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Alle Elemente im Blick: Lehua Kamalu © Polynesian Voyaging Society
Offshore-Segeln

Lehua segelt nach den Sternen

Die hawaiianische Kapitänin Lehua Kamalu segelt mit dem Retro-Kat Hōkūle’a ohne Navigationsinstrumente ins polynesische Herz.

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4 Minuten

Zurück zu den Wurzeln. Der Zeitgeist hat das Wiederbeleben von Traditionen zur Chefsache erklärt. In Deutschland verfolgt man gespannt die Retro-Regatta Golden Globe Race und trägt Riemensandalen mit Korksohle, die vor 50 Jahren entworfen wurden. In Polynesien erinnert man sich an Tattoo-Motive, den Hula-Tanz und ans Navigieren auf dem Meer ohne technische Hilfsmittel. Auf Hawaii, dem nördlichen Außenposten Polynesiens, erforscht und lehrt Lehua Kamalu die „non-instrumental Navigation“ im Auftrag der Polynesian Voyaging Society (PVS).

Seit über 2.000 Jahren kreuzen die Polynesier auf ihren Zweirumpf-Kanus mit Besegelung zwischen ihren Inseln durch den Pazifik, nur Sonne, Mond, Sternen und Tieren nach. Das Navigieren ohne Karten, ohne Kompass, ohne Sextant und schon gar nicht mit GPS wird seit Generationen vom Großvater an den Enkel weitergegeben.

Dieses Navigieren ist keine Zauberei, sondern basiert vor allem auf permanenter Beobachtung der Umgebung. Wenn die Gestirne noch im gleichen Verhältnis zum Boot stehen wie 24 Stunden zuvor, hat man den Kurs gehalten. Wenn die Vogelschwärme das Boot im gleichen Winkel kreuzen, bestätigt das ebenfalls den Kurs. Schon bei der Routenplanung sollte man darauf achten, mit achterlichen Winden zu segeln, um nicht im Zickzack gegen den Wind den Überblick zu verlieren.

Crew
Die Crew lernt von den Alten © Polynesian Voyaging Society
Die allgemeinen Navigations-Regeln treffen auf die lokalen Besonderheiten der polynesischen Inselwelt. Unter welchen Windverhältnissen man über welche Riffkante hinwegsegeln kann, können einem nur die Alten verraten.

Mit Mau Piailug gegen Andrew Sharp

Wer die spirituelle Seite dieses kosmischen Wegfindens erfasst hat, erhält die Auszeichnung „Pwo“. Pwo ist kein schnödes Navigations-Patent, sondern eine Auszeichnung dafür, dass man den Anschluss an seine polynesischen Wurzeln gefunden hat.

Holzfigur
Tradition ist wichtiger als GPS © Polynesian Voyaging Society
Im Zuge der Kolonisierung drohte diese Kulturpraxis in Vergessenheit zu geraten. Dagegen gründete sich 1973 die Polynesian Voyaging Society. Sie ließ sich von dem Meisternavigator Mau Piailug unterweisen. Schon für die Rekonstruktion des zweimastigen Doppelrumpfkanus Hōkūle’a waren sein Kenntnisse unersetzlich. Die PVS konnte sich sonst nur auf alte Zeichnungen stützen.

Aber viel wichtiger war Mau Piailugs Bereitschaft, die alte Überlieferungskonvention zu durchbrechen und die Geheimschatulle der archaischen Navigation zu öffnen. Dank seines geteilten Wissens konnte die Hōkūle’a 1976 auf die Reise von Hawaii nach Tahiti gehen – so wie die Vorfahren 2.000 Jahre zuvor.
Floß
Reisen auf der Hōkūle'a: 3.000 Seemeilen ohne Kajüte © Polynesian Voyaging Society
Seit der Erfindung des Sextanten im 18. Jahrhundert hatte niemand mehr die Strecke auf diese traditionelle Weise bewältigt. Das alte Wissen wurde revitalisiert. Dreißig Jahre, nachdem Thor Heyerdahl mit der Kon-Tiki die historische Pazifikroute absegelte, und zehn Jahre, bevor Bruce Chatwin den Traumpfaden der Aborigines nachforschte, machten sich die Polynesier auf die Suche nach ihrem Pwo.

Emanzipierte Tradition

Wichtiger, als sich mit Thor Heyerdahl zu verbünden, war es ihnen, den Anthropologen Andrew Sharp zu widerlegen. Er sprach in den 1950ern den frühen Inselbewohnern die Fähigkeit ab, über längere Strecken als 300 Seemeilen gezielt navigieren zu können. Alles nur Blindflug und Zufall.

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Diesen Fehdehandschuh griff die Polynesian Voyaging Society auf und erbrachte mithilfe von Mau Piailug den Gegenbeweis. Die Hōkūle’a fand ihren Weg zielgenau ohne Navigationsinstrumente. Lehua Kamalu kontert Andrew Sharp: „Die Schnellstraße der Kommunikation ist heute das Internet. Für die Bewohner Polynesiens erfüllte die Funktion früher das Kanu!“

Frauen
Frauen schreiben heute die Tradition fort © Polynesian Voyaging Society
Frauen waren traditionell von der geheimwissenschaftlichen Segelpraxis der Polynesier ausgeschlossen. Die Wiederbelebung seit den 1970er-Jahren hat aber auch Frauen die Teilhabe ermöglicht. Die 1986 geborene Lehua Kamalu ist die jüngste Kapitänin in dieser wiedererstarkten Traditionslinie – und die energischste Botschafterin für das polynesische Kulturerbe des Segelns ohne Navigationsinstrumente.

Wo bricht der Sonnenstrahl, wo springt der Fisch

Als Kapitänin und Navigatorin auf der Hōkūle’a hat sie seit 2018 den Pazifik von Hawaii nach Kalifornien und bis nach Südafrika abgesegelt. Mit einer zehnköpfigen Crew aus Segelschülern wiederholte sie im Frühjahr 2022 die Initiationsreise der Hōkūle’a von Hawaii nach Tahiti, 3.000 Seemeilen in 20 Tagen ohne Navigationsinstrumente.

Die nächste Reise ist schon geplant. Drei Jahre lang wird die Hōkūle’a ab Frühjahr 2023 zwischen den Anrainerstaaten des Pazifik kreuzen und dafür werben, dass eine Rückbesinnung sehr wohl ein Fortschritt sein kann.

Lehua Kamalu
Kapitänin und Navigatorin Lehua Kamalu © Polynesian Voyaging Society
Kapitänin Lehua Kamalu glaubt nicht, dass das altertümliche Navigieren auf Segelschiffen je wieder eine ökonomische Rolle spielen wird. Sie sieht die Reisen der Hōkūle’a in einer viel philosophischeren Pflicht: „Wir sind längst gewohnt, nur noch in indirektem Kontakt mit unserer Umwelt zu stehen, über elektronische Geräte. Frag’ mich, wo ich bin, und ich zücke mein Smartphone.

Unser Navigieren ohne Instrumente verbindet den Menschen dagegen auf direktem Weg mit seiner natürlichen Umgebung. Wo bricht der Sonnenstrahl, wo springt der Fisch? Das bringt uns nicht nur zu unseren polynesischen Wurzeln zurück, sondern zu den Wurzeln des Menschseins generell.“

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