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IMOCA Boris Herrmann auf der Seaexplorer und Jeremie Beyou auf der Charal © Eloi Stichelbaut / polaRYSE / IMOCA
Offshore-Segeln

Neue Regeln für mehr Sportsgeist

Die IMOCA-Klasse überarbeitet ihr Reglement. Evolution statt Revolution verspricht Präsident Antoine Mermod.

von
Jan Joswig
in
4 Minuten

Noch vor dem Finale der Vendée Globe 2020/21 begannen die Vorbereitungen zur Vendée Globe 2024/25. Hinter den Kulissen hat schon seit letztem Herbst das technische Komitee, das 15 Teams vertritt, das Reglement für die IMOCA-Klasse überarbeitet. Die neuen Klassenregeln wurden am 15. April 2021 genehmigt.

Der grobe Rahmen wurde schon im August 2020 festgelegt. Aber die Ingenieure haben im ständigen Abgleich mit dem laufenden Rennen die Details erarbeitet. Fast 100 Stunden (Online-) Sitzungen gipfelten in dem Entwurf, der jetzt bei der Jahreshauptversammlung abgesegnet wurde.

„Es ist keine leichte Aufgabe, faire Regeln aufzustellen, die Raum für Innovationen lassen, aber gleichzeitig die bestehende Flotte unterstützen und das Budget unter Kontrolle halten. Die Sicherheit der Segler bleibt unsere Priorität. Wir haben es endlich geschafft, Regeln aufzustellen, die eine nachhaltigere Performance begünstigen und die Kreativität der Ingenieure und Teams fördern“, zeigt sich Antoine Mermod, Präsident der IMOCA-Klasse, zufrieden.

Pip Hare
Pip Hare segelte die Vendée Globe mit einem Segel, das zu 100 Prozent recyclebar war © Richard Langdon / Oceanimages

#1 Nachhaltige Performance

Bei allen Innovationen müssen Ingenieure, Sportler und Event-Organisatoren den CO2-Fußabdruck einberechnen. Die IMOCA-Klasse arbeitet seit Jahren an diesen Themen. Das neue Reglement legt einen entsprechenden Rahmen für die Teams vor.

1. Die Verwendung von Materialien aus biologischem Anbau wird begünstigt. Das betrifft alle Elemente des Bootes, die nicht strukturell sind und demontiert werden können (Kartentisch, Sitze, Kojen, Unterlegscheiben usw.). Dies war bereits bei Solarpanels, ökologischen Energiesystemen und wissenschaftlichen Instrumenten der Fall.

2. Bis 2023 muss jeder Teilnehmer ein „Grünes Segel“ unter den acht erlaubten bei den „IMOCA Globe Series Championship“-Rennen an Bord führen. Dieses Segel kann aus „alternativen“ Materialien hergestellt werden und/oder vollständig recycelbar sein. Pip Hare und Ari Huusela absolvierten die letzte Vendée Globe mit einem ISO-14040-zertifizierten Segel, das zu 100 Prozent recycelbar war.

3. Eine aktuelle IMOCA segelt dank Wasserstoffgeneratoren, Solarenergie und Windturbinen nahezu energieautark um die Welt. Der Dieselmotor wird aus Sicherheitsgründen beibehalten. Aber die Regeln ermöglichen es nun einem Team, eine Ausnahmegenehmigung zu erhalten, wenn es eine alternative Lösung für die Motorisierung vorlegt.

4. Alle Teams sind verpflichtet, eine Ökobilanz für den gesamten Lebenszyklus eines neuen Bootes oder bestimmter Teile (Standardteile, Rumpf, Deck, Ausleger, Ruder) zu erstellen. So werden vergleichbare Daten gewonnen, anhand derer der weitere Weg bestimmt wird, um den CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Hierzu arbeitet IMOCA mit einem technologischen Partner zusammen, der demnächst vorgestellt wird.

5. In der „IMOCA Teams Charta“ wurden sieben Punkte festgelegt, nach denen die Teams ihren Segelalltag ausrichten sollen. Vor allem werden die Teams aufgerufen, die Umwelt nicht unnötig zu belasten.

#2 Einschränkungen für die Foils

Die IMOCA-Regeln legen die Abmessungen und Leistungs-/Stabilitätskriterien für die Foils ebenso wie für die obligatorischen Standardteile wie Mast und Kiel fest. Bislang war die Größe der Foils nicht limitiert. Aber aus zwei wesentlichen Gründen wurde eine Begrenzung notwendig.

  • Vende Globe 2020Boris Herrmann / Seaexplorer © Boris Herrmann / Seaexplorer
  • Vende Globe 2020Jeremie Beyou / Charal © Christophe Favreau / Defi Azimut
  • Vende Globe 2020Charlie Dalin/Apivia © A. Beauge / Defi Azimut
  • Vende Globe 2020Alex Thomson / Hugo Boss © Jean-Marie Liot / PRB

1. Es soll ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Leistung und Sicherheit erhalten bleiben. Je größer die Foils sind, desto leistungsfähiger ist das Boot, aber desto mehr Verstärkungen sind erforderlich und desto schwerer und komplizierter ist es zu steuern, insbesondere einhändig.

2. Je größer die Foils sind, desto komplexer, teurer und langwieriger ist ihre Herstellung.

Das Reglement sieht eine Berechnungsmethode vor, mit der die Foils untereinander verglichen werden können. Die Rahmenbedingungen sind für alle Foils gleich, ihre Designs und Geometrien können sich individuell unterscheiden.
Bei der nächsten Vendée Globe kommen so Foils zum Einsatz, die immer noch relativ groß sind, vergleichbar denen der aktuellen Charal oder Hugo Boss, aber nicht größer.

#3 Erhöhte Sicherheit

Die letzte Vendée Globe kam ohne größere Unfälle aus. Das spricht für die enorme Zuverlässigkeit der Flotte. Dennoch verlor Kevin Escoffier sein Boot und drei weitere Segler gaben nach Kollisionen auf. Aufgrund dieser Erfahrungen hat man jetzt das Sicherheits-Konzept angepasst.

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Die PRB von Kevin Escoffier © Jean-Marie Liot / PRB

1. Die Sicherheitsausrüstung und ihre Verstauung wurden neu geregelt, um sie bei einer schweren Havarie effektiver einsetzen zu können.

2. Der Auftrieb ist von 105 Prozent auf 110 Prozent des Bootsgewichts erhöht worden. So können die Segler bei einem schweren Schaden länger an Bord bleiben.

3. Die Widerstandsanforderungen für kollisionssensible Partien an Rumpf, Foils und Kiel sind verschärft worden. Darüber hinaus hat sich in den letzten Monaten ein klassenübergreifendes Team über die nächste Generation von Kollisionsvermeidungs-Tools speziell für Rennyachten Gedanken gemacht.

#4 Boote mit verbesserter Performance

Um den Extrembedingungen in den südlichen Breiten besser gewachsen zu sein, wurde der Krümmungswinkel des Mastes nach achtern von vier auf sechs Grad erhöht. So können die Segel angemessener getrimmt werden. Technische Änderungen am Mast erlauben häufigeren und vielfältigeren Einsatz des Sturmsegels.

Seaexplorer
Der Krümmungswinkel des Masts nach achtern wurde erhöht © Yvan Zedda

#5 Der Kostenrahmen

Die Stärke der IMOCA-Klasse liegt in der großen Spannbreite zwischen den einzelnen Projekten. Um die Chancengleichheit zu erhalten, muss der Kostenrahmen eingegrenzt werden.

1. Die Bordelektronik spielt eine immer wichtigere Rolle für die Leistung. Deshalb darf hier kein zu großer Graben innerhalb der Flotte entstehen. Jeder Sensor, der mehr als 10.000 Euro kostet, muss aus kommerzieller Produktion stammen und auf einer Liste stehen, die von IMOCA autorisiert wird. Die Liste kann mit der Zeit wachsen.

2. Die Anzahl an Segeln, die über den gesamten Zeitraum einer Kampagne genutzt werden dürfen, ist in Zukunft eingeschränkt, um so die maximale Nutzungsdauer während der Rennen zu gewährleisten.

3. Einige Regeln wirken sich auf die Konstruktion aus. Sie begrenzen die erlaubten Materialien (Schaumstoffe, Nomex …) und den Einsatz von Carbon, um Produktionszeiten und -kosten zu reduzieren.

4. Mehrere Elemente sind künftig standardisiert, um Forschung und Entwicklung innerhalb der Teams zu vereinfachen. Das betrifft den Mast und den Kiel samt Gestänge. Außerdem werden der Baum und das stehende Gut standardisiert ebenso wie die Satellitenkommunikation via Iridium-Certus und Thales-Antenne außer im Ocean 5 Race.

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