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Hanse-CEO Hanjo Runde (l.) und Bavaria-Chef Marc Diening © Montage float
Wirtschaft

„Preisanstiege wie seit Jahrzehnten nicht“

Die Chefs der deutschen Serienbootwerften eint der Kampf mit den Lieferketten. Unterschiede zwischen Hanse Yachts und Bavaria gibt es dennoch.

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7 Minuten

Die CEOs der Hanse Yachts AG, Hanjo Runde, und Bavaria Yachtbau, Marc Diening, haben eins gemeinsam: Beide sind deutlich kürzer als ein Jahr im Amt, und beide waren bis zum Start ihrer Führungsaufgaben zuvor nicht in der Bootsbranche tätig. Von ihren Vorgängern haben die Mittvierziger nicht nur die Führung der größten Serienbootwerften in Deutschland übernommen, sondern auch die Herausforderungen unserer Zeit.

Dazu gehören die Folgen der Pandemie, knirschende Lieferketten und die unverändert sehr gute Nachfrage nach Booten, wie es gerade erst der Wirtschaftsverband Wassersport bestätigte.

Mit welcher Strategie, welcher Vision und welchen Zielen gehen Hanse und Bavaria in die Zukunft? Das fragten wir die beiden Manager wenige Wochen nach dem Beginn der neuen Zeitrechnung, dem Beginn des Kriegs in der Ukraine.

Wie hat Ihr Unternehmen die vergangenen zwei Jahre abgewettert – mit Brexit, Pandemie, problematischen Lieferketten und nun mit dem Ukraine-Krieg?

Marc Diening: Es waren sicherlich die turbulentesten zwei Jahre, die die Bootsbranche in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. In den ersten Monaten der Pandemie gab es eine große Unsicherheit, auch weil niemand wusste, was mit der Nachfrage passiert. Nach drei, vier Monaten hat sich das Blatt komplett gewendet: Dann ging es nur noch darum, wie wir die sprunghaft angestiegene Nachfrage optimal abbilden.

Die Werft von Bavaria Yachtbau während der Corona-Pandemie
In der Bavaria-Produktion in Giebelstadt © Kerstin Zillmer

Nachdem wir uns sicher waren, dass dieser Trend mittelfristig anhält, haben wir mit dem entsprechenden Vorlauf mit neuen Arbeitsprozessen das Personal gefunden, das wir brauchen, um den Auftragseingang abzuarbeiten. Welche Auswirkungen der Ukraine-Krieg – von heute betrachtet – in 12 oder 18 Monaten hat, ist extrem schwierig zu sagen. Keiner weiß, wie sich das auf die weltweiten Lieferketten auswirkt.

Produktino trotz Pandemie

Hanjo Runde: Es waren vor allem die Auswirkungen der Pandemie, die der ganzen Branche zu schaffen machten, zuallererst durch recht hohe Abwesenheiten. Und es ist aktuell deutlich schwerer, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen, weil die Bereitschaft umzuziehen nicht mehr so hoch ist wie früher.

Wir haben seit Beginn der Pandemie recht intensiv Maßnahmen ergriffen, um das Personal zu schützen. Wir haben es geschafft, trotz der großen Themen in der Corona-Zeit, unsere Produktionsbänder immer weiter laufen zu lassen, was ja auch im Sinne der Kunden ist.

Hanse Yacht Werft
Das Werftgelände von Hanse Yachts in Greifswald © Werft

Herr Runde, ist der Ukraine-Krieg auch für Hanse zu spüren, speziell an ihrem Standort in Polen?

Hanjo Runde: Den Ukraine-Krieg als aktuelles Thema verfolgen wir mit großer Bestürzung und Betroffenheit. Wir haben selbst über 120 ukrainische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ein beachtlicher Teil davon ist in den Krieg gezogen. Wir werden sie auf unbestimmte Zeit wohl nicht wiedersehen.

Ukraine als unwägbares Risiko

Es geht aktuell nicht so sehr um wirtschaftliche Aspekte, sondern eher darum, wie wir helfen können: mit Sachspenden oder ganz pragmatischen Dingen wie einer Unterkunft. Mir widerstrebt es, da in die Wirtschaftlichkeit zu gucken.

Wie steht es aktuell mit dem Auftragsbuch? Und wie schnell werden angesichts gespannter Lieferketten die Aufträge abgearbeitet?

Hanjo Runde: Es gibt neben Themen wie Fehlteilen und Personalmangel, die wir täglich managen, auch einen positiven Effekt: Wir haben ein Auftragsbuch – Stand Februar 2022 – von 330 Millionen Euro. Das ist Rekordniveau.

Containerschiff aus China
Engpässe bei den Containerterminals treiben die Frachtraten hoch © Diego Fernandez

Dem entgegen steht, dass es durch Lücken in den Logistikketten große Schwierigkeiten gibt, das Boot fertigzustellen. Und es auszuliefern, wenn der Kunde es bestellt hat. Wichtig ist, dem Kunden gegenüber Transparenz darüber herzustellen, wo die aktuellen Probleme liegen. Wir haben aktuell Verspätungen! Das ist, denke ich, nachvollziehbar.

Die Ukraine-Krise wird massive Folgen haben, weil die Logistikkapazitäten reduziert und aktuell deutlich langsamer sind. Es schaut so aus, dass Hanse bei der Fehlteile-Verfügbarkeit nicht so betroffen ist, was unsere Zulieferer angeht.

Die Nachfrage bleibt hoch

Marc Diening: Wir haben ein extrem starkes Auftragsbuch. Das Auftragsbuch würden wir gerne schneller abarbeiten. Wir sind bei den Lieferzeiten heute, je nach Modell, in der Größenordnung von 18 Monaten, manchmal auch etwas länger.
Das Nachfrage-Niveau ist so hoch, dass die Lieferantenbasis zu großen Teilen nicht darauf eingestellt ist. Das betrifft nicht nur Bavaria, sondern alle Werften: Oft greift man auf die gleichen Lieferanten zurück, die die Herausforderung haben, mehr zu produzieren als vorher in einer angespannten Lieferkettensituation, die wahrscheinlich noch 12 bis 24 Monate anhält. Das betrifft besonders Motoren und Elektronik, teils auch Holz und Gussteile.

Just-in-time-Produktion sollte teure Lagerhaltung vermeiden … und ist heute nicht mehr angesagt © Arno Senoner

Die Kosten steigen kontinuierlich, die Inflation zieht an: Wie sieht die Preispolitik aus? Für welchen Zeitraum können Sie Kunden den Kaufpreis zusichern, wenn sie heute bestellen?

Marc Diening: Es ist eine echte Herausforderung, die Preise der Zulieferer und Materialien zu prognostizieren, solche Anstiege haben wir in den letzten Jahrzehnten nicht gesehen, und wir gehen davon aus, dass sich das auch fortsetzt.

Die Preise steigen weiter

Wir haben bisher alle Aufträge zu festen Preisen verkauft. Wenn wir das weiter tun, bauen wir wahrscheinlich zu viel Puffer ein. Davon hat auch keiner etwas. Für mich ist wichtig, auch jetzt das Produkt erschwinglich zu halten.

Hanjo Runde: Massive Preissteigerungen bei Rohstoffen sind nicht von der Hand zu weisen, was dazu führt, dass Preise für Boote weiter steigen. Ein Boot, das heute bestellt wird, hat den kalkulierten Preis für das erwartete Auslieferungsdatum.

Hanse Yachts Produktion bei Corona
Innenausbau bei Hanse Yachts © Werft

Wer beispielsweise heute eine Hanse bestellt, die ab Frühjahr 2024 verfügbar ist, bezahlt einen Preis, der die erhöhten Energiepreise, Löhne und Materialkosten beinhaltet, die wir bis 2024 erwarten.

Die boot 2022 wurde sehr spät abgesagt. Wollen Sie 2023 wieder ausstellen? Oder hat Düsseldorf als Standort für eine Weltleitmesse aus Ihrer Sicht Fragen offengelassen?

Marc Diening: Für mich ist ganz klar, dass Düsseldorf die Weltleitmesse war und ist. Wir planen bereits jetzt für 2023. Ich gehe davon aus, dass die boot klar auch in den nächsten Jahren die bedeutendste Messe für uns bleibt.

Messe Düsseldorf
Große Schiffe wird es in Düsseldorf 2023 wieder zu sehen geben © Messe Düsseldorf

Hanjo Runde: Die Messe Düsseldorf hat richtigerweise die boot abgesagt und ist damit der gesellschaftlichen Verantwortung gerecht geworden. Ich glaube, heute ist noch nicht absehbar, welche Rolle die Pandemie spielen wird. Vielleicht gibt es da eine neue Variante, und das wird natürlich unsere Entscheidung beeinflussen.

Die Befragung unserer Partner zur Zukunft von Messen hat ergeben, dass generell die Digitalisierung an Gewicht gewinnt und dass Partner eher auf kleinere Inhouse-Events und Inwater-Messen setzen.

Investition in viele Segmente

Wo sehen Sie die wirtschaftlich erfolgversprechendsten Perspektiven für Ihr Unternehmen? Mehr beim Segeln, mehr bei den Motoryachten, eher Daycruiser oder Boote für die Langstrecke?

Hanjo Runde: Aktuell laufen alle unsere Marken überdurchschnittlich gut. Wahrscheinlich auch, weil wir bei unserer Entwicklungsarbeit auf Modelle gesetzt haben, die – wie die Fjord 41 XL, die Hanse 460 oder das Einstiegsboot Ryck 280 – ihresgleichen suchen.

Ryck Yachts 280
Viel Platz an Deck der Ryck 280 © Werft
Bei Privilége haben wir einen Auftragsbestand von 53 Millionen Euro, das ist ein Rekord: Wir haben vor, die Kapazität und Effizienz des Werks deutlich zu erhöhen. Ein Zukauf weiterer Marken ergibt deutlich weniger Sinn als ein Einstieg mit einer bestehenden Marke in ein anderes Multihull-Segment.

Segelyachten sind wieder gefragt

Natürlich entwickeln sich einzelne Marktsegmente unterschiedlich und unterliegen auch Schwankungen. Deshalb haben wir eine Mehrmarkenstrategie. Das ist auch eine Art Risikomanagement.

Marc Diening: Wir sind generell in der Größenordnung von 30 bis Mitte 50 Fuß unterwegs. Das ist ein größeres Segment, von dem wir glauben, es in den nächsten Jahren gut bedienen zu können. Traditionell kommen wir aus dem Segelbereich, der noch immer unser wichtigstes Kernsegment auch beim Umsatz ist. Wir sehen hier in den letzten zwei Jahren eine neue Dynamik.

Bavaria C38
Steter Seller: die Bavaria C38 © Werft

Wir sehen, dass die neuen Produkte, die wir in den letzten zwei, drei Jahren auf den Markt gebracht haben, extrem gut funktionieren – auf der Seglerseite mit der Bavaria C42 und Bavaria C38, wo wir dreistellige Stückzahlen pro Jahr verkaufen, bei den Motorbooten mit der SR-Linie, wo wir nach der gut angenommenen SR 41 jetzt die Bavaria SR 36 vorstellen.

Welche neuen Bootsmodelle können wir für 2023 erwarten?

Marc Diening: Die Bavaria SR 36 ist sicherlich nicht das letzte Modell in der SR-Reihe. Im Motorbootsegment werden wir Modelle nach und nach ersetzen, und im Segelbereich die Serie ausbauen, die sowohl im Eigner- als auch im Chartermarkt sehr gut ankommt. In beiden Hauptsegmenten werden wir in den nächsten ein, zwei Jahren Neuheiten zeigen.

Polen sorgt für Tempo

Hanjo Runde: Wir haben gerade eine größere Analyse gemacht, wie einzelne Marktsegmente sich weiterentwickeln und was sich daraus ableitet. Eins kann ich sagen: Wir werden mehr Entwickler haben und unsere Innovationsgeschwindigkeit steigern.

Wie entwickelt sich das Hanse-eigene Konstruktionsbüro in Polen?

Hanjo Runde: Wir haben im Baltic Design Institute sieben Mitarbeiter und werden perspektivisch 25 Kollegen hinzubekommen, aber unabhängig vom Standort. Ich finde es faszinierend, wie Engineering-Kollegen aus Frankreich, Deutschland und Polen zusammenarbeiten. Der erste Prototyp, den unser Baltic Design Institute maßgeblich bearbeitet hat, wird in Greifswald gerade gebaut.

Beide Serienbootwerften in Deutschland gehören Finanzinvestoren, die Unternehmen üblicherweise in einigen Jahren wieder verkaufen. Wie ist das bei Ihrem Unternehmen?

Marc Diening: Ich glaube, einer der wesentlichen Punkte für den künftigen Erfolg von Bavaria ist eine gewisse Konstanz, Nachhaltigkeit und eine klare, umsetzbare Strategie. Genau das ist mit dem Investor besprochen und vereinbart.

Wir haben die gleichen Vorstellungen, was Bavaria braucht: die Rückbesinnung auf die Kernpositionierung, dann einen klaren Kurs legen und diesen auch über mehrere Jahre durchhalten, um dann die Früchte ernten zu können von dem, was man in neue Produkte, Belegschaft und Kompetenzen investiert.

Es ist klar, dass dies Zeit braucht, und diese Zeit bringt der Investor mit. Der Investor ist mit der Entwicklung von Bavaria in den letzten drei Jahren sehr zufrieden, auch wenn Corona im ursprünglichen Businessplan nicht berücksichtigt war.

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