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Jeanne Socrates Jeanne Socrates 2012 in ihrem Heimathafen Victoria in British Columbia © Jeanne Socrates
Update Porträt

Mit 77 Jahren solo um die Welt

Jeanne Socrates hat in 339 Tagen die Welt allein nonstop umsegelt. Jetzt feiert die Weltrekordhalterin ihren 78. Geburtstag.

von
Kerstin Zillmer
in
4 Minuten

Hunderte Zuschauer waren da, als Jeanne Socrates vor einem Jahr im kanadischen Victoria ihre vorerst letzte große Reise beendete und mit 77 Jahren als ältester Mensch unter Segeln die Welt von West nach Ost umrundet hatte – einhand, nonstop und ohne fremde Hilfe. Heute, am 17. August 2020, feiert die britische Seglerin ihren 78. Geburtstag. Zu Hause? Nein, im australischen Outback, unterwegs in einer „Land-Yacht“, wie sie uns schreibt, nach Alice Springs. Herzlichen Glückwunsch, Jeanne!

Vielfache Rekordhalterin

Ein Blick zurück, auf Samstag, den 7. September 2019: Geduldig standen die Menschen am Ogden Point in Victoria in British Columbia, um Jeanne Socrates nach ihrer Weltumsegelung zu empfangen. Doch es zog sich hin mit ihrer Ankunft. Denn auf den letzten Metern war Flaute, bevor die älteste Weltumseglerin die Ziellinie nach elf Monaten auf See endlich überquerte.

„Mit 77 Jahren! Das ist unglaublich“, sagte einer der Zuschauer begeistert und schwenkte seine große kanadische Flagge. „Wie kann man da nicht berührt sein?“, meinte ein anderer. Die Stimmung ist ausgelassen. „Was sie ausgehalten hat: die vielen Herausforderungen, die sie allein gemeistert, und ihre mentale Stärke, das alleine durchzuziehen – unglaublich!“ So begeistert berichtet der Times Colonist, die örtliche Tageszeitung.

Dieser Rekord wird nur fünf Monate halten, denn im März 2020 zieht Bill Hatfield an ihr vorbei. Der 81-jährige Australier, der auf 38 Fuß gegen den Wind um die Welt segelt, braucht dafür vier Tage länger als Jeanne Socrates.

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Als einzigem Deutschen war die Leistung, gegen den Wind um die Welt zu segeln, dem heute 80-jährigen Wilfried Erdmann gelungen. Der war dabei allerdings – im Jahr 2003 – deutlich jünger. Jean-Luc Van den Heede ist mit 74 Jahren das Küken in der Rekordler-Runde. Der Franzose hält den Rekord als ältester Weltumsegler bei einem organisierten Rennen. Er gewann letztes Frühjahr souverän das Golden Globe Race.

„Aber mein Rekord, die älteste Person zu sein, die die Welt nonstop südlich aller fünf großen Kaps umsegelt hat, steht immer noch!“ kommentiert sie lakonisch. Sie hält auch den Rekord als älteste Frau, die die Welt im Alleingang umsegelt hat, und sie ist die einzige Frau, die die Welt im Alleingang nonstop von Nordamerika aus umsegelt hat.

Jeanne Socrates
Jeanne Socrates läuft nach 339 Tagen in den Hafen von Victoria ein © Royal Victoria Yacht Club

Mit 48 Jahren das Segeln begonnen

Jeanne Socrates begann erst im Alter von 48 Jahren zu segeln. Die pensionierte Mathematikprofessorin aus England kaufte 1997 mit ihrem Mann ihr erstes Segelboot. Gemeinsam segelten sie lange Törns, bis ihr Mann starb. Das war 2003. Jeanne Socrates nahm das Segelboot und segelte alleine weiter.

Schon 2007 umrundete sie zum ersten Mal die Welt – diesmal noch in Etappen. Zwei Jahre später kaufte sie sich eine neue 12 Meter lange Najad 380 und taufte sie „Nereida“, nach den Meeres-Nymphen des Poseidon. Sie beschützen der Mythologie nach die Schiffbrüchigen. Auf diesem Boot brach sie 2009 zu ihrer ersten Weltumseglung nonstop auf. Doch sie musste den Törn schon 50 Tage später wieder abbrechen.

Drei Jahre später startete sie den nächsten Versuch. Von Oktober 2012 bis Juli 2013 schaffte sie es, mit 70 Jahren als älteste Frau überhaupt den Globus unter Segeln nonstop zu umrunden. Sie ließ nicht locker. Dann dann wurde es schwierig.
Als sie 2016 wieder lossegelte, spielte das Wetter nicht mit. Und wieder musste sie abbrechen.

Neustart nach neun Rippenbrüchen

Ein Jahr darauf stürzte sie von einer Leiter – auf ihrem Boot. Sie erlitt einen Genickbruch, neun Rippenbrüche und eine Gehirnerschütterung. Auch das überstand die hartnäckige Seglerin. Sie stach am 3. Oktober 2018 erneut in See, um ihr Ziel, als älteste Nonstop-Weltumseglerin ins Guiness-Buch der Rekorde zu kommen. Dass dies kein Zuckerschlecken werden würde, war ihr klar.

Jeanne Socrates
Willkomensschluck für Jeanne Socrates © Daragh Nagle
Jeanne Socrates
Fans bei der Ankunft in Victoria © Daragh Nagle

Sie musste bei ihrer vorerst letzten großen Reise zwei Zyklonen ausweichen, ihr Großsegel wurde zerfetzt, sie überstand acht Meter Seegang vor Südaustralien, ihr Autopilot ging unter. „Ich hatte Zweifel, ob ich es schaffen würde, das wieder in Ordnung zu bringen“, sagte Jeanne Socrates. „Wenn der Autopilot ausfällt und Du keine Instrumente hast, dazu noch die Windsteuerung verloren hast und deine Batterien ausfallen, dann hast du echt Probleme“, fügte sie hinzu.

Vier Monate später als geplant am Ziel

Doch es gelang der immer wieder, die Reparaturen durchzuführen und weiter zu segeln. Auch wenn sie das viel mehr Zeit kostete – und sie Victoria erst vier Monate später als berechnet erreichte. Ihr Überlebensmotto: Wenn etwas kaputt geht oder sich sich etwas in den Weg stellt, gibt es immer einen Weg, das Problem zu umgehen. Angesichts eines lebensbedrohlichen Sturms muss man denken, dass er auch wieder vorübergehen wird, sagte sie.

Jeanne Socrates
Jeanne Socrates steht wieder an Land © Youtube

Bestärkt wurde Jeanne Socrates unterwegs von Menschen aus der ganzen Welt, die sie über Funk kontaktierten. Sie ermutigten die Seglerin und gaben ihr Rat, wenn sie ein Problem lösen musste. Nicht zuletzt dank ihrer gut durchdachten Verpflegung schaffte sie diese Weltumseglung. Den letzen Keks aß sie vor einer Woche und kam zwar deutlich dünner und mit weniger Muskelmasse, aber gesund ins Ziel.

Rückwärts dümpeln statt Schlussspurt

Auf den letzten Metern ließ dann der Wind nach und die Nereida dümpelte in der Flaute sogar teilweise rückwärts statt vorwärts ins Ziel. Von Freitag auf Samstag hatte sie nur zwei Stunden geschlafen, und ihre Fans befürchteten schon, dass sie kurz vor dem Ziel einschlafen könnte. Aber wie könnte die 77-Jährige Weltumseglerin wohl diesen großen Moment verpennen? Sie lief begeistert und unter begeisterter Anteilnahme in den Hafen ein und ließ sich feiern. Was sonst?

Ebenso gelassen nimmt sie die Corona-Herausforderung an, die zunächst einfach heißt, nicht mit ihrem eigenen Schiff segeln zu können. „Ich sitze hier in Australien fest“, sagt Jeanne Socrates heute  zu float. „Ich kann nicht zur Nereida im Hafen von Victoria in British Columbia zurückkehren.“ Aber: „Ich bin froh, viele Leute, Freunde und Familie hier zu haben, die bereit sind, mir zu helfen.“

 

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