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365 Tage macht Jens Brambusch heute blau © Brambusch
Brambusch macht blau

In guten wie in schlechten Zeiten

float-Autor und Segelaussteiger Jens Brambusch lebt seit genau einem Jahr auf seiner Moody 425. Eine Zwischenbilanz nach 365 Tagen Leben an Bord.

von
Jens Brambusch
in
6 Minuten

Vor genau einem Jahr setzte ich meine Unterschrift unter den Vertrag zu einem neuen Leben als Segelaussteiger. Ich stand in einem kleinen Büro unweit des Hafens von Marmaris, nervös, nass die Shorts, den Stift fest umklammert. Nach der Unterschrift würde es kein Zurück mehr geben. Das war mir bewusst. Aber ich hatte mich verliebt. In eine launische Lady aus Plymouth, mit dem eigentümlichen Namen Dilly-Dally. Eine Moody 425, 30 Jahre alt. Es war Liebe auf den ersten Blick.

„Drum prüfe, wer sich ewig bindet.“ Das hatte ich getan. Ein paar Stunden hatte ich mit meiner neuen Gespielin auf dem Wasser verbracht. Und mit jeder Minute waren die Hingabe, das Vertrauen, die Sehnsucht gewachsen, fortan gemeinsam das Leben zu meistern – an einem Ort fern der Heimat, unter blauem Himmel, über azurfarbenem Wasser, das glitzert wie tausend Kristalle.

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Vertrag für ein neues Leben © Jens Brambusch

An diesem 13. September 2018 kaufte ich für 55.000 britische Pfund die Dilly-Dally, die von nun an mein einziges Zuhause, mein Büro und mein Leben sein sollte. Ich hatte Deutschland Lebewohl gesagt, den Job gekündigt, die Wohnung verkauft, alles bis auf den Inhalt zweier Seesäcke verschenkt oder entsorgt. Ich setzte alles auf „Blau“. Blau wie Blaumachen. Blau wie die Farbe des Meeres.

Nach einem Jahr glücklicher denn je

Um die Antwort auf die Frage gleich vorweg zu nehmen: Ja, wir sind noch zusammen. Und glücklicher denn je. Natürlich hatten wir unsere Dispute. Dann, wenn die „Lady“ mal wieder nicht am Yachtausrüster oder Segelmacher vorbei gehen konnte, ohne sich neu einzukleiden. Aber wir hielten immer zusammen – nicht nur in guten, sondern auch in schlechten Zeiten. Dann, wenn es ihr nicht gut ging. Mal zwickte die Welle, mal musste ich in ihre Eingeweide kriechen. Zur Reha musste sie drei Wochen an Land.

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Pflegefall Dilly-Dally: Zur Reha an Land © Jens Brambusch

Nach einem Jahr Leben an Bord ist es nun an der Zeit, ein kleines Fazit zu ziehen. Ich hatte erwartet, dass der Tag kommen wird, an dem ich vielleicht nicht meinen Schritt in ein neues Leben bereue, aber zumindest hinterfrage. Er kam nicht. Nicht einmal ansatzweise. Der für türkische Verhältnisse ruppige Winter verflog wie im Flug, die erwartete lähmende Hitze im Sommer setzte nicht ein. Zumindest setzte sie mir nicht zu.

Die Krankengeschichte der Dilly-Dally brannte noch einmal ein nicht kalkuliertes Loch in die Bordkasse. Drei Mal musste ich sie ins Hospital liften.

4,7 Jahre! So lange sollten meinen Rücklagen als Segelaussteiger reichen, inklusive privater Altersvorsorge und deutscher Krankenversicherung. Das hatte ich damals errechnet. Gerechnet hatte ich allerdings nicht mit den vielen Reparaturen und Instandsetzungen: Nach dem Kauf gönnte ich der Dilly-Dally stabile Davits am Heck und darauf eine Solaranlage, auf das wir auch autark in Buchten sind (5.000 Euro). An den Davits baumeln sollte ein neues Dinghi samt Außenborder (1.300 Euro). Ich gönnte der Lady wunderschöne neue Segel (6.000 Euro) und ein kleines Facelift.

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Die fast selbstgeschneiderten Segel von Frog Sails © Jens Brambusch

Ein Loch in die Bordkasse

Ich ließ die ausgewehte Bimini ersetzen und auch die erblindete Sprayhood. Ich verabschiedete mich von dem maritimen Blau und begrüßte ein helles Grau. Das sieht nicht nur fantastisch frisch aus, sondern lässt auch das Cockpit unter der Sonne des Mittelmeers um etwa fünf bis zehn Grad kühler werden. Der Effekt ist ähnlich wie bei einem schwarzen und einem weißen Auto im Sommer. Passend dazu bestellte ich neue Cockpit-Polster und ließ die Liegewiese auf dem Achterdeck neu beziehen (1.800 Euro).

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In guten wie in schlechten Zeiten füreinander da: Jens legt Hand an © Jens Brambusch

Die Krankengeschichte der Dilly-Dally brannte noch einmal ein nicht kalkuliertes Loch in die Bordkasse. Drei Mal musste ich sie ins Hospital liften (1 x Kranen gleich 600 Euro), dazu kamen die Ausgaben für die Behandlung (1.800 Euro) und natürlich die Kosten für gängige Kosmetika wie Antifouling. Eine neue Gangway schlug die Brücke von Land zu Wasser.

14 Meter frische Eingeweide

14 Meter frische Eingeweide verbinden nun die Badezimmer mit dem Fäkalientank. Neue Seeventile bewachen den Rumpf. Das laufende Gut ersetzte ich teilweise, neue Festmacher und Fender sorgten für sichere Hafentage im Winter und noch mehr Ventilatoren für Abkühlung im Sommer. Und sicherlich habe ich noch einiges Vergessen. Insgesamt kamen zum Kaufpreis der Dilly-Dally etwa 20.000 Euro dazu. Gerne darf es in den nächsten 365 Tagen etwas weniger werden.

4,7 Jahre. Und heute? Nach einem Jahr sind es sogar 5,1 Jahre. Ab heute. Trotz der hohen Ausgaben. Wie kann das sein?

Einerseits sind die Lebenshaltungskosten als Segelaussteiger deutlich günstiger als ich anfangs kalkulierte. Das Leben ist einfacher und damit günstiger. Ich drehe nicht jede Lira zweimal um, aber ich achte auf mein Budget. 1.000 Lira für eine Woche müssen reichen, das entspricht etwa 160 Euro.

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Leben mit kleinem Budget, dennoch fehlt es an nichts © Jens Brambusch

Oft reichen sie auch für zehn Tage, ohne auf etwas verzichten zu müssen: Das Bier in der Bar, das Essen im Restaurant, Kaffee und Kippen am Morgen. Trotzdem koche ich viel an Bord, lade Freunde ein und werde eingeladen. Es fehlt an nichts.

Hinzu kommt, dass die Einnahmen in einem bescheidenen Maße höher sind als erwartet. Ein paar Texte hier, ein Buch dort. Mittlerweile ist das zweite Buch in der ersten Version geschrieben, ein Krimi, der natürlich auch mit Segeln zu tun hat und in der Türkei spielt. Aber das Beste ist: Alles, was an Arbeit erinnert, erscheint nicht so, wenn das Büro das Cockpit in einer wunderschönen Bucht ist oder die Lieblingsbar am Wasser.

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Neue Freunde von allen Kontinenten gefunden © Jens Brambusch

Wer auf einem Boot lebt, lernt Demut

Das Schönste in den vergangenen 365 Tagen waren sicherlich die vielen neuen Freundschaften mit Menschen von allen Kontinenten. Auch als Wirtschaftsjournalist habe ich ständig interessante Menschen getroffen. Wichtige Menschen. Wirtschaftsbosse und Politiker. Aber waren sie inspirierend für mich? Für mein Leben?

Leider nein! Es waren allesamt Kopfmenschen, beschränkt auf Kohle, Kommerz und Konsum. Menschen, die glauben, die Welt erklären zu können, ohne sie bereist zu haben. Großartige Theoretiker, sogenannte Leistungsträger der Gesellschaft, aber kleingeistig, wenn es um das Leben an sich geht.

Brambusch macht blau Kaş
Traumhaftes Segelrevier und wunderschöne Marinas © Jens Brambusch

Wer auf einem Boot lebt, lernt Demut vor der Natur. Er lernt, genügsam zu sein. Lernt, sich auf wesentliche Dinge zu reduzieren, auf das Leben und Leben lassen. Er lernt Gemeinschaft und Freundschaft. Er hat Zeit zuzuhören. Und trifft auf Menschen, die Geschichten zu erzählen haben, die inspirieren und zum Nachdenken anregen.

In diesem einem Jahr habe ich ungefähr 30 Freunde aus dem alten Leben an Bord gehabt. Was einerseits super ist, weil ich ihnen zeigen kann, dass es auch ein Leben jenseits von „9 to 5“ gibt. Andererseits ist es dadurch schwerer für mich anzukommen in diesem neuen Leben, den ruhigen Takt zu finden, den anderen Alltag.

Willst Du Löwe oder Meeresschildkröte sein?

Von Anfang war es mein Plan, keinen Plan zu haben. Von daher kann ich auch nicht sagen, was nicht planmäßig verlaufen ist. Ich hatte allerdings gedacht, mehr zu segeln. Von dem einen Jahr waren es wahrscheinlich nicht mehr als drei Monate. Aber auch das ist nicht schlimm. In diesem ersten Jahr wollte ich erkunden, ob ich es überhaupt aushalte, permanent auf einem Boot zu leben, wo alles etwas anstrengender und aufwändiger ist, als in einer Wohnung an Land. Die Challenge habe ich bestanden. Und sehr genossen.

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Entschleunigt: Meeresschildkröte im Hafenbecken © Jens Brambusch

Jetzt kann es weitergehen. Aber „yavaş, yavaş“ (also langsam, langsam), wie die Türken immer sagen. Sie sind ein großartiges Lehrmeister in Sachen Entschleunigung. „Willst Du ein Löwe sein?“ fragte mich einmal mein türkischer Bootsnachbar. „Stark, groß, immer auf der Jagd? Oder lieber eine Meeresschildkröte, die seelenruhig durch das Wasser gleitet?“ Ich überlegte noch, als er fortfuhr: „Löwen werden nur zehn Jahre alt. Meeresschildkröten über 100.“ Das leuchtete ein.

Eine wunderbar gelassene Partnerin

Wohin die Reise gehen wird, ich weiß es nicht. In Kaş fühle ich mich pudelwohl. Das Segelrevier ist traumhaft und wenig überlaufen. Viele Segler aus aller Welt sind hier versackt. Gekommen für einen Winter, geblieben für mehrere Jahre. Wenn es auch bei mir so kommen sollte, dann ist es eben so.

Aber ich glaube, irgendwann wird mich das Fernweh packen. Und ich weiß, dass ich die beste Begleitung habe: meine „alte Lady“, die auch bei 40 Knoten Wind so wunderbar gelassen bleibt. Und mir in ihrem Mittelcockpit Sicherheit gibt.

Brambusch macht blau Tel Aviv
Tel Aviv im Abendlicht: Ein Ziel für's nächste Jahr? © Shai Pal

Im kommenden Frühjahr wollen wir mit Freunden über Zypern nach Israel segeln, eventuell auch nach Beirut. Und natürlich spukt der Sprung über den großen Teich im Hinterkopf. Aber sicher nicht im kommenden Jahr und auch nicht in dem Jahr darauf.

Ich habe ja Zeit.

Hier ist unsere gesamte Serie von Brambusch macht blau.

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