float Magazine

Kalfatprofis hämmern sich durch die Nähte der Tally Ho © Leo Sampson
REFIT-PROJEKT

Kalfatern, Ölen und Folterbretter

Die Tally Ho ist reisefertig. Bald zieht das Schiff zum neuen Werftstandort um.

von
Tommy Loewe
in
5 Minuten

Lange haben wir nichts über die Fortschritte an der Tally Ho gehört, dem Albert-Strange-Rennkutter, den Leo Sampson mit kleinem Team und vielen Unterstützern aus aller Welt nahe Port Townsend im US-Bundesstaat Washington neu aufbaut. Unser Autor war auf Seereise, so bieten wir euch heute ein Double Feature an, das die Fortschritte der letzten vier Wochen zeigt.

Am Ende dieser Episode ist Tally Ho steif genug für den Umzug nach Port Townsend. Ein pfiffiger Fan aus Down Under hat Tally Ho sogar schon segeln lassen, allerdings im Maßstab 1 zu 10.

Tally Ho Kalfatern
Pete beim Kalfatern © Leo Sampson

Tocktock, Tock, Tocktock, Tock-Tock, wie die Spechte hämmern sich die Kalfatprofis durch die Nähte der Tally Ho. Der dünnhäutige Nachbar hatte sicher seine Freude. Brad und Paul von der Port Townsend Shipwrights Coop und Jordan Bard (Bard Boatworks) haben schon viele Kilometer Nähte kalfatert. Sie machen den Anfang und helfen an einem Samstag, die Tally Ho abzudichten.

Kalfaten oder Kalfatern, Caulking oder Corking: Was ist das?

Eine althergebrachte Methode, die Nähte eines Holzschiffs abzudichten, ist das, was man landläufig kalfatern nennt. Man braucht dazu je nach Plankenstärke feine Baumwollstränge oder faseriges Werg aus Flachs.

___STEADY_PAYWALL___

Daraus rollt sich der Bootsbauer auf seinen Knien einen passend dicken Strang. Die Baumwolle nimmt man für Holzstärken bis 35 mm und das Werg für dickere Planken.

  • Tally Ho KalfaternDer echte Kalfat-Hammer © Leo Sampson
  • Tally Ho KalfaternProfiblick und -hammerschlag © Leo Sampson
  • Tally Ho KalfaternFingerfertigkeit ist gefragt © Leo Sampson

Der Strang wird mit einen speziellen Kalfathammer aus Pockholz mit Eisenbeschlag (dem Caulking Mellet) und passenden Kalfateisen in Schlaufen in die Nähte eingeschlagen. Die scharfen „Schöreisen“ werden zum genauen Einsetzen des Kalfats benutzt, die breiten Rabatteisen zum Verdichten. Jeder Bootsbauer hat seinen Satz Eisen und seinen Kalfathammer, die er behütet und pflegt.

Übung macht den Meister

Mit gekonnten Schlägen bringen die drei Jungs aus Port Townsend und Pete, der schon lange zu Leos Team gehört, die Kalfat-Baumwolle ein. Circa 70 Planken sind es insgesamt, pro Planke im Schnitt 13 Meter Naht, sowie Stöße und Sponung. Da kommt fast ein Kilometer zusammen. Am Abend ist mehr als 1/3 geschafft und Leo ist happy.

Heute hat er nur gefilmt und organisiert. In den folgenden zwei Wochen macht er mit Pete die restlichen 500 Meter fertig. Die Kalfatertechnik ist bei Profi Pete gut zu sehen. Das locker und zielgerichtete Schlagen aus dem Handgelenk, Ellenbogen und der Schulter kommt durch viel Übung.

Tally Ho Kalfatern
Leo übt © Leo Sampson

Am Ende der Woche sehen Leos Nähte fast so professionell aus wie bei Pete, der ist aber noch einen Tick schneller. Erfahrene Kalfaterer erkennen am Klang, wie stark sie noch verdichten müssen. Wenn der richtige Ton erklingt, ist die Naht fertig. Vorher wird sie mit Leinöl versiegelt, das lässt das Kalfat besser „flutschen“.

Hinterher wird der eingebrachte Baumwollstrang mit dicker Bleimennige eingestrichen. Dadurch wird das Holz versiegelt und das Kalfat mit den Planken verklebt, damit es sich nicht lockert, wenn die Planken weiter zusammentrocknen. Am Ende ist der Rumpf richtig steif.

Caulking (Corking?!) a wooden boat (Tally Ho / EP96)

Das Team verändert sich wieder

Rowan und David zieht es zu neuen Projekten an die Ostküste und ihre Familien möchten sie auch mal wieder sehen. Sie waren lange dabei, haben die Bronze-Gießerei und Polierarbeit der Bodenwrangen und Decksknie mitgemacht. Jetzt nach dem Aufplanken der Tally Ho ist es Zeit für einen Szenewechsel und für Jobs, bei denen sie auch etwas Geld verdienen. Sie haben viel dazugelernt.

Tally Ho Kalfatern
Rowan und Cody: Yeah! © Leo Sampson

Neue Volunteers kommen in den nächsten Wochen, doch bis dahin hat Leo zwei andere Helfer: Sein alter Bekannter Clark, der Pilot, legt in seiner Freizeit wieder mit Hand an. Für Cody aus der Nachbarschaft ist der Bootsbau noch Neuland, aber er ist nicht ungeschickt und hat viel Lust auf das Projekt.

5.000 Proppen und viel Lacköl

Bevor Rowan und David weiterziehen, steht noch das Ölen des Innenraums an. Die polierten Bronze-Wrangen und Knie sind sauber abgeklebt. Und so machen sie sich, mit Pinseln bewaffnet, daran, alle Planken, Spanten und den Innenkiel mit einem Lacköl namens „Le Tonkinois No. 1“ (oder TonkiTonk) zu streichen.

Leo schwört auf den Stoff, der aus Lein-, Tung- und Chinaholzöl verkocht ist und das Holz für Jahrzehnte schützt. Um weiteres Austrocknen zu verhindern, wird das Deck mit einer Plane abgedeckt.

Tally Ho Kalfatern
David und Rowan beim Innenraum-Ölen © Leo Sampson

In die Außenhaut müssen noch an die 5.000 Proppen (Plugs oder Buns) mit Leim in die Nietenlöcher eingeschlagen und mit scharfem Stecheisen glatt verschlichtet werden. Auch das ist eine spezielle Technik, wie Leo erklärt. Die flachen Löcher werden mit Epoxy-Spachtel verfüllt, das ist der erste Job für Cody.

Glatt wie ein Baby-Popo

Das Wichtigste ist aber, dass die Außenhaut nun nach dem Kalfaten und Proppen setzen wirklich harmonisch strakend glatt geputzt wird. Das geht nur in Handarbeit mit langen Schleifbrettern. Eine archaische Methode, aber die beste, um ein optimales Ergebnis zu erzielen. Weil dieser Job so richtig in die Arme geht, nennt man die Werkzeuge auch gerne „Folterbretter“.

Wenn alle sich einen Teil der Außenhaut vornehmen, ist auch diese Arbeit bald getan. Schwierig wird es nur auf dem harten Angelique-Holz, das viel widerspenstiger als das Wana-Holz ist. Wenn die erste Farbschicht aufgetragen ist, sieht man jede Unebenheit. Pete, der Profi, erkennt mit einem Handstrich jede kleinste Unebenheit. Und er gibt das OK – fertig.

Leos Schaltzentrale

Zum Schluss zeigt uns Leo noch sein Büro. Hier schneidet er die Videos (30 Stunden für eine 30-Minuten-Episode), organisiert seine Crew, die Social Media, seine Buchhaltung und die Materialsuche. Apropos Material: Hat zufällig noch jemand 1.000 Fuß (330 m) Gelbe Alaskazeder (Alaska Yellow Cedar) liegen? Bohlen von 25 bis 30 Fuß (8 bis 10 Meter) Länge, 4/8 Zoll (5 cm) stark. Luftgetrocknet, astrein und mit stehenden Jahresringen wären sie perfekt.

Tally Ho Kalfatern
Leo in seiner Zentrale © Leo Sampson

Leo zahlt einen guten Preis dafür. Das ideale Holz für das Deck wäre Teak, das ist mit 50 US-Dollar pro Fuß aber viel zu teuer und schwierig aus nachhaltigem Anbau zu bekommen. Mit diesem Aufruf erreicht er bestimmt einen wohlgesonnenen Holzhändler.

Das nächste Kapitel wird wahrscheinlich der Umzug sein. Leo sendet ein großes Dankeschön und grüßt alle Unterstützer mit „See you in a couple of weeks“. Der Mann hat wirklich Charisma. Kein Wunder, dass seine Volunteers so hart für ihn arbeiten – und für Tally Ho.

Torture-boards, Plugs, Varnish! (Traditional Boatbuilding / EP97)

Wer Leo Sampsons Refitprojekt unterstützen möchte, folge diesem Link.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Reklame