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Outthere Darien Gap Übernachten in Ruinen auf dem Weg nach Panama © Lisa und Julia Hermes
Abenteuer

Per Boot durchs Darien Gap

Julia und Lisa sind auf Weltreise ohne Flugzeug. Auf dem Wasserweg geht es durchs gefährliche Darien Gap nach Panama.

von
float Redaktion
in
8 Minuten

Seit zweieinhalb Jahren sind Lisa und Julia Hermes auf dem Wasser- und Landweg unterwegs. Sie umrunden die Welt ohne zu fliegen.

Inhalt

Wir haben die beiden Weltreisenden auf float schon über den Atlantik begleitet, als sie mit einem Segelboot in die Karibik getrampt sind. Danach sind wir mit ihnen über den Amazonas im Holzkanu gefahren. Die letzten Monate waren die jungen Frauen für mehrere Monate in Lateinamerika unterwegs und haben auf der Suche nach Utopien verschiedene Projekte besucht.

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Im Kanu auf dem Amazonas: Lisa und Julia © Lisa und Julia Hermes

Die nächste Etappe ihrer Weltreise ohne Flugzeug ist Mittelamerika, aber zwischen Kolumbien und Panama liegt das berüchtigte Darién Gap – ein straßenloses Gebiet aus dichtem Dschungel und Sumpfland, Sammelplatz von Schlangen, Skorpionen und giftigen Fröschen und berüchtigt vor allem wegen des regen Drogenhandels und korrupten Paramilitärs.

Julia und Lisa können also von der Kolonialstadt Cartagena an der Karibikküste Kolumbiens mit einem Segelboot nach Panama trampen. Viele Charterboote sind hier unterwegs. Oder sie können von Turbo, einem abgelegenen kolumbianischen Fischerort, mit Booten von Dorf zu Dorf an der Küste des Darién Gap bis zur Panamericana in Panama entlangfahren. Oder sie könnten durch das Gebiet hindurchlaufen. Hier erzählen sie ihre Geschichte.

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Koloniales Cartagena: Eine dicke Katze hält Siesta © Lisa und Julia Hermes

In Cartagena geht es los

Bunte Gassen. Kolonialarchitektur. TouristInnen. Hutverkäufer. Museumsatmosphäre. Cartagena war eine der ersten spanischen Kolonien im Norden Südamerikas. Sie wurde im 16. Jahrhundert gegründet und war lange eine wichtige Hafenstadt. Heute ist das Stadtzentrum Teil des UNSECO Weltkulturerbes und entsprechend von Besucherströmen überlaufen.

Am Stadthafen treffen wir ein paar andere Reisende, die ebenfalls nach einer Mitfahrgelegenheit suchen. Sie sitzen an der Pier und spielen Schach. Ob sie schon Aussichten auf eine Überfahrt hätten, wollen wir wissen. „Trampen scheint hier ziemlich schwierig zu sein. Die meisten Segelboote sind Charterboote und die Eigner wollen um die fünfhundert Dollar pro Person haben.

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Am Stadtrand von Cartagena liegen die ärmeren Viertel © Lisa und Julia Hermes

Das ist leider keine neue Information. Wir hatten schon gelesen, dass es mit dem Trampen schwierig werden könnte, weil das Chartergeschäft hier groß ist. Touristen können von Cartagena aus über die paradiesischen San Blas Inseln nach Panama segeln und müssen dafür ziemlich tief in die Tasche greifen.

Die meisten Privatboote haben schon abgelegt

Wir schlendern weiter über den Steg um uns einen eigenen Eindruck zu machen, aber die beiden haben Recht. Fast alle Boote, die hier liegen, sind Charterboote. Erschwerend kommt hinzu, dass die Segelsaison bereits seit ein paar Wochen zu Ende ist und die meisten privaten Schiffe schon abgelegt haben. Als wir nach einer Woche immer noch kein Boot gefunden haben das uns mitnimmt, ändern wir unseren Plan.

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Im Hafen von Cartagena: vergeblich auf der Suche nach einem Boot © Lisa und Julia Hermes

Weiter westlich, kurz vor Panama, gibt es die kleine Hafenstadt Turbo. Wir hatten gehört, dass von hier aus regelmäßig Boote starten, die die kleinen Siedlungen an der Küste des im Darién Gaps mit Waren versorgen. Im Gegensatz zu unserem Segelabenteuer von Gibraltar nach Tobago, stehen wir diesmal  etwas unter Zeitdruck: Unsere Familie wird uns im Mai in Costa Rica besuchen und es bleibt wenig Zeit, um weiter auf ein Segelboot zu hoffen, dass uns als Tramperinnen mitnehmen wird.

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Marktstände am Hafen von Turbo © Lisa und Julia Hermes

Ein Kapitän auf den Spuren illegaler Guerilleros

Also machen wir uns auf den Weg nach Turbo. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit hält endlich ein Auto. „Und wo genau wollt ihr hin? – Ach, nach Turbo? – Ich fahre nach Turbo!“ Beim Einladen der Rucksäcke sehe ich im Kofferraum ein gerahmtes Foto: Er in weißer Marineuniform, neben ihm eine Frau und zwei Kinder. „Ich arbeite als Kapitän beim Militär in Turbo. Komme gerade vom Urlaub bei meiner Familie in Cartagena. Zwei Monate Dienst. Drei Wochen frei. Die Strecke fahre ich also nicht oft, ihr habt Glück.“

Jairo will die Nacht durchfahren, weil er morgens um sieben seinen Dienst antreten muss. Er erzählt von der Darién-Region. Der Dschungel ist sein Einsatzgebiet, dort fährt er, auf der Suche nach Drogenschmugglern mit Patrouillenbooten die Flüsse ab. Früher seien sie auf Spurensuche nach Guerillacamps durch den Dschungel gelaufen. Tage- oder wochenlang.

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Militärpolizei auf der Suche nach Drogenschmugglern in der Darién-Region © Lisa und Julia Hermes

Morgens um halb sechs erreichen wir mit den ersten Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch die Blätter der vorbeirauschenden Bananenstauden bahnen, Turbo. Im Hafengetümmel, zwischen muskelbepackten Männern, Stapeln von Kisten, Fischgestank und heißer, tropischer Luft werden wir von den Leuten freundlich begrüßt.

Unser Wunsch wird müde belächelt

Unser Wunsch anzuheuern wird leider nur müde belächelt. „Ne Mädels, das vergesst mal schnell. Hier darf nur die angemeldete Crew an Bord.“ Mit Zeit und Geduld wäre es bestimmt irgendwie möglich gewesen. Aber wir wollen den Besuch von unserer Familie auf keinen Fall verpassen und nehmen lieber eines der kleinen Schnellboote nach Capurganá mitten im Darién Gap.

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In Turbo: Keine Chance auf eine Mitfahrgelegenheit an Bord © Lisa und Julia Hermes

Capurganá ist das vorletzte Dorf vor der Grenze zu Panama. Nur im Hafen, dem einzigen Verkehrsknotenpunkt des Ortes, geht es geschäftig zu. Es gibt kein einziges Auto, nur Fischerboote schaukeln auf dem türkisblauen Wasser. Ein paar Kinder toben im weißen Sand und zwischen Kokospalmen macht eine Gruppe Touristen Selfies mit einem bunten Ara.
 Die Szenerie könnte aus einer Werbung stammen: „Ihr Karibik-Traum-Urlaub in Capurgana!“

Karibiktraum

Aber wenn man nur ein wenig genauer hinsieht, bröckelt die idyllische Fassade schnell. In Tarnanzügen, mit Sturmgewehren patrouilliert die Militärpolizei durch das Dorf. Carpurganá ist für viele der Ausgangspunkt einer Odyssee. Hier beginnt eine der gefährlichsten Flüchtlingsrouten der Welt.

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  • Darien Gap Outthere... wo die idyllische Fassade schnell bröckelt.
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  • Darien Gap Outthere... und die Militärpolizei kontrolliert den Ort.

Zu den natürlichen Gefahren des Darién Gap mit seinen Sümpfen, Giftschlangen und anderen gefährlichen Tieren kommen die Paramilitärs, die die Route der Drogenschmuggler kontrollieren. Geschichten von Überfällen und Vergewaltigungen dringen durch das Dickicht des Dschungels. Wer hier durchläuft, ist vollkommen sich selbst überlassen.

In der Dämmerung machen wir uns auf die Suche nach einem Schlafplatz und entdecken am Ende des Strandes die Ruinen eines alten Luxushotels. Kuppeln im arabischen Stil ragen zwischen Palmen hervor, die antik-anmutenden Säulen sind von Rankepflanzen überwuchert, die Marmorplatten der ehemals eleganten Treppen  zersprungen und auf dem Grund des leeren Swimmingpools liegen Blätter.

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Übernachten in einer verfallenen Ferienanlage in Capurganá © Lisa und Julia Hermes

Die Fenster und Türen sind mit Holzbrettern verbarrikadiert, aber wir finden ein Schlupfloch an der Rückseite des Hotels. Dort wartet schon der Sicherheitsmann auf uns. Aus unserem Luxuszimmer mit Panoramablick wird leider nichts.

„Bei meinen Freunden seid ihr sicher“

Im Toilettenhäuschen am Strand lernen wir Diego kennen, der hier als Reinigungskraft arbeitet um Geld für seine Reise in Richtung Norden zu verdienen, wo er sich ein neues Leben aufzubauen will. „Wenn ihr wollt, könnt ihr euer Zelt hinten in den Häuserruinen aufbauen.“ Er zeigt auf ein zerfallenes kleines Hotel hinter dem Toilettenhäuschen. „Dort bei meinen Freunden seid ihr sicher.“

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Wildnis Darién Gap: Der gefährliche Pfad durch den Dschungel wird Trucha genannt © Lisa und Julia Hermes

Im Halbschatten der Dämmerung schallt es freundlich aus einer Hängematte: „Hola Amigas, setzt euch. Habt ihr Hunger?“ Einer der beiden stellt sich als Juan aus Kolumbien vor. Während die anderen schweigsam essen, erzählt er uns seine Geschichte: „Ich habe schon zweimal versucht, über die Trucha, so nennen wir den Pfad durch den Dschungel, nach Panama zu kommen.

Das erste Mal war ich nicht richtig vorbereitet und musste umkehren, weil es zu gefährlich wurde. Das zweite Mal hat mich die Militärpolizei geschnappt und zurück geschickt. Jetzt warte ich auf die nächste Möglichkeit.“

Zwischen morschen Balken schlagen wir in der Nähe unser Nachtlager auf. Das Meer rauscht und aus dem Dschungel dringen zirpende und glucksende Laute. Vor meinem inneren Auge sehe ich das türkisblaue Wasser, den weißen Sandstrand, Sonne und Palmen. Die Karibikidylle ist für die Menschen hier nicht wichtig.

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Nach Puerto Obaldia führt keine Straße © Lisa und Julia Hermes

Zwei Tage hängen wir im Hafen fest, ohne dass sich eine Bootsmitfahrgelegenheit ergibt. Am dritten Tag macht uns Oswald, ein ansässiger Touranbieter ein Angebot: Er wird eine Gruppe Touristen nach La Miel fahren und kann uns – für ein kleines Taschengeld ein paar Meilen weiter zum nahegelegenen Ort Puerto Obaldia fahren.

Next Stop: Puerto Obaldia

Im kleinen panamaischen Grenzstädtchen Puerto Obaldia patrouillieren ebenfalls schwer bewaffnete Soldaten am Strand. Das Dorf, das aus einer Bäckerei, einer handvoll Restaurants und ein paar kleinen Kiosken besteht, liegt mitten im Darién Gap, es gibt weder Autos noch Straßenverbindungen, nur einen kleinen Flughafen, von dem Buschflugzeuge nach Panama City fliegen.

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Das einzige Boot im Hafen © Lisa und Julia Hermes

Vom einzigen Kapitän im Hafen – bekommen wir den Hinweis, dass bald ein Handelsschiff hier vorbeikommen wird, das uns möglicherweise nach Colon am Panamakanal mitnehmen kann. Er gibt uns die Adresse von Umberto, der das einzige Telefon im Dorf besitzt. Er könne uns gegebenenfalls mit dem Kapitän des Schiffes in Verbindung bringen. Wir finden Umberto und bekommen die mündliche Zusage des Kapitäns. Das Problem: Die Ankunftszeit des Schiffes lässt viel Raum für Spekulationen.

Offiziell sollte das Schiff gestern ablegen

Offiziell sollte das Schiff schon gestern abgelegt haben. Heute heißt es: am Nachmittag oder erst morgen. Morgen sind Wahlen, da steht alles still im Land. Der Grenzbeamte will uns keinen Einreisestempel geben, bevor wir ein Ticket über die Weiterreise vorlegen können. Eineinhalb Tage haben wir noch. Wenn wir bis übermorgen keine Möglichkeit zur Weiterreise haben, will uns der Migrationsbeamte nach Kolumbien zurückschicken.

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Puerto Obaldia: verschlafener Grenzort mitten im Darién Gap © Lisa und Julia Hermes

Wir schlagen unser Camp hinter dem Dorf am Strand auf. Am Ufer entlang führt ein kleiner Pfad über angeschwemmte Stämme und alte Fischernetze, über Plastikmüll und Korallenreste an einer Militärbasis vorbei. Hinter einem Holzschild „No tocan los cocos“ (Finger weg von den Kokosnüssen) finden wir eine alte Hütte am Strand, neben der wir unser Lager aufbauen.

Am nächsten Morgen treffen wir im Dorf Miguel, einen Spanier auf Weltreise, Raul aus San Salvador, der nach Jahren zurück zu seiner Familie reist und José aus Kolumbien, der einen krebskranken Freund nach Costa Rica begleitet, wo er auf eine Behandlung hofft. Unsere Geschichten können unterschiedlicher nicht sein, aber im Moment stecken wir alle in derselben Situation: Keiner weiß so recht, wie wir von hier aus weiter kommen können.

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Buchstäblich gestrandet in Puerto Obaldia © Lisa und Julia Hermes

Ein interessantes Angebot vom Fischer

Am übernächsten Morgen gibt es vom Handelsschiff immer noch keine Nachricht. Stattdessen macht ein Fischer aus dem Dorf uns interessantes Angebot: Wenn wir alle unsere Dollars zusammenlegen, fährt er uns nach Carti, das nächstgelegene Örtchen mit Straßenanbindung – acht Stunden von hier entfernt.

Wir schlagen ein und finden uns kurz darauf – mit Stempel im Pass – auf einem kleinen Motorbötchen wieder, das uns Richtung Norden bringt. Nach einem langen Wellenritt kommen wir erschöpft in Carti an. Von hier aus wollen wir zur Panamericana und dann morgen weiter nach Panama City trampen. Guter Dinge laufen wir los und tatsächlich hält nach kurzer Zeit schon ein Jeep…“

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Am Ziel: Nach den Tagen im Dschungel wirkt die Skyline von Panamacity beinahe surreal. © Lisa und Julia Hermes

Wer mehr von Julia und Lisa erfahren möchte, findet ihre spannenden Reisebeschreibungen in ihrem blog outthere. float begleitet Lisa und Julia weiter auf dem Wasser.

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