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Schott für Schott geht der Innenausbau der Tally Ho voran. © Leo Sampson
Refit-Projekt

Rowan und die Hafen-Hunde  

Schott für Schott geht der Innenausbau der Tally Ho voran. Volunteer Rowan hat derweil seine Liebe zu Vierbeinern entdeckt.

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5 Minuten

Nachdem das Lazarett-Schott fest sitzt, die erste Querversteifung, die die Achterpiek vom Cockpit trennt, geht es jetzt – Schott für Schott – voran mit dem Ausbau der „Tally Ho“. Den englischen Rennkutter von 1909 aus der Feder von Albert Strange baut der englische Bootsbauer und Skipper Leo Sampson seit 2017 wieder auf.

Mit dabei sind wechselnde freiwillige Helfer und Pete, der Profi. Vor einigen Wochen mussten Bau-Crew und Boot vom beschaulichen Flecken Sequim an der US-amerikanischen Nordwestküste in die Küstenstadt Port Townsend umziehen.

Rowan aus Brooklyn ist zur Zeit der einzige Volunteer im Tally-Ho-Team. Er bohrt Holzproppen und hilft, wo Not am Mann ist. Außerdem ist er für den Spaß verantwortlich. „Wann immer dir dein Lineal in die Bilge fällt oder du ,Schmutz’ am Hemd hast“, sagt er, „sind die Werfthunde da und bauen dich wieder auf.“

Tally Ho Refit
Rowan und ein Werfthund © Leo Sampson

Er mag die allgegenwärtigen Vierbeiner, die „Freiland-, Auto- und Leinenhunde“. Am meisten liebt er die freien, die überall auf dem Werftgelände herumwuseln und trotzdem nicht unter die Räder des riesigen Travel-Lifts kommen. Und natürlich mag er Backtrack, Petes gemütlichen Gefährten. So schnappt er sich Leos Kamera und fängt ein paar seiner Freunde in Filmchen ein.

Die Kunst des Schottenbaus

Leos erstes (Halb-)Schott, das er in der letzten Episode begonnen hat, ist jetzt fertig zum Einbau. Er belässt es zunächst übermaßig, um so Spielraum für die endgültige Form des Cockpits zu haben. Die Montage ist ein langwieriger Prozess, denn jedes Schott besteht aus vielen dreiviertel Zoll (rund 19 mm) starken Douglasien-Brettern. Sie werden mit Nut und Feder zusammengesetzt und diagonal zur Mittschiffslinie an Decksbalken und Spanten angeschraubt.

Dagegen wird im 90-Grad-Winkel eine zweite Lage mit Epoxidharz verleimt. Klingt einfach, besteht aber aus vielen Arbeitsschritten. Zunächst wird die Form mit Hilfe einer Sperrholzschablone abgenommen. Die Bretter, die an Balkweger und Bronzeknie anschließen, müssen sauber ausgeklinkt werden. Die äußeren müssen genau der Rumpfform folgen. Dann wird das Schott Brett für Brett „trocken“ eingesetzt, also ohne Leim und Einbettungsmasse – beide Lagen.

  • Tally Ho RefitLeo und sein Halbschott © Leo Sampson
  • Tally Ho RefitBeim Einpassen © Leo Sampson
  • Tally Ho RefitSchotteinbau, von oben aus gesehen © Leo Sampson

Wenn es passt, wird alles wieder demontiert, und die Hirnholzenden werden mit Epoxy versiegelt. Pete erklärt: „Idealerweise sollen die Schotten in einer Fläche an Decksbalken und Rahmenspanten anliegen.“ Die „fluchten“ allerdings nicht immer und haben manchmal auch keine gerade Oberfläche. So müssen die Jungs Leisten auf die Spanten setzen, um die Unebenheiten auszugleichen. Das ist manchmal sehr aufwändig und in Petes Fall ein echter „Motherlicker“, was auch immer er damit meint.

Schottfüße und geheime Zutaten

Wenn das Schott bis in die Bilge – also den untersten Bereich, wo bei einem Holzschiff immer etwas Wasser steht – ragt, bekommt es einen Fuß aus einem Hartholz namens Purple Heart. Das weiche Douglas-Fichtenholz würde zu schnell rotten, wenn es immer feucht ist.

Wird das Schott endgültig fest montiert, werden alle Flächen, wo Holz auf Holz aufliegt, mit Einbettungsmasse eingestrichen. Die Masse besteht aus Dolfinite (leider ist das in Deutschland nicht erhältlich), Pinienholzteer (gibt’s beispielsweise bei Toplicht) und einer „geheimen Zutat“, wie Pete grinsend erzählt.
Ich tippe auf Bleimennigepulver, der orangenen Färbung nach zu urteilen. Auch das ist in Deutschland nicht ohne weiteres erhältlich. Es schützt das Holz lange und nachhaltig vor Rott.

  • Tally Ho RefitSchottfuß aus Purple Heart © Leo Sampson
  • Tally Ho RefitGeheime Rezeptur © Leo Sampson
  • Tally Ho RefitDie Paste schützt das Holz © Leo Sampson

Nun endlich können die Schotten fest verleimt und verschraubt werden. Alle Schraubenlöcher werden mit den Holzproppen verschlossen, die Rowan bohrt und einschlägt. Heute sind es 300. Insgesamt ist er bei der Tally Ho schon „nördlich der 2.000 Stück“, wie er sagt. Der genaue Abschluss der Schotten nach oben kann nachträglich angepasst werden, das Deck kommt erst später.

Verleimungsproben für Howard Hughes Flugboot

Zum entspannten Segeln nach vielen Stunden in der Werkstatt hatte Leo vor einiger Zeit ein kleines gaffelgetakeltes, formverleimtes Dinghi erworben. Das Boot gehört vermutlich zu einer Reihe von Verleimungsproben für Howard Hughes Hercules-Flugzeug, der „Spruce Goose“.

Ob die Geschichte wahr ist, kann er nicht beweisen, aber es ist eine schöne Story. Nun hat er „Stromboli“ gekauft, einen fliegenden Schotten („Flying Scot“), auf dem auch mal vier Leute unterwegs sein können – und das Dinghi nimmt Platz weg.

Tally Ho Refit
Das Spruce-Goose-Auktions-Dinghy © Leo Sampson

Als Beiboot für die „Tally Ho“ kann er es nicht gebrauchen, also schreibt er es jetzt zur Auktion aus. Die Hälfte des Ertrags soll in Holz für die Masten und Bäume der Tally Ho fließen. Die andere Hälfte geht als Spende an das Projekt Rocking the Boat, eine New Yorker Non-Profit-Organisation, die mit Jugendlichen Segel- und Ruderboote aus Holz baut.

Einmal im Jahr sammeln sie bei einer Ruderregatta rund Manhattan Spenden ein, um jungen Leute das Holzhandwerk näherzubringen. Die unterstützt Leo Sampson gerne. Wie es der Zufall will, fand der diesjährige Durchlauf am 9. Oktober, also gestern statt.

Zurück in die Zukunft

Und was macht Richard? Der Oldie aus der Bootsbauszene von Port Townsend fühlt sich sichtlich wohl in Leos kleinem Team. Man sieht ihm an, dass ihn der Bootsbau über die Jahre fit gehalten hat, und er strahlt gute Laune aus. Mit Pete baut er ruhig Schott für Schott ein. Nebenbei erklärt er gerne, wie das Kettenkastenschott konstruiert ist.

Leo bekommt immer wieder schöne Geschenke aus seiner Fangemeinde. Dabei sind gemalte Porträts von Charakteren aus den Tally-Ho-Videos, wie von Sägewerker Steve Cross, der die Live Oak geschnitten hat, und von Roy, einem englischen Gentleman. Er ist der Enkel des Captains, der 1927 die Tally Ho zum Sieg im Fastnet Race gesteuert hat.

Tally Ho Refit
Doppel-Peekhakenspitze © Leo Sampson

Dieser Roy hat ihm nun ein kleines Päckchen mit einer besonderen Preziose geschickt. Es ist eine Doppel-Bootshakenspitze aus verzinktem Stahl. Für andere nur ein Stück verrostetes Eisen, hat sie für Leo eine besondere Bedeutung. Er wird sie aufarbeiten und mit in die Ausrüstung „seiner“ Tally Ho übernehmen, sobald das Schiff fährt. Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Busy making Progress, es geht voran

Leo ist mit der geschafften Arbeit der letzten zwei Wochen zufrieden. Das kleine Team schafft ordentlich was weg. Die beiden Profis Richard und Pete wissen, was sie tun. Sie haben es schon zigmal gemacht. Nachdem Leo Sampson wochenlang beim unbefriedigenden Probe-Ausbau Ideen gesammelt hatte, entsteht jetzt der richtige Innenausbau – in einer Qualität, dass dieser die nächsten 111 Jahre überdauern kann.

Und wieder heißt es „Thanks for watching and a massive thank you to everyone who supported the project, it makes a huge difference. See you next time, cheers!“

Wer Leo Sampsons Refit-Projekt unterstützen möchte, folge diesem Link.

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