float Magazine

Der Segler am Ende der Odyssee © Sebastian Kummer
Leben an Bord

Rettung aus dem Niemandsland

Die lange Odyssee von Sebastian Kummer, der Corona 90 Tage im Niemandsland auf einem Katamaran überstand, ist vorbei. Ein Happy-End.

von
Jens Brambusch
in
13 Minuten

Das „Niemandsland“ liegt am Ende einer schmalen Bucht auf einer der vielen Inseln im Golf von Fethiye. Seit sechs Wochen harrt Sebastian Kummer in der Türkei aus, ohne eigentlich dort sein zu dürfen. Aus Griechenland wurde er mit vorgehaltener Maschinenpistole von der Küstenwache vertrieben, in der Türkei darf er nicht ankommen. Alle Mittelmeeranrainer haben wegen Corona die Grenzen dicht gemacht. Göcek, eine kleine Stadt an der Südküste, das Ziel von Kummers Überführungstörn, liegt nur drei Seemeilen entfernt – und doch ist es für ihn unerreichbar.

Kummer ist ein Outlaw. Streng genommen ein illegal Eingereister, auch wenn er nie einen Fuß auf türkischen Boden gesetzt hat. Aber er liegt in türkischen Hoheitsgewässern, schutzsuchend vor Wind und Wetter. Der Deutsche mit Wohnsitz in Wien lebt zwischen den Grenzen, allein auf einem Katamaran, den er werftneu im Februar an der französischen Atlantikküste übernahm, um ihn zu einer Charterbasis in der Türkei zu überführen. Auf Mallorca verließ ihn die Crew. Seitdem ist er allein an Bord. Mit sich. Der Ungewissheit. Und einer Tiefkühltruhe gefüllt mit gefangenem Fisch.

Sebastian Kummer
Sebastian Kummer lebt wochenlang zwischen den Grenzen © Sebastian Kummer

Der Wirtschaftsprofessor aus Wien fühlt sich wie ein Pirat – und sieht mittlerweile auch so aus. Der Bart ist struppig, die schlohweißen Haare reichen bis auf seine Schultern, seine Haut ist braungebrannt und gegerbt von Salzwasser. Nur das Mürrische bekommt er nicht hin. Dafür lacht der 57-Jährige einfach zu viel.

Die schönste Quarantäne, die man sich vorstellen kann

Auf der Lagoon 46 „Blu“ ist jeder Tag wie der andere. Kummer arbeitet am Laptop, schwimmt im mittlerweile warmen Mittelmeer, treibt Sport, lebt gesund. Er hat beschlossen, die Zeit als Geschenk anzunehmen. Den Corona-Lockdown erlebt er dort, wo andere sonst Urlaub machen. Für Kummer ist es die schönste Quarantäne, die er sich vorstellen kann, während die Welt an Land immer verrückter wird. Trotzdem ist er vorsichtig. Jede Nacht schließt er sorgsam von innen ab, neben seinem Bett liegt griffbereit das Handfunkgerät, eingestellt auf den Notrufkanal 16. Kummer weiß, dass die Türkei als eines der sichersten Segelgebiete gilt, aber sicher ist sicher.

Immer wieder schöpft der Segler Hoffnung, bald in der Türkei einchecken zu können, um die Lagoon abzuliefern und einen anderen Katamaran nach Kroatien überstellen zu können. Immer wieder wird er enttäuscht. Die vielen Gespräche, die im Hintergrund laufen, scheitern immer in letzter Minute. Es ist zum Verzweifeln.

  • Sebastian KummerDie Lagoon 46 namens Blu in der versteckten Bucht © Sebastian Kummer
  • Sebastian KummerToilettenpapier gabs immer genug © Sebastian Kummer
  • Sebastian KummerMorgens war der Salon sein Büro © Sebastian Kummer
  • Sebastian KummerZu Essen gab es frischen Fisch © Sebastian Kummer

Kummer weiß, dass die Küstenwache von ihm weiß. Von türkischen Freunden erfährt er, dass er geduldet wird. Sie versorgen ihn mit Gemüse und Früchten, in kleinen Boote bringen sie Wasser und Gas. Auch die Einwohner der Insel und die Fischer sind freundlich zu dem Einsiedler auf seinem Boot, bieten Hilfe an. Kummer fehlt es an nichts. Er weiß aber auch, dass in diesen verrückten Zeiten fast täglich neue Corona-Anordnungen getroffen werden. Das, was heute gilt, kann morgen schon obsolet sein. Wenn er heute geduldet wird, muss das noch lange nicht für morgen gelten.

Auch weiß Kummer, dass er ein Präzedenzfall ist. Wenn er in der Türkei trotz Einreiseverbots einchecken darf, dann wollen das auch andere. Kummer ist mittlerweile so etwas wie ein Medienstar. Zeitungen, Magazine und Fernsehsender berichten über den gestrandeten Professor. Die Medienberichte haben geholfen, Aufmerksamkeit zu schaffen und damit Druck aufzubauen, um eine Lösung zu finden“, sagt Kummer.

Ein Anruf in der Redaktion

Ab dem 17. April, ein Ende des Lockdowns ist nicht abzusehen, bittet Kummer türkische und österreichische Freunde ihm zu helfen. Auch informiert er die deutsche Botschaft in Ankara. Nach einem Interview mit float meldet sich der in Wien lebende Türke Zaman Denli, der Kummer helfen will. Kummer ist zwar skeptisch, aber er hat beschlossen, alle Möglichkeiten zu nutzen.

Sebastian Kummer
Viele Telefonate bringen die Lösung © Sebastian Kummer

Nach einigen Telefonaten wächst das Vertrauen. Die Lösungsansätze scheinen realistisch, zumal sich nun auch die offiziellen türkischen Stellen um eine Lösung bemühen. Doch die ist kompliziert, viele Stellen müssen zusammenarbeiten. Es bedarf einer Koordination. Nachdem Kummer die offiziell notwendigen Erklärungen abgibt, schreibt die deutsche Botschaft eine Note an das türkische Außenministerium. Das wiederum informiert das Innenministerium, das entsprechende Informationen an die lokalen Stellen gibt. Besonders möchte Kummer der Polizeichef der Passport-Polizei in Fethiye, Fatih Karasu, sowie dem Bezirksgouverneur Muzaffer Sahiner für ihren persönlichen Einsatz danken.

Türkische Küste
Die türkische Küste lebt vom Tourismus © Jens Brambusch

Die türkische Küste lebt vom Tourismus, der bis auf wenige Segler fast vollständig zum Erliegen gekommen ist. Auch wenn es in der Türkei strenge Corona-Auflagen gibt, bemühen sich die Behörden, so gut es geht zu helfen. Auch ein deutscher Katamaran, der im April aus Ägypten kommt und wegen des Einreiseverbots nicht einchecken darf, wird nicht barsch abgewiesen. Die Küstenwache versorgt die Segler in einer Bucht, ehe sie weitersegeln.

Wird seine Odyssee nun bald vorbei sein?

Es ist der 6. Mai, und eben hat Kummer erfahren, dass er morgen in der Türkei einchecken darf. Freude mischt sich mit Wehmut. Wird seine Odyssee wirklich bald vorbei sein? Kummer hat Angst. Angst davor, dass er wieder einmal enttäuscht wird. Schon mehrmals hat er sich auf den Tag X vorbereitet, dann zerplatzte der Traum wie eine Seifenblase. „Das kostet so viel Energie“, sagt Kummer. Auch hat er Respekt vor dem, was vor ihm liegt.

Türkische Küste
Volkan, der Stationsleiter von Pitter Yachting, begrüßt Sebastian Kummer © Jens Brambusch

Nonstop muss er allein eine Lagoon 450 von Göcek nach Kroatien segeln. Acht bis neun Tage und Nächte ununterbrochen auf See, schlafen und wachen in kurzen Intervallen, der Wind stürmisch und oft gegen an. Auch darf Kummer nicht die kürzeste Route wählen. Die griechischen Hoheitsgewässer sind tabu. Also muss er Rhodos im Westen und Kreta im Norden liegen lassen, sprich Kurs zunächst auf Libyen legen. Am 7. Mai, es ist ein Donnerstag, verlässt Kummer tatsächlich sein Niemandsland.

Türkische Küste
Die türkische Küste lebt vom Tourismus © Jens Brambusch

Volkan, der Stationsleiter von Pitter Yachting in Göcek, soll die Lagoon 450 „Sunce 2“ zur Zollmole bringen, Kummer fährt mit der Lagoon 46 „Blu“ dorthin. Zwei Polizisten mit Mundschutz und Handschuhen nehmen die Katamarane in Empfang. Über die Hintergründe, wie es zu diesem Arrangement kommen konnte, haben alle Beteiligten Stillschweigen vereinbart. Kummer lächelt süffisant. „Es hatte ein bisschen was von einer Geheimdienstoperation“. Und selbst, wenn er etwas sagen wollte: Kummer wurde bei all den Verhandlungen außen vor gelassen. „Um mich nicht zu belasten“, sagt er.

An der Zollmole gibt es Probleme. Einige Papiere scheinen nicht an den „richtigen“ Stellen angekommen zu sein. Hektisch wird telefoniert. Kummer versteht kein Türkisch, aber am Tonfall und der Mimik kann er erkennen, dass es noch Herausforderungen gibt. Anderthalb Stunden dauert das Prozedere. Kummer stellt sich innerlich bereits auf die nächsten Wochen in Quarantäne ein. Doch dann klingelt das Telefon seines Partners, dessen Miene hellt sich auf, er lächelt. Es klappt.

Sebastian Kummer
Der Agent und der Amtsarzt © Sebastian Kummer
Sebastian Kummer
Die Lagoon im Hafen von Göcek © Sebastian Kummer

Von jetzt an läuft alles nach Plan. Ein Yachtagent kommt mit Blumen und Süßigkeiten als Zeichen der türkischen Gastfreundschaft an Bord, um die Papiere abzuholen, im Schlepptau hat er einen Amtsarzt, der Kummer auf Corona untersucht. Kummer ist relaxt, sein letzter Landaufenthalt war am 7. März, die letzten Wochen lebte er isoliert auf seinem Katamaran. Dann muss er zur Passkontrolle, einklarieren, ausklarieren, alles im 15-Minuten-Takt.

Auf dem Rückweg zum Schiff überfällt Kummer die Erleichterung. Er springt in die Luft, juchzt und jauchzt. Nachdem er die Leinen losgeworfen hat, kontrolliert ihn noch einmal die Coast Guard, die in einem Schlauchboot längsseits kommt. „Alle waren extrem freundlich und der Kapitän, der sehr gut Englisch sprach, sagte, dass er Deutschland liebt“, erzählt Kummer.

„In drei Stunden bin ich schlauer“

Während die türkische Küste im Kielwasser immer kleiner wird, beobachtet Kummer das Wetter und berechnet die Route. Eine Südwindlage im Ionischen Meer und der Adria macht ihm Hoffnung. Sie würde ihn geradewegs bis nach Kroatien schießen. Aber zuvor muss er sich noch durch den starken Meltemi zwischen Rhodos und Kreta kämpfen. Die nächste Woche wird es in sich haben.

Es ist Samstagmorgen. Der Meltemi bläst mit konstant 27 Knoten. Kummer segelt das Groß im zweiten Reff, die Genua mit halber Fläche. Die Logge pendelt zwischen acht und neun Knoten. Böen peitschen über die See zwischen Rhodos und Karphatos, die Welle ist unangenehm. Kummer segelt erst 75 Grad zum wahren Wind, dann 110 Grad. Er will halben Wind vermeiden. In sein Logbuch schreibt er: „Perfekte und ruhige Fahrt, könnte aber noch zwischen Karpathos und Kreta unangenehm werden. In drei Stunden bin ich schlauer.“

Sebastian Kummer
Viel Wind vor Kreta © Sebastian Kummer

Als die Sonne im Meer versinkt, ist Kummer bereits südlich von Kreta. Es war ein Tag mit starkem Wind, aber gut zu meistern. Jetzt schläft der Wind ein. Auch Kummer ist müde. Nachts um 3 Uhr, er schläft und wacht im Wechsel von 20 Minuten, setzt er das Groß. Um 5.30 Uhr muss er es reffen. Der Wind erreicht in Spitzen 40 Knoten, die Welle kommt von der Seite. Unangenehm, besonders auf einem Kat. Dreimal wird Kummer auf der Flybridge gespült, mehrmals muss er ablaufen, geht auf raumen Wind. Er steuert jetzt geradewegs auf Libyen zu. Jedesmal, wenn der Wind nachlässt, luvt er wieder an.

Kummer ist müde. Und gestresst. Die griechische Küstenwache hat ihn mehrfach angefunkt, obwohl er sich außerhalb der Zwölfmeilenzone gehalten hat. Seit dem Vorfall in einer griechischen Bucht vor mehreren Wochen, als er im Angesicht der Mündung einer Maschinenpistole die griechischen Gewässer verlassen musste, ist Kummer etwas paranoid.

Und dann passiert es

Als Kummer die Genua bei 30 Knoten Wind verkleinern will, verklemmt sich die Reffleine. Beim Versuch sie zu lösen, gerät seine linke Hand zwischen Rolle und Schot. Höllische Schmerzen schießen durch Kummers Körper. Er ist gefangen, gefesselt auf der Flybridge. Der Autopilot steuert stoisch weiter. Kummer versucht ruhig zu bleiben, seine Lage zu analysieren. Aber sie scheint aussichtslos. Er kann sich nur befreien, wenn er die Klemme der Reffleine löst, doch dann wird seine Hand wegen des Drucks im Segel weiter in die Rolle gezogen, vielleicht sogar abgerissen. Kummer kennt solche Berichte. „Ich habe alles versucht, aber keine Chance.“

Kummer wird schwarz vor Augen, er hat das Gefühl ohnmächtig zu werden. „Dann sterbe ich hier“, sagt er sich. Also setzt er alles auf eine Karte. Er muss die Klemme lösen – und mit der rechten Hand, die linke befreien. Irgendwie. Nach einem kurzen Moment legt er die Klemme um.

Er weiß im Nachhinein nicht wie, aber er schafft es, die Hand blitzschnell zu befreien, bevor die Leine mit rund einer Tonne Kraft sie zerfetzt hätte. Er wankt in den Salon, kramt aus der Tiefkühltruhe gefrorenen Thunfisch, schlägt ihn in ein Küchentuch ein und kühlt die Wunde. Er liegt auf dem Sofa, ermattet und erschöpft. Die Hand brennt höllisch. „Ich habe drei Mal „Gott, wir loben Dich“ gesungen“, sagt Kummer. Die Hand ist gequetscht, aber Kummer kann sie bewegen. Die Finger bluten, aber die Schnittwunden sind nicht tief.

Ab diesem Zeitpunkt war ich wirklich ein Einhandsegler

… lacht Kummer heute. Er ruft einen Freund an, dessen Frau Ärztin ist. Kummer macht ein Foto von der Bordapotheke. Die Ärztin gibt ihm Tipps zur Behandlung. Kummer soll Wasser abkochen, damit es steril ist, und damit die Wunde auswaschen, dann mit der dreiprozentigen Wasserstoffperoxid-Lösung desinfizieren. Anschließend soll er die beiden Finger mit den Schnittwunden mit einem wasserdichten Post-OP-Pflaster steril verschließen und die gesamte Hand mit einem Verband bandagieren, um sie ruhig zu stellen, damit die starken Hämatome nicht weiter belastet werden.

Sebastian Kummer
Sieht schlimmer aus als es ist © Sebastian Kummer

Schon am nächsten Tag haben sich die Wogen geglättet. Nicht nur liegt das Meer wie ein Spiegel vor dem Bug des Katamarans, auch Kummer fühlt sich besser. Doch der straffe Verband schmerzt. Er legt ihn ab, begutachtet die Verletzung. Die Finger sind geschwollen, aber die Wunde scheint zu heilen.

Wieder Probleme mit der Reffanlage

Noch in der Nacht hatte er erneut Probleme mit der Reffanlage, musste wieder die eingeklemmte Leine reparieren. Es tut ihm gut, jetzt die Finger zu bewegen. Trotz der Schmerzen durch die Quetschung. Kummer legt ein Breitbandantibiotikum parat, für den Fall, dass sich die Wunde entzünden sollte. Aber er ist guter Dinge, dass er nochmal mit einer blauen Hand davongekommen ist.

Kummer umrundet Kreta südlich, unter Maschine. Er informiert neben der Ärztin nur das Pitter-Team von seiner Verletzung, selbst seiner Familie erzählt er erst zwei Tage später von dem Vorfall, damit sie sich keine Sorgen macht. Den Katamaran führt Kummer jetzt mit einer Hand. Er lässt die beiden Motoren abwechselnd alle 10 Stunden laufen. Der Schiffsverkehr nimmt ab, also entscheidet sich Kummer seinen Wach-Schlaf-Modus von 15 auf 20 Minuten zu verlängern. Im Halbschlaf kreisen seine Gedanken um eine merkwürdige Frage: Soll er bei der Ankunft in Kroatien über Top flaggen? Dann döst er wieder ein.

Nachts um 3 Uhr dreht der Südwind auf. So, wie vorhergesagt. Weil Kummer sich und seine Hand schonen will, setzt er gleich das dritte Reff. Er will sein Schicksal nicht noch einmal herausfordern. Und Eile hat er nicht. Seit dem 16. Februar ist er unterwegs, da kommt es auf einen oder zwei Tage mehr auch nicht an.

Sebastian Kummer
Erst nachts flaut es in dieser unruhigen Nacht ab © Sebastian Kummer

Der Südwind bringt Kummer gut voran. Von Kreta segelt er gen Norden zur Westspitze der Peleponnes. Die Winde drehen oft, es herrscht viel Verkehr auf den Seestraßen. Kummer durchlebt eine unruhige Nacht. Immerhin scheint die Hand gut zu heilen.

Am Tag 5 donnern Kampfjets übers Meer

Am fünften Tag donnern zwei Kampfjets über das Meer. Ein letzter Gruß der Griechen. Kummer will erst durch die Straße von Otranto segeln, dann entlang der italienischen Küste Richtung Norden. Weiter draußen auf der Adria tobt wieder ein Sturm. Das Großfall hat sich verheddert, sechs Stunden braucht der angeschlagene Segler bei Wind und Welle, um das Problem zu lösen. Als er es geschafft hat, döst der Wind ein. Kummer ist das nur recht.

Eine ruhige Nacht kann er gut gebrauchen. Sein Kat ist weit entfernt von jeder Küste, fernab der Schiffslinien. „Bei dem Trip habe ich einiges gelernt“, scherzt Kummer, der als junger Mann bereits an Laser-Weltmeisterschaften teilgenommen hat. „Ich weiß jetzt die Schönheit eines Motortages zu schätzen.“

Sebastian Kummer
Zur Belohnung ein wunderschöner Sonnenaufgang © Sebastian Kummer

Der sechste Tag begrüßt Kummer mit einem fantastischen Sonnenaufgang. Er frühstückt ausgiebig. Als er wieder Netzempfang hat, checkt er den Wetterbericht und schaut in sein Postfach. Doch die erhoffte Einreisebestätigung nach Kroatien ist noch nicht da. Aber sie lässt nicht lange auf sich warten, es scheint, als würde sich alles zum Guten wenden. Selbst der Südwind legt zu.

Am Nachmittag setzt Kummer die Segel. Er entscheidet sich gleich für das Reff drei, auch wenn er damit langsamer ist. Aber Sicherheit geht vor, er will nicht noch mal bei Nacht Manöver fahren müssen. Bei 17 Knoten Wind macht er immer noch 4,5 Knoten Fahrt. Das reicht ihm. Aber der Wind nimmt immer weiter ab. Das wiederum reicht nicht. Denn wenn Kummer nicht rechtzeitig die Straße von Otranto erreicht, wird es heftig.

Je näher das Ziel kommt, desto stürmischer wird es

Wieder muss der angeschlagene Skipper arbeiten. Genua einholen, in den Wind, das Groß ausreffen. Der Aufwand lohnt sich. Der Kat macht einen Knoten mehr. Doch nur kurz, dann schläft der Wind wieder ein. Kummer holt die Segel ein, wirft die Maschine an. Um Mitternacht brist es wieder auf. Dann wieder Flaute. Erst gegen 1 Uhr bläst der Wind konstant mit 17 Knoten. Kummer stellt den Motor ab, setzt die Segel erneut. In dieser Nacht kommt er bis kurz vor Brindisi.

Aber je näher Kummer seinem Ziel kommt, um so stürmischer wird es. Den ganzen nächsten Tag weht ein kräftiger Wind, verwandelt die Adria in ein Biest. „Nichts für Memmen“, schreibt Kummer in seine Notizen. Erst gegen 4 Uhr nachts flaut es ab. Die Welle steht aber. noch, lässt die Segel schlagen. Kummer entscheidet sich für die Maschine. Er ist müde, aber zufrieden. Nur wundert er sich, dass der Mond plötzlich Kreise dreht. Erst dann bemerkt, dass es nicht der Mond ist, sondern sein Kat. Der Autopilot ist deaktiviert. Kummer kommt an seine Grenzen. Dringend braucht er Schlaf.

Am 15. Mai, es ist ein Freitag, setzt Kummer die kroatische Gastflagge. Darunter die Flagge „Q“ zum Einklarieren. Es ist 8.45 Uhr und bis zur Insel Vis, seinem Ziel, sind es nur noch 30 Seemeilen. Kummer sehnt sich danach, dass seine Odyssee nach 90 Tagen endlich endet. Die letzte Woche, der Törn von der Türkei nach Kroatien, hatte es in sich. Doch um 10.15 Uhr bekommt er einen Anruf von der Charterbasis, an die er den Kat überstellen soll. Kummer soll in einem Abstand von zwölf Seemeilen an Vis vorbeisegeln.

Sebastian Kummer
Kroatische Flagge und die Q-Flagge zum Einklarieren © Sebastian Kummer

Wenn er dort in die Zwölf-Meilen-Zone einfahren würde, müsste er in Split einklarieren, da dies der nähest gelegene „Port of Entry“ ist. Für Kummer bedeutet das eine weitere Nacht auf See. Obwohl er frustriert ist, ändert er sofort den Kurs Richtung Westen. Er weiß, dass in Zadar bereits alles vorbereitet ist und er kennt die Berichte von Seglern, die wegen der Verletzung der kroatischen Einklarierungsregeln eine Strafe erhalten haben.

Weitere 130 Seemeilen liegen vor ihm, da auch die kleinen unbewohnten Inseln nordwestlich von Vis westlich umfahren werden müssen. Die Basis erklärt ihm, dass er die Kornati-Passage nehmen soll, dann nach Norden und ab der Nordspitze der Insel Ugljan schließlich Richtung Zadar.

Sebastian Kummer
Im Morgengrauen erreicht Kummer die Kornaten © Sebastian Kummer

Auf den letzten Meilen kein Risiko eingehen

Tagsüber macht Kummer mit voller Besegelung gute Fahrt und ist der Zeitplanung immer etwas voraus. Die Nacht ist ruhig. Doch ab 3 Uhr bekommt Kummer kein Auge mehr zu. Er ist zwar hundemüde, aber auf den letzten Meilen will er nicht das Risiko eingehen, den Wecker zu überhören und den Kat auf die Klippen zu setzen. Er verlangsamt die Fahrt, um in der Morgendämmerung durch die Kornaten zu motoren. Er möchte alle drei Phasen des Twilights vor dem Sonnenaufgang, die astronomische, nautische und bürgerliche Dämmerung sowie den Sonnenuntergang und den letzten Segeltag genießen. Die Szenerie kommt ihm surreal wie der gesamte Trip vor.

Um 10 Uhr macht Kummer, völlig ermattet, am Zollpier von Zadar fest. Seine Freunde erwarten ihn bereits. Drei Stunden dauert das Einklarieren. Kummer lässt es wie in Trance über sich ergehen. Noch muss er den Kat zur Basis von Pitter Yachting in Biograd segeln. Der Geschäftsführer von Pitter Croatia, Marim Katičin, kommt ihm mit seinem Hund zur Begrüßung entgegen gesegelt. Später feiern sie zusammen mit Kummers türkischem Freund, der nicht nur in der Türkei, sondern auch in Kroatien geholfen hat, am Steg.

Sebastian Kummer
Marim Katičin, Zaman Denli und Sebastian Kummer © Sebastian Kummer

Aber vorher, zwei Seemeilen vor der Marina, verwirklicht Kummer seinen Traum. Er flaggt über die Toppen. Vor dem Vorstag wehen traditionell die Flaggen des Alphabets, Zahlen und Hilfsstander, achtern die Flaggen der Länder, die Kummer in dem vergangenen Vierteljahr passiert hat. Als Dank für die Hilfe der österreichischen, deutschen, türkischen und kroatischen Freunde und als ein Zeichen dafür, dass die Segelsaison am Mittelmeer wieder eröffnet ist.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.