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Leo freut sich, an Bord des Schoners Martha zu sein und zu segeln © Leo Sampson
Refit-Projekt

Von Leibhölzern und Königsplanken

Leo plant die Aufteilung der Decksplanken, segelt Regatta und baut zwei Bugpoller – die Tally Ho kommt heute im Double Feature.

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7 Minuten

Ein Sturm mit Böen bis zu 45 Knoten pfeift über Port Townsend, als endlich das Yellow-Cedar-Holz für die Decksplanken der „Tally Ho“ geliefert wird. Es war ein Kampf, die Planken aus Kanada in die USA zu importieren: Aufgrund des Handels-Embargos für Kiefernholz aus Kanada können Privatleute es nur mit erheblichen Zollkosten einführen. Leo hat wieder einmal Glück. Mit Hilfe der Gemeinde und eines großen Holz-Importeurs gelingt es ihm, die Decksplanken relativ günstig nach Port Townsend zu holen.

Tally Ho
Leo im Sturm © Leo Sampson
Tally Ho
Petes Balanceakt © Leo Sampson

Teuer genug ist es trotzdem – aber eben gerade gut genug für Leo Sampsons Ansprüche. Und so lädt Pete mit dem Gabelstapler die langen Holzbündel vom Laster ab. Dabei muss er aufpassen, dass ihm die Bretter nicht vom Wind von der Gabel geblasen werden. Jetzt, da der Winter vor der Tür steht, ist es schon beruhigend, dass die Tally Ho in einer festen geschlossenen Halle steht.

Der 1909 gebaute Albert-Strange-Kutter, den Leo mit Holz-Schiffbauer Pete und vielen freiwilligen Helfern seit vier Jahren neu aufbaut, kann Schutz gebrauchen. Der provisorische Anbau an der Werkstatt in Sequim, wo die Crew bis zum Sommer gearbeitet hat, hätte dem Sturm womöglich nicht standgehalten.

Mit „Martha“ um die San-Juan-Insel

Bevor er sich an das Ausstraken der Decksplanken macht, kommt Leo endlich dazu, am Wochenende eine Regatta mit dem Schoner „Martha“ um die San-Juan-Insel zu segeln. Das Schiff ist noch zwei Jahre älter als die „Tally Ho“, aber in einem bemerkenswert gepflegten Zustand. Bei Skipper Robert ist sie seit bald 25 Jahren in den besten Händen.

Tally Ho
Skipper Robert auf dem Schoner Martha © Leo Sampson

Roberts Credo ist: traditionelle Werte für kommende Generationen erhalten. „Ich werde ärgerlich, wie viele dieser maritimen Schätze verkommen, weil sie nicht gepflegt werden“, findet er. „Dabei sind sie so wichtig für uns Menschen. Wir dürfen nicht den Bezug dazu verlieren, wo wir herkommen und wer wir sind.“

  • Leo SampsonSchoner Martha © Leo Sampson
  • Tally HoMarthas Galley … © Leo Sampson
  • Klassiker… und das Bad © Leo Sampson

Sein Schoner wurde von B. B. Crownenshield gezeichnet und 1907 auf der Bootswerft Stone in San Francisco gebaut. In den letzten Jahren hat das Holzschiff eine umfangreiche Rumpf- und Innenraum-Restaurierung erfahren. Dabei wurde viel Wert auf den Erhalt und – wo nötig – die Wiederherstellung des klassischen Stils gelegt. Heute sieht „Martha“ noch fast so aus wie zu ihrem Stapellauf vor 114 Jahren.

Leo Sampson
Hart am Wind © Leo Sampson

Zunächst zieht das Feld der Regatta-Teilnehmer unter Spinnaker bei ruhiger See Richtung Norden. Später brist der Wind auf und die Rückfahrt wird zu einem feuchten Vergnügen hart am Wind.

Bei Sturm wird das neue Holz eingelagert

Im Sturmregen wird das neue Holz eingelagert und Leo macht sich daran, das Deck zu planen. Zunächst fertigt er dünne Sperrholzschablonen aller seiner Teakbohlen an, um an Deck die Form und die Stöße der Leibhölzer (der Coverboards) und der Fischung (der Kingplanks) festzulegen. Die Leibhölzer (auch Schandeckel genannt) fassen die Decksplanken nach außen hin ein. Sie decken den Übergang vom Deck zum Rumpf ab.

Die Fischungen laufen in der Mitte des Decks vom Bug nach achtern. Sie werden aus hartem Teakholz gebaut, während die Decksplanken (die Strakes) aus dem Nadelholz der Yellow Cedar gefertigt werden.

  • Tally HoDas Leibholz, auch Coverboard genannt, wird markiert © Leo Sampson
  • Leo SampsonAnreißen der Decksplanken (Strakes) © Leo Sampson
  • KlassikerDichtung der Decksplanken © Leo Sampson

Das Deck der Tally Ho wird traditionell gelegt, also direkt auf die Decksbalken ohne Sperrholz-Zwischenlage. Dafür müssen die Planken entsprechend stark sein, denn sie werden wie die Außenhautplanken mit einer Kalfatnaht versehen und mit eingehämmerter Baumwolle abgedichtet. Darauf kommt eine Abdeckung aus moderner Dichtmasse wie MS Polymer. Leo Sampson verzichtet auf die traditionelle Dichtmasse Pech, das eher auf Arbeitsschiffen verwendet wird.

Wie die Planken bei der Tally Ho laufen

Decksplanken können entweder ganz gerade – der Mittschiffslinie folgend – verlegt werden, dann werden sie mit sogenannten Butten (den Nibs) in die Leibhölzer eingelassen. Damit die spitzen Holzenden nicht aufsplittern, werden sie abgesägt, so dass das etwa 3/4 Zoll (knapp 2 cm) breite Ende sauber in das Leibholz oder die Fischung eingelassen werden kann.

Die andere Methode ist mehr „Yachtstyle“. Hier ist der Verlauf der Decksplanken gekrümmt, parallel zum Verlauf der Außenhaut und Schandeckel. In diesem Fall laufen die Enden mit Butten in die Fischung mittschiffs.

Tally Ho
Der neue Decksplan © Leo Sampson
Klassiker
Das alte Deck der Tally Ho © Leo Sampson

Leo hat Fotos vom alten Deck der „Tally Ho“ gemacht, ein befreundeter Yachtkonstrukteur hat daraus eine Zeichnung angefertigt. Es ist nicht ganz gerade, aber auch nicht so gestrakt wie bei einer Yacht – es ist eher eine Mischung aus beidem.


zum Video


Entsprechend der Hölzer, die ihm zur Verfügung stehen, macht sich Leo seinen individuellen Decksverlegeplan daraus. Wichtig ist ihm dabei, dass die einzelnen Planken nicht zu breit werden, damit sie sich nicht verziehen. Außerdem sollen die Leibhölzer sauber „straken“, und auch die Lage der Schanzstützen und Poller will bedacht sein.

  • KlassikerLeo setzt Markierungen … © Leo Sampson
  • Leo Sampson… für die Planken aus Yellow Cedar © Leo Sampson
  • Tally HoLeo auf dem Gitterwerk der Decksbalken © Leo Sampson
  • Leo SampsonBlick vom Deck der Tally Ho aufs Hafengelände © Leo Sampson

Ausgehend von der längsten Planke, die vom Bug bis zum Heck durchläuft, hat er am Ende den Verlauf aller Hölzer angerissen, die das Deck der „Tally Ho“ bilden sollen – inklusive der Stöße auf den Decksbalken. Nun können die Decksplanken geschnitten werden.

Zwei starke Sampson-Pfosten

Nach so viel Designarbeit möchte Leo Sampson endlich wieder richtiges Holz in die Hand nehmen. Die Gelegenheit bietet sich schnell: Denn bevor das Deck gelegt wird, müssen noch zwei kräftige Bugpoller gebaut werden. Man nennt sie traditionell Bitts oder Samson Posts.

Tally Ho
Ein Sam(p)son-Post © Leo Sampson

In Anlehnung an seinen zweiten Vornamen macht Leo „Sampson Posts“ (Sampson-Pfosten) daraus. Sie dienen der Aufnahme des Bugspriets und als solide Belegpoller für die Vorleinen. Dafür müssen sie entsprechend stark ausgelegt sein und fest mit dem Rumpf verbunden werden.

Die Bohle, die Leo braucht

Leo benutzt dafür 16/4 Zoll (etwa 10 cm) starke Weißeiche. Dieses schwere und dauerhafte Holz lässt sich gut bearbeiten und nimmt keine Flüssigkeit auf. Er hat noch Reste aus seinem Holzkauf bei dem Duke vor zwei Jahren.

Leider zeigt sich nach dem Aufschneiden und Hobeln der beiden geeigneten Stücke, dass zumindest eines davon zu viel Splintholz hat und zu sehr von Ästen durchsetzt ist. Also macht er sich auf den Weg zu seinen Freunden von Eden Saw hinter der stinkenden Papierfabrik.

Tally Ho
Splintholz und Äste © Leo Sampson

Hier findet er die Bohle, die er braucht. Zurück in Port Townsend sägt, hobelt und zapft er die beiden Poller, bis sie passen. Unten im Rumpf kann er das Stück mit dem Splintholz (nachdem er die schlechten Stellen weggeschnitten hat) als Aufnahme und Verbindung zu den Bilgestringern verwenden. Um alles gut miteinander zu verbolzen, baut er sich noch einen Zugbohrer.

Dazu setzt er einen Fräskopf – mit der Schneidfläche zur Bohrmaschine hingewandt – auf eine Stange. Und lässt sie links herum laufen, damit er in den engen Raum zwischen Stringer und Außenhaut kommt. Es ist immer wieder erstaunlich, wie findig Leo ist und über welchen umfangreichen Maschinenpark er inzwischen verfügt.

  • Tally HoViel Arbeit für die Pfosten © Leo Sampson
  • KlassikerLeo im Kettenkasten © Leo Sampson
  • Leo SampsonDie Mitte ausgelotet © Leo Sampson
  • KlassikerDie Zapfenfräse © Leo Sampson
  • Leo SampsonDer Zugbohrer © Leo Sampson
  • Leo SampsonSauber eingepasst mit Dolphinite-Paste © Leo Sampson

So hat er am Ende aus drei Stücken Weißeiche von 10 x 18 cm Stärke eine solide Konstruktion gebaut. Diese ist in der Lage, die größten Kräfte direkt in den Schiffsrumpf einzuleiten. Über Deck ragen die Poller etwa 60 cm auf. Unter Deck laufen sie etwa einen Meter weit, bevor sie in das massive Träger-Querholz eingezapft sind. Viel präzise Bootsbau-Arbeit.

Hübscher Papagei zwischen vielen schönen Schiffen

Bei seiner Arbeit kann sich Leo über den Besuch von Papageiendame Pancho freuen. Sie sitzt stoisch auf ihrem Baum und schaut ihm zu. Man hat das Gefühl, dass beide dabei sehr glücklich sind, sich mal wieder zu sehen.

Um uns einen Eindruck von seiner neuen Umgebung zu verschaffen, zieht Leo mit der Kamera herum. Er zeigt uns, warum er sich in Port Townsend so wohl fühlt und weshalb die Umgebung ihn inspiriert. Hier ist der Travellift ständig unterwegs, und das ganze Freigelände steht voller interessanter Schiffe von der Superyacht bis zum schlichten Fischkutter. Es ist genau das richtige Ambiente für das Tally-Ho-Projekt.

Auch wenn Richard, Pete und Rowan in diesen beiden jüngsten Videos nicht vorkommen, waren sie nicht müßig. Im Hintergrund haben sie die ganze Zeit daran gearbeitet, Unterschläge und Schanzstützen zu bauen, um die Decks-Unterkonstruktion für das Plankenlegen vorzubereiten. Wir werden sehen, ob dieses Teilprojekt noch vor Weihnachten losgeht.

Tally Ho
Leo und seine gefiederte Freundin © Leo Sampson

Für die nächsten Videos verspricht Leo, von der Arbeit seiner fleißigen Helfer zu berichten. Und er verabschiedet sich, wie zu Anfangzeiten, mit seiner gefiederten Freundin auf der Schulter: „A huge thank you to everyone who supports the Tally Ho project. Cheers, I’ll see you in a couple of weeks.“ Wie auch wir mit unserem inzwischen 85. Bericht vom Refitprojekt „Tally Ho“.


direkt zum Video

Wer Leo Sampsons Refit-Projekt unterstützen möchte, folge diesem Link.

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