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Jens Brambusch Dilly-Dally Probezeit Hat sich auf seinem Boot perfekt eingelebt: Jens Brambusch © Jens Brambusch
Brambusch macht blau

Probezeit unter Segeln

Seit anderthalb Jahren lebt Jens Brambusch als Liveaboard auf seinem Segelboot. Prüfung bestanden. Jetzt locken neue Ziele.

von
Jens Brambusch
in
7 Minuten

Die Sonne scheint vom wolkenlosen Himmel, das Mittelmeer schimmert in allen Facetten von Blau. Hellgrün ist das frische Gras unter unseren Füßen, Blumen und Sträucher blühen, es duftet nach Frühling. Wir sitzen auf einem Hügel oben auf der unbewohnten Insel Gemiler inmitten verfallener Ruinen.

Auf dem kleinen Eiland soll einer der bekanntesten Heiligen des Christentums seine erste Ruhestätte gefunden haben, bevor er mehrfach umgebettet wurde. Der Schutzpatron der Armen und der Seefahrer: Sankt Nikolaus. Unten dümpelt einsam die „Dilly-Dally“ auf der geschützten Leeseite der Insel vor Anker. Wir sind alleine. Nur zwei Ziegen meckern über unseren Besuch. Es ist Anfang März in der Türkei. Aber es fühlt sich an wie Sommer. Alles richtig gemacht!

Jens Brambusch Dilly-Dally Türkei
Die Dilly-Dally vor der Insel Gemiler: im März das einzige Boot weit und breit © Jens Brambusch

Seit eineinhalb Jahren lebe ich auf meiner „Dilly-Dally“, einer über 30 Jahre alten Moody 425. Für viele kam mein Ausstieg überraschend. Selbst für mich. Ich hatte doch alles. Einen Traumjob als Journalist, eine schöne Wohnung, einen Jollenkreuzer auf dem Müggelsee und für den Adrenalin-Kick Strandsegelregatten an den schönsten Stränden Europas.

Erst ein Burnout änderte alles. Ich kündigte den Job, verkaufte die Wohnung, stieg aus. Ab ans Mittelmeer, rauf aufs Boot. Und das mit Mitte 40, also noch weit entfernt von der Rente. Kann das gutgehen? Diese Frage stellte ich mir natürlich auch. Heute kann ich antworten: Oh ja, sehr gut sogar.

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Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.

Den einzigen Plan, den ich hatte, war, keinen Plan zu haben. Trotz aller politischen Widrigkeiten entschloss ich mich, meine Probezeit an Bord in der Türkei zu verbringen. Ausgerechnet in der Türkei? Freunde waren besorgt, die typischen Miesepeter entsetzt. Wie kann man nur? Aber wie sagte Alexander von Humboldt schon: „Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, die die Welt nie angeschaut haben.“

Jens Brambusch Dilly-Dally Türkei
Glücklich ausgestiegen: Jens Brambusch in seinem Lieblingssegelrevier © Jens Brambusch

Hinfahren, umschauen und selbst ein Urteil bilden ist in meinen Augen definitiv die bessere Wahl, als Vorurteile zu bedienen. Zumal es „die“ Türkei auch nicht gibt. Die Küste und deren Bewohner ticken vollkommen anders als die Menschen, die die Regierung in Ankara gewählt haben. Ein Blick auf die Ergebnisse der letzten Wahlen würde manche Vorurteile zerstören.

Die Argumentation „Türkei = Erdogan“ greift ein bisschen kurz. Auch nicht jeder US-Amerikaner ist gleich Trump, nicht jeder Deutsche Merkel oder jeder Brite Johnson. Die meisten großen Städte und vor allem die komplette Mittelmeerküste haben die Opposition gewählt. Die meist ärmere Landbevölkerung dagegen die regierende Partei.

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Türkische Küste im Frühjahr: Milde Temperaturen, noch Schnee auf den Bergen © Jens Brambusch

Wenn also die Touristen wegbleiben, leiden darunter vor allem die Gegenden, die nicht die Regierung gewählt haben. Man bestraft diejenigen, die im Austausch mit Ausländern stehen, die weltoffen sind. Was wäre die Folge, wenn die Touristen in den Küstenregionen wegblieben? Es ist überall das Gleiche auf der Welt. Menschen, die arm an materiellen Besitz sind, sind leichter empfänglich für populistische Gedanken. Weil ein vermeintlich starker Mann ihnen die Sicherheit gibt, die sie suchen. Oder sie versuchen, das Land zu verlassen, dahin zu gehen, wo es ihnen besser geht.

Jens Brambusch Dilly-Dally Türkei
Faszinierende Orte, freundliche Menschen – Fischerboot vor Fethiye © Jens Brambusch

Ein einzigartiges Segelrevier

Die Türkei ist eines der spannendsten und abwechslungsreichsten Länder, die ich kenne. Vor allem aber hat das Land eine über 8.300 Kilometer lange Küste. Ich bin um die Balearen gesegelt, in Kroatien, in Griechenland, Italien und natürlich auf der Ostsee – aber kein Revier hat mich so fasziniert wie die Türkei. Die Landschaft, die Buchten, die Historie – alles einzigartig.

Aber wie mein südafrikanischer Stegnachbar Mark immer sagt: „Menschen prägen Orte“. Und so ist es auch die Wärme und Hilfsbereitschaft der Türken, die das Revier so reizvoll macht. Allerdings meide ich die klassischen Touristenzentren. Auch das ist wieder eine andere Welt.

Die ersten anderthalb Jahre an Bord nenne ich gerne meine Probezeit. Ankommen und runterkommen waren die beiden ersten Schritte, der dritte ist nun auch erfolgreich absolviert: das Dranbleiben! Ein paar Wochen auf einem Boot – kein Problem. Abstand vom Alltag, Urlaub auf dem Wasser. Herrlich! Aber was, wenn der Urlaub zum Alltag wird? Werde ich etwas vermissen beim Leben an Bord?

Jens Brambusch Dilly-Dally Türkei
Sich und sein Boot kennen: Die alte Lady Dilly-Dally bei sechs Windstärken © Jens Brambusch

Mit Liebe aus- und aufgerüstet

Neben vielen, sehr vielen bereichernden Personen aus aller Welt habe auch ich mich besser kennengelernt – und natürlich das Boot. Ich habe es nach und nach aus- und aufgerüstet. Eine ‚alte Lady‘ braucht viel Liebe und auch ein paar kosmetische Behandlungen. Ungefähr 20.000 Euro war mir das wert. Von der Solaranlage, Davits und einem neuen Dinghi über neue Sprayhood, Bimini und Polster bis zu neuen Segeln.

Zuletzt kam die „Dilly-Dally“ in der Gegenwart an, mit neuem Kartenplotter, AIS, Funke und einem WLAN-Verstärker für ein besseres Homekino-Vergnügen über den Beamer, von dem ich auch als Segelaussteiger nicht die Finger lassen konnte. Die letzte größere Anschaffung war ein Satz neuer Rettungswesten.

Jens Brambusch Dilly-Dally Türkei
Dilly-Dally: mit viel Liebe ausgestattet für das Dasein an Bord © Jens Brambusch

Da in der Live-on-board-Community jeder jedem hilft, verlegte mein britischer Freund Paul die neue Elektrik an Bord, installierte mehrere Ventilatoren für heiße Sommernächte und noch mehr USB-Steckdosen, damit die Smartphones immer geladen sind. Wie sich herausstellte, ist gerade das für Freunde auf Besuch elementar.

Viel günstiger als gedacht

Die wichtigste Frage bei einem Totalausstieg ist natürlich die nach der Kohle. Kann ich mir das überhaupt leisten? Und was kostet das eigentlich? Geht denn Leben an Bord für eine Handvoll Lira? Die Frage ist schwer zu beantworten. Das beginnt bei der Wahl zwischen teurer Marina, günstigem Stadthafen oder der Ankerbucht zum Nulltarif. Restaurant oder selber kochen? Super- oder Wochenmarkt? Maschine oder Segel?

Jens Brambusch Dilly-Dally Türkei
Günstig im Paradies: Ankerbucht zum Nulltarif © Jens Brambusch

Meine Antwort ist: Es ist günstiger als gedacht. Die Reserven schwinden deutlich langsamer, auch weil es viele Möglichkeiten gibt, als Segelaussteiger die Bordkasse zu schonen. Der Schlüssel zum Sparen ist aber, unnötige Ausgaben zu kicken. Vor allem in der alten Heimat. Das deutsche Handy? Weg! Alle unnötigen Versicherungen? Kündigen! Private Altersvorsorge? Unbedingt behalten! Aber was ist mit der Krankenkasse?

Die größte Ersparnis habe ich Ulrike und Jan, zwei Segelaussteiger aus München, zu verdanken, die diesen Winter im Stadthafen von Kaş verbracht haben. Bislang hatte meine private Krankenversicherung jeden Monat knapp 600 Euro verschlungen. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa dem, was ich im Monat für Lebenshaltungskosten ausgebe.

Jens Brambusch  Segelaussteiger Dilly-Dally Türkei
Probezeit bestanden: Boot und Kapitän sind gut gerüstet © Jens Brambusch

Durch eine sogenannte „Anwartschaft“ kann ich als Segelaussteiger nun gegen eine kleine Gebühr die Versicherung aussetzen und jederzeit zu den alten Konditionen wieder einsteigen. Stattdessen habe ich eine mehrjährige Langzeit-Reiseversicherung abgeschlossen, wie sie auch Expats nutzen. Damit haben sich die Kosten auf 50 Euro im Monat reduziert. Bei annähernd gleicher Leistung. Selbst Besuche in Deutschland sind bis zu sechs Wochen abgedeckt.

Nicht einen Tag bereut

Meine Probezeit ist damit abgeschlossen. Das Leben an Bord habe ich nicht einen Tag bereut. Die Einschränkungen des kleines Raums empfinde ich als große Bereicherung. Reduzierung als Maximierung. Das Boot ist mittlerweile für längere Passagen gut gerüstet. Und ich bin es auch. Jetzt kann es weitergehen.

  • Jens Brambusch Dilly-Dally TürkeiImmer ein waches Auge: Gasthund Cingene als Navigator © Jens Brambusch
  • Jens Brambusch Dilly-Dally TürkeiDeutsch-türkische Crew: Jens, Cingene und Arzum © Jens Brambusch
  • Jens Brambusch Dilly-Dally TürkeiSiesta mit Hund © Jens Brambusch
  • Jens Brambusch Dilly-Dally TürkeiBordräder als Hundetaxi im Hafen von Fethiye © Jens Brambusch

Die nächste größere Stadt von Kaş Richtung Westen ist Fethiye, ein Zentrum des türkischen Segelsports und damit auch Heimat von ein paar Bootsausrüstern. Für unseren, für Ende April geplanten Trip nach Israel  brauchen wir noch die entsprechenden Gastflaggen. Also brechen wir Anfang März zum Shoppen auf. Wir, das sind Arzum, die mich zusammen mit zwei weiteren Freunden auch nach Israel begleiten wird, Cingene, ein Straßenhund, den Arzum vor vielen Jahren in ihre Obhut nahm – und ich.

Zur Shoppingtour auf eigenem Kiel

Die Bedingungen können besser nicht sein. Von den 180 Seemeilen segeln wir das meiste. Entspannte Raumschotkurse entlang endlos erscheinender Strände im Vordergrund und majestätischen, 3.000 Meter hohen Bergen im Hintergrund.

Kreuzen bei sechs Windstärken mit voller Segelfläche. Die schwere Moody langweilt das. Und selbst die Promenadenmischung fühlt sich pudelwohl an Bord. Der Hund genießt die Gassirunden in einsamen Buchten und die Shoppingtour mit den Bordfahrrädern durch das quirlige Fethiye.

Jens Brambusch  Segelaussteiger Dilly-Dally Türkei
Perfekte Reisezeit im März: viel Platz im Hafen von Kalkan © Jens Brambusch

Wer die Türkei von ihrer schönsten und ursprünglichsten Seite kennenlernen will, sollte hier im März segeln. Man ist nicht nur auf dem Wasser fast alleine. Auch die Stadthäfen, in denen sich im Sommer die Ausflugsboote quetschen, sind leer.

Der Plan war eh, keinen Plan zu haben

In Kalkan sind wir neben den Nussschalen der Fischer das einzige Boot. Nicht einmal der Hafenmeister taucht auf. Dafür hilft uns ein Fischer, der sein Boot an Land überholt, versorgt uns mit Strom und Wasser. Kostenlos.

Einen kleinen Wermutstropfen gab es dann doch. Kaum hatten wir die Gastflaggen für Zypern, Nordzypern und Israel gekauft, ereilte uns eine unerwartete Nachricht. Israel verbietet Deutschen und Menschen einiger anderer Nationen derzeit die Einreise – wegen des Coronavirus. Die Planungen laufen trotzdem weiter.

Jens Brambusch Dilly-Dally Segelaussteiger Türkei
Jedes Ziel hier ist schön: Nebelschleier am Golf von Fethiye © Jens Brambusch

Wer weiß heute schon, wie sich die Lage morgen entwickelt? Auch das lernt man, wenn man auf dem Wasser lebt. Gelassenheit! Und wenn wir Israel nicht anlaufen dürfen, dann geht es eben irgendwo anders hin. Der Plan war ja eh, keinen Plan zu haben.

Jens Brambusch berichtet im Detail von seinem Leben als Segelaussteiger unter dem Stichwort Brambusch macht blau.

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