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Bewaffnete Überfälle auf Langfahrtsegler kommen immer wieder vor © Wikimedia / Montage: float
Piraterie

Piraten an Bord

Einst verklärt, sind Piraten heute der Schrecken vieler Langfahrtsegler. Die Bundespolizei berät, float war dabei. Teil 1: die Gefährdungslage.

von
Jens Brambusch
in
7 Minuten

September 2020, Golf von Cádiz, spanische Südwestküste: Ein deutsches Ehepaar bricht am Morgen mit dem Katamaran „Marianne“, einer Lagoon 42, in einer Bucht nahe der portugiesischen Hafenstadt Faro auf. Der Kurs liegt auf Gibraltar, das Ziel in Kroatien. Am Mittag bemerkt der Skipper, wie sich ein hochmotorisiertes Rib der Yacht nähert. An Bord: Männer mit Sturmhauben. Das Rib war den Seglern bereits am Morgen aufgefallen, als es das Feld der Ankerlieger inspizierte, offensichtlich auf der Suche nach leichter Beute.

Die „Marianne“ motort gegen eine zwei Meter hohe Welle an, was es den Angreifern erschwert, das Boot zu kapern. Wie der Skipper später mitteilt, habe er mehrmals mit dem Enterhaken das Rib abwehren können. Die „Marianne“ setzt einen Notruf ab, keine zehn Minuten später geht ein Hubschrauber der Küstenwache auf die Angreifer herab, die Richtung afrikanische Küste fliehen.

Zwei bewaffnete Männer stehen im Cockpit

Juli 2019, Bahia Nombre de Dios, Nordküste Panama: Die „Seatramp“, eine Bavaria 46 eines Kölner Seglerpaares ankert in einer Bucht, als der Skipper an Deck ein Geräusch hört. Zwei bewaffnete Männer stehen im Cockpit, bedrohen ihn mit einer Pistole. Weitere vier Männer kommen mit einem Motorboot zu der Yacht. Die Diebe durchwühlen das Schiff über eine Stunde lang, kassieren Bargeld, Computer, Kameras, Festplatten und Wertgegenstände ein. Dann verschwinden sie so schnell, wie sie gekommen sind.

Ankerbucht
Scheinbare Idylle in der Ankerbucht © Artem Pochepetsky

Mai 2019, Insel Morodub, Panama: Es ist 2 Uhr nachts, als Alan Culverwell von einem Geräusch geweckt wird. Der 60-jährige Neuseeländer, der mit seiner Frau und deren beiden Kindern auf Langfahrt ist, klettert ins Cockpit. Laut Medien soll er dort auf drei vermummte Gestalten getroffen sein. Einer der Eindringlinge schießt mit einer Schrotflinte auf den Skipper, er ist sofort tot.

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Aufgeschreckt durch den Lärm, stürmt die Frau an Deck und wird mit einer Machete verletzt, die Tochter bekommt einen Schlag auf den Kopf, der elfjährige Sohn bleibt unverletzt. Die Angreifer fliehen. Ihre Beute: ein Außenborder.

Segeln nicht vermiesen

„Wir wollen Ihnen das Segeln nicht vermiesen“, sagt Polizeioberkommissar Jörg Flackus vom Piraterie-Präventionszentrum (PPZ) der Bundespolizei in Neustadt, als er den ersten Online-Workshop für Weltumsegler mit einigen Beispielen von Überfällen auf Yachten beginnt. „Wir wollen Sie sensibilisieren, auf Gefahren aufmerksam machen, die nun einmal da sind, wenn Sie auf Langfahrt gehen. Und Sie bestmöglich schützen.“

Laut dem Jahresbericht 2020 der Behörde ist Piraterie ein Phänomen, das in den letzten Jahren sogar wieder zugenommen hat. Und bei den Überfällen besteht immer das Risiko, dass Menschen verletzt, entführt oder sogar getötet werden.

Piraterie
Piraterie hat in den letzten Jahren wieder zugenommen © PPZ

Um Seeräuber und Freibeuter ranken sich unendliche Mythen. Oft werden sie romantisch verklärt als maritime Robin Hoods. Mit Salzwasser gegerbte Haudegen wie Blackbeard oder Sir Francis Drake füllen Abenteuerromane. Klaus Störtebeker wurde in Hamburg sogar ein Denkmal gesetzt. Die schwarze Fahne mit dem Totenschädel, der Jolly Roger, weht als verspieltes Accessoire in vielen Masten von Seglern. Piraten sind Kult – nicht erst seit dem trotteligen Captain Jack Sparrow in „Fluch der Karibik“.

StörtebekerStörtebeker-Denkmal © Wikimedia

Es gibt wieder Piratenprozesse

Dass die Realität anders aussieht, ist spätestens seit dem ersten Piratenprozess seit mehreren Jahrhunderten vor einem deutschen Gericht klar. Fast zwei Jahre lief der Mammutprozess am Hamburger Landgericht. Zehn Somalier waren wegen des Überfalls auf einen deutschen Frachter angeklagt. Die Fakten waren eindeutig.

Die „Taipan“ war am 5. April 2010 vor der somalischen Küste entführt worden. Zur Hilfe geeilte niederländische Marinesoldaten konnten das Containerschiff befreien und zehn Somalier an Bord festsetzen. Es wurden schwere Waffen gefunden, eine Panzerfaust, mehrere Kalaschnikows, zwei Pistolen. Die mutmaßlichen Piraten wurden an die deutschen Behörden übergeben. Die sieben Erwachsenen wurden zu sechs bis sieben Jahren Haft verurteilt, die drei Heranwachsenden zu zwei Jahren Jugendstrafe.

Taipan
Die Taipan © Hannes Grobe / CC BY 3.0

Auch heute noch sind Piraten eine große Gefahr für die Schifffahrt. Zwar nicht auf Nord- oder Ostsee, doch Langfahrtsegler sollten sich mit der Problematik vertraut machen, bevor sie die Welt umrunden. Denn nicht nur Handelsschiffe und Tanker stehen auf der Kaperliste der modernen Seeräuber, die statt Säbel nicht selten eine Kalaschnikow im Anschlag haben, sondern auch Yachten und deren Besatzungen.

Privatyachten sind im Visier

Das Piraterie-Präventionszentrum der Bundespolizei gibt es seit 2010. Gegründet wurde sie als Reaktion auf die steigende Zahl von Überfällen auf Handelsschiffe, damals besonders vor Somalia. Das Gründungsjahr markiert auch den Höchststand an Piratenüberfällen. 445 Vorfälle hat man in jenem Jahr weltweit registriert.

Das PPZ dient als Ansprechpartner für alle Kapitäne und Skipper auf den Weltmeeren, ist Ratgeber, Vermittler und Beobachter aus der Ferne. Auch wenn Piraterie in den Medien nicht mehr allgegenwärtig ist, so ist die Problematik dennoch präsent.

Im Visier der Piraten sind längst nicht mehr nur Tanker und Containerschiffe großer Reedereien, sondern auch Yachten von Weltumseglern. Es geht nicht immer um Millionen, um Entführungen und Lösegeldforderungen, manchmal ist es eben nur der Außenborder, der mit zum Teil brachialer Gewalt gegenüber der Crew eingefordert wird. „Die Täter“, sagt Flackus, „sind zunehmend skrupellos.“

Horn von Afrika
Piraten-Hotspot Horn von Afrika © PPZ

Nicht selten handele es sich um Jugendliche, alkoholisiert oder unter Drogen, um Menschen, oft bitterlich verarmt, die nichts zu verlieren haben. „Auch wenn Sie glauben, dass Sie nichts von Wert an Bord haben“, warnt Flackus, „dann sind Sie für die Täter immer noch reich.“ In manchen Gegenden der Welt reiche eine Niroschraube als Anreiz, um kriminell zu werden.

Die Gefährdungslage

Die Gefährdungslage, die die Bundespolizei in ihrem Weltumsegler-Seminar zeichnet, scheint dramatisch. „Die Wahrscheinlichkeit, auf Ihrer Reise eine Entführung zu erleben, ist gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass irgendetwas passiert, ist dagegen groß!“, heißt es bei der Präsentation. Deckt die Statistik diese Einschätzung?

Insgesamt verzeichneten die Behörden im Jahr 2020 weltweit 195 Piratenüberfälle (162 im Vorjahr). 56 Überfälle auf Yachten haben die Beamten registriert. Bei etwas mehr als der Vorfälle war die Crew an Bord, bei 38 Prozent war das Schiff verlassen. In zehn Prozent der Fälle blieb es bei dem Versuch eines Überfalls. Bei nur zehn Prozent der Angriffe wurden tatsächlich Waffen gegen die Crew eingesetzt.

Piraterie-Gebiete
Durch Piraterie gefährdete Gebiete © PPZ

Von 2014 bis 2020 konnte das PPZ insgesamt 707 Überfälle auf Yachten dokumentieren. Die Dunkelziffer, sagt Flackus, dürfte aber deutlich höher liegen. Er rechnet mit dem Zehnfachen. Das Problem bei der Statistik: Einerseits würden nicht alle Überfälle gemeldet, weil teilweise das Vertrauen in die Behörden vor Ort fehle. Andererseits gebe es keine internationale zentrale Meldestelle.

Die Zahlen zu den weltweiten Überfällen auf Segel- oder Motoryachten, die dem PPZ vorliegen, beruhen auf den Angaben des Forums „Noonsite“, der Internetseite „Caribbean Safety and Security Net“, Berichten von Betroffenen sowie freien Internetrecherchen. Erschwerend käme mittlerweile hinzu, dass Segler sich in verschiedenen sozialen Medien und etlichen Gruppen austauschten und es somit keinen einheitlichen Kanal für den Erfahrungsaustausch mehr gäbe.

Die Täter kommen nachts

Die Vorgehensweise der Täter skizziert ein Muster: Die Tatzeiten sind überwiegend in den Abend- und Nachtstunden. 70 Prozent der Yachten liegen zum Zeitpunkt des Überfalls vor Anker. Die Täter nähern sich mit kleinen Booten oder schwimmend vom Strand. Die Täter nutzen das Momentum.

Bei Überfällen in den Tagesstunden ist davon auszugehen, dass jemand die Yachten im Vorwege ausgespäht hat. Die Vorfälle im Hafen finden in der Regel in unmittelbarer Nähe zum Steg statt. Bei den Übergriffen handelt es sich oftmals um Jugendliche, unter 16 Jahren, mit hohem Gewaltpotenzial.

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Piraten gibt es auch in der Celebes-See © PPZ

Auch wenn Überfälle auf Sportboote weltweit vorkommen, haben die Pirateriebekämpfer der Bundespolizei einige Hotspots ausgemacht. Demnach erfolgen die häufigsten Vorfälle vor den ostkaribischen Inseln und den Küsten Mittel- und Südamerikas. Als die gefährlichsten Seegebiete gelten aber nach wie vor die Küsten vor Ostafrika (Somalia, Jemen), Westafrika (Golf von Guinea) und die Küsten vor den Philippinen (Sulusee, Celebsee). Bei letzteren ist die Gefahr von Entführungen am größten. Allein im Zeitraum 2016 bis 2020 wurden südlich der Philippinen 18 Geiselnahmen und elf Versuche bekannt.

Brutal: Mittel- und Südamerika

Bei den meisten Überfällen in Süd- und Mittelamerika handelt es sich, wie in anderen Regionen auch, um Armutskriminalität. Anders als in Asien gehen die Täter allerdings häufiger gewaltsam gegen die Schiffsbesatzungen vor. Nicht aufgrund der Anzahl der Vorfälle, sondern aufgrund der robusten Vorgehensweise der Täter liegen die Länder Brasilien, Venezuela und Kolumbien im besonderen Fokus.

Die Beamten gehen davon aus, dass hier gezielt Yachten überfallen werden und dabei auch das Antreffen der Besatzung in Kauf genommen wird. Durch den Einsatz von Messern und Schusswaffen wurden Verletzte und ein Überfall mit Todesfolge gemeldet. In Mittelamerika gilt ähnliches für Panama und Guatemala.

Ruhe am Horn von Afrika

Zwar gehen die Beamten davon aus, dass die Bedrohung durch Piraterie im stark befahrenen Seegebiet vor Somalia nach wie vor besteht, allerdings ist es in der jüngeren Vergangenheit ruhig um dieses Gebiet geworden – was vielleicht auch an der „Operation Atalanta“ liegt. Die multinationale Mission der Europäischen Union wurde zum Schutz von humanitären Hilfslieferungen nach Somalia, der freien Seefahrt und zur Bekämpfung der Piraterie vor der Küste Somalias am Horn von Afrika und im Golf von Aden ins Leben gerufen.

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Somalia und das Horn von Afrika © Wikimedia / CC BY-SA 3.0

In der definierten „High Risk Area“ haben die Behörden in den beiden vergangenen Jahren jedenfalls keine Überfälle registriert. In 2018 ereignete sich der bislang letzte, offiziell bestätigte Vorfall im Zusammenhang mit somalischen Piraten. Dennoch empfiehlt das „Maritime Security Center Horn of Africa“ nach wie vor, dass „Sportboote eine Passage durch die High Risk Area unbedingt vermeiden sollten, da die Gefahr eines Überfalles mit möglicher Entführung als Geisel sehr hoch ist“.

Lässt sich eine Passage nicht vermeiden, empfiehlt das PPZ, sich zuvor beim Maritime Security Center zu registrieren und beim IMB Piracy Reporting Centre zu informieren. Auch bietet das PPZ an, während der Passage als ständiger Ansprechpartner zu fungieren.

Der Maritime Dauerdienst der Behörde ist rund um die Uhr (24/7) unter den Rufnummern (04561) 4071 3333 und (04561) 4071 3334 erreichbar.
  • Im zweiten Teil geht es um Sicherheit an Bord, das richtige Reagieren im Ernstfall, Waffen an Bord und um die Frage: Was ist bei einem Todesfall auf hoher See zu tun?

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