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Jens Brambusch Manchmal hilft beim Ankerlichten nur ein Sprung ins Wasser © Jens Brambusch
Ankern

Das kleine Anker-ABC (2/2)

Segelaussteiger Jens Brambusch erlebt in Ankerbuchten manch Kurioses. Heute geht es um Sorgleinen, Zweitanker und Probleme beim Ankerlichten.

von
Jens Brambusch
in
7 Minuten

Unser guter Freund Jim, ein britischer Liveaboard, staunte nicht schlecht, als er eines Morgens in einer Ankerbucht erwachte und ziemlich dicht vor ihm eine türkische Segelyacht lag, die noch spät abends in die Bucht zum Ankern eingelaufen sein musste. Da war Jim längst im Bett. Nach einem Gin and Tonic am Abend pflegt er stets zu sagen: „9 o’clock is sailor’s midnight“ (21 Uhr ist des Seglers Mitternacht), um sich dann entspannt in die Koje zu begeben.

An diesem Morgen war Jim nervös wegen der Nähe der Yacht. Doch der türkische Skipper versicherte ihm, er könne nicht weiter auf ihn zutreiben. Er habe an der Mooringboje festgemacht. Komisch, dachte Jim, als er am Vortag in die Bucht kam, waren da keine Mooringbojen. Erst dann dämmerte ihm, woran die türkische Yacht festgemacht hatte: an seiner kleinen Ankerboje. Deren Sinn ist es, seinen Anker zu markieren, aber sicher nicht, anderen Yachten Halt zu geben. Zum Glück war es eine windstille Nacht.

ankern Boje
Den Anker mit einer Boje kennzeichnen © CC-BY 4.0

Die Ankerboje

In der Regel weiß der Skipper, wo sein Anker liegt und wieviel Kette er gegeben hat. Aber kommt ein anderer Skipper in die Ankerbucht, kann der nur schätzen, wo die anderen Anker liegen. Einige Skipper, so wie Jim, kennzeichnen mit einer Boje ihren Anker. Wichtig dabei ist, dass die Länge der Befestigungsleine zwischen Anker und Boje ziemlich exakt der Wassertiefe entspricht.

Ist sie zu kurz und der Anker wird leicht unter Wasser gezogen, wird die Ankerboje zu einer Gefahr für die Schraube jedes vorbeifahrenden Boots. Ist sie zu lang, ist sie nutzlos. Durch den Wind wird die Boje dann in Richtung des Ankerliegers getrieben und anderen Booten suggeriert, dass der Anker viel dichter an dem Boot liegt als in der Realität. Es ist quasi eine Einladung zum Ankersalat.

Ankern Sorgleine
Wirkung eines Reitgewichts auf eine Ankerkette oder Ankerleine © CC-BY 4.0

Um nicht jedes Mal die Länge der Leine von der Ankerboje an die Wassertiefe anzupassen, schwören einige Segler darauf, einen Umlenkblock an der Boje zu befestigen. Durch den läuft ein Seil, das an einem Gewicht befestigt ist. So wird die Boje, unabhängig von der Wassertiefe, immer über dem Anker gehalten.

Die Sorgleine

Die Ankerboje hat noch einen weiteren großen Vorteil. An ihr kann die sogenannte Sorgleine befestigt werden. Das ist ein dünnes Seil, möglichst stabil, zum Beispiel aus Dyneema, das am Kopf des Ankers angeschlagen ist. Verhakt sich der Anker am Grund, kann über die Sorgleine der Druck auf den Anker in einem anderem Winkel, als die Kette es tut, ausgeübt werden. So kann beispielsweise ein Anker, der sich unter einem Felsen verhakt hat, gelöst werden.

Wer keine Ankerboje verwendet, kann die Sorgleine auch direkt in der Kette verknoten. Die Leine liegt dann parallel zur Kette und stellt keine Gefahr für die Schrauben anderer Boote dar. Wichtig dabei ist, dass die Sorgleine länger als das Wasser tief ist. Bei einem festsitzenden Anker kann dann die Ankerkette so weit eingeholt werden, dass man zunächst die Sorgleine lösen kann.

Der Zweitanker

In Tidengewässern ist es unbedingt angebracht, einen Zweitanker auszuwerfen, da sich die Strömung beim Wechsel von Ebbe zu Flut ändert. Bei auflaufendem Wasser wird der Hauptanker gegen den Strom ausgebracht. Die Lehrmeinung ist, etwa die Hälfte der Kettenlänge zu geben und dann bereits in den Anker in den Grund einzufahren.

Erst dann wird die volle Kettenlänge gesteckt und der Zweitanker in der entgegengesetzten Richtung geworfen. Dreht der Strom und treibt das Schiff in die umgekehrte Richtung, gräbt sich der Zweitanker ein. Dann ist es auch an der Zeit, den Hauptanker zu lichten.

Ankern Schwoikrois
Der zweite Anker verkleinert den Schwoikreis © CC-BY 4.0

Wer bei viel Wind um seinen Anker schwoit, kann auch ein zweites Eisen setzen. Wie fast immer gibt es auch hier Befürworter und Gegner. Einigkeit besteht allerdings darin, wie der zweite Anker auszuwerfen ist: mämlich in einem Winkel von 30 Grad zum Hauptanker. Durch den zweiten Anker wird der Schwoikreis deutlich reduziert.

Er kann in einem zweiten Manöver ausgebracht werden, nachdem der Hauptanker eingefahren wurde oder anschließend mit dem Dinghi ausgebracht werden. In beiden Fällen ist es wichtig darauf zu achten, dass die beiden Anker sich nicht verhaken und einen herrlichen Ankersalat anrichten.

Den Anker einholen

Wie beim Ankermanöver ist das Ankereinholen ein Zusammenspiel zwischen Rudergänger und dem Crewmitglied an der Winde. Das zeigt dem Skipper per Handbewegung, wo der Anker liegt und gibt alle zehn Meter an, wieviel Kette noch im Wasser ist. Um die elektrische Ankerwinde zu entlasten, sollte der Skipper ganz langsam das Boot in Richtung des Ankers bugsieren, aber immer darauf achten, dass er den Anker nicht überfährt.

Anker Einholen
Zeichensprache beim Einholmanöver © Jens Brambusch

Wird über die Winde das Boot zum Anker gezogen, sollte der Skipper die Drehzahl im Leerlauf auf 1.500 bis 1.800 Umdrehungen erhöhen, damit die Maschine genügend Strom erzeugt. Sitzt der Anker fest, weil er sich sehr tief eingegraben hat, sollte der Skipper versuchen, ganz sachte den Anker etwas zu überfahren. Damit bricht er aus dem Grund aus. Hilft auch das nicht, muss wieder etwas Kette gegeben und in einem anderen Winkel angefahren werden – und das Ganze so lange wiederholen, bis sich der Anker freigeruckelt hat.

Anker unter Kette

Wer viel ankert, wird sich unweigerlich irgendwann einmal in einer anderen Kette verhaken. Ich hatte vergangenes Jahr dreimal in sieben Tagen das Vergnügen. Auch hier macht Übung den Meister. Zunächst einmal ist es wichtig zu wissen, wessen Kette man am Haken hat. Dazu muss zunächst der Anker so weit eingeholt werden, dass man die Laufrichtung der befreundeten Kette erkennen an. Am Mittelmeer ist das recht einfach, da das Wasser meist so klar ist, dass man mühelos zehn oder 15 Meter tief schauen kann.

Brambusch Anker unter Anker
Hat man die richtige Kette am Haken? © Jens Brambusch

Ist der Skipper an Bord, sollte man ihn bitten, einige Meter Kette zu geben, um die Arbeit zu erleichtern. Alles, was man dann noch braucht, ist ein Seil, das man um die Kette des anderen Boots legt und an der Klampe auf dem Vorschiff belegt. Dann fiert man die eigene Ankerkette so weit, dass man von Hand oder mit dem Bootshaken die andere Kette vom Anker heben kann. Dann den Anker sofort einholen. Das andere Boot kann jetzt seinen Anker wieder anspannen, der immer noch eingegraben sein dürfte.

Anker unter Anker

Etwas umständlicher ist es, wenn beim Einholen als Beifang gleich der ganze Anker des Nachbarn mitkommt. Bei viel Wind ist das Manöver ziemlich tricky, vor allem für das Boot, das plötzlich keinen Halt mehr hat. Auch ist die eigene Ankerwinsch manchmal nicht kräftig genug, um zwei Anker, sobald die Schwerkraft oberhalb der Wasserlinie ihnen zusetzt, an Bord zu ziehen.

Dann muss entweder ein Crewmitglied mit Maske und Schnorchel in Wasser springen, um die Leine um den Anker zu legen, oder man nutzt das Dinghi. In jedem Fall müssen dann die beiden Enden der Leine an Bord gegeben werden. Von dort aus es einfacher, den schweren Anker des Nachbarn anzuheben, um den eigenen zu befreien. Sollte sich niemand an Bord der anderen Yacht befinden, sollte man so fair sein und warten – und gleichzeitig das andere Boot sichern.

Brambusch
Wenn Boote nahe beieinander liegen, können sich die Anker verheddern © Jens Brambusch

Australischen Freunden wurde vergangenes Jahr ein tolles Spektakel geliefert. Sie lagen vor Knidos, einer atemberaubenden antiken Stätte, ganz im Südwesten der Türkei, vor Anker. Die enge Ankerbucht mit weichem, sandigen Boden ist der ehemalige Hafen der Ruinenstadt. Vom Amphitheater aus beobachteten sie, wie eine Chartercrew sich abmühte, ihren Anker von dem des Nachbarn zu befreien.

Hafenkino vom Feinsten

Es war Hafenkino vom Feinsten, noch dazu in der schönsten vorstellbaren Kulisse. Dumm nur, dass die Australier nicht nur Zuschauer waren: Unfreiwillig wurden sie auch zu Protagonisten des Spektakels. Denn der Anker, von dem die Chartercrew sich so mühsam befreite, gehörte zu ihrem Boot.

Doch anstatt ihren Anker möglichst weit mit dem Dinghi hinauszufahren, auf dass er eine Chance hätte, sich wenigstens ein bisschen einzugraben, ließ die Crew ihn einfach plumpsen. Und das, obwohl die Yacht unter australischer Flagge bereits ziemlich dicht ans Ufer getrieben war. Und so wurde das genüssliche Hafenkino zu einem sportlichen Triathlon vom Amphitheater zum Ufer, einem Dinghi-Rennen und einem hektischen Ankermanöver in letzter Minute. Die Charteryacht war da längst auf See.

Brambusch macht blau
Beim Sprint mit dem Dinghi © Jens Brambusch

Anker sitzt fest

Es sind nicht nur andere Anker, mit denen sich das eigene Eisen verhaken kann. Die natürlichen Feinde eines jeden Ankerliegers sind Felsspalten, Mooringblöcke und Halteketten für Bojenfelder. Sitzt der Anker fest und alles Manövrieren hilft nichts, dann wohl dem, der lange die Luft anhalten kann oder über eine Tauchausrüstung verfügt.

Viele Segler schwören auf eine Mini-Tauchflasche mit Mundstück, die zumindest ein paar Minuten Arbeit unter Wasser ermöglicht. Sollte man den Anker beim Tauchen nicht frei bekommen, so ist es ratsam, zumindest am vorderen Ende des Ankers eine Leine zu befestigen, wenn man nicht bereits im Vorfeld an die Sorgleine gedacht hat.

Brambusch im Taucheranzug
Eine Tauchausrüstung an Bord ist nicht nur für Arbeiten am Rumpf sinnvoll © Jens Brambusch

Zurück an Bord ist es wichtig, zunächst viel Kette zu geben und die Sorgleine entsprechend auf der Klampe zu belegen. Dann heißt es, das Boot vorsichtig mit dem Heck über den Anker zu fahren, ohne dass die Schraube in Kontakt zu Kette und Leine kommen kann. Über die Sorgleine wird dann der Anker unter dem Hindernis hervorgezogen.

Einen Profitaucher engagieren?

Hängt der Anker auf sehr großer Tiefe fest, ist es ratsam, einen professionellen Taucher zu engagieren. Bei einem Charterboot sollte auf jeden Fall die Basis informiert werden, aber auch für andere Segler sind die Charterbasen ein guter Vermittler zu Tauchern. Der Spaß ist nicht ganz günstig. Immerhin muss der Taucher erst zum Ankerplatz gebracht werden. Das ist aber immer noch billiger als sich vom Anker samt Kette zu trennen. Dann werden aus ein paar hundert Euro gleich ein paar Tausend.

Trotz aller Widrigkeiten, die beim Ankern passieren können, ist es aber sicherlich die schönste und abwechslungsreichste Art, die Nacht auf einem Boot zu verbringen, fernab von teuren Marinas mit dem Charme von Campingplätzen. Und noch einen Vorteil haben Ankerplätze: Ist der Anker einmal vernünftig eingefahren, liegt ein Boot vor Anker bei Sturm sicherer als in vielen Häfen.

Das gilt zumindest für viele Stadthäfen am Mittelmeer, in denen es immer wieder zu katastrophalen Szenen kommt, wenn plötzlich – oder auch mit Ansage – heftige Winde auftreten. Der oft zitierte „sichere Hafen“ ist wird dann oft zur Falle. Nicht aber die Ankerbucht.

Lies mehr von Jens Brambusch auf float oder in seinem Blog Brambusch macht blau.

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