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Anastasiya Winkel und Luise Wanser bei den olympischen Spielen in Tokio 2021 © Sailing Energy / World Sailing
Ukraine-Krieg

Olympiaseglerin wird Fluchthelferin

Die ukrainische 470er-Olympia-Seglerin Anastasyia Winkel hilft bei der Flucht aus der Ukraine. Im float-Interview erklärt sie, wie.

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5 Minuten

Anastasyia Winkel bereitet sich auf Mallorca gerade auf den Princesa Sofia Cup im April vor. Letzten Sommer hatte sie mit Luise Wanser im 470er bei den Olympischen Spielen in Tokio den sechsten Platz erstritten.

Seit sechs Jahren lebt die 28-jährige Ukrainerin in Kiel, seit vier Jahren ist sie mit Malte Winkel verheiratet, mit dem sie bei den Olympischen Spielen 2024 in der neuen Disziplin 470er Mixed antreten will. Aber im Moment ist das Segeln für sie zweitrangig.

Sie ist zur Fluchthelferin für ihre Freunde und Kollegen geworden und verbringt jede freie Minute damit, Menschen in Sicherheit zu bringen. Wir haben gestern Abend mit ihr darüber gesprochen.

float: Anastasiya, kannst Du in dieser Sitution überhaupt trainieren?

Anastasiya Winkel: Es ist nicht einfach, aber ich habe nicht die Wahl. Das Segeln ist meine Arbeit. Ich bin bei der Bundeswehr, damit verdiene ich mein Geld.

Anastasiya Winkel
Beim 470er World Championship in Vilamoura, Portugal 2021 © Uros Kekus Kleva

Wie verbringst Du im Moment Deine freie Zeit, wenn Du nicht auf dem Wasser bist?

Ich kümmere mich um viele Freunde, Bekannte und deren Freunde und helfe ihnen bei der Flucht aus der Ukraine. Viele von ihnen kenne ich vom Segeln.

Du bist jetzt mehr Fluchthelferin als Seglerin?

Ja, ich sehe das gerade als Priorität. Ich weiß, wie wichtig es jetzt ist, Menschen zu helfen. Und wenn es von mir abhängt, wie das Leben von Freunden und Bekannten weitergeht, dann fühle ich mich für sie verantwortlich. Das Segeln ist deshalb gerade nicht ganz so wichtig.

Wie unterstützt Du Deine Leute?

Freunde und Familien aus meiner Zeit in der Ukraine haben mich über Messengerdienste kontaktiert und mich gefragt, ob ich ihnen helfen kann. Ich habe schon acht Familien in Kiel und Umgebung untergebracht. Gleichzeitig haben mich Freunde vom Segeln angesprochen und gefragt, wie sie helfen können. So konnte ich Menschen vermitteln und zusammenbringen.

Wie genau machst Du das?

Ich habe die Fluchtwege organisiert, Flüge gebucht, ihnen erklärt, wie und wo sie über die Grenze kommen. Einige sind mit dem Auto gefahren und ich habe ihnen die richtigen Strecken genannt. Manche von ihnen sind noch nicht so oft im Ausland gewesen und kannten sich mit den Zugverbindungen nicht aus. Auch da habe ich unterstützt.

Die meisten konnte sie in Kiel unterbringen

Die meisten konnte ich bis jetzt in Kiel unterbringen. Hier kenne ich mich ein bisschen aus bei den Hilfsangeboten. Jetzt sind die Familien in Deutschland in Sicherheit, und ich helfe ihnen, sich anzumelden, finanzielle Hilfe zu beantragen. Heute habe ich neue Anfragen von weiteren sechs Familien bekommen und suche für sie Unterkünfte.

Von wem genau bekommst Du Unterstützung?

Anastasiya WinkelAnastasiya Winkel © German Sailing Team Ich hatte auf Instagram eine Story gepostet, auf die viele Leute geantwortet und ihre Hilfe angeboten haben. Anna Markfort hat ein Zimmer in ihrer Wohnung angeboten. Meine Yogafreundin hat Plätze angeboten und ich konnte eine Familie mit sechs Personen unterbringen.

Ein Mitarbeiter meines Vereins NRV hat mich kontaktiert und gesagt, dass er ein Haus habe, wo Geflüchtete unterkommen können. Meine Ex-Steuerfrau ist mit ihrer Tochter und deren Mutter dort eingezogen. Erik Heil hat seine Ferienwohnung angeboten.

Hast Du Unterstützung bei der Koordination, oder machst Du das alles alleine?

In Strande sind sehr viele Leute organisiert, es gibt eine WhatsApp-Gruppe „Wir helfen gemeinsam“ mit knapp 100 Leuten, die koordinieren, wer was braucht: Versorgung, medizinische Unterstützung, Behördengänge. Da bin ich beruhigt, dass die Leute, die ich unterbringen konnte, gut versorgt sind. Die Kinder sind heute schon zur Schule gegangen.

Die Koordination mit den Freunden und Bekannten mache ich zur Zeit noch alleine. Heute haben wir frei vom Segeln und ich habe den ganzen Tag organisiert.

Wenn Dich Menschen unterstützen wollen, was können sie tun?

In erster Linie fehlen mir Unterkünfte, wo Leute erst mal unterschlüpfen können. Wohngeld können sie erst beantragen, wenn sie eine Wohnung gefunden haben, und das geht ja nicht von heute auf morgen.

Alle, die ich kenne, möchten gerne in der Stadt wohnen, wo sie arbeiten können. Niemand möchte einfach zu Hause sitzen und Geld bekommen, sie wollen alle etwas tun.

Deine Familie befindet sich in der Ukraine, in der Provinz Luhansk. Wer ist dort und wie geht es ihnen?

Meine Mutter und meine Oma sind dort und es geht ihnen soweit gut. Das Leben ist nicht einfach. Es gibt nicht jeden Tag Strom und nur jeden zweiten Tag Wasser. Die Preise sind sehr gestiegen und die Rente reicht nicht mehr aus. Ich kann meine Mutter nicht nach Deutschland holen, weil meine Oma schon sehr alt ist.

Die Oma will nirgendwo anders hingehen

Sie wird dieses Jahr 90 und sie möchte nicht mehr woanders hingehen. Deshalb bleibt meine Mutter bei ihr. Sie ist eine sehr qualifizierte Osteopathin und könnte sicher hier in Deutschland gut arbeiten. In der Ukraine verdient sie im Moment nichts.

Du hast auch einen 26-jährigen Bruder, der in Kiev lebt. Weißt Du, ob er dort kämpft?

Nicht wirklich. Er hat mir gesagt, dass er es nicht tut. Doch er meldet sich nicht so oft. Er sagt, dass die Supermärkte leer sind. Er steht früh auf, um Schlange zu stehen für etwas zu essen. Er ist dort ziemlich auf sich gestellt und lebt alleine.

Anastasiya Winkel
Anastasiya segelte 2014 in Polen für die Ukraine © Marek Wilku

Du bist ja lange in der Ukraine gesegelt. Hast Du zu deinen Kaderfreunden noch Kontakt?

Ja, ich bin mit ein paar Leuten in Kontakt. Ein Seglerfreund hat mich gebeten, seine schwangere Frau mit ihrer Mutter in Sicherheit zu bringen. Sie sind bereits in Kiel, wir haben für sie einen Platz gefunden. Ich habe auch mit einer Freundin gesprochen, die als Vorschoterin 470er Mixed segelt. Sie hat mich gefragt, ob ich ihren minderjährigen Bruder und seinen Freund vermitteln kann, die beide irgendwo in Deutschland unterwegs sind.

Kontakt zu ukrainischen Seglerfreunden

Ich habe Platz in einer WG für sie gefunden. Sie selber ist in der Westukraine bei Freunden untergekommen und sagte, dass sie im Moment noch Unterstützung vom Verband bekommt. Wie es weitergeht, weiß sie auch nicht.

Du bist Mitglied im NRV. Wie unterstützt Dich Dein Verein?

Der NRV hat sich bei mir gemeldet und angeboten, beim Helga-Cup eine Aktion für die Geflüchteten zu machen. Am 9. Juni ist eine Charity-Aktion geplant. Sie werden wahrscheinlich auch Spenden sammeln und wollen ukrainischen Familien einen schönen Tag auf dem Wasser ermöglichen.

Was brauchst Du im Moment konkret? Brauchst Du Unterstützung bei der Koordination?

Es wäre schon sehr schön, wenn es Personen gäbe, die mir bei der Koordination helfen könnten, aber sie müssen Ukrainisch oder Russisch sprechen. Dafür muss man den ganzen Tag erreichbar sein und das auch länger machen wollen.

Anastasiya Winkel
Anastasiya und Malte Winkel sind seit 2017 verheiratet © privat

Du bist mit deinem Mann Malte Winkel auch ein Team im Boot. Wie kann er Dich gerade unterstützten?

Er hilft mir, indem er Aufgaben beim Segeln übernimmt. Er macht Sponsorentermine, kümmert sich ums Management und um das Material, so dass ich mehr Zeit habe, meinen Leuten zu helfen. Auch meine Schwiegereltern unterstützen mich. Eine Frau konnte bereits bei der Oma unterkommen. Wir arbeiten gut zusammen.

Und dann schreibst Du ja auch noch Deine Masterarbeit. Wie schaffst Du das alles?

Ich habe gerade einen Antrag auf Verlängerung gestellt, damit ich mehr Zeit habe.

Das Thema Deiner Masterarbeit ist Corona, was ja noch ein wichtiges Thema ist, wenn man auf die aktuellen Zahlen schaut. Doch vor dem Hintergrund des Krieges in Deinem Land rückt es sicher in den Hintergrund. Worum geht es genau in Deiner Arbeit?

Ich schreibe über Corona bei den Olympischen Spielen in Tokio aus der Perspektive der Athleten. Ich habe über 90 Athleten befragt, wie sie mit den Restriktionen zurecht kamen, wie es ohne Zuschauer war, ob sie denken, dass es ihr Ergebnis beeinflusst hat, ob sie genug psychologische Unterstützung hatten.

Liebe Anastasiya, herzlichen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Dir und Deiner Familie Sicherheit und Frieden und Dir viel Kraft für dein Engagement.

float unterstützt Anastasiya bei ihrer Hilfsaktion. Wer ein Bett, ein Zimmer oder eine Wohnung frei hat, kann sich in der float-Redaktion melden. Wir koordinieren uns mit Anastasiya. Wer sie direkt unterstützen möchte, erreicht sie über facebook oder über uns.

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