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Maik Ulmschneider bei der Passagenplanung © Maik Ulmschneider
Seemannschaft

Passagenplanung: Wie du sicher rüberkommst

Gute Vorbereitung ist das A und O für jeden Törn. Gerade in der Hurrikan-Saison im Golf von Mexiko.

von
Maik Ulmschneider
in
8 Minuten

„Ab jetzt hast Du 48 Stunden Zeit, das Land zu verlassen“, klärt mich die mexikanische Grenzerin förmlich auf, während sie mir meinen gestempelten Pass über den Tresen schiebt. Und setzt weniger förmlich hinzu: „Aber Du darfst jederzeit gerne wiederkommen.“ Ja, wiederkommen, das will ich. Mit meinem abgelaufenen Visum muss ich jedoch erst mal raus aus Mexiko. Wegen der Pandemie sind alle näher liegenden Ziele geschlossen, also werde ich meinen Sohn in den USA besuchen, in Mobile, Alabama.

Mobile liegt 600 Seemeilen entfernt, auf der anderen Seite des Golfs von Mexiko. Es ist Juli, mitten in der Hurrikan-Saison, nicht gerade die optimale Saison für diese Reise. Eine gründliche Vorbereitung ist überlebensnotwendig. Laut Windy müsste sich morgen ein gutes Wetterfenster auftun, aber es wäre töricht, sich nur auf diese eine, zugegebenermaßen sehr benutzerfreundliche Quelle zu verlassen.

Immer den SOLAS-Regeln nach

Zurück auf Seefalke, meiner 40-Fuß-Stahlketsch, setze ich mich mit einer Tasse Kaffee in die Navi-Ecke. Ich hole meine Planungskladde hervor, in der ich jede Passagenplanung, so kurz oder einfach die Reise auch sein mag, dokumentiere. Dafür habe ich eine einfache Checkliste entwickelt, die ich nun gewissenhaft abarbeite.

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© Maik Ulmschneider

Sie orientiert sich an SOLAS Kapitel V Regel 34, die im Gegensatz zu den meisten anderen SOLAS-Regeln für alle seegehenden Schiffe und für alle Reisen gilt. Und das egal wie klein, egal wie kurz. Ein Blick in dieses Regelwerk lohnt sich, weil es viele äußerst praktische Hinweise auf die Reiseplanung bietet.

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Die 40-Fuß-Stahlketsch Seefalke © Maik Ulmschneider

Zur Einstimmung mache ich mir bewusst, wo ich mich befinde und wie die normalen Wetterverhältnisse zu dieser Jahreszeit für das zu befahrende Seegebiet aussehen. Das hilft mir immer sehr bei der Einordnung des aktuellen Wetterberichts.

Wissen, was reviertypisch ist

Ist das vorhergesagte Wetter zum Beispiel eher typisch für Seegebiet und Jahreszeit, ist damit zu rechnen, dass es stabiler ist. Ist es dagegen eher untypisch, ist mit kurzer Dauer und höheren Abweichungen von den vorhergesagten Werten zu rechnen.

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Monatskarte Juli für das Wetter in Mexico © Maik Ulmschneider

Wird zum Beispiel mitten im Passatgürtel plötzlich Westwind angekündigt, ist es klar, dass dieser nicht von langer Dauer sein wird. Ich hole mir also die riesigen Monatskarten des Nordatlantik hervor, die mir verraten, dass sich im Sommer im Golf von Mexiko immer ein mächtiges Hochdruckgebiet einnistet.

Das sorgt großräumig für schwache, umlaufende Winde und wird nur durch tropische Stürme unterbrochen. Weiter südlich sind die Verhältnisse, noch unter dem Einfluss der Passatwinde, schon ein gutes Stück stabiler.

Ungemütlich, aber nicht gefährlich

Tropensturm Hanna hatte die letzten Tage diese Harmonie im Golf von Mexiko etwas durcheinandergewirbelt und sorgt jetzt in seiner Heckwelle für frischen südlichen Wind um die 20 Knoten, auf den ich auch schon etwas spekuliert hatte. Das wird allerdings seinen Preis haben: Bezahlen werde ich diese günstigen Winde nämlich mit einer hohen Welle, die nach dem Sturm leider immer noch da draußen steht.

Zwei bis drei Meter hoch soll diese in den nächsten zwei Tagen noch sein. Das hört sich nicht so dramatisch an, allerdings mache ich mir auch nichts vor. Die signifikante Wellenhöhe ist nur ein statistischer Wert und definiert sich als „mittlere Höhe des höheren Drittels aller Wellen in einem Seegebiet“.

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Es wird ungemütlich werden © Maik Ulmschneider

Das heißt letztendlich, dass – Normalverteilung vorausgesetzt – bereits jede sechste Welle höher sein wird als die vorhergesagte Wellenhöhe. Ungemütlich wird es also werden, und ich sollte besser alles sturmfest verzurren. Gefährlich werden sollte es jedoch nicht, was mir ein Blick auf die Strömungsvorhersage zeigt. Der mächtige Yucatan-Strom setzt in der Straße von Yucatan bis tief in den Golf hinein mit gut drei Knoten nach Norden.

Den Wind lesen

Mit dem Wind aus Südosten werden Welle, Strom und Wind aus demselben Quadranten kommen, was eine hohe, aber lange Welle erwarten lässt, die nicht bricht. Ich muss nur darauf achten, dass der Strom deutliche Auswirkung auf den scheinbaren Wind haben wird. Bei Wind gegen Strom und drei Metern Welle würde ich die Abfahrt wahrscheinlich verschieben. Das hatte ich schon mal, vor neun Monaten vor Guyana, und freiwillig habe ich darauf keine Lust mehr.
Überhaupt wird der Strom zumindest auf der ersten Hälfte der Strecke eine bedeutende Rolle spielen. Der Yucatan-Strom ist der Zufluss des Golfs von Mexiko, der Golfstrom sein Abfluss. Und genau da, wo der eine endet und der andere beginnt, geht meine vorläufige Route durch. Ein Blick auf die Strömungsvorhersagekarte für die nächsten Tage zeigt mir den Verlauf und die Stärke an, und ich notiere mir ein paar Wegpunkte aus der Strömungskarte, denn diesen kostenlosen Boost möchte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen!

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Strömungen bestimmen im Golf von Mexiko die Route © Maik Ulmschneider

Normal instabil

Die ersten zwei bis drei Tage wird es also eher zügig vorangehen, während es auf der zweiten Hälfte der Strecke eher gemächlich wird. Signifikante Strömungen gibt es dort nicht mehr und das stabile Hochdruckgebiet sorgt für schwache, umlaufende Winde.

Allerdings zeigt mir der hohe CAPE-Index (der Convective Available Potential Energy Index ist eine Kennzahl, welche die atmosphärische Instabilität beschreibt), dass verstärkt mit Gewittern und Squalls zu rechnen ist. Das ist zwar für den Golf von Mexiko im Sommer normal, aber trotzdem nicht schön.

  • Maik UlmschneiderBildbeschreibung © Maik Ulmschneider
  • Maik UlmschneiderBildbeschreibung © Maik Ulmschneider

Ich werde mich auf viele Segelmanöver einrichten müssen, da die Gewitterböen durchaus innerhalb von Minuten Sturmstärke erreichen können. Ich erinnere mich an den Texaner, der neben mir geankert hatte und den ich fragte, wie seine Überfahrt von Houston war: „All or nothing. 4 or 40“, war seine trockene Antwort, die viel aussagt über dieses Seegebiet. Mit „4 or 40“ meinte er nämlich, dass entweder 4 Knoten Wind waren oder 40 Knoten Wind, dazwischen eher nichts.

Jähes Ende der transatlantischen Harmonie

Auch die kurz- und mittelfristige Wettervorhersage trage ich in meine Kladde ein. Als ich die beiden wichtigen Modelle, das US-amerikanische GFS (Global Forecast System) und das europäische EMCWF (European Centre for Medium-Range Weather Forecasts) miteinander vergleiche, sehe ich sofort, dass in den ersten drei Tagen eine große Übereinstimmung herrscht, in der Zeit darauf diese transatlantische Harmonie jedoch jäh zum Ende kommt.

Während ich in niedrigen Breiten im Zweifel eher dem GFS Glauben schenke, ist die Unstimmigkeit der beiden Wettervorhersagemodelle ein weiteres Indiz für die instabile Situation im nordöstlichen Golf. In meiner Kladde bekommt der Wetterbericht daher einen Blitz: Achtung!

Den nächsten Punkt, den der Gezeiten, kann ich schnell abhaken: nicht signifikant. Sie werden auf meiner Passage von Cancun nach Mobile, von ein bisschen Strömung bei der Einfahrt in die Mobile Bay abgesehen, keine Rolle spielen.

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Es wird ungemütlich werden © Maik Ulmschneider

Mit einem Blick auf die Warnungen des NHC, des National Hurricane Centers in Miami, schließe ich meine Wetter- und Strömungsanalyse ab. Für mein Seegebiet gibt es im Moment keine Warnungen. Allerdings wurde weiter im Süden eine tropische Depression gerade zum Tropensturm gekürt. Es dürften allerdings noch zehn Tage vergehen, bis dieser meine vorgesehene Route kreuzen sollte.

So ganz wohl fühle ich mich zwar nicht, so zwischen zwei ausgewachsenen Tropenstürmen. Aber so ist das wohl, wenn man auf der Hurricane Alley zum Spielen rausgeht. Das NHC sieht es auf jeden Fall gelassen, und das beruhigt mich.

Übers Riff in die Freiheit

Während bisher eher kleinmaßstäbige Karten mein Handwerkszeug waren, geht es jetzt mit großem Zoomfaktor weiter. Denn jetzt bin ich auf der Suche nach Gefahren für die Navigation. Auf dem Weg aus meiner Ankerbucht muss ich eine weiträumige Untiefe umfahren, später in ein mit zwei Tonnen markiertes, überschaubares Fahrwasser einbiegen. Dann kann ich mit genügend Raum zum flach auslaufenden Strand das langgezogene Riff überqueren.

Die Karte markiert dort Grundseen und Brecher, es wird dort also ungemütlich, bevor ich das ruhigere, tiefere Wasser des Karibischen Meeres erreicht haben werde. Dann wird nur der weite Ozean vor mir liegen, ohne Untiefen, ohne Felsen, ohne Riffe. Verkehrstrennungsgebiete gibt es hier auch nicht.

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Fischfarmen und Bohrinseln und viel Verkehr in der Mobile Bay © Maik Ulmschneider

Erst bei der Ansteuerung auf die Mobile Bay scheint es wieder interessant zu werden. Es wimmelt von Fischfarmen und Bohrinseln, die vorgeschriebenen Fahrwege lassen auf viel Verkehr schließen. In der Mobile Bay ist es empfohlen, im Fahrwasser zu bleiben, da sie insgesamt sehr flach ist, in Stürmen fällt sie sogar trocken. Die Ansteuerung des Dog Rivers, wo ich mir in einer Marina einen Liegeplatz reserviert habe, ist nur bei Tageslicht möglich.
Ich vermerke auch diese Erkenntnisse in meiner Kladde und mache mich nun auf die Suche nach alternativen Ankerplätzen und -häfen.

Unerwarteterweise gibt es in der näheren Umgebung nicht so viel. Der Dog River ist flach und flussaufwärts nur noch für Motorboote geeignet, Mobile ist sehr industriell, dort könnte man in der größten Not in den Industriehafen fahren. Auch die Bonsecour Bay, der östliche Ausläufer der Mobile Bay, ist eine Möglichkeit oder Pensacola weiter im Osten. Wenn ich aus irgendwelchen Gründen vorher abdrehen muss, sind Key West oder Tampa mögliche Schutzhäfen.

Teile der Tampa Bay sind zudem als „Hurricane Hole“ klassifiziert, nur für den Fall des Falles. Ich schaue mir die Häfen und Ankerplätze im Detail an, notiere Koordinaten, Wegpunkte und Gefahrenstellen. Wenn ich auf einen Ausweichhafen angewiesen bin, habe ich vielleicht keinen Kopf für eine detaillierte Ansteuerungsplanung. Diese Information muss dann parat sein, auch ohne Internet.

Den Plotter programmieren

Nun konsolidiere ich all diese Informationen zu Wegpunkten und verbinde die Wegpunkte zu einer Route, die dann in der Kladde notiert und in den Plotter programmiert wird. Sie führt mich aus dem Fahrwasser über das Riff in den Yucatan-Strom. Dann geht es östlich des Kerns des Hochdruckgebiets vorbei in die Ansteuerung der Mobile Bay, dort ins Fahrwasser und schließlich in den Dog River.

572 Meilen werden das sein. Und mit den erwarteten Verhältnissen und meinen Bootsdaten schätze ich eine Fahrtzeit von 127 Stunden ab. Es sind also etwas über fünf Tage, mein Schiff ist halt keine Rennziege. Wenn ich am 23. Juli um 06:00 auslaufen werde, sollte ich also am 28. Juli um 13:00 Ortszeit in Mobile ankommen.

Maik Ulmschneider
So sieht der Float-Plan aus © USCGA

Ich prüfe noch einmal, ob ausreichend Proviant, Wasser und Treibstoff gebunkert sind. Und ich mache die obligatorischen Checks: Bilgen, Batterien, Instrumente, Kommunikationsausrüstung, Sicherheitsausrüstung. Sieht gut aus. Auch meine Papiere schaue ich noch mal durch: Pass und Visum, Bootsregistrierung und Versicherung, Cruising License und die für die USA vorgeschriebene ROAM-App der US Customs and Border Protection (CBP). Alles da.

Von der Kladde zum Float-Plan

Als letzter Schritt folgt nun der sogenannte Float-Plan. Ein Float-Plan ist ein Dokument, in dem die Daten zum Schiff und seiner Sicherheits- und Kommunikationsausrüstung eingetragen werden. Dazu Daten zur Route, Besatzung und möglichen Kontaktpersonen an Land, um im Falle des Falles den Rettungskräften die Arbeit zu erleichtern. Und damit die eigenen Überlebenschancen zu erhöhen.

Diesen Float-Plan, ich persönlich nutze den Vordruck der US Coast Guard, schicke ich an zwei Personen meines Vertrauens. Sie habe ich vorher über die Route und deren Dauer sowie den Zweck des Float-Plans informiert.

Etwas müde, aber zufrieden, dass auch nach der Detailplanung nichts gegen das für morgen geplante Auslaufen spricht, klappe ich die Karten, Handbücher und den Laptop zu und genehmige mir eine meiner Lieblingszigarren: Romeo y Julieta, noch original aus Kuba. Der Golf kann kommen. Ich bin bereit.

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