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Die Wannseefrauen beim H© Lars Wehrmann
Helga Cup

Tu es einfach!

Die Wannseefrauen waren dabei: Steuerfrau Anja Kamradt resümiert ihren dritten Helga Cup.

von
Anja Kamradt
in
4 Minuten

„Tu es einfach“, stand auf der Postkarte, die mit der Schokolade im Briefkasten lag. Ich schaute auf die Neuinfektionszahlen. Wie verantwortungsvoll ist es, Anfang Oktober zu einer Großveranstaltung wie dem Helga Cup nach Hamburg zu fahren, überlegte ich. Die Postkarte kam von einem befreundeten Frauenteam, das selbst nicht teilnehmen konnte.

Das Schönste war für uns eigentlich die Vorbereitung auf den Helga Cup. Seit Ende August haben wir uns jede Woche getroffen und auf der J70 bei schönstem Aperol-Wetter und freundlichem Wind trainiert. Wir sind Mütter, Töchter, Seglerinnen. Und in Zeiten von Corona sind wir besonders dankbar für diese gemeinsame Segelzeit.

Helga Cup 2020
Dankbar für die Trainingsstunden auf dem Wasser © Wannseefrauen

Wir tun es!

Meine Zweifel werden von einem anderen Gedanken zerstreut: Wenn der NRV die weltgrößte Frauenregatta durchzieht, sind wir dabei! 43 Teams haben gemeldet, 160 Seglerinnen statt 400 wie im letzten Jahr, eins davon sind wir. Die meisten Crews wissen, wie das Bundesligaformat funktioniert. Aber es waren diesmal auch Newbies dabei. Andere Teams haben jahrzehntelange Regattaerfahrung. Insgesamt waren dieses Jahr sehr viel mehr junge Teams dabei, die total selbstverständlich ihr Boot händeln.

Die Girls sind super-cool und wissen es nicht

In der Anmeldung steht ausdrücklich „kein Umarmen“ im Hygienekonzept des NRV. Zu Recht, denn umarmt wurde sich letztes Jahr viel und herzlich. Und die Party 2019 mit über 300 tanzenden Frauen war echt toll! Dann eben dieses Jahr ohne Party, denke ich. Wettern wir dieses Jahr eben ab, dafür wird die Party nächstes Mal um so toller!

Das Motto „Segeln für Jederfrau“, das genau genommen ein R zu viel hat, klingt offen. Dieses Jahr waren eher die erfahrenen Teams dabei. Das lag sicher daran, dass viel Zeit auf dem Wasser nötig ist, bis das Vierer-Team das Handling auf den kurzen Bundesligakursen mit den J70-Booten im Griff hat. Und Zeit war dieses Jahr aus bekannten Gründen sehr knapp.

Wir haben vorab stattdessen ausgiebig das Tracking der Boote aus dem Helga Cup-Läufen 2019 studiert. Wer macht was wann und warum? Welches Team hält die Höhe, welches halst zu früh und schafft das Gate nicht? Das wird ganz offensichtlich im Tracking. Wenn es doch auf dem Wasser auch so klar wäre! Auch das Winddiagramm, um die Alster besser zu verstehen, und die Manövertabelle klären schonungslos die Fehler beim Wenden auf. Wo wurden Bootslängen verschenkt?

Helga Cup 2020
Knackiger Kurs mit Wind und Böen bis 35 Knoten © Lars Wehrmann

Zwei Up- and Down-Kurse in 15 Minuten

Der Regattakurs auf einer Bahn mit zehn J70-Booten war dieses Jahr länger, da wir richtig viel Wind hatten. Das bedeutete: Start, Kreuz mit vier, fünf Wenden, Layline, ums Luvfass, Gennaker rauf, zwei, drei Halsen, Gennaker runter, durchs Gate, wieder auf die Kreuz und alles noch einmal. Und das in einem Feld mit zehn Booten, die alle dasselbe vorhaben – mit ordentlich Wind und Böen, in den Spitzen mit bis zu 35 Knoten. Echt knackig!

Das ausgeklügelte Crewwechselsystem mit fliegenden Wechseln am Steg hat ausgesprochen gut geklappt. Die Wettfahrtleitung war abgebrüht, die Schiedsrichter (Umpires) streng, die Organisation perfekt. Spannend war auch das neue Format Helga .Inklusion. Die S\V 14 rauschten safe über die Alster, das war absolut gelungen. Respekt!

Nicht nur auf dem Wasser war alles gut organisiert, auch die Hygienevorschriften auf dem NRV-Gelände wurden sehr gut umgesetzt. Alle haben Maske getragen, erst nach dem Ablegen auf den Booten wurden die Masken abgenommen. Alkohol gab es dieses Mal nur in Form von Desinfektionsmitteln und das an jeder Ecke. Security kontrollierte die Einhaltung der Vorschriften.

Helga Cup 2020
Bootswechsel mit Maske © Wannseefrauen

Sherry vor dem Start

Aus der Flasche? No way. Nur an Rasmus ging ein Schluck in die Alster für unser Regattaglück. Für uns bedeutet Segeln in Zeiten von Corona, dass wir uns so verhalten, als könnten wir ansteckend sein. So haben wir nach einer Vorquarantäne auch noch Puls-, Temperatur- und Sauerstoffsättigungs-Messungen gemacht. Als Seglerin bereitet man sich ja auch sonst auf alle Szenarien vor, übt Notrollen und braucht sie hoffentlich nie.

Das HSC Woman Team hat extreme mentale Stärke bewiesen. Wie schon bei einem vorherigen Rennen blieben sie auch im Finale am Luvfass hängen, mussten den Gennaker aus dem Wasser bergen und die Luvtonne unter dem Boot wieder herausziehen. Wie hat sich Steuerfrau Silke Basedow wohl gefühlt als sie die gelbe Tonne im hohen Bogen zurück in die Alster warf? Das Team kringelte, um sich nach dieser Tonnenberührung zu bereinigen, bevor sie auf den Downwindkurs gehen konnten. Kreidebleich war Silke, als das Boot die Ziellinie überfuhr.

Helga-Cup 2020
Dramatisches Finale für das HSC Woman Team HSC © Lars Wehrmann

Spektakuläres Finale

Die Uppfrontinas werden den Tag nicht vergessen. Sie waren Erste, als sie kurz vor dem Ziel von den Schiedsrichtern darüber informiert wurden, dass sie ihren Frühstart nicht bereinigt hatten und disqualifiziert waren. Sie fuhren mit eingerollter Fock durchs Ziel, traurig.

Was zuerst von der Terrasse wie ein Begleitmotorboot aussah, das in Gischt gehüllt die Alster herunterrauschte, waren die Goldelsen vom Berliner Yachtclub. Mit fast 15 Knoten Speed – voll konzentriert unter Gennaker – surften sie durchs Ziel. Im bissigen Böenfeld segelte ihnen ein erschrockener Freizeitsegler in die Kurslinie. Das sah knapp aus. Um dann zu erleben, dass ihnen mit einer halben Bootslänge das Team Sahneschnitte zuvor kam – einfach spektakulär.

Helga-Cup 2020
Die Goldelsen schossen wie Rauscheengel ins Ziel © Lars Wehrmann

Um die Gesamtleistung mit einzubeziehen, wurde dieses Jahr die Platzierung aus den ersten fünf Flights mit der Platzierung im Finale verrechnet. So kam das HSC-Team zusammen mit einem desorientierten Alsterdampfer über die enge Ziellinie. Die Platzierung durch ihren Kampfgeist im Finale reichte dem HSC-Team, um verdient nach drei Jahren Helga Cup endlich den Gesamtsieg zu erringen. Nicht nur seglerisch hat die Crew den Platz verdient, sondern auch, weil sie viel für den Helga Cup getan hat. Und wir? Wir tun’s wieder!

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