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Nikki Henderson skippert Greta Thunberg auf La Vagabonde © The Clipper Race
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Nikkis „Way of Sailing“

Greta Thunberg befindet sich auf dem Weg zurück nach Europa in guten Händen: Ihre Skipperin Nikki Henderson ist ein Rising Star der Seglerszene.

Roland Wildberg
von in
4 Minuten

Wer ist die junge Seglerin, die Greta Thunberg an Bord der „La Vagabonde“ von Riley Whitlum und Elayna Carausu sicher über den herbstlichen Nordatlantik zurück nach Europa skippern wird? float hat über Nikki Henderson recherchiert – und einen Shooting-Star in der Seglerszene gefunden. Aber Nikki ist keine stahlharte Einzelkämpferin.

In einem Interview wurde die Britin einmal gefragt, ob sie demnächst auch als Einhandseglerin auftreten werde. Nikkis Antwort: „Wenn ich jemals allein um die Welt segle, muss ich verrückt sein!“ Allein zu segeln sei nicht das, was sie begeistere. Sondern gemeinsam mit anderen – so wie jetzt wieder.

Für die Mannschaft da sein

Sie versteht sich vor allem als Skipperin, will also für eine Crew da sein und mit ihr über sich selbst hinauswachsen: „Ein Skipper ist mehr als nur ein Segler – es ist ein CEO, ein Elternteil und ein Freund.“ Segeln begann für sie als Freizeitbeschäftigung, wurde zur Leidenschaft und ist heute ihr Mittel, etwas zu bewegen in der Welt.

Nikki Henderson

Verlasse Orte und Menschen besser, als du sie vorfindest, ist Nikkis Botschaft © The Clipper Race

Ihr Motto ist: „Glück ist, wenn Gelegenheit auf Vorbereitung trifft.“ Das hat sie für sich selbst entdeckt, und sie will anderen dabei helfen, es ebenfalls für sich zu entdecken. „Mein Lebensziel ist es, Menschen zu vermitteln, dass sie unabhängig von Alter, Geschlecht, Hintergrund, Konfession – unabhängig von ihrem Label – außergewöhnlich sein können.“

Der Ozean als Plattform

„Ich bin eine für entweder alles oder nichts“, sagt sie von sich selbst. Seit ihrem 17. Lebensjahr hat Nikki Henderson, die heute in Southsea bei Portsmouth lebt, sich das Segeln als ihr Ein und Alles ausgesucht.

In knapp zehn Jahren Segeln ist sie zu beachtlicher Erfahrung gekommen. Aus ihren Äußerungen spricht eine Reife, die bei einer 26-jährigen Erstaunen abnötigt: „’Verlasse Orte und Menschen besser, als Du sie vorfindest‘ ist ein Zitat, das mich inspiriert hat“, schreibt sie zum Beispiel. „Der Ozean, der magischste und doch tückischste Ort der Welt, ist meine Plattform dafür. Er macht die Menschen nackt – er befreit sie von ihren Masken, und ihr wahres Ich tritt zutage. Nur mit der Zeit und Freiheit, die der Ozean ihnen schenkt, können Menschen mit Klarheit nach vorne schauen und erkennen, was sie wirklich im Leben wollen und was sie geben können.“

Nikki Henderson

Nikki Henderson skippert die Visit Seattle in Clipper Round the World Race © The Clipper Race

Skipperin der „Visit Seattle“

Dieses Statement skizziert bereits den „Way of Sailing“, wie er Nikki Henderson vorschwebt. Andere nennen es Teamgeist, Seemannschaft oder Gruppendynamik. Sie will gemeinsam mit anderen die Faszination des Sports nicht nur auskosten, sie will auch zu Höchstleistung anspornen und Selbstvertrauen wecken. Die Dynamik, Teil einer Mannschaft zu sein und Menschen zu treffen, das bringt Nikki zum Segeln.

So begeistert sie sich für das „Clipper Round the World Race“, das seit 1996 alle zwei Jahre internationale Amateur-Mannschaften mit professionellen Skippern zusammenbringt. Auf dem zermürbenden Rennen über alle Weltmeere werden aus den zusammengewürfelten Crews eingespielte Teams. Zwölf identische Schiffe wetteifern auf insgesamt vierzehn Etappen um den Titel. 712 Menschen aus 41 Ländern waren 2018 dabei, und auch Nikki Henderson als Skipperin der „Visit Seattle“.

38.000 Meilen mit 22 Jahren

Sie bezeichnet sich als „Frau in einer Männerwelt“ – doch Segeln ist längst keine reine Männerdomäne mehr. Nikki Henderson bewegt sich wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser: Immerhin siegte beim „Clipper Round the World Race“ die Australierin Wendy Tuck, als erste Frau überhaupt. Und Nikki belegte mit ihrer Crew den zweiten Platz. „Ich bin gestartet, um gut zu sein – aber ich dachte nicht, dass es möglich wäre, den zweiten Platz zu belegen.“

Nikki Henderson

Wendy Tuck und Nikki Henderson © The Clipper Race

Noch dazu gewann sie als jüngster Skipper in der Geschichte dieser Regatta. Vor Henderson war das kein geringerer als Atlantik-Pechvogel Alex Thompson gewesen, allerdings 20 Jahre zuvor. Schon vor dem Rennen war ihr privater Meilenzähler bei 38.000 angelangt. Drei ARC-Teilnahmen trugen dazu bei, davon zweimal ausgezeichnet mit dem „Youngest Skipper Award“. Auch die Küstenregatta „Caribbean 600“ und zwei Fastnet-Teilnahmen als Co-Skipper zahlten aufs Meilenkonto ein – nicht übel für eine 24-jährige. Angefangen hat Nikki wie viele mit Hafen-Transfers und Überführungstörns.

Segelschule in Colorado

Dann ging sie nach Colorado – aber nicht zum Skilaufen wie die Snobs, sondern um mitten in den USA eine Segelschule zu gründen. Und auch nach dem triumphalen Zieleinlauf des „Clipper Race“ in Liverpool bleibt Nikki auf Kurs: Als erste Gast-Skipperin an Bord der 40 Jahre alten 58-Fuß-Rennyacht „Maiden“. Als „Disque d’Or“ war das Schiff 1982 beim Whitbread-Round-The-World (heute The Ocean Race) als viertes ins Ziel gekommen.

Das zweite Leben des ehemals schweizerischen Regattaboots, das der renommierte Designer Bruce Farr zeichnete, ist mindestens ebenso turbulent: Seit 1988 heißt es „Maiden“ und fährt mit reinen Frauen-Crews um die Welt. Ursprung war die Idee von Tracy Edwards, erstmals mit einer hundertprozentig weiblichen Mannschaft an der Whitbread-Regatta teilzunehmen.

Nikki Henderson

Nikki Henderson © The Clipper Race

Skipperin auf der „Maiden“

Seit September 2018 ist die Aluminiumyacht nun die Basis für das internationale Hilfsprojekt „The Maiden Factor“ auf dreijährigem Weltumsegelungs-Törn. Das Ziel: Auf den Etappen unterwegs sollen weibliche Crews ausgebildet und Spenden zur Bildung von Mädchen weltweit eingeworben werden. Und Nikki bestand mit ihr die Feuerprobe: den Überführungstörn von Southampton nach Sri Lanka.

Zuletzt nahm sie – natürlich erfolgreich – an der Extrem-Regatta Race to Alaska teil, bei der außer Segeln nur Muskelkraft erlaubt ist und die vor allem als Selbsterfahrungstrip berüchtigt ist.

Nikki Henderson

Sail like a girl beim R2AK © Katrina Zoe Norbom

Mehr aus dem Leben machen

Sie selbst sei eine „Fallstudie“ dafür, mehr aus dem eigenen Leben zu machen, als man selbst zuvor für möglich gehalten hätte. „Einer meiner Gründe, hier zu sein: Ich will junge Leute und Frauen inspirieren.“ Ihr wichtigster Rat an ihre Crew lautet stets: „Erwarten Sie, dass Sie während des Rennens an Ihre körperlichen und geistigen Grenzen stoßen. Die Belohnungen kommen, wenn man diese Grenzen überschreitet.“ Wir werden noch von ihr zu hören bekommen, so viel ist jetzt schon sicher.

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