float Magazine

Josh von S/V Sailing Manana hört den Kanal von Isla Mujeres © Maik Ulmschneider
Cruisers Net

Rufe Kanal 13

Über Funk-Communities in Häfen und Ankerplätzen halten Langfahrtsegler Kontakt miteinander – bei Problemen und zum Plaudern.

von
Maik Ulmschneider
in
6 Minuten
  • „Guten Morgen, hier ist das Isla Mujeres Cruisers Net. Es ist unser Ziel, Informationen auszutauschen und das Seglernetzwerk zu fördern. Wir möchten jeden dazu ermutigen mitzumachen“, grüßt um genau acht Uhr morgens die bekannte Stimme alle Segler, die gegenwärtig in Isla Mujeres liegen.
SeglernetzwerkLisa moderiert © Ken FlannaganEs ist Lisas Stimme. Sie ist heute unser Net-Controller. Die Kanadierin lebt mit ihrem Mann Ken auf dem Katamaran Minaki. Ihre Stimme hat etwas Beruhigendes. Formal, aber freundlich, klar und empathisch. Genau die Art von Stimme, die man im Funk hören will, wenn man auf See ein Problem hat.

Zum Glück hat niemand eines, sodass die erste Frage, ob jemand einen medizinischen oder sicherheitsrelevanten Notfall melden will, mit „Nothing Heard“ abgehakt werden kann. Es ist eine der wenigen Situationen, in denen dieser Funkspruch eine positive Bedeutung hat. Und so können wir entspannt zu den weiteren Punkten der Konferenz auf UKW-Kanal 13 übergehen.

Nach Informationen zum aktuellen Wetter und den Gezeiten folgen historische Belanglosigkeiten über diesen Tag in der Weltgeschichte. Zu Anfang dachte ich, dass die historischen Fakten genau das sind, nämlich belanglos in einer Funkrunde für Segler. Später habe ich verstanden, dass sie tatsächlich einen Beitrag leisten, gegenseitiges Verständnis in der internationalen Segler-Gemeinschaft zu stärken.

Wir lernen quasi nebenbei, was in den Heimatländern unserer Segelfreunde als wichtig empfunden wird. Heute, am 24. Februar, ist hier in Mexiko Tag der Flagge, an dem sich alles um mexikanische Symbolik dreht: Grün für Hoffnung, Weiß für Einigkeit und Rot für Revolution.

Segler vor Isla Mujeres
Die internationale Segler-Gemeinschaft vor Isla Mujeres © Maik Ulmschneider

Rastplatz auf der Seglerautobahn

Bunter noch als die mexikanische Flagge ist der Haufen aus der ganzen Welt, der hier gemeinsam vor Anker liegt. Wie bunt, wird offensichtlich, als wir alle einchecken: „Good morning – Cookie Monster“, „Bonjour – Penelope“, „Buon giorno – Shaula“, „Guten Morgen – Seefalke“, „God morgon – Chibidarra“, „Buenas dias – Donna Dee“.

Die verschiedenen Akzente lassen erahnen, aus welchen Ländern die Boote ihren Weg hierher gefunden haben. Trotz der frühen Stunde machen heute 42 Boote mit. 42 Crews aus der ganzen Welt fühlen sich im Moment zu Hause in Isla Mujeres. Das Cruisers Net hat daran einen Anteil.

Während Lisa in der Konferenz die Neuankömmlinge bittet, sich vorzustellen, die heute mit „Off The Grid“ aus dem Rio Dulce in Guatemela und mit „Fernweh“ aus Key West in Florida kommen, wird es mir wieder bewusst, dass Isla Mujeres ein beliebter Stopp auf der Nord-Süd-Achse der Westkaribik ist.

Isla Mujeres
John von S/V Fernweh ist heute zum ersten Mal dabei © Maik Ulmschneider

Während sich im Frühjahr viele in hurrikansichere Gefilde nach Guatemala, Panama oder Kolumbien verkriechen, geht es im Herbst auf dem umgekehrten Weg nach Florida, Texas, nach Kuba oder in die Bahamas. Isla Mujeres liegt genau auf dem Weg. Mit günstigen Preisen, meist gutem Wetter und traumhaften Stränden empfiehlt es sich als idyllischer Rastplatz auf der Seglerautobahn.

Das Hurricane Hole wird zum COVID Hole

Mittlerweile ist Isla Mujeres jedoch mehr als nur ein Autobahnrastplatz. Mexiko ist (neben Afghanistan) das einzige Land der Welt, dass es (nach einem anfänglichen scharfen Lockdown) zum Prinzip gemacht hat, keinerlei COVID-Einreisebeschränkungen zu verhängen: keine Test- oder Impfpflicht, keine Quarantäne, keine sich täglich ändernden Regelungen. Damit hat Mexiko und insbesondere Isla Mujeres mit seinem als Hurricane Hole anerkannten Schutzhafen ein echtes Alleinstellungsmerkmal und ist als Anlaufpunkt seither noch beliebter geworden, ein sicherer Hafen in der stürmischen COVID-See.

Während des strikten Lockdowns im Frühjahr 2020 hatte das Cruisers Net von Isla Mujeres nicht nur unterhaltenden und informativen Charakter, sondern entwickelte sich zeitweise zum einzig organisierten Kommunikationskanal zwischen Seglern und Behörden. Zu Beginn des Lockdowns waren die verhängten Maßnahmen wenig durchdacht, grundlegende Bedürfnisse der gestrandeten Langfahrtsegler wurden nicht berücksichtigt.

Ohne das Cruisers Net, in dem sich erfolgreich für Müllabholung, Wasserlieferungen und andere scheinbare Selbstverständlichkeiten eingesetzt wurde, wäre der Lockdown schnell zum Martyrium geworden.

So war es auch wieder das Isla Mujeres Cruisers Net, in dem die dringend notwendige Lebensmittelversorgung von Neuankömmlingen organisiert wurde. Denn die befanden sich in ihrer damals vorgeschriebenen Quarantäne und durften sich selbst nich versorgen. Mittlerweile ist die Situation zwar weit weniger kritisch, das Cruisers Net als Brücke zwischen Seglern und Hafenkapitän jedoch weiterhin aktiv.

Wasserkanister
© Maik Ulmschneider

Problem? Go!

Nachdem sich Shaula verabschiedet hat und ihr alle Mast- und Schotbruch für ihre 5.000-Meilen-Nonstop-Passage direkt nach Italien gewünscht haben, werden lokale Neuigkeiten ausgetauscht. Die Corona-Ampel ist von Rot auf Orange umgesprungen, das heißt die Strände und Restaurants dürfen wieder öffnen. Definitiv der Höhepunkt dieser Konferenz, bevor es zum Tagesordnungspunkt „Technische Probleme“ geht.
– „Penelope“, kommt es mit starkem französischen Akzent.
– „Penelope, go!“, gibt Lisa die Übertragung frei.
– „Hier ist Penelope. Wir sind aus Frankreich und müssen unsere europäischen Propangasflaschen befüllen. Hat jemand einen passenden Adapter?“ Hier in Mexiko gelten bei Propangas amerikanische Standards.
– „Acapulco“, meldet sich sofort mein Freund Günther.
– „Acapulco, go!“
– „Hier ist Acapulco, wir haben einen Adapter von Amerika auf Europa. Du kannst mich nach der Funkrunde auf Kanal 13 rufen.“

Die Hilfsbereitschaft ist riesig. Ich bin nun schon eine Weile als Solosegler unterwegs, aber wirklich alleine habe ich mich seither selten gefühlt. Diese Gemeinschaft, in der nicht nach Herkunft, Geldbeutel oder Religion gefragt wird und (fast) jeder mit seinem Knall akzeptiert wird, hat beinahe schon Modellcharakter; und eine Lösung zu fast jedem Problem sowieso. Und auch eine ohne Problem.

Cruisers Net
Das Funkgerät ist wichtigestes Kommunikationsmedium in der Karibik © Maik Ulmschneider

Grillen bildet

Am zweiten oder dritten Tag nach meiner Ankunft warf ich kurz nach Sonnenuntergang meinen Holzkohlengrill an Deck an. (Ja, ein Stahlschiff hat so seine Vorteile.) Ich wusste noch nichts über das Isla Mujeres Cruisers Net. Aus der Perspektive von meinen Ankerplatznachbarn muss mein Grillfeuer so ausgesehen haben, als wäre Seefalke gerade inmitten der friedlichen Ankerlieger von einem Torpedo getroffen worden.

Bei dem amerikanischen Pärchen wurden wohl Erinnerungen an Pearl Harbor wach. Sie rasten mit Affenzahn und mit Feuerlöschern bewaffnet auf mich zu, um die lodernde Feuersbrunst im Keim zu ersticken. Nachdem ich glaubhaft versichern konnte, dass keine feindlichen U-Boote in der Bucht lauern und ich das Feuer im Grill erstens höchstselbst gelegt und zweitens unter Kontrolle habe, wagten sich die beiden Männer schließlich an Bord.

Und sie halfen mir bei der vom Veterinäramt angeordneten vorschriftsmäßigen, sicheren und vollständigen Vernichtung der illegal eingeführten kubanischen Hühnchenschenkel. So lernte ich das Cruisers Net kennen, das ich heute regelmäßig selbst moderiere.

In der Zwischenzeit ist die Konferenz bei den „Schätzen der Bilge“ angekommen. Der 5-PS-Außenbordmotor findet sofort einen neuen Besitzer, Zweitaktmotoren sind nach wie vor ungemein beliebt, während das Kurzwellen-Funkgerät schon zum dritten Mal angeboten wird: wie der Zweitakter ein Relikt aus alter Zeit.

Funk
Die Kurzwellen-Küstenfunkstelle vom SSCA © Seven Seas Cruising Association

Da geht noch mehr

Trotzdem hat auch Alan auf der „Wind Magic“ seine regelmäßigen Zuhörer. Er ist Mitglied der Seven Seas Cruising Association, kurz SSCA, die mit dem Rufzeichen KPK eine Kurzwellen-Küstenfunkstelle betreibt, welche die gesamte Karibik abdeckt. Jeden Morgen um 12:15 UTC (oder 07:15 EST) werden auf dem SSCA Cruisers Net sicherheitsrelevante Informationen zwischen Seglern in der Region ausgetauscht.

Segler (auch Nichtmitglieder) können sich an KPK wenden, wenn sie einen Floatplan aufgeben oder einen Radiocheck durchführen wollen oder ein akutes Problem haben, bei dem sie auf landbasierte Unterstützung angewiesen sind. Man nimmt die Aufgabe ernst: Wenn ein Floatplan aufgegeben wird, müssen sich die Segler täglich bei KPK melden, da sonst erst ein BOLO und später eine Such- und Rettungsaktion eingeleitet wird.

Neben KPK, welche die Karibik und den Golf von Mexiko abdeckt, gibt es auch noch das Trans Atlantic Radio Net, das in den Transatlantik-Segelsaisons betrieben wird und Segler bei ihrer Atlantiküberquerung unterstützt. Neuerdings findet die Kommunikation nicht mehr ausschließlich über SSB-Funk statt, sondern kann auch über Satelliten-Messenger oder -telefone wie Iridium erfolgen.

Eigeninitiative zählt

Funkrunden wie das Isla Mujeres Cruisers Net gibt es vielerorts hier in der Karibik, von Martinique bis Guatemala, von den Bahamas bis zu den ABC-Inseln. Häufig haben sie auch einen Ableger auf Facebook, wo bereits vor Ankunft Fragen jeglicher Art gestellt werden können.

Die Moderatoren sind engagierte Segler, die derzeit vor Ort sind und sich mit den örtlichen Gegebenheiten auskennen. Reisen sie ab, wird der Staffelstab an andere Segler weitergegeben. Mancherorts werden die Funkrunden nur saisonal betrieben, an anderen Orten das ganze Jahr.

„Vielen Dank, dass Ihr heute dabei ward. Dieser Informationsaustausch ist ein Gewinn für uns alle. Kanal 13 ist jetzt frei als Anrufkanal. Wenn der Kontakt zu einem anderen Boot hergestellt ist, wechselt bitte auf einen anderen Kanal, 12, 69, 72 sind dafür gut geeignet“, kommt Lisa zum Ende der Konferenz, „habt alle einen wunderbaren Tag! Minaki, out.“

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