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Autor Tommy Loewe am Steuer der Peter von Seestermühe © privat
Atlantiküberquerung

Mit dem Peter über den Atlantik

Tommy Loewe hat sich einen Traum erfüllt und den Atlantik überquert – auf einem 85 Jahre alten Klassiker.

von
Tommy Loewe
in
9 Minuten

Es ist auch heute noch etwas Besonderes, über den Atlantik zu segeln, vor allem mit einer klassischen Yacht. Ich musste 61 Jahre alt werden, um dieses Abenteuer zu erleben. Der Klassiker ist deutlich älter als ich: Ein zweimastiges Stahlschiff, 18 Meter lang, als Yawl getakelt, gebaut 1936 in Danzig im Stil der amerikanischen Ocean Racer. Kann man mit so einem alten Schiff heute noch risikolos die große Überfahrt machen? Ja, man kann, wenn ein Schiff wie dieses in einem erstklassigen Pflegezustand und entsprechend ausgerüstet ist.

Christoph von Reibnitz macht die Tour regelmäßig: Als junger Mann kaufte er vor 30 Jahren das Stahlschiff als „Peter von Danzig“ vom ASV Kiel, restaurierte es und benannte es um in „Peter von Seestermühe“. Bis heute lebt er von Chartertörns. Alle zwei Jahre nimmt er an der ARC von den Kanaren in die Karibik teil, fährt dort Charter und im Frühjahr die Nordroute über die Azoren zurück auf die Elbe.

Bild von dem Stahlschiff
Der Peter unter Vollzeug in der Karibik © Christoph von Reibnitz

Über den Freundeskreis klassischer Yachten lernte ich ihn kennen – und der Wunsch entstand, einmal dabei zu sein. Im April dieses Jahres war es endlich so weit. Für mich das erste Mal. Für Christoph mit seinem „Peter“, wie das Schiff bei Crew und Skipper genannt wird, bereits das 14. Mal.

Die Zeitreise beginnt in der Gegenwart: Morgens auf dem Hamburger Flughafen lerne ich einen Teil  meiner Mitsegler kennen: Jürgen, Zahnarzt, langjähriger Freund vom Skipper und die Ruhe in Person. Noch ein Jürgen, Tischler und mit dem Eigner verschwägert. Dann Dana, unsere Quotenfrau, Spezialistin für klinische Studien, die seit 24 Jahren Peter-Fan ist und jetzt den ersten großen Törn mitmacht.

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Segeln ohne Hilfsmittel

Ein halbleerer Air-France-Flieger bringt uns in neun Stunden vom kalten nordischen April in die karibische Tropenhitze. Bei der Landung sind wir einander schon gut vertraut. Zum Hafen ist es nicht weit. An der Pier holt uns Christoph mit dem Dinghi an der Pier ab, an Bord erwartet uns der Rest der Crew: Sven, IT-Mann aus Potsdam, immer gut drauf, und Uli, Steinmetz aus Süd-Deutschland, sonst auf echten Groß-Seglern unterwegs, wir sind komplett. Das erste Bad im Dunkeln in dem Badewannen-Wasser der St.-Anne-Bucht ist ein guter Einstieg.

Das Deck des Peters mit Sonnensegel
Vor Martinique unverzichtbar: das Sonnensegel © Tommy Loewe

Nach einem Tag Proviant fassen geht die Reise in die große Zeit der Atlantik-Racer auch schon los. „Der Peter“ sieht mit seinem eleganten Riss schon von weitem nach dieser Ära aus, als es weder Autopilot oder elektrische Winschen gab. Die hat das Schiff übrigens auch nicht, alles wird hier noch von Hand gemacht. Allerdings gibt es wie auf modernen Yachten eine Navigations-Elektronik, die dem heutigen Stand entspricht, mit GPS und Radar.

Und im Cockpit sind Speedometer, Windlupe und Echolot hinter einer hübschen Holzklappe mit Bullaugen verborgen. Aber wer mag, kann auch unter Christophs Anleitung den Umgang mit dem Sextanten üben. Unter Deck empfängt uns eine wohlige Club-Atmosphäre von warmem Holz, es gibt eine gemütliche Sitzecke um den großen Salontisch gegenüber der Pantry, wo man sich hinlümmeln kann.

Aber nie in nassem Ölzeug! Da ist der Skipper nämlich rigoros: „Salzige Kissen kannst du in deiner Koje trocken schlafen!“ Christoph hat Schiff wie Besatzung im Griff. Bei allen Manövern ist er an Deck und führt das Kommando. Alles läuft entspannt.

Bild von dem Skipper am Steuerrad
Alles im Blick: Skipper Christoph © Tommy Loewe

Der Kapitän hat es auch schon anders erlebt: „Kurz nach dem Start zur ARC unter Spi eine Patenthalse und der schwere Baum krachte in die Backstagen. Das hätte fast den Mast gekostet.“ Der Steuermann habe sich zwei Tage nicht mehr an Deck getraut … Schon gut: Ein Käpt’n muss auch mal auf der Palme sein, um seine Truppe im Griff zu halten, Hauptsache, er kommt wieder runter.

Bis zu zehn Knoten sind möglich

Bald bleibt das Land hinter dem Horizont zurück, es geht hinaus auf den Atlantik. Jetzt sind wir erst richtig auf See: Es gibt keinen Netzempfang mehr, die Handys werden weggelegt. Die Kommunikation mit den an Land Gebliebenen ruht. Der Peter erfordert jetzt auch einen Großteil unserer Aufmerksamkeit: Die ständige Bewegung im Schiff belastet den Organismus, einige Crew-Mitglieder sind sogar seekrank.
Auch der Wach-Rythmus muss sich erst einspielen: Ein Zwei-Wachen-System à drei Leute mit Vier-Stunden-Schichten ist bei der kleinen Crew ausreichend, zwei davon (eine oder einer aus jeder Wache) sind für die Backschaft zuständig: Jeden Tag zaubern sie unser Essen. Die Stauräume sind prallvoll mit reifen Mangos, Avocados, Tomaten – eine duftende Verheißung.

Später kommt auch frisch gefangener Fisch auf den Speiseplan. Es gibt sogar einen Kühlschrank, der seine Energie von der Propellerwelle bezieht. Die 16-Uhr-Kaffeerunde ist Pflicht, hier finden die Tages-Besprechungen statt.

  • Frischer Fisch an der AngelDer Barrakuda muss wieder über Bord © Tommy Loewe
  • Die Kafferunden an Deck ist PflichtKafferunde um 4 p.m. © Tommy Loewe
  • Die Cres sitz an Deck und trinkt KaffeAll Hands on Deck © Tommy Loewe

Der Skipper ist wachfrei und springt ein, wann er will. Christoph lässt dann auch mal jemanden, der eigentlich Wache hätte, schlafen. Er steuert immer noch gerne sein Schiff, und gesteuert wird immer. Das Wetter meint es gut mit uns, es weht konstant zwischen drei und fünf Beaufort, nie direkt von vorne. Die Yawl läuft unter Klüver, Fock, Groß und Besan brav ihre sieben bis acht Knoten, wie schon 1936. Der achtere Mast, Besan genannt, reguliert den Ruderdruck. Wenn es geht, werden auch Besan-Stagsegel und Spi gesetzt, dann kratzen wir schon mal an der Zehn-Knoten-Marke.

Unter dir 5.000 Meter Wasser, vor dir 2.500 Seemeilen Meer

Es ist ein unglaubliches Erlebnis nachts am Steuerrad zu sitzen: über dir das Sternenzelt, unter dir 5.000 Meter Wasser, vor dir 2.500 Seemeilen bis zum nächsten Land. Der Große Wagen steht senkrecht am Himmel, die Mondsichel liegt wie eine Schale da und achteraus verschwindet das Kreuz des Südens am Horizont, „La Paloma“ lässt grüßen.

In der Pantry wartet immer ein großer Teepott auf die Nachtwache. Einer steuert, einer relaxt und steht bei Bedarf für ein Gespräch oder die Tee- und Keks-Versorgung zur Verfügung. Man lernt sich wirklich gut kennen auf so einer Seereise. Keiner nervt, liegt es am Skipper oder am Schiff?

Ein Teil der Crew ist nicht zum ersten Mal dabei, und Christoph mit seinen 30 Jahren Erfahrung weiß mit Mitseglern umzugehen. Es herrscht überhaupt ein sehr lockerer Umgang an Bord, jeder kann tun und lassen, was er möchte, solange er seinen Wachpflichten nachkommt, nicht den Ablauf stört und sich an die Bordregeln hält.

  • BergemanöverPoB Manöver in der Bucht von St. Anne © Tommy Loewe
  • BergemanöverRetterin und Geretteter werden an Deck gewinscht © Tommy Loewe
  • Bei NachtKaribische Vollmondnacht am Steuer © Tommy Loewe

Die sind erträglich: Bei ruhigem Wetter gibt es tagsüber keine Rettungswesten-Pflicht, ein PLB (Personal Locating Beacon) am Gürtel ist allerdings immer zu tragen. Nachts und bei schwerem Wetter besteht Christoph auf Westen und Lifebelt. Das PoB-Bergemanöver wird noch am Ankerplatz mehrmals geübt, alle anderen Manöver unterwegs.

Da die Süßwasser-Reserven knapp sind, stellen wir um auf Atlantikwasser: Körperhygiene, Abwasch, sogar Zähneputzen funktioniert auch mit einer Pütz aus dem großen Teich. Zum Trinken steht im Cockpit ein Kanister („Hobbock“) mit Pumpe, aus dem sich jeder seine Trinkwasserflasche füllt, zwei Liter am Tag.

Müllentsorgung an Bord

Ausgeklügelt ist auch das Müll-Management: Alles Organische geht – wie schon vor 80 Jahren – über Bord, direkt zurück in den biologischen Kreislauf. Plastikverpackungen werden zerkleinert und in die leeren Hobbocks gestopft. Am Ende tragen wir fünf Hobbocks und eine Tüte Konservendosen im Zielhafen zum Müll-Container, das war’s. Fazit: Plastikverpackungen sind nicht ganz zu vermeiden, man kann sie aber sauber entsorgen. Wir haben im übrigen auf der ganzen Fahrt wenig Plastik im Meer gesehen, aber von anderen Seglern Horror-Stories über riesige Müllteppiche gehört.

Organischer Müll wird über Bord geworfen
Organischer Müll geht zurück in den Kreislauf © Tommy Loewe

Selten begegnen wir einem Schiff, häufiger dagegen Delfinen: Bis zu zehn Tiere kreuzen dann unseren Kurs, begleiten uns sogar ein paar Minuten, so als ob es ihnen Spaß macht. Das verfolgen alle mit Spannung – bis auf die Wache, die von 20:00 bis 0:00 und von 4:00 bis 8:00 Uhr Dienst hatte, die verschläft den Vormittag. Schlafen ist allerdings nicht immer einfach, denn das Schiff rollt mitunter heftig, so dass man entweder im Leesegel oder auf der Bordwand liegt. Trotzdem klappt es nachts gut mit den Wachen.

Dann läuft Peter aus dem Ruder

Das Steuern hilft dabei, sich wach zu halten. Leises Singen auch, aber irgendwann verschwimmen dann doch die Konturen auf dem Kompass und der Peter läuft aus dem Ruder. Dann ist es Zeit für einen Ruderwechsel.
Wir erleben Momente, die man an Land so gut wie nie erlebt: zum Beispiel den Übergang der Nacht in den Tag, die Morgendämmerung auf der Vier-Uhr-Wache. Wenn die Sonne dann am Himmel steht, gibt es Frühstück. Abends erleben wir spektakuläre Sonnenuntergänge und es kommt einem fast vor, als segle man mitten durch ein Gemälde.

Sonnenuntergang
Sundowner, wir segeln duch ein Gemälde © Tommy Loewe

Es ist ein schönes unbeschwertes Leben und man kann wirklich runterkommen und den Alltag hinter sich lassen. Es gibt auf unserer Überfahrt auch keinen Sturm oder Flaute, die an den Nerven zerren. Trotzdem muss jede Bewegung bedacht sein. Bei der Backschaft und bei jedem Schritt gleicht der Körper die Schräglage und die Schiffsbewegungen aus. An Deck bewegen wir uns in halb gebückter Haltung, Schwerpunkt so tief wie möglich, so können wir nicht tief fallen.

Wir segeln NNO-Kurs in einem großen Bogen, bis wir etwa auf der Höhe von New York sind, dann nehmen wir Zielkurs Ost, direkt auf die Azoren-Insel Faial zu. Zum Schluss dann mit Wind von achtern. Eine Halse mit ausgebaumtem Klüver auf der „Peter“ bedeutet, 16 Leinen bedienen inklusive der Backstagen – und auch der riesige Großbaum ist nicht zu unterschätzen.

Was macht den Klassiker aus

Ich glaube nicht, dass ich den Törn auf einer modernen Yacht so genießen könnte. Sicher ist so ein Katamaran aus GFK komfortabler, er fährt aufrechter, liegt ruhiger. Aber auf dem Peter fühle ich mich geborgen und umgeben von einem Schiff mit Geschichte. Der Blick in die Bilge zeugt von dem hervorragenden Zustand, in dem dieser über 80-Jährige ist.

Das Manövrieren mit dem ungewöhnlich schrägen, altmodischen Steuerrad hat Stil. Wenn man keine Lust zum Steuern hat, wird das Rad halt festgelascht (was selten geschieht). Mit der richtigen Segelstellung hält „der Peter“ auch alleine seinen Kurs.

  • Entspanntes Segeln an DeckEntspanntes Segeln © Tommy Loewe
  • Das Ruder wird fest gelaschtFestgelaschtes Ruder © Tommy Loewe
  • Der Peter segelt auf Horta zuHorta voraus © Tommy Loewe

Überall ist warmes Holz und jedes Detail ist durchdacht. Das fängt an mit den genialen Schlingerleisten am Salontisch über den großen Kühlschrank, die breiten Kojen, die man einem solchen Oldie gar nicht zutraut und in denen man wirklich seine Ruhe hat, bis hin zu der Wasser-Versorgung: Salzwasser aus dem Wasserhahn zum Abwaschen und sparsamer Gebrauch von Süßwasser über die Handpumpe zum Nachspülen. Der Großbaum ist riesig, das Groß auch. Trotzdem ist schnell ein Reff eingebunden. Nur die Halse mit den doppelten Backstagen ist mit Vorsicht zu genießen.

Dafür ist die Kuttertakelung mit Klüver und Fock umso einfacher zu handeln. Man merkt dem Schiff die lange Zeit unter nur einem Eigner mit vielen Ideen an. Ich würde einen Atlantiktörn auf dem Peter von Seestermühe mit dem Begriff „Ride in Style“ beschreiben. Es ist nicht wirklich luxuriös, eben Segeln im Stil der 1930er-Jahre, dennoch hat es uns unterwegs an nichts gefehlt.

Der Abschied fällt schwer

Im Morgengrauen des 3. Mai laufen wir nach 16 Tagen und Nächten auf See in aller Stille in Horta ein, der 1500 Meter hohe Vulkan Pico ist wie fast immer in Wolken verhüllt. An Land dürfen wir erst mal nicht, am Nachmittag holt uns ein Motorboot mit zwei Männern des Medical Team in weißen Schutzanzügen ab und bringt uns zum PCR-Test – nach 16 Tagen auf See! Erst am nächsten Morgen haben wir das Ergebnis: negativ, wen wundert’s.

Das Medical Team in ihren weißen Schutzanzügen
Das Medical Team © Tommy Loewe

Zurück an Land schwankt erst mal alles, doch es ist schön wieder festen Boden unter den Füßen zu haben. Das Auge erfreut sich nach 2 1/2 Wochen Blau in allen Schattierungen über die hellgrünen Hügel dieser Azoren-Insel. Der erste Drink im Café Sport, wo sich die Seglerwelt trifft, schmeckt richtig gut. Für mich ist es nun schweren Herzens Zeit Abschied zu nehmen. Noch ein Abend im Hotel in Lissabon und der Alltag in Hamburg, der mit fünf Tagen Quarantäne beginnt, hat mich wieder.

Für die liebgewonnene Crew heißt es zwei neue Mitglieder einarbeiten, einkaufen und weiter nach Nordosten gen Heimat zu segeln. Fast kommt bei mir ein Gefühl von Eifersucht auf: „Was denn, DER schläft ab jetzt in meiner Koje?!“

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