float Magazine

DGzRS Seenotretterin für einen Tag Frauke mit Team © alle Fotos: Thomas Stasch
Reportage

Seenotretterin für einen Tag

float begleitete die Gewinnerin beim Training und Einsatz

Thomas Stasch
von in
6 Minuten

Wie die Seenotretter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger arbeiten, konnte float-Redakteur Stephan Boden unlängst am eigenen Leib erfahren, als er die Hilfeleistung der „Alfried Krupp“ bei Borkum in Anspruch nehmen musste.

Frauke Wengerowksi hatte letztes Wochenende die Chance, die Arbeit der Seenotretter von der anderen Seite kennen zu lernen. Sie ist die Gewinnerin der zum dritten Mal durchgeführten Aktion „Seenotretter für einen Tag“. Dabei darf ein Außenstehender in den Alltag der Seenotretter hineinschnuppern – und zuvor an einem Rettungstraining teilnehmen. Ich habe Frauke begleitet und mich dabei an meine eigenen Erfahrungen als Kurzzeit-Seenotretter vor drei Jahren erinnert.

Im normalen Leben arbeitet Frauke als Referentin für Personalmarketing bei einem großen Hamburger Online-Händler. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit Ihrer Familie in der Hansestadt. Die Arbeit der Seenotretter hat es ihr schon immer angetan. Deshalb freute sie sich umso mehr, als der Anruf der Seenotretter kam, dass sie beim Wettbewerb gewonnen hatte. „Das ist schöner als Weihnachten und Geburtstag zusammen“, war ihre spontane Reaktion, „einfach grandios.“

Frauke Wengerowski ist Fan der Seenotretter

Um Seenotretterin für einen Tag zu werden, musste Frauke auf Stimmenfang im Internet gehen. Unter den zehn Teilnehmern mit den meisten Stimmen entschied das Los. Frauke erreichte ihr Ziel auch durch den Einsatz ihrer Kollegen, die im Intranet Werbung für sie machten. Dass sie den Seenotrettern schon immer sehr nahe stand, spürt man deutlich, wenn sie erzählt. Die gebürtige Wilhelmshavenerin verbringt ihre Familienurlaube gerne an der See. Ein Urlaub ist für sie erst dann richtig rund, wenn sie mindestens einmal eine Rettungsstation der DGzRS besucht hat.

Frauen sind bei den Seenotrettern nichts Außergewöhnliches. Auch wenn die Bewerberinnen-Quote derzeit nur bei 14 % liegt, gibt es weibliche Rettungskräfte. Besonders bei den freiwilligen Seenotrettern sind Frauen im Einsatz, float hat schon darüber berichtet.

Frauke packt also am Freitag ihre Sachen und fährt nach Enge-Sande in Schleswig-Holstein, wo die Firma OffTec ihren Sitz hat. Das Unternehmen ist unter anderem darauf spezialisiert, Überlebenstrainings durchzuführen, die die Bedingungen auf See simulieren. Die eigens dafür errichtete Spezialhalle mit Schwimmbecken ist an diesem Samstag Fraukes Trainingsort.

Frauke zieht den Überlebensanzug an

Ich habe keinen Augenblick Angst gehabt zwischen den Seenotrettern.

Nach der theoretischen Einweisung steigt Frauke in den Überlebensanzug. Ihr Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Neugier und ein bisschen Aufregung, entspannt sich schnell. Sie fühlt sich sicher aufgehoben zwischen den professionellen Seenotrettern, sagt sie. Zu Beginn steht der Sicherheitssprung ins Becken aus fünf Metern Höhe an und das Üben von Formationen in der Gruppe. Das ist in Notsituationen wichtig, um nicht auseinandergerissen zu werden und Hilfskräfte mobilisieren zu können. Auch die Nutzung von verschiedenen Rettungsmitteln, um aus dem Wasser zu kommen, wird geprobt. Zuerst ohne Seegang im Becken, später mit zunehmendem Wellengang und Wind.

  • Sicherheitssprung aus fünf Metern Höhe
  • Eine Gruppe bilden
  • In der Raupe fortbewegen

Das Highlight ist für Frauke, wie sie später am Abend sagt, die Kombinationsübung. Diese findet bei vollständiger Dunkelheit statt, in einem von Windmaschinen gemachten Sturm mit mehr als zwei Metern Wellenhöhe, Nebel, Blitzen und ohrenbetäubendem Lärm. Entsprechend wichtig ist der Zusammenhalt in der Gruppe und das gemeinsame Agieren, um – so die Übungsaufgabe – „lebend aus der Gefahrensituation“ herauszukommen.

Nach dem Sprung in das dunkle und aufgewühlte Wasser muss die Gruppe sich finden, sich gemeinsam fortbewegen und dann den virtuellen Hubschrauber auf sich aufmerksam machen, aus dem eine Rettungsinsel in die Wellen abgeworfen wird, die gemeinsam bestiegen werden muss. Aber Frauke hat keine Zeit, sich darin auszuruhen und auf Rettung zu warten. Sie muss noch einmal zurück in die Fluten: Eine hilflose Person treibt noch im Wasser, und Frauke muss sie zur Rettungsinsel zu bringen. „Ich habe ein Menschenleben gerettet. Das fühlt sich sehr gut an“, sagt sie danach.

  • SeenotrettungIn der Rettungsinsel bei zwei Metern Welle
  • SeenotrettungAbbergen im Rettungskorb
  • SeenotrettungAufwinsch-Übung
  • SeenotrettungAbbergen mit dem Schlauchboot
  • SeenotrettungSelbstständig ins Schlauchboot klettern

Dass man im Ernstfall solo keine Überlebenschancen hat, wird ihr in den Stunden bei OffTec deutlich klar. Einen bleibenden Eindruck hinterlassen das Wir-Gefühl und der Zusammenhalt der Crew – und das Herzblut, mit dem die Seenotretter ihre Arbeit verrichten. Viele starke Eindrücke, die sich so schnell gar nicht verarbeiten lassen. Eine Erfahrung, die ich teile und bestätigen kann.

Alle Übungen absolviert Frauke mit größtem Einsatz: Umdrehen einer kieloben treibenden Rettungsinsel, überwinden von fünf Metern auf der Lotsenleiter aus dem Wasser, abgeborgen werden mittels virtuellem Hubschrauber – und sogar einen Hubschrauber-Absturz. Dabei wird sie zusammen mit anderen Seenotrettern im Sitz eines Hubschraubers angegurtet und mit der kompletten Hubschrauberkapsel unter Wasser gedrückt. Dann gilt es, sich aus dem Sitz zu befreien und die Kapsel durch ein Fenster zu verlassen. „Plötzlich Wasser unkontrolliert rund um den Körper zu haben und machtlos unterzugehen, das war schon sehr beunruhigend“, sagt sie anschließend. „Ich wusste ja nicht, wie ich gerettet werde.“

Aufwinschen vom virtuellen Hubschrauber

Frauke überwindet fünf Meter Lotsenleiter

Körperlich erschöpft und voller Eindrücke geht es für Frauke von Enge-Sande quer durch Schleswig-Holstein nach Laboe, wo die Besatzung des 28 m langen Rettungskreuzers „Berlin“ schon auf sie wartet. Holger Budig, der diensthabende Vormann, nimmt Frauke in Empfang und stellt ihr die Mannschaft vor. Fraukes blaue Augen leuchten, als sie an Bord des modernen Seenotrettungskreuzers geht. Beim gemeinsamen Grillabend lernt sie die Crew kennen und verbringt die Nacht an Bord. Als die Mannschaft behauptet, sie sei die ganze Nacht von Steuerbord nach Backbord und zurückgelaufen, um das Schiff sanft zum Schaukeln zu bringen, lacht sie.

Die Mannschaft der „Berlin“

Beim Auslaufen des 4.000 PS starken Schiffs am Sonntagmorgen muss Frauke mit anpacken und die Leinen lösen. Was sie noch nicht weiß: Es soll keine Spazierfahrt für sie werden. Wieder muss sie in einen Überlebensanzug steigen, um jetzt von Bord des Kreuzers in die Ostsee zu springen. Damit wird das Training vom Vortag plötzlich Wirklichkeit. Ohne zu zögern springt sie über Bord und winkt der Mannschaft aus dem Wasser zu, während sich ihre Rettungsweste aufbläst. Das Tochterboot „Steppke“ wird zu Wasser gelassen und nimmt unter voller Fahrt die Rettung der planmäßig Verunglückten auf. Es dauert nicht lange, bis Frauke durch die Bergungsforte gerettet wird. Auf die Frage, ob es denn nun einen Unterschied zwischen der Simulation bei OffTec und dem Sprung ins offene Meer gab, sagt sie: „Das war viel realer. Ich wusste ja nicht, wie ich gerettet werde.“

Man macht sich keine Gedanken drüber, was dahinter steht.

Frauke hat an zwei Tagen miterleben können, was es bedeutet, Rettungsfrau bei den Seenotrettern zu sein. Alle ihre Erwartungen wurden übertroffen, sagt sie. Jetzt hat sie noch mehr Respekt vor der Arbeit der Seenotretter, die selbstverständlich und mit kühlem Kopf ihr Leben einsetzen, um anderen zu helfen. Wie viel sie dafür können müssen und was die Retter alles lernen, war ihr nicht bewusst.

Henry hilft Frauke in den Anzug

alternative text

Frau-über-Bord-Manöver in der Ostsee

Frauke ist stolz darauf, für einen Moment Teil der großen Helfergemeinschaft zu sein, deren Arbeit Außenstehende oft als Selbstverständlichkeit wahrnehmen. Rund 180 fest Angestellte und mehr als 800 freiwillige Seenotretter sind rund um die Uhr und bei jedem Wetter einsatzbereit. Sie fahren raus, wenn andere reinkommen, um Schiffbrüchige aus Seenot zu retten, Menschen aus Gefahren zu befreien oder Verletzte und Kranke zu versorgen – Jahr für Jahr mehr als 2.000 Mal.

Frauke wird vom Tochterboot Steppke gerettet

float bedankt sich bei den Seenotrettern und Frauke Wengerowski dafür, dass wir sie an diesem Wochenende begleiten durften. Frauke, Du warst als Seenotretterin Spitzenklasse!

Den Film dazu bringt float in den nächsten Tagen.

float friday newsletter

jetzt abonnieren

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.