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Nach der Trockenübung an Land geht es auf den See. © Diesing/Seenland
Reportage

Paddeln lernen bei der Besten

Olympiasiegerin Birgit Fischer gibt ihr Profiwissen in der eigenen Kanuschule weiter.

von
Seenland
in
4 Minuten

In Zeiten, in denen Mittzwanziger wie der Rekordsprinter Usain Bolt ihr baldiges Karriereende bekannt geben, avisierte sie mit 50 Jahren nochmal ein Olympia-Comeback. Wer auf Birgit Fischer trifft, begegnet einer taffen, energiegeladenen Person, der man so etwas durchaus zutraut. Wie ein Leitfaden zieht sich der Kanusport durch ihr Leben – ob als achtfache Olympiasiegerin, Diplomsportlehrerin, Nachwuchs-Bundestrainerin oder heute als Inhaberin ihrer eigenen Kanuschule.

Fast verfehlt man den Abzweig. Weder Wegweiser noch Straßen- oder Werbeschild zeigen die Richtung. Auch Google Maps ist hier, im ländlichen Brandenburg, irgendwie überfordert. Mehr auf gut Glück biegen wir also in den Feldweg ein, der holprig zu einem einsam stehenden Haus führt. Manchmal ist Intuition besser als jeder digitale Routenplaner, denn mit einer Tasse Kaffee in der Hand lugt Birgit Fischer über den Sichtschutz ihrer Veranda.

„Kommt rauf! Wollt ihr auch einen?“, ruft sie uns zu, verschwindet in der Küche und drückt uns wenig später zwei dampfende Pötte in die Hand. Das erste, was wir an diesem Tag lernen: Das „Sie“ ist in der Paddelszene offenbar tabu. Schon ein bisschen komisch, schlicht „Birgit“ zu sagen, denn ihre sportlichen Erfolge flößen Respekt ein: Zweimal wurde sie Europameisterin, 27-mal Weltmeisterin und achtmal gewann sie olympisches Gold. Damit ist Birgit Fischer die erfolgreichste deutsche Olympionikin der Sportgeschichte.

Kanuschule auf der heimischen Terrasse von Birgit Fischer. © Diesing/Seenland

Familiensache

Trotz internationaler Erfolge und Freunden weltweit: Brandenburg ist bis heute ihr Lebensmittelpunkt geblieben. Seit 2001 wohnt Fischer hier in Bollmannsruh, einem abgelegenen Ortsteil des Dörfchens Päwesin am nördlichsten Zipfel des Beetzsees. Rund 20 Kilometer südlich, auf der Regattastrecke in Brandenburg an der Havel, begann vor über 40 Jahren ihre Karriere. Dass sie zum Paddeln kam, war quasi Familiensache. Schon die Großeltern taten das, genauso wie die Eltern und die drei Geschwister. „Mit vier Jahren habe ich im Faltboot meiner Eltern gesessen. Mit sechs Jahren dann zum ersten Mal allein im Kajak“, erzählt sie. Der Vater war ihr erster Trainer.

Auch an diesem Samstagmorgen dreht sich alles um den Kanusport. Sechs Paddelinteressierte sind aus nah und fern angereist, um in einem dreistündigen Kurs die richtige Technik zu erlernen.

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Armkraft ist nicht alles

Und daran geht es nach dem letzten Schluck Kaffee. Zunächst in Trockenübungen auf dem Paddelergometer, einem streckbankartigen Gerät mit zwei an einer Stange befestigten Seilen, die das Paddel imitieren. Reihum wird aufgesessen und losgelegt. Irgendwie kommt man ja immer vorwärts, mag man denken, doch unter Birgit Fischers geschultem Auge offenbart sich so mancher Fehler.

Mal taucht das Paddel nicht weit genug vorne ein, mal ist der Oberkörper zu steif, mal fehlt die Beinarbeit. Wie es richtig geht, wie man verschenkte Kraft, spritzendes Wasser und eine schlingernde Fahrweise vermeidet, macht sie präzise und pfeilschnell vor: das Paddel circa im 45 Grad-Winkel dicht am Boot mit ganz gestrecktem Arm eintauchen, dabei den Oberkörper stets parallel zum Paddelschaft drehen, das Bein auf der Zugseite gegen das Stemmbrett drücken, jenes auf der Druckseite geht in eine Zugbewegung, auf Hüfthöhe das Paddel aus dem Wasser heben. „Paddeln ist Sport für den gesamten Körper“, erklärt sie. Mehr als die Hälfte der Kraft kommt aus dem Rumpf, der Rest aus Armen und Beinen.

Birgit Fischer gibt Tipps zur richtigen Paddeltechnik. © Diesing/Seenland

Olympia-Absage 2012: „Das war der Horror“, so Birgit Fischer

Nach der Theorie kommt die Praxis. Durch einen langgezogenen Garten geht es hinunter zum dicht mit Schilf bewachsenen Ufer des Beetzsees. Unzählige Trainingskilometer hat Birgit Fischer hier absolviert.

Auf dem See wird dann deutlich, warum sie 2012 nochmal Anlauf auf Olympia genommen hat. Flink und mit bis zu 120 Schlägen pro Minute saust sie übers Wasser, pendelt von Teilnehmer zu Teilnehmer, gibt Tipps und korrigiert. Solange, bis ein Herbststurm die Fahrt beendet. Drinnen, in der Küche, beginnt dann der gemütliche Teil des Kurses: gemeinsam kochen, essen und ein bisschen plaudern. Auch über London und die bittere Diagnose „Herzrhythmusstörungen“, die ihr ein Comeback vermasselte.

„Meine zwei Kinder waren ausgezogen, ich hatte wieder viel Zeit für mich und wollte neue Grenzen finden. Mit dem plötzlichen Aus habe ich nicht gerechnet. Das war Horror.“ Dabei war die Olympia-Absage nicht mal das Schlimmste. Kein Puls über 100 – das hätte auch bedeutet: nie mehr im Garten rumwerkeln, nie mehr paddeln just for fun. Mittlerweile gibt es für all dies jedoch wieder grünes Licht.

Ausfahrt auf den Beetzsee. © Diesing/Seenland

Momentaufnahme auf und am Wasser

Ein Leben ohne das Kajak – Birgit Fischer kann es sich nicht vorstellen. Undenkbar sei ein Job in geschlossenen Räumen. So ist sie, auch wenn kein Wettkampfziel ansteht, rund zwei, drei Mal die Woche auf dem Beetzsee unterwegs. Auf „ihrem See“, dem „schönsten See der Welt“. „Früh ist es am herrlichsten. Wenn die Luft noch frisch ist und die Sonne aufgeht“, sagt sie. Oft ist dann ihre Kamera mit an Bord, denn Birgit Fischer ist auch Fotografin. Ihre Bilder zeigen aufsteigende Nebelschwaden über spiegelglattem Wasser, am Ufer entlangwatende Graureiher oder weite, von Mohn rotgefärbte Felder. Brandenburger Momentaufnahmen, die von einer tiefen Liebe zur ursprünglichen und unverbauten Natur des Bundeslandes zeugen.

Obwohl Kanuten naturgemäß nicht aus Zucker sind und auch bei Wind, Regen und Schneefall rausfahren, zieht es Birgit Fischer in der kalten Jahreszeit meist gen Süden. In ein paar Wochen in den Kongo, im nächsten Jahr dann nach Portugal. Natürlich keineswegs zum süßen Nichtstun – sondern zum Paddeln.

Dieser Text stammt aus dem Magazin Seenland – dem Reisemagazin für Urlaub auf dem Boot in Mecklenburg und Brandenburg. Die Autorin des Beitrags ist Christin Meißner. Zu beziehen ist die aktuelle Ausgabe des Reisemagazin direkt im Magazin-Shop des Verlags sowie deutschlandweit im Zeitschriftenhandel.

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