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Spannung vor dem Start zur zweiten Etappe © Mini Transat
Update Mini Transat 2021

Mini Transat, die Zweite

Heute starten 87 SeglerInnen zur zweiten Etappe über den Atlantik. Auf 2.700 Seemeilen entscheidet auch das Wetter, wer den Gesamtsieg ersegelt.

von
Kerstin Zillmer
in
6 Minuten

Heute, am 29. Oktober um 16 Uhr unserer Zeit, starten die 87 Seglerinnen und Segler des Mini Transat 2021 zur zweiten Etappe der Transatlantik-Regatta. Über insgesamt 2.700 Seemeilen segeln sie mit ihren Proto- und Serienbooten von Santa Cruz de La Palma nach Saint-François auf der anderen Seite des Atlantiks.

Entscheidend wird auch das Wetter sein, das Sebastian Wache für float kommentiert – und den deutschspachigen Seglern als Wetterrouting mit auf den Weg gibt. Dann komm ein Schock: Gut zwei Stunden vor dem Start gibt Lina Rixgens bekannt, dass sie nicht weitersegeln kann: Ihr Boot macht nicht mit.

2019 haben die Schnellsten zwölf Tage für die Passage von den Kanaren zu den Westindischen Inseln benötigt. In diesem Jahr ist der Passatwind derzeit sehr schwach. Um etwas Druck zu bekommen, müssen die Solosegler deshalb sehr weit nach Süden segeln und damit ihre Kurse verlängern. Sie werden frühestens nach 14 bis 16 Tagen im Ziel erwartet. Man kann also davon ausgehen, dass bei dieser Etappe mehr Ruhe einkehrt in das bisher so umstrittene Rennen.

Solidarität versus Sieg

Noch nie hat es in der 44-jährigen Geschichte des Mini Transats so viele Diskussion um das „richtige“ Verhalten während einer Regatta gegeben. Moral und Solidarität versus gewinnen und siegen, das war die Frage. International waren die Gemüter von Teilnehmern, Mini-Transat-Fans und Experten erhitzt und die Meinungen geteilt.

Andere, die diese Szene nicht kennen, waren fassungslos über die Diskussion und verstanden nicht, warum man einen klaren Sieg kritisch hinterfragt. Die Rede ist von Melwin Fink und seinem Rennen, das er als Erster mit 100 Seemeilen Abstand gewann – mit nur 19 Jahren, als erster Deutscher.

Melwin Fink
Melwin Fink mit Siegersekt © Mini Transat © Mini Transat

Aber der Reihe nach: Auf der ersten Etappe hatte die Rennleitung am 1. Oktober den Miniisten am Kap Finisterre wegen einer Starkwetterfront empfohlen, einen sicheren Hafen aufzusuchen. Sie hatte das Rennen nicht abgebrochen, denn in der Klasse der Prototypen waren die ersten vier Solosegler schon weit in den Atlantik vorgedrungen und nicht vom Sturm bedroht. Bei den anderen Teilnehmern – viele befanden sich noch rund um das Kap Finisterre – waren viele Segler betroffen.

Plötzlich für die Regeln selbst verantwortlich

Was tut man während einer Regatta im Atlantik, wenn die Rennleitung unklare Vorgaben über Funk macht, auch die Begleitboote nicht entsprechend kommunizieren, die Sturmfront naht und man sich untereinander mit den wenigen Kommunikationsmitteln an Bord behelfen muss, weil dies das Rennen so vorgibt?

Mini Transat 2021
Die letzen Seemeilen vor dem Etappen-Ziel © Mini Transat

Alle Teilnehmer versuchen, in dieser Situation Klarheit zu bekommen. Sie sprechen über Funk miteinander, durcheinander, die meisten auf französisch, manche auf englisch. Häfen aufsuchen war eine Empfehlung, nicht die Entscheidung. Aber welche Häfen, wann und wo? Einige Minis hatten im vorherigen Sturm Schäden an ihren Booten erlitten und konnten diese bei einem Hafenstopp besser beheben. Für sie war ein Zwischenstopp eine gute Empfehlung. So entschied sich der Großteil der Miniisten, gemeinsam zu stoppen und die nächstliegenden Häfen anzulaufen.

Solidarität unter Miniisten

Im Wesentlichen ging es bei dieser Entscheidung um die Sicherheit der MitseglerInnen. Es ging aber auch um ein faires Rennen, für dessen Regeln man plötzlich selbst verantwortlich war, weil die Rennleitung ihrer Aufgabe nicht gerecht wurde und keine klaren Vorgaben machte.

Auch wenn die Vorderen gut durch den angekündigten Sturm kämen, würden vielleicht die weiter Zurückliegenden nachziehen und in Gefahr geraten. Nicht alle hatten gleichermaßen gute und sichere Boote. Ein Unglück wollte man nicht riskieren, Safety first.

Auch Lennart Burke, der zu Beginn des Rennens auf Platz 4 lag und dessen Boot im Sturm am Bugkorb Schaden genommen hatte – den er schon auf See reparieren konnte – gehörte zu den solidarischen Miniseglern und steuerte einen Hafen an. Er erklärte float, dass der gemeinsame Stopp mitnichten eine Aktion von Weichlingen war, wie manche in den sozialen Medien behaupteten.

Einen anderen Weg gewählt

Bei einem Hafenstopp kommt nicht nur der gerade gefundene Rennrhythmus wieder durcheinander. Auch das Anlaufen eines unbekannten Hafens ohne Motor ist eine risikoreiche Angelegenheit, bei der das Boot leicht Schaden nehmen kann. So kollidierte der älteste Teilnehmer bei der Einfahrt in den Hafen mit einem Felsen und musste das Rennen beenden.

Der junge Deutsche Melwin Fink und der Österreicher Christian Kargl, die mit ihren Pogos bei den Serienbooten angetreten waren, hatten einen anderen Weg gewählt. Sie waren weiter nach Süden gesegelt, hatten den Sturm fast hinter sich gelassen und gewannen: Melwin Fink mit 100 Meilen Abstand auf Platz 1 vor Christian Kargl, der auf Platz 2 ins Ziel kam.

Melwin Fink
Melwin Fink im nächtlichen Sturm © Mini Transat

Die Segelwelt war begeistert von der Leistung des jungen Miniisten, der entschieden auf Sieg gesetzt hatte. Darum geht es schließlich bei einer Regatta: das Rennen zu gewinnen. Während sich die Franzosen bei der Absprache vor dem Sturm bestens verstanden, beklagten die deutschsprachigen Segler Melwin Fink und Christian Kargl die schlechte Kommunikation. Sie sprachen sich auf deutsch ab und segelten weiter auf der Suche nach einem südlicher gelegenen Hafen.

Das große Protestieren

Aber der Sieg von Fink war getrübt. Denn die Solosegler, die die Flotte in der Serienklasse angeführt und dann gestoppt hatten, legten im Ziel Beschwerde ein. 19 Segler, unter ihnen auch Lennart Burke, forderten Zeitgutschriften, denn sie waren der Empfehlung der Wettfahrtleitung gefolgt und sahen sich damit um ihren möglichen Sieg betrogen.

Lennart Burke
Lennart Burke segelte in der ersten Etappe nach dem Start vorne mit © Lennart Burke Sailing

Die internationale Jury tagte online und entschied, dass alle bis auf die Prototypen an der Spitze, Melwin Fink, Christian Kargl und der Schotte Piers Copham, der den Sturm auf See abgewettert hatte, eine Zeitgutschrift von 24 Stunden bekommen sollten. Und wieder wurde eine unsaubere Entscheidung getroffen.

Christian Kargl hatte genauso wie andere einen Hafenstopp von 15 Stunden eingelegt. Man hatte ihn dazu gar nicht angehört, so wie auch Fink und den Schotten nicht. Eine alle gleichmachende Zeitgutschrift war außerdem unfair, weil manche SeglerInnen Reparaturen durchgeführt hatten, andere wiederum längere oder kürzere Hafenaufenthalte gemacht hatten.

Mini Transat 2021
Preisverleihung vor dem Start der zweiten Etappe © Mini Transat

Die Etappengewinner Fink und Kargl wurden also abgestraft, obwohl sie sich nach allen Regeln der Wettfahrt korrekt verhalten hatten, und legten ihrerseits Protest ein. Aber der wurde wie der Sturm von der Jury unsauber abgewettert.

Die Wogen vorerst geglättet

In einer nächsten Runde überdachte die Jury auch diese Entscheidung und gab am 23. Oktober bekannt, dass Boote entsprechend ihrer Rennzeiten abzüglich der Stoppover-Zeiten bei einem Maximum von 24 Stunden gelistet werden müssen.

Das Ergebnis in der umstrittenen Serienwertung ist nun: Melwin bleibt Erster mit zwei Stunden Zeitgutschrift, Zweiter ist der Franzose Hugo Dhallenne und Dritter Christian Kargl, der zwar eigentlich Zweiter wäre, aber nun von Platz vier wieder einen Platz aufrücken durfte und damit auf dem Treppchen steht.

Mini Transat
Alles offen: Die zweite Etappe ist doppelt so lang © Mini Transat

Im Hafen von Palma sind die Preise für die erste Etappe vergeben und die Wogen vorerst geglättet. Nun entscheidet die zweite Etappe, wer diese Mini Transat gewinnt. Klar ist schon jetzt: Das Mini Transat hat seine Unschuld verloren.

Das Wetter zum Start

Und wie sieht es mit dem Wetter? Es wird auf jeden Fall sehr spannend. Denn das Azorenhoch wird im Moment von reichlich Tiefdruckeinfluss bis vor die Kanaren gedrückt. „Mit dem Start heute nehmen sie noch den Rest an Wind mit, bevor das Hoch dann vollends die Kanaren erfasst und der Wind wegbricht“, prognostiziert Sebastian Wache von der Wetterwelt.

Kurz bevor die Segler ihre Handys abgeben müssen, hatte er noch einmal die Chance, mit den deutschsprachigen Seglern über das  Wetter zu sprechen und ihnen sein Routing mitzuteilen.

Sebastian Wache Wetterwelt Christian Kargl
Letztes Wetterrouting von Sebastian Wache vor dem Ablegen © Wetterwelt

Da sich aber gleichzeitig ein Tief bei den Kapverden austobt und ein weiteres von den USA her sich etwas weiter im Norden nähert, wird sich im Verlauf der kommenden Tage eine Tiefdruckrinne zwischen beiden Tiefs aufbauen. Und das mitten auf der Strecke einmal von Norden nach Süden.

Hier müssen die Segler den besten Korridor finden, der noch etwas Wind zeigt. „Ansonsten werden sie stark eingebremst und kommen auch so schnell da nicht raus. Ich sehe daher einen krassen Südbogen, den sie fahren müssen“, so Sebastian Wache.

Bis runter auf 18°N sollte es gehen, also knapp an den Kapverden vorbei. Der direkte Kurs nach Guadeloupe ist damit ausgeschlossen. Der Passatwind, den man auf der Strecke erwartet, wird sich erst leicht südlich der Kapverdischen Inseln zeigen. Auch von dort können die Miniisten sich erst wieder langsam nach Norden orientieren, wenn der Tiefdruckeinfluss nachgelassen hat.

Lina Rixgens segelt nicht weiter

Eine traurige Meldung aus deutscher Sicht kam gut zwei Stunden vor dem Start: Für Lina Rixgens wird es keine zweite Etappe beim Mini Transat geben. „Die letzten Tage waren ruhig“, berichtet die Seglerin: mit Überprüfung des Bootes, der Vorbereitung der Navigation und dem Einbau des verstärkten Rudersystems, das auf der ersten Etappe beschädigt wurde.

Lina Rixgens
Lina Rixgens muss aufgeben, ihr Boot macht nicht mit © Lina Rixgens Ocean Sailing

Lina Rixgens dazu: „Gestern, nur 24 Stunden vor dem Start, stellten wir bei der letzten Inspektion fest, dass sich der Bulb auf dem Kiel bewegte“, also das Gegengewicht, das ein Umkippen des Bootes verhindert. An Land nahmen sie und ihre Crew weitere Inspektionen vor.

„Wir konnten die Ursache des Problems feststellen“, so Lina, „aber nach einer nächtlichen Reparatur mussten wir heute Morgen leider feststellen, dass wir die Birne nicht zu 100 % reparieren konnten.“ Das Fazit: Gut genug für eine tägliche Fahrt, aber nicht, um ein Transatlantikrennen ohne Möglichkeit zum Anhalten zu überstehen.

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