float Magazine

Annika Möslein ist im Team © Stefan Leitner / The Austrian Ocean Race Project
Offshore-Segeln

Lern das Beste von den Besten

Das Magenta Project fördert Seglerinnen weltweit durch Mentoring – mit den Besten der Welt.

von
Kerstin Zillmer
und in
8 Minuten

Annika Möslein gehörte zu den Auserwählten. Sie durfte als eine von fünf Frauen den Offshore-Racer „Scallywag“ nach dem letzten Volvo Ocean Race 2018 von Den Haag zurück in den Heimathafen nach Portugal segeln. Möglich gemacht hatte es das Magenta Project, das junge Frauen in ihrer Segelkarriere mit Mentoring unterstützen will – weltweit.

Die 24-jährige Bayerin brennt fürs Offshore-Segeln. Begeistert bewarb sie sich gleich nach der Überführung beim Mentoring-Programm des Magenta Projects und wurde als eine der ersten angenommen. Abby Ehler wurde ihre Mentorin und brachte Annika Möslein auf den richtigen Segel-Weg.

Annkia Möslein
Annika Möslein beim Training auf der Sisi © Stefan Leitner / The Austrian Ocean Race Project

Dieser Weg führt sie gerade wieder nach Den Haag. Diesmal auf der „Sisi“, der VO65-Segelyacht der österreichischen Kampagne The Austrian Ocean Race Project (TAORP), mit der Möslein Ende Mai beim Ocean Race Europe antritt. An Bord beim Offshore Team Germany, der deutschen Kampagne in der IMOCA-Klasse, ist übrigens Annie Lush. Sie hat das Magenta Project mitgegründet.

Auch die ehemalige Olympionikin im 470er, Elisabeth Panuschka, bewarb sich 2019 um einen Platz im Mentoring-Programm beim Magenta Project, nachdem sie mit Tutima am Fastnet Race teilgenommen hatte. Sie wollte unbedingt weiter Offshore segeln. „Die Pause zwischen dem olympischen Segeln und Tutima hatte mir gezeigt, dass ich nicht ohne Regattasegeln leben kann.“

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Elisabeth Panuschka
Elisabeth Panuschka 2015 in Aarhus bei der Open European Championship © Nikos Alevromytis

Von den Vorbildern lernen

Aber den richtigen Weg in der Segelkarriere einzuschlagen, ist nicht so einfach – und es braucht Rat und Anleitung. Das geht am besten mit den Besten. Also den Vorbildern, die die großen Rennen gesegelt sind, Teams um die Welt geskippert haben und Kampagnen geleitet. Denn positive Vorbilder helfen, über sich selbst hinauszuwachsen und die eigenen Träume zu realisieren.

Aber wer traut sich schon, einen Segelstar anzuschreiben oder sogar anzusprechen? Und besonders als Frau in der eher männerdominierten Seglerwelt? „Für mich war die größte Herausforderung, als ich nach England kam, dass ich nicht die nötigen Kontakte hatte. Deshalb war für mich der wichtigste Schritt zu lernen, wie man Leute, Boote und Teams findet“, erinnert sich Annika Möslein.

„Ich kannte natürlich die ganzen Namen: Abby Ehler, Dee Caffari, Annie Lush. Plötzlich dann mit diesen Stars des Offshore-Segelns in Kontakt zu treten, mit ihnen zu sprechen und von ihnen Input zu bekommen, war großartig“, schwärmt Möslein.

Träumen ist das eine, Navigieren das andere

Mit der Mentorin kann die Mentee, wie man die Lernenden nennt, ihre Ideen durchsprechen, egal wie weit diese in den Sternen liegen. Die Mentorin hilft, Pläne zu entwickeln, Hürden zu überwinden und Kontakte zu knüpfen. Netzwerken ist im Segelsport mit das Wichtigste. Es spielt keine Rolle, ob man am Anfang der Karriere steht, eine Stufe aufsteigen oder die Richtung ändern möchte.

„Ursprünglich war mein großer Traum, beim Ocean Race mitzumachen. Durch das Mentoring wurde dieser Traum zum ersten Mal greifbar. Zu träumen ist ja das eine, aber dahin zu navigieren das andere“, sagt Möslein.

Mit Abby Ehler hatte sie eine der vielseitigsten und erfolgreichsten Seglerinnen aller Zeiten an ihrer Seite, die an drei Volvo Ocean Races teilnahm.

Magenta Project
Annika Möslein und Abby Ehler © Magenta Project

Elisabeth Panuschka startete ein Jahr danach im Oktober 2019 mit Shirley Robertson als Mentorin. Als eine von nur vier Frauen gewann sie zwei Goldmedaillen bei olympischen Segelwettbewerben. Die Britin arbeitet hauptberuflich als Fernsehjournalistin bei BBC und CNN, wo sie über internationale Regatten wie den America’s Cup berichtet.

„Es war zu Anfang sehr aufregend, auf Englisch über Skype eine Beziehung aufzubauen, aber es hat sich schnell ganz leicht angefühlt“, erinnert sich Kommunikationswissenschaftlerin Elisabeth Panuschka. „Wir hatten gleich eine Vertrauensbasis, obwohl ich Shirley wegen der Pandemie leider nicht live treffen konnte. Bis heute kann ich immer auf sie zurückgreifen, wenn ich Hilfe brauche.“

Shirley Robertson
Mentorin Shirley Robertson © Magenta Project

In der Wirtschaft ist Mentoring etabliert

In der Wirtschaft ist Mentoring für Führungskräfte längst etabliert. Regelmäßig gute Ratschläge zu erhalten und gezielt herausgefordert zu werden, trägt entscheidend zum Erfolg bei. Als Mentee lernt man Selbstvertrauen und das richtige Handwerkszeug, um Führungsrollen zu übernehmen. Spezielle Mentoring-Programme, um weibliche Talente in Top-Führungspositionen zu bringen, gibt es viele. Vorbildliche Arbeit leistet in Deutschland die Europäische Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF).

Aber können Mentoring-Programme auf den Sport übertragen werden? In der 2019 durchgeführten Umfrage Women in Sailing Strategic Review des World Sailing Trusts, der Weltorganisation des Segelsports, wurde eins deutlich: Führungsqualitäten im Segelsport für Frauen müssen erst entwickelt werden. Neben der Weiterbildung von Trainerinnen und dem Aufbau eines Netzwerkes von weiblichen Führungskräften ist das Mentoring Programm ein wesentlicher Bereich, der dabei definiert wurde.

Und wie schaut es in Deutschland aus? Nadine Stegenwalner, Sportdirektorin im Deutschen Seglerverband (DSV) findet, dass das Mentoring-Programm des Magenta Projects eine großartige Initiative ist. „Es bietet eine hervorragende Plattform und gute, vielfältige Optionen für Seglerinnen“, so Stegenwalner gegenüber float. Bisher ist der DSV jedoch nicht involviert.

„Wenn sich eine sinnvolle Möglichkeit ergibt, bin ich – und ich denke, da spreche ich für den gesamten Verband – aber sehr offen für eine Zusammenarbeit.“ Weibliche Vorbilder gibt es in Deutschland wenige. „Tutima“ mit Kirsten Harmstorf Schönwitz am Ruder war in den letzten elf Jahren das einzige erfolgreiche Frauenteam im Offshore-Segeln.

  • Dee CaffariDee Caffari als Skipperin von Turn the Tide on Plastik beim Volvo Ocean Race 2018/19 Sam Greenfield © Volvo Ocean Race
  • Samantha DaviesSamantha Davies segelt die Vendee Globe 2020 © Sam Davies/Initiatives Coeur #VG2020
  • Carolijn BrouwerCarolijn Brouwer, Steuerfrau des Teams Dongfeng beim Volvo Ocean Race 2017 © Pedro Martinez/Volvo Ocean Race

Das Beste von den Besten

Und so hat alles begonnen. Es waren die Besten im Offshore-Segeln, die ihr Wissen und ihre Erfahrung weitergeben wollten. Nach dem großen Erfolg des Frauenteams SCA beim Volvo Ocean Race 2014/15 nutzten die Crewmitglieder Abby Ehler, Samantha Davies, Annie Lush, Carolijn Brouwer, Liz Wardley, Libby Greenhalgh und nicht zuletzt Dee Caffari das Momentum und gründeten das Magenta Project, um anderen Frauen den Weg ins Leistungssegeln zu erleichtern.

Liz Wardley
Liz Wardley gehörte zum Frauenteam SCA im Volvo Ocean Race 2014/15 © Magenta Project

Das Mentoring-Programm startete 2018 und ist mittlerweile eines der exponiertesten Programme des Segelsports. Aufstrebende Seglerinnen aus der ganzen Welt sind hier mit erfahrenen Mentorinnen aus der Segelwelt verbunden und stehen in ständigem Austausch miteinander. Gruppensitzungen und Netzwerkkontakte intensivieren das Lernen.

Entwickelt ist es für Seglerinnen, die von den olympischen Klassen – offshore oder inshore – auf ein Kielboot wechseln wollen. Oder die als Offshore-Seglerinnen in eine andere Klasse umsteigen oder sich auf eine bestimmte Regatta vorbereiten wollen. Oder die Yacht-Seglerinnen sind und an Foiling-Events, bei Match Races oder IRC-Rennen teilnehmen möchten. Auch Seglerinnen, die andere Frauen an die Spitze des Segelsports bringen möchten oder positive Veränderungen im Segelsport über ein maritimes Unternehmen oder eine andere Initiative fördern, gehören dazu.

Elisabeth Panuschka
Elisabeth Panuschka war Teil der Tutima-Crew © Felix Diemer

Elisabeth Panuschka weiß das zu schätzen: „Das Tolle ist, dass das Projekt die verschiedenen Arten von Segelsport abdeckt und so global aufgestellt ist, dass Teilnehmerinnen aus der ganzen Welt davon profitieren können. Als ich beim olympischen Segeln rausgefallen bin, war die Unterstützung durch das Magenta Project total gut, weil ich so wieder Mut gefasst habe. Mir wurde klar, dass in mir noch immer eine sehr gute Seglerin schlummert.“

Die beiden deutschen Mentees sind nicht Einzigen, denen das Projekt in ihrer Segelkarriere geholfen hat. Von den inzwischen über 100 Mentees sagen 92 Prozent, dass die neun Monate Mentoring sehr hilfreich für sie waren.

Die Vision von Vicky Ellis und Abby Ehler

Geleitet wird das Programm von Vicky Ellis. Die ehemalige Skipperin des Clipper Round the World Race mit einem Master in Maschinenbau arbeitete im Projektmanagement, bevor sie sich dem Segeln zuwandte. Als einzige weibliche Skipperin im Clipper Race 2013/14 führte Vicky ihr Team auf der „Switzerland“ sicher um die Welt. Und sie gewann mit jeder Etappe des Rennens an Vertrauen.

Magenta Project
Vicky Ellis © Magenta Project

Dank dieser Erfahrung weiß sie, was für die Mentees, die diesen Weg einschlagen möchten, wichtig ist. „Wenn man ein Mentoring erhält, fühlt man sich unterstützt, gestärkt und motiviert“, sagt sie. „Je mehr Seglerinnen das Mentoring-Programm annehmen, um zukünftige Talente zu entwickeln, je mehr es in Teams, Clubs und Organisationen eingebettet ist, desto unterstützender und fortschrittlicher wird unser Sport werden.“

Abby Ehler ist als Gründerin ein leuchtendes Beispiel dafür, dass mit etwas Planung alles möglich ist. Wenn sie nicht gerade Rennen fährt, kontrolliert sie hinter den Kulissen des America’s Cups und Sail GP den Datenstrom, der von den Booten zu den Fernsehübertragungen kommt.

Sie leitet die Mentorinnen des Programms an und zeigt ihnen, wie man sich selbst managt, um in einem herausfordernden sportlichen Umfeld zu bestehen.

Magenta Project
Abby Ehler © Magenta Project

Zehn Prozent der Mentoren sind männlich

„Eine gute Mentorin hilft ihrer Mentee dabei zu wachsen. Sie befähigt sie, ihre eigenen Stärken und Fähigkeiten zu entwickeln, ohne ihr feste Vorgaben zu machen“, erklärt Abby. Derzeit ist ein Zehntel der Mentoren männlich. „Zwar wünschen sich viele Mentees Mentorinnen als Vorbild, aber nicht in allen Ländern gibt es sie schon.“

Trotz der Covid-Beschränkungen hat das Magenta-Project-Team das Mentoringprogramm im letzten Jahr vorangetrieben. Digitale Plattformen wurden integriert. Eine der Pandemie-bedingten Entwicklungen sind erweiterte Networking- und Lern-Webinare online, die für alle aktuellen und ehemaligen Mentees und Mentorinnen zugänglich sind. Viele große Namen des Segelsports haben hierr Vorträge gehalten und ihre Ratschläge und Tipps angeboten. „Das ist eine unglaubliche Ressource für unsere Mentees und hat ihre Ambitionen wach gehalten“, sagt Dee Caffari. Das hat auch Annika Möslein sehr genutzt.

Magenta Project
Dee Caffari berät beim Kampagnenmanagement © Felix Diemer

Dee Caffari hat zum Thema Kampagnenmanagement vor einer Gruppe von Mentees aus der ganzen Welt gesprochen. „Es war großartig, einige meiner Erfahrungen und Top-Tipps einbringen zu können, um die zukünftigen Seglerinnen weiterzubilden“, sagt sie, „und sie auf die Projekte und Kampagnen vorzubereiten, die sie zum Erfolg führen werden.“

„Frauenförderung tut der Gesellschaft gut“

Ist der Erfolg des Projekts messbar? Vicky sagt dazu: „Wir messen wie Mentoringprogramme aus der Wirtschaft die Erfolgsquote von Mentorin und Mentee. Wir haben konstant hohe Erfolgsquoten um 80 Prozent. Das ist selbst für die Standards voll finanzierter Unternehmens-Mentoringprogramme großartig.“

Aber quantifizierbare Ergebnisse sind in diesem Segment schwer zu erheben. „Wir überwachen den Fortschritt über Feedback-Punkte. Da sich die Ziele der Mentees im Laufe der Beziehung häufig weiterentwickeln und viele Ziele über die neun Monate hinausgehen, ist es nicht einfach, den Erfolg zu messen“, weiß Vicky.

Für Annika Möslein war das Mentoring sehr erfolgreich. Sie will jetzt voll ins Offshore-Segeln einsteigen und zukünftig ihren PhD in Ingenieurwissenschaften mit dem Offshore-Segeln verbinden. „Ich habe schon für das Engineering-Team von SailGP gearbeitet und das hat mir extrem viel Spaß gemacht. Dafür hat auch Abby mir die Augen geöffnet.“

Das Magenta Project öffnet Türen

„Ich glaube, der größte Vorteil ist, wie viele Türen Dir das Mentoring öffnet“, sagt Annika, „sei es durch Kontakte, sei es durch die Fragen, die man stellen kann, und die Antworten, die man bekommt. Sei es, den eigenen Weg besser zu finden und den Traum Wirklichkeit werden zu lassen.“

Magenta Project
Annika Möslein ist dabei ihren Traum zu verwirklichen © Stefan Leitner / The Austrian Ocean Race Project

Ihre Mentorin Abby Ehler freut das sehr: „Ja, ich bin sehr stolz auf die Errungenschaften des Projekts. Die Sichtbarkeit des Frauensports nimmt zu. Frauensport wird global immer mehr gefördert, immer mehr Frauen treffen Entscheidungen. Das nützt nicht nur dem Sport, sondern der ganzen Gesellschaft“, ist sich Abby sicher.

Wer mehr erfahren und sich engagieren will, das Programm finanziell unterstützen oder sich als Mentee oder Mentorin registrieren möchte, findet alle Wesentliche auf der Website des Magenta Projects.

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