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Sicherheit

„Kein Freund der Westenpflicht“

Secumar-Chef Benjamin Bernhardt im Interview

Stephan Boden
von in
4 Minuten

float: Hallo Benjamin, ist die von der BSU empfohlene Rettungswestenpflicht für dich überraschend gekommen?

Benjamin Bernhardt: Das wurde bereits in der Vergangenheit immer wieder mal vorgeschlagen. Das Thema gab es also schon lange vor dieser BSU-Untersuchung.

float: In den sozialen Netzwerken herrscht ein wenig Verwirrung über diese Empfehlung…

Der BSU differenziert ganz klar zwischen Ausrüstungspflicht und Tragepflicht. In dem Bericht wird beides empfohlen. Ausrüstungspflicht bedeutet, dass ich ein Boot in einem bestimmten Revier habe und für jede vorhandene Koje respektive für jedes Crewmitglied ein bestimmtes Rettungsgerät an Bord vorhalten muss. Das gehört dann also im Prinzip zum Boot. Auf seegehenden Schiffen wie Fähren und Kreuzfahrtschiffen kennt man das über die SOLAS, die Internationale Konvention für Sicherheit auf See, nach der für jeden Passagier eine Feststoffweste an Bord ist, entweder in den Kabinen oder an den Sammelstationen.

Tragepflicht dagegen bedeutet, dass man die Westen nicht nur an Bord haben muss, sondern auch tragen.

Bernhardt

Secumar-Chef Benjamin Bernhardt © Stephan Boden

float: Nun könnte man ja denken, dass Du Dich als Chef eines führenden Rettungwestenherstellers quasi automatisch für eine solche Pflicht aussprichst.

Also, zunächst einmal bin ich Segler – und ein Freund davon, dass jeder ein eigenes Sicherheitsbewusstsein entwickelt und entsprechend entscheidet, welche Rettungsgeräte an Bord sein sollen und wer sie wann trägt. Natürlich fände ich es gut, wenn jeder Secumar-Rettungswesten trägt, und das zu jeder Zeit. Aber das ist natürlich unrealistisch. Nun möchte man, wie Du schon sagst, denken, dass ich ein Befürworter der Ausrüstungspflicht bin. Dem ist aber gar nicht so. Ich bin überhaupt kein Freund davon, Freizeitskippern so etwas gesetzlich vorzuschreiben.

Tatsächlich gibt es Länder wie Frankreich, wo eine Ausrüstungspflicht eingeführt wurde. Je nachdem wie weit man von der Küste weg ist, muss man für jedes Crewmitglied eine 100- oder 150-Newton-Weste an Bord haben. Das führt dazu, dass manche Anbieter – ich nenne diese Produkte immer „Sitzkissen mit Rettungswestenzulassung“ – so etwas für möglichst kleines Geld verkaufen. So werden zum Beispiel Fünferpacks angeboten, große Tüten mit einem Stapel Sitzkissen drin. Die allerdings kann man kaum am Körper haben, weil sie wie Klötze sind. Die wandern dann in die Backskiste und niemand zieht sie an. Im Notfall sind sie also kaum greifbar.

Durch diese Pflicht wird die Sicherheit nicht erhöht, sondern eigentlich sogar verschlechtert. Denn wenn so eine Regelung kommen sollte, sinkt das Sicherheitsbewusstsein an Bord. Man hat ja seine Pflicht erfüllt, hat so ein Fünferpack gekauft und setzt sich mit der Thematik nicht mehr auseinander.

float: Am Ende besteht also die Gefahr, dass weniger Rettungwesten getragen werden, weil man sie nur haben und nicht tragen muss?

Genau.

float: Da würde dann ja eine Tragepflicht sinnvoll sein, oder?

Man sollte immer eine Rettungsweste tragen, wenn man aufs Wasser geht. Das ist meine Meinung. Eine Tragepflicht ist meines Erachtens aber nicht umsetzbar. Denn die könnte dazu führen, dass die Leute nur noch die Westen anziehen, wenn irgendwo am Horizont die Wasserschutzpolizei auftaucht. Dann laufen alle schnell unter Deck und kommen mit Westen wieder raus. Sowas erhöht weder die Sicherheit noch das Sicherheitsbewusstsein.
Dazu kommt: Wo fange ich mit der Pflicht an? Wo höre ich auf? Muss man erst draußen auf See die Weste tragen oder bereits, wenn der Motor läuft? Oder sogar, sobald ich an Bord bin? Was passiert beispielweise, wenn ich am Ankerplatz bin? Ich finde das in der Praxis sehr schwierig. Wie soll man das durchsetzen, und wer soll es kontrollieren?

float: Während der teilweise sehr emotional geführten Diskussion um den BSU-Bericht wurde auch gefragt: „Ab welcher Windstärke trägt man eine Weste?“. Wie siehst Du das?

Das halte ich ehrlich gesagt für unsinnig. Wasser kann immer gefährlich sein, unabhängig von Wind und Welle. Ich halte auch nichts von der Aussage: „Wenn ich Ölzeug anziehe, dann ziehe ich auch eine Rettungsweste an.“ Man muss sich klar machen, dass die wenigsten Leute über Bord gehen, wenn schlechtes Wetter ist. Denn dann sind die meisten vorsichtig, picken sich ein und nehmen die Situation ernst, passen also gut auf. Die meisten Menschen gehen über Bord, wenn sie unachtsam sind. Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen: Sie rutschen aus, stolpern an Deck oder bekommen etwas an den Kopf. Es kann aber auch andere Ursachen geben: Herz-Kreislauf-Schwäche etwa oder andere gesundheitliche Gründe, sodass man das Gleichgewicht verliert. Und nicht zu unterschätzen: das medizinische Phänomen Miktionssynkope. Viele gehen tatsächlich beim Wasserlassen über Bord.

float: Was ist also deine Empfehlung?

Ich denke, dass wir in Deutschland ein ziemlich gutes Sicherheitsbewusstsein haben. Aber natürlich ist es so, dass viele an Bord an heißen Tagen gar nichts mehr anhaben bis auf Badekleidung, auch wenn man mit dem Boot an den Küsten unterwegs ist. Aber grundsätzlich: Wenn ich an die Ostseeküste oder auch die Nordsee denke, tragen doch viele, die dort unterwegs sind, eine Rettungsweste. Ich würde keine gesetzliche Pflicht erlassen sondern denke, dass man mit dem Thema Prävention viel mehr erreichen kann. Bei den Führerscheinausbildungen oder im Rahmen der Vereinsarbeit könnte man auf dem Gebiet sehr viel machen. Auch auf anderen öffentlichen Veranstaltungen, wo aktiv informiert werden kann. Vor allem, wo man praktisch informiert wird, man auch mal eine Weste anzieht und erfährt, wie sie funktioniert. Wie ich zum Beispiel die Lifeline richtig anbringe oder wie der Schrittgurt eingestellt wird.
Ich denke, Prävention ist der Schlüssel. Es wird zwar nicht umsetzbar sein, im Rahmen einer Führerscheinausbildung mit Rettungswesten ins Schwimmbad zu gehen. Es gab zwar in der Vergangenheit schon einige Veranstaltungen und es gibt sie auch noch heute, aber wenn man so etwas systematisch umsetzt, vielleicht sogar mit den großen Verbänden, kann man sicher sehr viel erreichen.

float: Benjamin, herzlichen Dank für das Gespräch!

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