr, aber das kann sich natürlich noch verschieben. Heute fand das vermutlich letzte Pressegespräch mit Boris an Bord der SeaExplorer statt. Mitte kommender Woche sehen wir ihn im Ziel.

Boris Herrmann/Seaexplorer
Boris Herrmann gestern Abend bei guten Wetterbedingungen © Boris Herrmann/Seaexplorer

„Ich bin vorsichtig mit zu hohen Erwartungen“

Boris, wie geht es Dir in der aktuellen Situation?

___STEADY_PAYWALL___

Im Moment ist der Druck gerade nicht so hoch. Ich muss keine Angst haben, dass mir der Mast vom Deck fegt und ich habe mehr geschlafen.

Ich bin der Jäger und sie sind die Gejagten.

Ich versuche ruhig zu bleiben. Ich fixiere mich nicht auf die Platzierung. Ich bin vorsichtig mit zu hohen Erwartungen. Dennoch gebe ich alles. Den größten Einfluss hat nun das Routing. Wann halse ich, welche Winddreher erwische ich? Davon hängt vieles ab.

Das Rennen wird auf den letzten Metern entschieden. Was macht das mit Dir?

Das gibt mir zusätzlich Motivation für den Endspurt. Für mich dreht sich ja alles zum Positiven. Vor zwei Wochen lag ich noch an zehnter Stelle. Dann habe ich sehr vom Zusammenrücken des Feldes profitiert. Ich bin der Jäger und sie sind die Gejagten.

Du bist jetzt fast zu Hause. Fühlt sich das schon real an?

Es fühlt sich sehr real an. Ich spreche viel mit meiner Frau und freue mich sehr sie wiederzusehen. Sie plant, nach Les Sables d’Olonne zu kommen. Die Rückkehr ins normale Leben in Hamburg wird erst einmal ganz besonders sein.

Die alte Welt wieder neu entdecken.

Die alte Welt wieder neu zu entdecken fand ich nach dem Zurückkommen von so langen extremen Segelreisen immer besonders schön. Morgens den Duft des Kaffees als etwas ganz Besonderes zu empfinden. Einer der schönen Effekte dieses Abenteuers ist es, den Blick zu erfrischen!

Was, wenn am Ende die Zeitgutschriften entscheiden?

Das ist ganz simpel: Plätze gutzumachen fühlt sich gut an, Plätze zu verlieren bitter. Schlimmer als Plätze auf dem Wasser zu verlieren. Wenn Thomas Ruyant mich überholen würde und ich wäre Vierter auf dem Wasser und Dritter auf dem Podium, wäre ich glücklich und froh. Und es wäre ja auch gerecht.

Hast du die Schnauze langsam voll?

Stimmung und Wohlbefinden ändern sich bei diesem Rennen ja ständig, und unser Wohlergehen wird bestimmt von Wind und Wellen. Mit etwas Schlaf sieht die Welt schon wieder besser aus. Oder bei ruhigerer See. Im Moment ist es fast traumhaft hier draußen. So könnte es gerne weitergehen.

Unser Wohlergehen wird bestimmt von Wind und Wellen.

Ich hatte nach dem Äquator sehr harte Bedingungen für viele Tage und war mit den Nerven etwas am Ende.
Das schnelle Segeln gegen die rauen Wellen mit unstetem Wind war heftig. Jetzt ist es ganz kommod.

Ändert sich das Spiel nach der anstehenden Halse, weil die beiden Gegner dann auf ihren intakten Foils fahren?

Auf jeden Fall. Im Südmeer waren die beiden ja richtig schnell. Ab morgen für ist das gesamte Rennen downwind. Das war mit dem hohen Seegang nicht meine Stärke. Es hängt vom Winkel der Wellen und der Wellenperiode ab, wie weit ich in Fahrt komme.

Das Rennen geht jetzt noch mal erneut los.

Thomas und Charlie sind sehr schnell gewesen in den Bedingungen. Louis und Yannick und Jean Le Cam, Damien, waren alle sehr schnell, zum Teil schneller als ich.

Du hast gesagt, am besten wäre nach der Halse, kein Segel mehr wechseln zu müssen und direkt ins Ziel zu fahren. Ist das machbar?

Ja, ich habe eine kleine Chance mit dem kleinen Gennaker komplett durchzufahren. Ich denke, in der Front werden wir heftige Böen haben. Ich kann dann einfach den Genauer einrollen und die J2 ausrollen, das wäre relativ easy. Wenn ich den kleinen Gennaker herunternehme und mein Jibtop setze, kostet das Meilen. Wenn die anderen mit 20 Knoten Speed weiterfahren, hast du schnell 10 Meilen verloren.

Betest du jetzt um den richtigen Wind?

Ja, ein bisschen schon. Wir sind alle ein bisschen abergläubisch.

Bist du ein Matchracer?

Absolut! Ich bin mit ganzem Herzen Regattasegler. Das macht mir Spaß und wird mich in den kommenden Tagen sehr motivieren.

Welche Lehren ziehst du aus diesem Rennen?

Es ist für mich noch zu früh, Konsequenzen zu ziehen. Ich werde mit den anderen Skippern sprechen, hören, wie die das erlebt haben, wie die Schiffe sich bewährt haben.

Das Rennen steht unter einem guten Stern.

Wir hatten dank euch gute Berichterstattung, guten Wettkampf, guten Sport, niemand ist schwer verletzt, außer PRB haben wir kein Schiff verloren. Auch ökonomisch haben wir, was die Versicherungen betrifft eine gute Bilanz, so dass unsere Versicherer weitermachen können.

Was sind deine nächsten Pläne?

Ich will weiter in der IMOCA-Klasse segeln. Es gibt keine bessere Offshore-Regattaklasse im Moment. Hier gibt es viele aktive Teams, viele Rennen und einen vollen Kalender: Das Ocean Race Europe 2021, Transat Jacques Fabre, Ocean Race 2022, Route du Rhum. Wir wollen weiter aktiv sein die nächsten Jahre.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Reklame