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Seekarte erfühlen: So begreifen Blinde einen Kurs © SRSV Seekarte erfühlen: So begreifen Blinde einen Kurs © SRSV
Inklusives Segeln

Sie fühlen Wind und Welle

Inklusion geht auch im Wassersport: Der Schüler-Ruder- und Segelverein in Plön ermöglicht Sehbehinderten das Segeln.

Michael Krieg
von in
5 Minuten

War ich neulich mit einem blinden Steuermann segeln… – so könnte ein schlechter Regatta-Witz beginnen. Doch Johannes Andresen hat genau das bereits praktiziert, und er würde es immer wieder tun. Der langjährige Segellehrer und Vorsitzende beim SRSV Plön in Schleswig-Holstein ist schon mehrfach mit Sehbehinderten an der Pinne auf dem Wasser gewesen. Wozu? Um Verantwortungsbewusstsein zu stärken, Gemeinschaftsgefühl zu stiften und, ganz nebenbei, die Freude am Wassersport zu fördern.

Der Skipper war sprachlos

Eine Episode beeindruckt Johannes Andresen noch heute: „Ein Mädchen aus dem 11. Jahrgang steuerte den Kutter nach Ascheberg. Ich war mit an Bord. Die schwierigste Stelle ist die enge Passage durch das sogenannte Hellok. Auf der einen Seite liegt die Prinzeninsel, auf der anderen Seite die Insel Langeswarder.“

Einer seiner Kutterführer habe neben der Blinden gesessen und wollte sie eben in die Situation einweisen. „Die sagte plötzlich: Jetzt fahren wir aber zwischen Land durch.“ Der Segler war sprachlos. Sie hatte das Rauschen der Blätter auf beiden Seiten wahrgenommen. Sie fühlen auch die Windrichtung und den Wellengang intuitiv.

inklusives Segeln in Plön

In jedem Boot fahren Sehbehinderte mit erfahrenen Seglern zusammen – die müssen aktiv mitdenken © SRSV

Schoten und Falle nach Gefühl erkennen

Was die alles mitkriegen! Und wir nicht – die wir glauben, sehen zu können. Eine andere Beobachtung gab es beim Tauwerk: Weil sie Schoten, Falle und anderes laufende Gut nicht optisch voneinander unterscheiden können, merkten sich die Sehbehinderten anhand von Dicke und Beschaffenheit der Taue, welche davon wann zu bedienen sind.

Andresen: „Vor dem Hintergrund dieser Einschränkungen mussten auch meine Schüler viel vorausschauender segeln und rechtzeitiger kommunizieren. Zum Beispiel: In 100 Meter Entfernung kräuselt sich das Wasser – ok, aufpassen, gleich fieren! Oder: Hinter der Tonne ist eine Untiefe.“

Hannes Andresen: inklusives Segeln in Plön

Die Erlebnisse mit den Sehbehinderten gehen Hannes Andresen noch heute nahe © Michael Krieg

„Ein Anleger, wie wir beide den nicht hinkriegen“

Angefangen hat das ungewöhnliche Inklusions-Projekt vor Jahren: Hannes Andresen lernte vor einigen Jahren bei einer Tagung einen Lehrer für Sehbehinderte kennen, der gern einmal mit seinen Schülern ein Segelprojekt durchführen wollte. Früher wohnten die Schülerinnen und Schüler zentral in einem speziellen Internat in Schleswig, das schon vor vielen Jahren aufgelöst worden ist.

Heute gehen sie landesweit direkt an den Orten zur Schule, wo sie auch wohnen. Durch regionale Betreuer, Lehrer und Sozialpädagogen erfahren sie eine individuelle Förderung, was für die Sehbehinderten den Unterricht erheblich erleichtert. Diese Betreuung erfolgt während des gesamten Schuljahres.

inklusives Segeln in Plön

Traum-Revier: Der große Plöner See mit Plön und dem Schloss (links) im Hintergrund © SRSV

Sport-Projekte in den Schulferien

In den Ferien, speziell in den Sommerferien, werden dann eigene Fahrtenprojekte von den Betreuern durchgeführt. Im Winter werden zum Beispiel Ski-Exkursionen für Sehbehinderte und Blinde organisiert. Im Sommer gibt es Kanutouren, und alle zwei bis drei Jahre eben auch ein Segelprojekt mit dem Schüler-Ruder- und Segelverein (SRSV) Plön. Als reiner Jugendverein steht der Club allen jungen Plönern offen.

inklusives Segeln SRSV Plön Johannes Andresen

Die Seekarte des Plöner Sees ist für Behinderte plastisch gemacht worden © SRSV

Bisher fand das Projekt achtmal statt. Neben einer Begleityacht mit Andresen und den Betreuern waren gleichzeitig zwei Segelkutter des SRSV auf der Schlei unterwegs. Dort an Bord: jeweils zwei erfahrene Kuttersegelführer und mehrere Sehbehinderte. Der Kerngedanke: Die Kutterführer übertragen im Laufe des Projekts den Sehbehinderten möglichst viele Aufgaben an Bord. So erweitern sich die Aufgabenbereiche für die Crew mit Handicap nach und nach.

inklusives Segeln SRSV Plön Johannes Andresen

Die Segelkutter des SRSV Plön sind legendär © Michael Krieg

70 Jahre Segelausbildung für Schüler in Plön

Die gesamte Logistik der Versorgung und Übernachtung gestaltete sich auf der Schlei als relativ schwierig. So entstand die Idee, die gesamte Veranstaltung an das Bootshaus an den Plöner See zu verlegen. Das erwies sich als genau der richtige Weg. Die Schüler zelten auf dem Gelände, nutzen den Gemeinschaftsraum und auch die dazugehörige Küche.

Der SRSV hat mehr als 70 Jahre Erfahrung in der Segelausbildung von Schülern. Über die assoziierte Vereinigung der Absolventen und ehemaligen Lehrer des Gymnasiums Schloss Plön, die Butenplöner, also niederdeutsch für „Draußen-Plöner“ – besteht noch heute ein großer Freundeskreis mit vielen Aktiven in der deutschen Seglerszene.
Es wird aber in Plön nicht nur auf Kuttern gesegelt. Vor Ort gibt es neben den 2 Kuttern auch 20 Optis, fünf RS Fewa, vier Teenys, fünf RS Quest, sechs 420er und fünf Laser – dazu viele Ruderboote, allein 18 Skiffs.

Startete das Projekt in Plön zunächst nur auf den Segelkuttern, so erweiterte es die Organisatoren auf Wunsch der Teilnehmer auch aufs Jollensegeln. Ein erfahrener Jollensegler segelt dabei gemeinsam mit ein oder zwei Sehbehinderten. Auch hier war der Grundgedanke, den Sehbehinderten respektive Blinden das Führen der Boote und somit Verantwortung zu übergeben.

inklusives Segeln SRSV Plön Johannes Andresen

Der SRSV blickt auf über 70 Jahre Erfahrung in der Ausbildung von Schülern zurück © Michael Krieg

Do it!, das ist ja auch unser Ansatz

Die leise gesprochenen Einhilfen des verantwortlichen Schülers an Bord – Backbord-Steuerbord, anluven-abfallen – musste von dem sehbehinderten oder gar blinden Bootsführer an die Crew weitergeben werden: „Fieren, dichtholen, ich fahre eine Wende.“ Und so weiter.

Mit diesen Einhilfen waren die Sehbehinderten in der Lage, einen Kutter vom Großen Plöner See nach Ascheberg zu segeln. Die gemischte Crew hat dabei, so erinnert sich Johannes Andresen, einen Anleger gefahren, „wie wir beide den nicht immer hinkriegen würden“. Und das geht so: Segel aufgeien, Achterleine geht nach vorne. Zwei gehen an Land, nehmen die Leinen an und belegen die Leinen auf den dort vorhandenen Klampen. Johannes Andresen ist noch immer begeistert: „Ich war zutiefst gerührt. Und dieser Ansatz, den die Sehbehinderten haben, ist ja auch unser Ansatz, nämlich: Do it!“

inklusives Segeln SRSV Plön Johannes Andresen

Für das Segelprojekt gab es mehrfach den Stern des Sports © Michael Krieg

Das gemeinsame Erlebnis war es wert

Für das Projekt – gesponsert von einer genossenschaftlichen Bank – unter der Ägide des Landessportverbands gab es mehrfach Auszeichnungen, darunter die „Sterne des Sports“. Das Erlebnis, es mit diesem Projekt bis in die bundesweite Auswahl geschafft zu haben, war für die Plöner und für Johannes Andresen etwas ganz Besonderes.

Einer der diesjährigen Hauptgewinner der Auszeichnung „Großer Stern des Sports“ war übrigens der Lübecker Verein Sail United e. V. mit tatkräftiger Unterstützung des von float interviewten Weltmeisters und bekannten Paralympics-Siegers Heiko Kröger. Sein Motto lautet sinngemäß: Wasser kennt keine Barrieren.

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