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Abenteuer

Psycopaatilla

Zwei junge Finnen überqueren 1970 auf einem 4,30 m langen Motorboot den Atlantik.

von in
5 Minuten

In Helsinki auf der Bootsmesse Vene Båt stehe ich vor einem kleinen roten Boot, das mich an eine Ibis erinnert, als mich ein junger Verkäufer anspricht. Er erzählt, dass das Originalboot aus 1960er-Jahren viele Offshore-Rennen in Finnland gewann und ein ganz besonderes Boot sei. Ich werde neugierig. Der Verkäufer stellt mir Ben Fagerström, den Besitzer der Marino-Werft, vor. Er lädt mich auf einen Kaffee ein und erzählt mir dabei diese unglaubliche Geschichte.

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Der junge Verkäufer in der Marino Mustang© Kerstin Zillmer

1969 bringt Bens Vater, die Werft ist seit 1959 in Familienbesitz, ein kleines Windshield-Boot, so genannt wegen der gebogenen Windschutzscheibe, auf den Markt und nennt es Mustang. Das 4,30 x 1,70 Meter große Boot ist zehn Jahre lang das erfolgreichste und beliebteste Motorboot in Finnland. Das Besondere an ihm ist der Rumpf, den die Werft nach dem Vorbild des tiefen V-Rumpfs von Ray Hunt aus den USA entwickelt hat und der das Boot so extrem seetauglich macht.

Ein Jahr später stehen Seppo Muraja und Arto Kulmala, zwei junge Männer aus Turku, in der Werft und sagen: ‚Wir hätten gerne ein Boot, mit dem wir den Atlantik überqueren können.‘ Fagerström senior bietet ihnen sein größtes Motorboot an, aber die beiden wollen eine Mustang, weil sie gehört haben, dass sich dieses Boot bei schwerem Wetter am besten bewährt habe und das erfolgreichste Boot bei Offshore-Rennen war. Der Weftchef macht einen Deal mit ihnen: Wenn die beiden es schaffen, mit dem Boot den Atlantik zu überqueren, bekommen sie ein neues Boot, und die Werft behält das alte. Seppo und Arto willigen ein.

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Die Karte, auf der Seppo die Route markiert hat© Kerstin Zillmer

„Sie waren verrückt. Man muss verrückt sein, um eine solche Überquerung zu wagen. Junge Männer halten sich oft für unsterblich. Wie sonst kommen Menschen auf die Idee, den Atlantik in einem so kleinen Boot zu überqueren? Ohne irgendwelche Begleitboote. Sie sind einfach raus aufs Meer und kamen zurück“, wirft Ben ein.

Psycopaatilla

In der Marino-Werft wird die kleine Mustang für die große Fahrt präpariert. Das gesamte Heck wird zu einer großen Backskiste umgebaut, die mit einer Metallklappe zu verschließen ist. Zusätzlich bekommt sie einen Mast und Segel, damit sie auch unter Wind fahren kann. Motorisiert wird die Mustang mit einem Archimedes Volvo Penta 360 Außenborder mit 36 PS. Sie taufen das Boot auf den Namen „Psycopaatilla“.

Ihr Plan ist, von Dakar im Senegal über die Kapverden nach Cayenne im südamerikanischen Französisch-Guayana zu fahren – eine Strecke von mehr als 4.000 km. Sie bunkern in Finnland Wasser in Dosen, Konserven und technisches Gerät, verschiffen die „Psycopaatilla“ auf einem Frachter nach Dakar und müssen selbst trampen, weil sie kaum Geld haben. In Dakar angekommen, bauen sie für den Transport des Benzins einen Ponton-Anhänger, mit dem sie einen 200-Liter-Benzintank schleppen wollen. Aber die Konstruktion funktioniert nicht, weil sie es nicht schaffen, den Tank ausreichend gegen das Wassser abzudichten. Sie koppeln den Anhänger ab und nehmen deutlich weniger Benzin im Bootsrumpf mit, wo sie auch den Proviant lagern.

Das nehmen sie an Bord:

  • 230 Liter Wasser
  • 8 kg Kartoffeln
  • 1,5 kg Reis
  • 2 kg Makkaroni
  • 14 Büchsen Dosenmilch
  • 1 kg Margarine
  • 90 Tüten Boullion
  • 40 Pakete Kartoffelflocken
  • 5 l Pflanzenöl
  • 4 kg Zucker
  • 2 kg Salz
  • 1 kg Zwiebeln
  • 4 kg konservierte Bierwurst
  • 1 kg Erdnüsse
  • 1,5 l senegalesischen Rum
Kochen an Bord
Kochen an Bord© Seppo Muraja

Mitte Mai 1970 stechen sie in See. Jeden Morgen kochen sie Kaffee auf einem Propangaskocher und fischen. Sie haben eine Super-8-Kamera dabei und dokumentieren ihr Leben an Bord. Die meiste Zeit segeln sie, um Benzin zu sparen. Seppo bestimmt mit seinem Sextanten und dem eingebauten Kompass die Route. Sie haben bereits 1.400 km zurückgelegt und immer noch nicht die Kapverden erreicht, als sie feststellen, dass sie sich verrechnet haben und viel zu weit nach Süden gefahren sind. Der Proviant für die restliche Strecke wird knapp. Aber auf der Route fahren viele Frachter. Ein norwegisches Schiff namens „Edga“ nimmt sie samt dem Boot auf. An Bord des Frachters bekommen sie alles, was sie brauchen: Proviant, Wasser und mehr Wissen über die Berechnung der Route. 2.000 Kilometer weiter nördlich gehen sie auf der Höhe von Französisch-Guayana wieder von Bord und setzen ihre Atlantik-Überquerung fort.

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Aus dem Buch: Psycopaatilla yli atlantin

Sie fahren weitere 1.500 km und geraten, es sind immer noch hunderte von Kilometern bis zur Küste, in einen schweren Sturm. Laut Seppo sind es um die 10 Beaufort, und die „Psycopaatilla“ schlägt auf die Seite und kentert. Beide denken, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, aber irgendwie schaffen sie es, das kleine Boot umzudrehen. Völlig erschöpft und ausgehungert kommen sie schließlich in Georgetown, Guayana, an. Sie waren 47 Tage unterwegs. Und stehen eines Tages wieder in der Werft, um ihr neues Boot abzuholen.

Ben Fagerström beendet seine Geschichte: „Wollen Sie das Boot sehen? Es steht hier bei uns am Stand, und Arto ist auch da.“ Ich stehe auf und folge Ben. Vor mir steht das kleine alte Boot, und es scheint mir unvorstellbar, dass zwei Männer damit 4.000 Kilometer über den Atlantik gefahren sind. Am Bug lehnt eine Karte, dort ist die Route mit roter Linie eingezeichnet. Daneben steht ein altes Männlein, das muss Arto Kulmala sein. Ich gebe ihm die Hand.

Sein Abenteuer ist 47 Jahre her, und genauso viele Tage war er mit Seppo auf See. Ich frage ihn, mit Bens Hilfe – denn Arto spricht nur finnisch – wie er das Abenteuer in Erinnerung habe. „Es war eine wirklich schöne Tour“, antwortet er. Ob sie denn keine Angst gehabt hätten? „Nein, Angst haben wir nicht gehabt.“ Sie hätten es einfach laufen lassen.

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Arto Kulmala© Kerstin Zillmer

Zwischen der neuen Mustang und der „Psycopaatilla“ liegen 10 Meter Abstand und ein Abenteuer von 4.000 Kilometern auf 4,30 Metern Länge. Arto signiert mir das Buch „psycopaatilla yli atlantin“, das Seppo 1971 im Eigenverlag veröffentlicht hat. Ben Fagerström hat es nach 45 Jahren wieder aufgelegt, auf Finnisch. Sobald wir einen Übersetzer gefunden haben, erzählen wir auf float die ganze Geschichte.

Wir bedanken uns bei Ben Fargerström, dass er uns diese wunderbare Geschichte erzählt hat. Den Nachfolger der Psycopaatilla, die neue Mustang von Marino stellen wir in Kürze vor. Den gibt es übrigens auch in Telemagenta!

Der Super-8-Film dokumentiert die Atlantik-Überquerung von Seppo und Arto.


Die finnische Band Jonas and I hat den Film mit ihrem Stück „Crossroads“, erschienen bei Humanrecords, musikalisch untermalt.

2 Kommentare

Pu Schröder /

Es ist wie bei Neberg mit seinem angeblichen Tretboot. Weht der Passat einigermaßen günstig zieht er jedes Boot mit einer Fock auch ohne Großsegel auf der Barfußroute über den Atlantik. Nur unter Maschine muß das Boot viel größer sein und kein 36PS-Benziner.

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