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Mareike Guhr, Frauen-Segeltraining Bavaria Yachts Warnemünde © Kerstin Zillmer
Interview Frauen an Bord

Trau Dich!

Weltumseglerin Mareike Guhr im float-Gespräch über Frauen an Bord, Fauensegeltrainings und den kleinen Unterschied zwischen Mann und Frau am Ruder.

Kerstin Zillmer
von in
5 Minuten

Im Moment sind Frauen ein großes Thema im Wassersport: Es gibt Frauenfahrtrainings, Seminare, Kurse, Frauencharter … und 2018 soll es sogar eine Regatta nur für Frauen geben. Erstaunlich und erfreulich, wie viel sich gerade dreht.

Auch die Interboot in Friedrichshafen, die heute startet, bietet bis zum 1. Oktober ein Programm, das Frauen in Sachen Wassersport ermutigen und schulen soll – mit Fahrtrainings auf dem Bodensee, Vorträgen und Seminaren.

Mareike Guhr ist eine der Seminarleiterinnen, und sie weiß wirklich, wie es geht. Die Seglerin aus Hamburg hat auf einem 15-Meter-Katamaran in viereinhalb Jahren die Welt umsegelt und dabei verschiedenste Crews an Bord gehabt – auch reine Frauencrews. Mit Frauen-Fahrtrainings unter anderem für Bavaria Yachts sowie als Skipperin einer weiblichen Crew bei der Antigua Race Week machte sie sich einen Namen. An diesem Sonntag hält Mareike Guhr im Rahmen der Interboot Academy einen Vortrag zum Thema „Warum Frauen sich oft nicht trauen“. float hat sie dazu vorab interviewt.

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Mareike Guhr auf ihrem Kat

float: Mareike, warum ist Frauensegeltraining eigentlich noch notwendig?

Mareike Guhr: Frauen trauen sich deutlich mehr zu, wenn keine Männer an Bord sind, ihnen kein Mann etwas aus der Hand nimmt und ihnen nicht das Gefühl vermittelt wird, dass es jemand anderes besser kann. Sie sind dann sehr viel mutiger, probieren mehr aus, wollen lernen. Das ist viel leichter, wenn keine Männer dabei sind. Später geht das wieder, es ist nur diese erste Hürde.

Ich erlebe auch, dass Frauen untereinander sehr viel nachsichtiger miteinander umgehen. Unter Frauen ist die Atmosphäre ruhiger, und sie gewinnen schneller Vertrauen zu sich selbst. Sie können so besser herausfinden, was sie sich selber zutrauen.

Worin unterscheidet sich deiner Meinung nach eine Seglerin von einem Segler?

Ich will das nicht generalisieren. Frauen sind nicht so und Männer so, es gibt viel grau zwischen schwarz und weiß. Aber allgemein trauen sich Männer mehr, probieren mehr aus und sehen dann, ob es funktioniert oder nicht. Sie sind eher gewillt, mal einen Fehler zu machen. Frauen wollen alles genau wissen, wollen sicher sein, dass es funktioniert – und dass auf keinen Fall etwas schiefgeht. Dementsprechend trauen sie sich weniger, etwas auszuprobieren. Das hemmt leider.

Was rätst du Frauen an Bord?

Auf jeden Fall sollten Frauen häufiger selber Manöver fahren, auch wenn der Mann an Bord ist – und ihm nicht zu selbstverständlich das Ruder überlassen. Manche Männer sagen ja auch: Komm, mach’ du mal, aber die Frauen trauen sich trotzdem nicht.

Sie sollten es einfach ausprobieren. Was kann denn schon groß passieren? Ein paar Kratzer vielleicht. Wie viele Unfälle haben Männer mit ihren Booten? Es sind ja letztendlich nur wenige Situationen, in denen es besondere Fähigkeiten braucht. Vor allem, wenn noch jemand daneben steht, um einzuspringen, wenn es nötig wird.

Ganz wichtig ist es, überhaupt erst einmal selber zu denken, selber ein Manöver zu planen und durchzuführen. Sich zu überlegen: Was muss ich machen, was passiert dann? Und eben nicht sofort das Kommando abzugeben, den Mann machen lassen und selbst nur die Kommandos ausführen. Denn beim Ausführen denkt man nicht, plant nicht mit und hat keinen Überblick. Aber genau das ist wichtig.

Was können Frauen an Bord besonders gut?

Frauen sind sehr sorgfältig, sie sind sehr vorausschauend, vorsichtig und konzentriert. Meines Erachtens, und das mag jetzt provokant sein, sind Frauen die besseren Segler, weil sie umsichtiger sind und dadurch weniger Fehler machen – sich aber leider auch weniger trauen. Frauen sind aufmerksam, sie behalten den Überblick und eher die Ruhe. Auch bei Manövern planen Frauen eher, als irgendwo hinzufahren und dann zu fragen: Wieso hat das jetzt nicht geklappt?

Wieso gehen so wenig Frauen selbständig an Bord?

Es gibt immer mehr selbstständige Seglerinnnen, aber trotzdem noch viel zu wenige. Vielleicht kann ich es mit Darwin erklären: Für den Mann gehört es dazu, sich zu produzieren und Stärke zu demonstrieren. Für eine Frau ist das nicht wichtig. Frauen haben nicht generell das Bedürfnis zu führen, ist meine Erfahrung.

Es ist ganz klischeehaft. Ich erlebe immer noch Männer, die Schwierigkeiten haben, in einen Hafen reinzufahren, wenn sie nicht zeigen können, dass sie die Kontrolle über das Schiff haben – weil eine Frau am Steuer ist. Männer übernehmen die Führung, um anderen zu zeigen, sie haben es drauf. Aber dieser Graben ist ja überwindbar und es entwickelt sich auch, aber eben sehr langsam.

Für mich ist noch etwas anderes wichtig: Wenn Paare segeln, müssen beide fähig sein, das Schiff zu führen. Das ist ein Sicherheitsaspekt. Viele Frauen wüssten nicht, was sie tun sollen, wenn dem Mann plötzlich etwas passiert. Deshalb sage ich immer wieder: Ihr müsst das lernen! Wenn ihr es nicht wollt, dann bleibt lieber zu Hause. Aber an Bord zu sein und nicht helfen zu können, wenn es nötig ist, ist gefährlich.
Verantwortung zu übernehmen ist etwas, was Frauen an Bord immer noch nicht so gerne tun. Vielleicht eben aus dem Wunsch heraus, keine Fehler machen zu wollen.

Welches Bild haben Männer deines Erachtens von Frauen auf See? 

Wenn ich alleine mit meinem großen 50-Fuß-Kat in den Hafen gefahren bin, fielen manchen Männern fast die Augen raus. Wenn das ein Mann macht, mit der gleichen Statur, hätten sie nicht mit der Wimper gezuckt. Das hat vielleicht auch mit Bewunderung zu tun, aber auch immer wieder mit der Einteilung: Frauen machen dies, Männer das. Und wenn Frauen „Männersachen“ machen, passt es nicht ins Bild. Das finde ich sehr schade.

Ich habe ja ganz großes Glück. Ich bin an der Küste aufgewachsen, ich segle seit fast 35 Jahren, kenne viele unterschiedliche Schiffe. Dadurch kommt meine große Sicherheit. Denn meine Weltumseglung ist ja nur ein Teil meiner Erfahrung. Schon davor habe ich viele Törns gefahren, Regatten gewonnen und viele Trainings gegeben. Viele sehen mich seit meiner Weltumsegelung anders an und bringen mir mehr Respekt entgegen. Aber es waren nur sieben von meinen 35 Segeljahren. Da merkst du: Du musst dir erstmal einen Titel erarbeiten, um wirklich ernst genommen zu werden.

Es ist und bleibt weiterhin ein riesengroßer Unterschied. Wie viele Skipperinnen und gar Hochseeskipperinnen in Deutschland gibt es denn? Das ist eine Handvoll. Die Franzosen und Engländer sind da deutlich weiter.

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Mareike Guhr beim Training

Mareike, am 24. September 2016 kamst du nach viereinhalb Jahren von deiner Weltumseglung zurück. Wie war dieses Jahr für dich?

Nachdem ich zurück war, stellte sich die Frage: Willst du dich wieder richtig niederlassen, wieder ein Büro, eine Wohnung, ein Auto anschaffen? Ich habe sehr schnell gemerkt, dass die Reise mich verändert hat und dass ich nicht dauerhaft an Land leben will. Zumindest vorerst nicht. Aber wer weiß, was in zehn Jahren ist …

Was machst du zur Zeit?

Mein kleiner Bauchladen ist prall gefüllt. Ich mache Trainings, skippere Törns, schreibe Texte, gebe Seminare, halte Vorträge … das macht mir alles unheimlich Spaß! Aber trotzdem will ich unbedingt nochmal starten und noch mehr sehen.

Was hast du vor?

Ich will wieder los, will wieder weg! Der Pazifik ist immer noch mein Lieblingsozean. Da gibt es so viele Gebiete, die ich noch nicht gesehen habe. Vor allem möchte ich meine Hilfsprojekte fortführen und ausbauen. Ich habe eines in Haiti, das mir besonders am Herzen liegt, ein Waisenhaus auf einer kleinen vorgelagerten Insel. Ich habe immer wieder Spenden gesammelt, Milchpulver, Nahrungsmittel und Kinderkleidung gekauft, habe das Schiff vollgepackt und es direkt vor Ort vorbei gebracht. Ich finde, es ist unsere Pflicht zu helfen. Wir sind Segler, wir sind superreich im Vergleich zu vielen in den Ländern, die wir besuchen und bereisen, und ich bin fest der Meinung, dass wir einen Anteil leisten können. Man braucht nur etwas Engagement. Das möchte ich ausbauen.

Mein neues Schiff, bisher habe ich noch keins, soll ein Projektschiff werden. Ich suche dafür Investoren, Mitstreiter, Segler, die gerne auch Medizinerinnen und Mediziner sind. Die möchte ich verstärkt an Bord holen, damit sie vor Ort helfen können. Das Grundprinzip bleibt aber, Menschen mit an Bord zu nehmen, die Spaß am Mitsegeln haben, die ich ans Segeln heranführen und ausbilden möchte. Und natürlich Frauencrews einzuladen, um diese besondere Dynamik an Bord zu erleben.

Mareike, wir danken dir für das Gespräch und wünschen dir, dass sich deine Pläne bald erfüllen.

Hier gehts zu ihrer Website magsail

Der Vortrag findet statt am Sonntag, dem 24. September, um 10.30 Uhr im Rahmen der Interboot Academy.

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