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Störtebekers Erben sind auf den Weltmeeren noch immer unterwegs © dpa / Wikimedia, Montage: float
Piraterie

Störtebekers Erben schießen

Bei Überfällen ist richtiges Reagieren für Langfahrtsegler überlebenswichtig. Teil 2: Waffen an Bord? Was tun bei einem Todesfall auf hoher See?

von
Jens Brambusch
in
8 Minuten

Es ist ein unbeschwerter Abend in einer dieser kleinen Strandbars unter Palmen, irgendwo an einem langen Sandstrand in der Karibik. Die Dinghys dümpeln am Strand, der dritte Rum schmeckt noch besser als der zweite, Funken steigen aus dem lodernden Lagerfeuer auf, vereinen sich über der Bucht mit den Ankerleuchten der Yachten vor nachtschwarzem Himmel.

Beschwipst und beschwingt geht es spätabends im Beiboot zurück an Bord. Und da wartet bereits das Grauen: Die Yacht ist aufgebrochen, unter Deck ist alles durchgewühlt. Wertsachen, Geld, Papiere und elektronische Geräte sind verschwunden. Restlos.

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Leichtes Ziel: Langfahrtsegler in der Ankerbucht © Artem Pochepetsky

Nicht selten machen die Crews es den Tätern leicht: Auf dem Dinghy am Strand steht der Name der Yacht, das AIS an Bord ist eingeschaltet und verrät die Position des Bootes. Am Nachmittag hatten die Täter sich bereits einen Überblick verschafft und waren zur Begrüßung an Bord gekommen. Freundliche Einheimische, die mit ihrem kleinen Boot längsseits gingen.

Ein paar Minuten Smalltalk, ausreichend um die Lage zu sondieren. Keine Kameras, keine Sensoren, kein Hund, die wohl effektivste Alarmanlage auf Booten. Am Strand beobachtet ein Späher die Crew. Die Bestellung zur dritten Runde ist das Startsignal für die Räuber. Mindestens eine halbe Stunde haben sie nun ungestört Zeit auf Diebeszug zu gehen.

Die Gefahr lauert in Ankerbuchten

Die größte Gefahr für Segler, Opfer von Überfällen oder Diebstählen zu werden, lauert in Ankerbuchten. Das Piraterie-Präventionszentrum (PPZ) der Bundespolizei rät daher zu einer speziellen Sicherung des Bootes. Nicht immer verlaufen Überfälle auf Yachten so glimpflich wie der geschilderte Fall, in dem niemand körperlich zu Schaden kam. Manchmal schrecken die Diebe auch nicht vor bewohnten Booten zurück. „Die Täter werden immer skrupelloser“, sagt Jörg Flackus vom PPZ beim Online-Seminar für Weltumsegler.

Sicherheitsbausteine
Kameras, Sensoren und Gitter vor Luken und Niedergang erschweren das Eindringen © PPZ

Meist hätten die Täter es allerdings auf „schnelle Beute“ abgesehen: das Dinghy, den Außenborder, Bargeld oder Wertsachen. Je zeitaufwendiger der Überfall ist, desto geringer ist das Interesse der Täter. Deshalb sollten Dinghy und Außenborder beispielsweise mit Stahlseilen am Boot gesichert werden, das Eindringen in das Boot erschwert werden. Luken und Türen müssen verschließbar sein.

Sensoren und Bewegungsmelder an Deck und Niedergang, die akustische oder optische Signale auslösen, können Einbrecher abschrecken, ebenso wie Kameras. Gitter vor Luken und Niedergang erschweren Dieben ihr Vorhaben. Für den Fall, dass die Täter dennoch ins Boot eindringen, empfiehlt Flackus, ein paar Fake-Wertsachen leicht auffindbar zu positionieren: etwas Bargeld, ein altes Smartphone, eine billige Uhr.

„Die Täter“, sagt Flackus, „stehen unter enormem Stress, manchmal unter Drogen- oder Alkoholeinfluss. Sind nervös, haben Angst gefasst zu werden. Der Zeitdruck ist groß. Haben sie Beute gemacht, verschwinden sie meistens schnell wieder.“

Die Lage checken

Die Gefahr für Segler, Opfer eines Überfalls zu werden, ist regional sehr unterschiedlich. Deshalb empfiehlt das PPZ sich vor Reisebeginn sehr genau über die Lage vor Ort zu informieren. Gute Quellen sind Webseiten wie „Noonsite“ oder „Caribbean safety and security net“, ausländische Medien, die Trans-Ocean-Stützpunkte und natürlich auch das PPZ in Neustadt, per Mail oder Telefon.

Karte der Trans-Ocean Stütspunkte in der Beispielregion Karibik
Die Trans-Ocean-Stützpunkte in der Karibik © PPZ

Die wohl aktuellsten Quellen sind jedoch die Segler-Communities in den jeweiligen Ländern. Auch rät das PPZ, das Auswärtige Amt zu kontaktieren und sich im Vorfeld in der sogenannten Elefand-Liste (Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland) online einzutragen. Für Notfälle sollten bereits Ansprechpartner in den Häfen, bei den deutschen Auslandsvertretungen sowie Behördenvertreter in den Ports of Entry identifiziert werden.

Das Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) Bremen ist zudem rund um die Uhr erreichbar und steht in Kontakt zu allen weltweiten MRCC. Der Notruf 911 zur lokalen Polizei und Küstenwache ist weltweit gültig.

Drei Überfallarten

Die Pirateriebekämpfer aus Neustadt unterscheiden drei Arten von möglichen Übergriffen auf Yachten. Die häufigste ist der Diebstahl. Die Täter haben es dabei lediglich auf Wertsachen abgesehen, Opferkontakt wird möglichst vermieden. Beim Raubüberfall gehen die Täter wenig zimperlich vor. Sie nehmen Gewalt gegen die Crew in Kauf oder setzen sie bewusst ein, um an die Wertsachen zu kommen. Die dritte Kategorie ist die Geiselnahme.

Sie kommt nur selten vor, ist aber die gefährlichste, vor allem, wenn die Täter, wie oft in Südostasien, mit der Erpressung politische Ziele verfolgen. „Zu 80 Prozent“, sagt Flackus, „enden diese Fälle nicht gut.“

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Die drei Überfallarten und wo sie am häufigsten vorkommen © PPZ

Die besseren Argumente

Wenn irgend möglich, sollten Segler verhindern, dass die Angreifer auf See an Bord kommen. „Beobachten Sie aufmerksam die Umgebung“, rät Flackus. Nähert sich ein Boot mit verdächtigen Personen einer Yacht, sollte der Skipper versuchen, auszuweichen und im besten Fall zu fliehen.

Reagiert das andere Boot weder auf Funksprüche oder Handzeichen, dass es Abstand halten soll, sollte sofort der Vorfall über Funk gemeldet werden. Im Falle eines offensichtlichen Angriffs muss ein Notruf erfolgen.

Zur Abwehr von Angreifern könnten laut PPZ verschiedene technische Maßnahmen ergriffen werden – wie beispielsweise ein Weidezaungerät, das die Reling unter Strom setzt. Zu beachten ist dabei jedoch, dass das Gerät geerdet werden muss. Ein Nebelgerät, wie es auch in Diskotheken zum Einsatz kommt, kann unter Deck die Angreifer orientierungslos machen.

Das kann es der Crew ermöglichen, sich in einen gesicherten Raum zurückzuziehen, falls das Schiff diese Möglichkeit zulässt. Hinzu kommt ein psychologischer Effekt. Die Angreifer könnten aufgrund der wortwörtlich unübersichtlichen Lage die Flucht ergreifen.

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Ein Disco-übliches Nebelgerät kann Angreifer orientierungslos machen © PPZ

Auf größeren Booten empfiehlt das PPZ den Einbau eines gesicherten Raums. Im Idealfall sollte dieser Raum aus kugelsicherem Material und sicher von innen zu verschließen sein. Allerdings ist das Material schwer: 1,5 Quadratmeter wiegen etwa 60 Kilogramm. Beim Einbau eines Schutzraumes sollte unbedingt an eine Außenantenne gedacht werden, um das Satellitentelefon nutzen zu können, auch sollte der Raum mit Verpflegung und vor allem einer Luftzufuhr ausgestattet sein.

Waffen? Nein!

Einen Angriff abzuwehren, indem die Crew versucht mit Leuchtmunition die Angreifer zu treffen, sieht Flackus kritisch. „Im Zweifelsfall haben die Angreifer die besseren Argumente“, sagt Flackus lakonisch. „Die sind oft schwer bewaffnet. Und haben auch wenig Hemmungen die Waffen einzusetzen.“ Einige der Seminarteilnehmer wollen von der Bundespolizei ihre Meinung zum Mitführen von Waffen auf Langfahrt wissen.

Die Antwort ist deutlich: „Die Meinung der Behörde zum Mitführen von Waffen ist ganz klar: Nein!“ Allerdings müsse das jeder Skipper für sich entscheiden, sofern er die Berechtigung zum Führen einer Waffe habe.

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Keine Waffen an Bord! Aber vielleicht ein elektrischer Draht? © PPZ

Doch Flackus gibt zu bedenken: „Wenn Sie eine Waffe einsetzen, müssen sie mit Gegenfeuer rechnen. Ich weiß nicht, ob sie das riskieren wollen.“ Zudem sei das Waffenrecht in jedem Land anders, Waffen seien in jedem Land beim Einklarieren anzugeben – manchmal sei das ein riesiger behördlicher Aufwand bis hin zum Konfiszieren der Waffe beim Ausklarieren. Ein Seminarteilnehmer gibt zu Bedenken, dass selbst das Mitführen von Pfefferspray in einigen Ländern strikt verboten ist und bei Zuwiderhandlung zu drakonischen Strafen führen kann.

Was tun im schlimmsten Fall?

Manche Ereignisse können nicht verhindert werden, aber das rechtzeitige Auseinandersetzen mit dem Ernstfall ist Teil der Lösung! Ein Credo, dem das PPZ einen ganzen Seminarblock widmet. Wie verhalte ich mich also, wenn mein Boot angegriffen wird? Zunächst gilt auch hier: Die mentale Vorbereitung ist alles! Deshalb rät das PPZ einige Szenarien im Vorfeld durchzuspielen und alle Crewmitglieder zu instruieren. Dazu zählt beispielsweise, dass jedes Crewmitglied, auch Kinder, in der Lage sein sollten, über Funk einen Notruf abzusetzen.

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Das PPZ empfiehlt, wichtige Szenarien mit der Crew durchzuspielen © PPZ

Sind die Täter einmal an Bord, rät das PPZ zu einem kontrollierten Verhalten gegenüber den Piraten. Will heißen: Nicht den Helden spielen! Vielmehr sollte die Crew die Anweisungen der Täter befolgen, einen „Sprecher“ festlegen, aufgeschlossen bleiben und – wenn möglich – gelassen reagieren. Denn eine Kooperation stabilisiert die Situation.

Die graue Maus

Die beste Strategie, um die Situation an Bord zu deeskalieren, ist laut Bundespolizei die „Graue Maus“. Und die bedeutet: Sie fallen ab sofort nicht mehr auf. Sie halten sich im Hintergrund. Überleben ist alles!

So schwer es auch sein mag, wichtig ist, Ruhe zu bewahren. Denn nicht nur die Opfer stehen unter enormem Stress, sondern auch die Angreifer. Das PPZ rät dazu, an eine regelmäßige Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit zu denken, das erhält die Vitalität.

Auch sollten die Fluchtchancen sorgsam überprüft werden. Wie groß sind die Chancen, dass eine Flucht überhaupt gelingen kann? „Vergleichen Sie das Risiko mit den Erfolgsaussichten“, rät die Polizei. Denn: „Sie haben meist nur einen Versuch!“

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Sie halten sich im Hintergrund. Überleben ist alles! © PPZ

Sind Kranke an Bord, die auf Medikamente angewiesen sind, sollte das den Angreifern mitgeteilt werden. „Befolgen Sie Anweisungen und sprechen Sie nur, wenn Sie dazu aufgefordert werden. Beginnen Sie keine Streitgespräche, machen Sie keine Vorschläge oder versuchen zu beraten. Gehen Sie respektvoll mit den Tätern um. Bleiben Sie geduldig!

Versuchen Sie nicht, die Geiselnehmer zu manipulieren oder auszutricksen. Seien Sie ein guter Zeuge! Wichtig ist, ohne unnötige Angst auf Situationen gefasst zu sein und ‚mitzuspielen’.“ Das sind die Ratschläge der PPZ für den worst case, den schlimmsten denkbaren Fall. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit, entführt zu werden, gering ist, sollten sich Segler dennoch auf diese Eventualität vorbereiten.

Todesfall an Bord

Der Alptraum eines jeden Seglers auf Langfahrt ist der Tod eines Crewmitglieds. Ob durch Gewalt, Unfall oder einen natürlichen Umstand. Besonders schlimm ist es, wenn es den Skipper trifft und die Crew das Boot nicht alleine steuern kann – beziehungsweise nicht einmal einen Notruf absetzen kann, da der Satellitenempfang nur mit dem Smartphone des Skippers verbunden ist, der den Code aber mit in den Tod genommen hat. Ein echter Fall!

Daher rät das PPZ, mehrere Geräte mit dem Satellitenempfang zu koppeln, die jedes Crewmitglied entsperren kann. Natürlich sollte auch ohne Skipper die Crew in der Lage sein, das Schiff sicher in den nächsten Hafen zu navigieren.

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Um einen Notruf absetzen zu können, muss man Satellitenempfang haben © PPZ

Die oberste Prämisse bei einem Todesfall an Bord lautet: Laufen Sie sofort den nächsten Hafen an! Doch auf Langfahrt können Tage oder Wochen vergehen. Was passiert mit dem Leichnam? Gerade in tropischen Gefilden ein Horrorszenario. Eine deutsche Crew im Pazifik sah keine andere Möglichkeit, als den Leichnam im Dinghi tagelang hinter sich her zu ziehen. Wäre eine eigenmächtige Seebestattung überhaupt erlaubt? Oder setzt die Crew sich damit dem Verdacht aus, ein Verbrechen vertuschen zu wollen?

Klares Prozedere

Das Verfahren ist klar geregelt, auch darüber sollten sich Langfahrtsegler informieren, bevor sie in See stechen. Bei einem Sterbefall müssen die Behörden unterrichtet werden. Zum Beispiel über das MRCC Bremen oder den Maritimen Dauerdienst der Bundespolizei See. Auch muss die Staatsanwaltschaft des Wohnortes verständigt werden, ebenso das Standesamt Berlin, das zentral zuständig ist für Sterbefälle auf Schiffen, die die Bundesflagge führen.

Atlantiküberquerung
Der Hafen von Horta ist TO-Stützpunkt auf der Rückroute © Public Domain

Hier muss der Skipper (online) die „Niederschrift über die Anzeige eines Todesfalls“ ausfüllen. Dazu notwendig ist eine Dokumentation zum Ablauf vor Eintritt sowie nach Eintritt des Todes. Fotos dienen als Beleg und sind obligatorisch. Das Prozedere ist notwendig für die Erstellung der Sterbeurkunde, die der Skipper beim Einklarieren im nächsten Hafen vorlegen muss.

Von daher besteht für den Schiffsführer die Verpflichtung, den Tod beim Standesamt Berlin beurkunden zu lassen. Das entscheidet, gegebenenfalls in Absprache mit der Staatsanwaltschaft, auch darüber, ob die Crew eine Seebestattung durchführen darf.

Wichtige Kontaktadressen

Piraterie-Präventionszentrum der Bundespolizei
24-Stunden-Service: +49 4561 4071-3333
per Mail: bpol.see.ppz (at) polizei.bund.de

Maritime Security Center Horn of Africa

International Maritime Organisation

Caribean Safety and Security Net

Noonsite – The Ultimate Cruisers Planning Tool

SEENOTLEITUNG (MRCC) BREMEN
im Notfall, rund um die Uhr: +49 421 536 870

Ein Lob für die Bundespolizei

Die Premiere zum eintägigen (kostenlosen) Piraterie-Onlineseminar für Weltumsegler kam bei den Teilnehmern sehr gut an. Die einzelnen Blöcke waren kurzweilig und informativ, die Präsentationen locker. Die Teilnehmer bekamen viel Raum für teilweise sehr individuelle Fragen, die kompetent und lösungsorientiert beantwortet wurden.

Die Seminarunterlagen wurden den Teilnehmern zur Verfügung gestellt, zudem verschickte die Bundespolizei wasserfeste Templates mit den wichtigsten Funksprüchen in Notfällen. Der Service des PPZ umfasst für Weltumsegler eine ständige Begleitung in Risikogebieten, Beratung und Vermittlung von wichtigen Kontakten. Auch ist eine zeitweise Mitplottung der Segler möglich beziehungsweise die regelmäßige Kontaktaufnahme über Mail oder Telefon.

Das Seminar ist für alle die, die auf Langfahrt gehen wollen, absolut empfehlenswert. Auch, wenn nach dem Seminar zunächst ein mulmiges Gefühl zurückbleibt. Aber Vorbereitung auf alle Eventualitäten ist eben das A und O.

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