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Sam Davies © Olivier Blanchet/Alea#VG2020
Vendée Globe 2020

Sam Davies, Seglerin der Herzen

Sam Davies ist eine Kämpferin, die bei der Vendée Globe ganz vorne mitspielt. Dee Caffari segelte mit ihr schon das Volvo Ocean Race.

von
Dee Caffari
in
7 Minuten

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„Guten Abend, Erde“ – so poetisch verabschiedete sich Samantha Davies kürzlich während der Vendée Globe vom Tag: Damit beginnt ein kleiner Social-Media-Post von Bord ihrer Yacht „Initiatives Coeur“, die während des Schreibens gerade in den Sonnenuntergang rauschte. „Das Schiff gleitet unter einem herrlichen Sternenhimmel, kein Mondlicht, was für eine Show!“

Diese Freude ist nicht gespielt: Samantha, auch „Sam“ genannt, ist ein lebenslustiger Mensch. Sie strahlt eine grundsätzliche Zufriedenheit aus, was ihre große Leidenschaft für das Meer und das Segeln nur betont. Da können auch kleine Zwischenfälle nichts dran ändern: Einen Tag zuvor entdeckte die Skipperin, dass eine Dose Sardinen in ihrem Vorrat beschädigt war. Das austretende Öl hatte eine Aufbewahrungstasche getränkt. „Es braucht mehr, um Sams gute Laune zu dämpfen“, schrieb Sam Davies fröhlich.

Auch ihr Lebenspartner segelt die Vendée Globe

Die 46-jährige ist mein Tipp für einen Medaillenplatz bei der diesjährigen Vendée Globe. Die gebürtige Britin lebt zusammen mit ihrem Partner Romain Attanasio in Frankreich. Auch er nimmt dieses Jahr mit der Yacht „Pure – Best Western“ an der strapaziösen Weltumseglung teil. Damit werden sie das erste Paar sein, bei dem beide eine Vendée Globe absolviert haben – und das bei ein- und derselben Vendée Globe!

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Vendee Globe 2020
Sam umarmt ihre Mann Romain Attanasio, der ebenfalls mitsegelt © Jan Marie Liot/Alea#VG2020

Dieses Bild ist mir in Erinnerung geblieben: Während Sam Davies den Kameras zuwinkt, um vor dem Start ihrer riesigen Fangemeinde „Good-bye“ zu sagen, verabschiedete sie sich zugleich liebevoll von Romain. Ich bin sicher, dass ihrer beider Gefühle in diesem Moment sehr gemischt waren. Beide Segler kennen die Risiken, die mit der Teilnahme an dieser Regatta verbunden sind.

Abschied vom neunjährigen Sohn

Und beide Segler mussten sich auch von ihrem gemeinsamen neunjährigen Sohn Ruben verabschieden. Der bleibt selbstverständlich an Land. Aber ich bin sicher, dass sie auf den Weltmeeren regelmäßig miteinander kommunizieren, sich gegenseitig motivieren und Ermutigung zukommen lassen werden.

Und natürlich wird auch der Kontakt zu Ruben nicht abbrechen. Er wird von Davies‘ Eltern versorgt. Der Junge ist dieses turbulente Leben gewohnt: Früher wechselten sich Attanasio und sie mit der Betreuung ab, da konnte nur ein Elternteil auf See sein. Nun, wo der Junge selbstständiger wird, sind beide erstmals zeitgleich „bei der Arbeit“. Attanasio verglich das kürzlich in einem Interview der New York Times mit einer Fischerfamilie. Da arbeiten auch beide eng zusammen und sind viel unterwegs. Wobei: Zu eng darf es während der Vendée Globe nicht werden, die beiden sind schließlich Konkurrenten…

Vendee Globe 2020
Grüne Foils und Ruder: Sam hat ihre Yacht selbst konstruiert © Eloi Stichelbaut

Samantha Davies hat in Cambridge studiert und als Ingenieurin einen sehr technischen Ansatz bei der Entwicklung ihres Bootes bei der Vorbereitung auf die Weltumrundungs-Regatta. Ihr Boot hat bei jedem ihrer Rennen in der Vendée Globe einen Podiumsplatz erreicht. Ursprünglich 2010 bei CDK Technologies in Frankreich gebaut und von VPLP entworfen, hat es im Rennen 2012 mit Armel Le Cleac’h als „Banque Populaire“ den zweiten Platz belegt. Bei der letzten Ausgabe war es, mit Jeremie Beyou als „Maitre Coq“, Platz 3.

Mit Foils der zweiten Generation

Bei der vorherigen Vendée Globe wurden auf ihrem Boot Foils der ersten Generation angebracht. Sam Davies hat diese jetzt durch neue Foils der zweiten Generation ersetzt. Sie sind extrem lang. Die Konstruktion ermöglicht es ihr, die Masthöhe zu reduzieren, etwas Gewicht aus der Wölbung des Kiels herauszunehmen und ihren Vorsegelbereich zu verkleinern. Das entspricht ihrem Segelstil.

Vendee Globe 2020
Der Sponsor Initiatives Coeur setzt sich für herzkranke Kinder ein © Yvan Zedda/Alea#VG2020

Sams Erfahrung als Seglerin ist immens. Sie reicht von einem Jules-Verne-Trophy-Versuch mit der „Royal Sun Alliance“ im Jahr 1998 über die Mini Transat 6.50 bis zur Teilnahme an den äußerst anspruchsvollen Figaro-Rennen, die als Brutstätte für künftige Vendée-Globe-Segler bekannt sind. Bei ihrer ersten Vendée Globe 2008 belegte sie auf „Roxy“ gleich den vierten Platz. Deshalb glaubte sie anschließend, dass sie das Rennen gewinnen könnte.

Und so startete sie 2012 in ihre zweite Vendée Globe. Eine Enttäuschung beendete abrupt ihre Träume: Vor genau acht Jahren, in der Nacht des 15. November 2012, traf eine Sturmböe mit 35 Knoten Windgeschwindigkeit das Schiff, der Mast brach. Davies musste aufgeben.

Mastbruch war Glück im Unglück

Doch Glück im Unglück: Das vorzeitige Ausscheiden ermöglichte es ihr jedoch, als Skipperin des Team SCA für das Volvo Ocean Race 2014 zur Verfügung zu stehen. Da sie sich mit versierten Seglern und Trainern umgab, erweiterte Sam ihre Fähigkeiten, was sie zu einer der vielseitigsten Seglerinnen der heutigen Regatta machen.

Vendee Globe 2020
Weißes Herz auf dem Heck: Das Logo von Initiatives Coeur © Yvan Zedda/Alea#VG2020

Sie liebt es einfach, da draußen zu sein, und ihre fröhliche Art macht sie zu einer perfekten Ergänzung für die Initiative Coeur. Im Jahr 2017 schloss sie sich Tanguy De Lamotte für die Transatlantikregatta Jacques Vabres an, und nach dieser Regatta wurde sie ausgewählt, die Führungsrolle für das Projekt bei der Initiative Coeur zu übernehmen.

Ihre Sponsoren K Line und Vinci Energie haben vereinbart, für jeden Social-Media-Like einen Euro an die Wohltätigkeitsorganisation Mécénat Chirurgie Cardiaque zu spenden. Die französische Stiftung finanziert Kindern mit einem Herzfehler, die in ihrem eigenen Land keinen Zugang zu einer Behandlung haben, die medizinische Behandlung.

Start als Synchronschwimmerin

Auf dem Wasser war Sam schon immer zuhause: Bevor ihre Segelkarriere begann, nahm sie als Synchronschwimmerin an vielen Wettbewerben teil. Sie ist quasi auf einem Segelboot aufgewachsen, und ihr Großvater war U-Boot-Fahrer bei der Marine. Als Andenken und Glücksbringer trägt Sam stets seine Sankt-Christophorus-Anhänger, wenn sie segelt – natürlich auch bei dieser Vendée Globe.

Eine begeisterte Schwimmerin ist sie geblieben. Die Britin hat ebenso hart an ihrer Fitness und psychologischen Vorbereitung gearbeitet, wie an der Vorbereitung ihres Bootes. Dabei unterstützt sie ein Team von Spezialisten, dem sie voll vertraut. So kann sie das Beste aus sich und ihrem Boot herausholen.

Abgesehen davon, dass sie von Natur aus eine kämpferische Seglerin ist, die gerne auf dem Podium stehen möchte: Sam will auch die Zeit von 74 Tagen von Armel Le Cleac’h unterbieten. Ein Ansporn dabei, in dieser rauen Umgebung unterwegs zu sein, ist auch, genug Geld für die Wohltätigkeitsorganisation Initiatives Coeur zu sammeln, um 60 Kinder mit den Herzoperationen das Leben zu retten.

Vendee Globe 2020
Sam Davies war Skipperin der Frauencrew beim Volvo Ocean Race 2014/15 © Ian Splinter/CC BY-SA 4.0

Viel gelernt beim Segeln mit Sam

Ich hatte die Ehre, sowohl mit als auch gegen Sam zu segeln. Ich habe viel von ihr gelernt. Sie unterstützt dich dabei, die beste Version von dir selbst zu sein. Wir segelten zusammen auf meiner IMOCA, um 2009 den Rundum-Rekord für Großbritannien und Irland zu sichern, segelten zusammen im Team SCA, um diesen Rekord 2014 zu brechen.

Ich war Teil ihres Teams beim Volvo Ocean Race, und habe begeistert ihre Vorbereitung auf diese Vendée Globe 2020 begleitet. Zur Stärkung der Moral habe ich ihr einige Leckereien an Bord geschickt. Sie sollen ihr helfen, wenn die Zeiten schwierig werden.

Auch wenn sie auf dem Papier nicht das schnellste Boot hat, so wissen wir doch, dass Sam Davies eine große Beständigkeit in der Leistung hat und dem Druck dieses Rennens standhalten kann. Es gibt absolut keinen Grund, warum Samantha Davies nicht auf dem Podium stehen könnte.

Und ich für meinen Teil werde – unabhängig vom Ergebnis – sehr stolz auf ihre Leistungen am Ende dieses Rennens sein. Sam ist ein Vorbild und eine Inspiration für viele von uns, und sie legt die Messlatte sehr hoch für Seglerinnen und Segler, die in der Zukunft bei der Vendée Globe starten wollen.

Von Beginn an erfolgreich

Der Start am Sonntag vor acht Tagen hatte nahezu perfekte Bedingungen, als sich der Nebel, der den Start verzögerte, lichtete. Die Sonne schien, das Meer war ruhig, und es gab genug Wind, so dass sich alle absetzen konnten. Die Flotte fuhr westwärts, wobei die Segler einige Segelwechsel vornehmen mussten, um die Geschwindigkeit aufrechtzuerhalten, da der Wind vor einer Front, die am Montagmorgen auftrat, recht instabil war.

Vendee Globe 2020
Es ist bereits die dritte Vendée Globe für Sam Davies Samantha Davies © float/Vendee

Das gesamte Feld wendete, um bei den leichteren Winden hinter der Front nach Süden zu gelangen. Der Montag bot dann die Gelegenheit, den verlorenen Schlaf bei diesen ruhigen Bedingungen nachzuholen, während sie auf Luv segelten und das im Nordatlantik komplexe Wetter kontrollierten. Das Hindernis war das Kap Finisterre und das Verkehrstrennungsgebiet in dieser Ecke Nordspaniens, das eine stark befahrene Fahrrinne markiert und viele Aktivitäten von Fischerbooten aufweist.

Ausruhen vor dem Sturm „Theta“

Der Tag am Dienstag, als die Flotte nach Westen in Richtung der aktiven Kaltfront vorrückte, verbrachte Sam damit, sich etwas auszuruhen. Sie prüfte, ob ihr Boot für die zu erwartenden Wellenhöhen von vier bis fünf Metern gewappnet war, und stellte sicher, dass alle Segel bei Bedarf einsatzbereit waren.

Vende Globe 2020
Jetzt versucht das Regattafeld die Passatwindzone zu erreichen © Jean-Louis Carli/Alea#VG2020

Der Tropensturm namens Theta war das nächste Hindernis, das sich im Atlantik entlang einer Troglinie aufbaute, südlich der Azoren und westlich der Kanarischen Inseln. Das Wetter im Nordatlantik ist sehr chaotisch. Das erschwert die Entscheidungen für die Flotte, die den besten Weg nach Süden sucht.

Sams Strategie: den Passatwind zu finden, um ein Stück der traditionellen Segelroute in Richtung Amerika zu bewältigen. Dann steigen die Temperaturen, das Ölzeug landet unter Deck und manch fliegender Fisch auf dem Deck. Das wird das gerühmte „Champagner-Segeln“ – bis in Richtung Kap Hoorn wieder die Temperaturen fallen und der Wind stärker wird.

„Wir sind nicht unbesiegbar“

Ein ausführliches Interview hat Sam Davies vor kurzem der Royal Yachting Association gegeben.

Wo befindet sich das Regattafeld gerade? Hier geht es zum Race-Tracker.

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