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Brambusch macht blau Corona und die Segler: Es wird einsam werden an der türkischen Küste © Jens Brambusch
Brambusch macht blau

In der Quarantäne-Bucht

Bislang hat die Corona-Krise Segelaussteiger Jens Brambusch nicht erreicht. Auch wenn er sämtliche Pläne über Bord werfen musste.

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Die Grenzen sind dicht, wir sind gefangen. Gefangen im Paradies. Der Anker liegt sicher auf 11 Meter, tief eingegraben im Grund. Ein Blick vom Bug reicht, um das zu überprüfen. Das kristallklare Mittelmeer glitzert hellgrün an diesem Morgen, sanfte Böen werfen kleine Rauten auf das Wasser, an denen sich die frühen Sonnenstrahlen brechen.

Ein Sprung ins knapp 20 Grad warme Wasser ersetzt die Morgendusche, der Wasserkessel pfeift das Startsignal in den Tag. Eine der seltenen Mittelmeer-Mönchsrobben – nur noch 100 Exemplare soll es in der Türkei geben – planscht am Ufer, jagt Fische und kommt auf uns zugeschwommen. Es sieht aus, als lächelt sie uns an, als wolle sie sagen: „Was ein herrlicher Tag!“

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Paradiesische Ankerbuchten, aber die Grenzen sind dicht © Jens Brambusch

Und natürlich hat die Robbe recht. Es ist ein herrlicher Tag. Unbeschwert und leicht. Bis wir die Nachrichten lesen. Frankreichs Präsident Macron spricht von Krieg, ganze Landstriche sind von der Außenwelt abgeriegelt, Ausgangssperren werden ausgerufen. Zigtausende Menschen sind infiziert von einem Lungenvirus, der sich anhört wie die Bezeichnung eines Kleinkreuzers – „Covid 19“. Schwarzer Humor eines britischen Seglers, Galgenhumor angesichts tausender Toter und einer Wirtschaft mit Schnappatmung.

Die Lage in der Türkei ist unklar

In der Türkei, in der ich seit eineinhalb Jahren auf meinem Boot lebe, setzte Corona erst spät zu ihrem Beutezug an. Zumindest offiziell. Kaum einer der Türken am Mittelmeer schenkte den schmeichelnden Zahlen aus Ankara Glauben.

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Und auch jetzt, nachdem sich fast täglich die Zahl der Infizierten – sogar offiziell – verdoppelt und es erste Todesopfer zu beklagen gibt, wissen wir nicht so recht, wie die Lage um uns herum wirklich aussieht. Statistiken, welche Regionen betroffen sind, werden nicht veröffentlicht. Ist das gut oder schlecht? Ich kann es gar nicht mal sagen.

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Dilly-Dally in ihrer Quarantäne-Bucht © Jens Brambusch

Als wir aus unser selbst erkorenen „Quarantäne-Bucht“ zwischen Kaş und der griechischen Insel Kastellorizo zum Proviantieren in die Marina segeln, bemerken auch wir, dass Corona in der Türkei angekommen ist. Die Marineros, die in ihren Dinghis jede Yacht in Empfang nehmen, tragen Mundschutz, die sanitären Anlagen wurden mit Desinfektionsmitteln für die Hände ausgestattet, Restaurants und Bars mussten schließen.

Der ehemalige Fischerort, der normalerweise zu dieser Zeit des Jahres zum Leben erwacht, dämmert vor sich hin. Ausländische Touristen haben die letzten Flüge in die Heimat genommen, neue dürfen nicht einreisen. Wie in Deutschland stehen viele Existenzen auf dem Spiel. Aber von Panik ist nichts zu bemerken.

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Das Marinapersonal in Kas trägt jetzt Mundschutz © J. Brambusch

In den Supermärkten sind die Regale voll, die Gänge leerer als üblich. Und ja, es gibt überall noch Klopapier. Aber das ist vielleicht auch der Errungenschaft zu verdanken, das türkische Toiletten eine Bidet-Spülung haben, da die dünnen Rohre ohnehin kein Toilettenpapier vertragen. Rückschritt kann in Krisenzeiten auch ein Vorteil sein. Hamsterkäufe sind ebenso unbekannt.

In jedem noch so kleinen Garten stehen gerade die Zitronenbäume in voller Pracht, irgendein Gemüse hat immer Saison und zwischen den Nutzpflanzen gackern Hühner. Es gibt kaum einen Haushalt, der nicht selbst eingelegte Oliven und Öl bunkert. Wie in Deutschland zu Omas Zeiten machen selbst junge Türken Gemüse noch ein, wenn Erntezeit ist und die Märkte voll und günstig sind. Vielleicht trägt auch das trotz Sorgen zu der Gelassenheit bei.

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Keinen Grund für Hamsterkäufe: Zitronen aus heimischen Gärten © Jens Brambusch

Was bedeutet Corona für die Community der Live-on-boards? Zunächst einmal nichts anderes als wie für die Menschen des Gastlandes, denen man sich natürlich verbunden fühlt. Mitgehangen, mitgefangen. Seit dem Wochenende dürfen alle Senioren über 65 Jahren in der Türkei ihr Haus nicht mehr verlassen. Oder eben ihr Boot. Trotzdem sind die meisten froh, dass sie auf dem Wasser leben. Denn ohne ihr Zuhause verlassen zu müssen, können sie zwar nicht das Land wechseln, aber immerhin den Ort. Zumindest noch.

Corona kann nicht schwimmen

Der beste Schutz dürfte derzeit unsere sogenannte „Quarantäne-Bucht“ sein. „Corona kann nicht schwimmen“, ist einer der Sätze, der oft fällt in den letzten Tagen. Und so befinden sich nur wenige der bewohnten Boote noch in den Häfen. Trotzdem sind die Stege voll. Voll mit Booten, deren Eigner nicht mehr einreisen dürfen. Und die, die es gerade noch geschafft haben, sind so rücksichtsvoll und begeben sich in die verordnete 14-tätige Quarantäne.

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Volle Stege: die Boote bleiben ohne ihre Eigner © Marina Kas

Die meisten Boot sind dazu perfekt ausgerüstet, weil autark. Sie produzieren ihren eigenen Strom über Solar oder durch Wind, viele haben „Watermaker“ an Bord, die aus Meerwasser bestes Trinkwasser machen. Wir können angeln und am Ufer Früchte sammeln oder Meerfenchel (türkisch: kara koruğu) pflücken, der zwischen den Steinen am Ufer wächst und Algen ähnelt.

Sich ein bißchen wie Robinson fühlen

Gekocht und anschließend mit Essig, Knoblauch und Salz eingelegt ist der Meer- oder auch Seefenchel eine beliebte Vorspeise. Das Leben erinnert derzeit ein bisschen an Robinson Crusoe – nur wollen wir Begegnungen mit Freitag vermeiden.

Das ganze klingt fast ein bisschen romantisch. Ist es aber nicht. Aber was bleibt uns anders übrig, als das Beste aus der Situation zu machen? Solange wir gesund sind, sollten wir versuchen, die Tage zu genießen anstatt mit unseren Problemen zu hadern, die in Wirklichkeit nicht einmal Problemchen sind. Wer auf einem Schiff lebt, hat Verzicht ohnehin gelernt. Und Planänderungen sowieso.

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Seefenchel mit Essig, Knoblauch und Salz eingelegt © Jens Brambusch

Natürlich ist es schade, wenn der Besuch zum 80. Geburtstag des Vaters ausfallen muss. Natürlich ist es ärgerlich, wenn die Crewpartnerin von einem kurzem Heimatbesuch nicht mehr zurückkommen kann und auch der Törn nach Athen ausfallen muss, wo das das neue Großsegel wartet, wie es nun den deutschen Segelaussteigern Jan und Uli widerfahren ist.

Und natürlich ist es bitter, wenn unser lang geplanter Israeltrip ausfällt oder zumindest verschoben werden muss. Natürlich ist Darrel, ein australischer Einhandsegler verunsichert, weil sein türkisches Visum demnächst ausläuft, er aber kein anderes Land im Mittelmeer derzeit ansteuern darf. Aber all das sind wirklich keine ernsthaften Probleme. Nur Unannehmlichkeiten.

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Grenzen geschlossen, keine Törns möglich: Zeit für Bootspflege © Jens Brambusch

Corona gibt uns Zeit. Zeit für Reflexion aber auch handfeste Dinge wie Pflege oder die Aufrüstung des Bootes. Ich baue gerade einen zweiten Kühlschrank ein, plane die Aufstockung der Energieleistung durch einen Windgenerator, den Wechsel auf Lithium-Batterien. Das Rigg muss inspiziert, Wanten, Stage und Fallen vorsorglich erneuert werden. Ich habe keine Ahnung, wann dies das letzte Mal geschehen ist.

Wir können die Türkei derzeit nicht verlassen, und auch kaum einer wagt derzeit längere Törns entlang der Küste. Denn keiner weiß, ob nicht schon mal bald ein Einlaufen komplett verboten wird. Am Samstag kam ein Freund mit seinem Dinghy in unsere Quarantäne-Bucht gerast. Ein Freund habe gesagt, die Häfen machten gerade dicht.

Was also tun? In der sicheren Bucht bleiben, auch auf die Gefahr hin, vielleicht die nächsten Wochen nicht mehr an Land zu kommen? Wie lange reichen die Lebensmittel? Oder zurück segeln in die Marina mit Supermarkt, auf die Gefahr hin, die nächsten Wochen nicht mehr auslaufen zu können? Ein Anruf in der Marina bringt Klarheit, die Hysterie war übertrieben. Das Verbot, in die Marina einzulaufen, betrifft nur kommerzielle Schiffe wie Ausflugsboote.

Von Tag zu Tag verschärfen sich die Bedingungen für Segler auf der ganzen Welt. Nicht nur in Deutschland sind einige Häfen bereits eingeschlossen, Italien ist dicht und auch in Griechenland zeichnet sich dieses Szenario ab, wie die australischen Segler Aannsha und Barry von der „AB Sea“ am Telefon berichten, die sich nördlich von Athen aufhalten.

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Vorsichtsmaßnahmen in Kas: Auch für Segler wird das Szenario allerorten beängstigend © Jens Brambusch

Auch die Karibik hat Corona längst erreicht. Davon berichtet der deutsche Segler Martin auf seinem Facebook-Blog. Nach 240 Seemeilen erreichte er mit seiner „Jambo“ von St. Barts kommend Martinique, „um hier einzuklarieren und Wasser und Diesel aufzunehmen“, wie er schreibt.

„Leider wurde ein Dekret erlassen, was den Reiseverkehr stark einschränkt und ab 12 Uhr ist hier alles gesperrt.“ Er musste nach Le Marin weiter segeln, wo er noch einchecken konnte. Aber jetzt plagt ihn ein anderes Problem: „Spätestens vor der Hurrikansaison muss ich von hier weg.“ Wahrscheinlich zurück nach Deutschland. Es ist, wie float berichtet, der augenblickliche Fluch der Karibik.

Die weltweit unter Blauwasserseglern renommierte Webseite Noonsite versucht die Entwicklung bei den Einreisebestimmungen für Segler zeitnah zu dokumentieren. Täglich muss die Seite aktualisiert werden.

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Unbekümmerter Besuch: Mittelmeer-Mönchsrobbe © Jens Brambusch

Es sind chaotische Zeiten, keine Frage. Auch für Segler. Aber dennoch können wir uns glücklich schätzen im Vergleich zu all denen, die in dichtbesiedelten Gebieten leben. Und solange wir gesund sind, können wir uns an den kleinen Dingen des Lebens erfreuen. Wie dem Lächeln der Robbe, die ihre Bucht ohne die vielen Touristen offensichtlich genießt.

Jens Brambusch berichtet im Detail von seinem Leben als Segelaussteiger unter dem Stichwort Brambusch macht blau.

Ein Kommentar

In Griechenland darf man sich inzwischen nicht mehr mit dem Boot bewegen. Es sitzen jetzt inzwischen alle in den Marinas fest. (Nur als Nachtrag ?)

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