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Verbands-Chefs (v. l.) Carsten Stahlhut, Daniel Barkowski, Claus-Ehlert Meyer © BVWW, Kerstin Zillmer, DBSV / Montage float
Wirtschaft

Vorläufig superoptimistisch

Die deutsche Bootsbranche erwartet 2021 ein sehr gutes Jahr, sagen die Branchenvertreter – trotz Corona und Reformstau. Oder deswegen?

von
Stefan Gerhard
in
6 Minuten

Was könnte noch schöner sein als gute Konjunktur? Ein Boom, der nicht endet. Und so positiv, mit einer Fortsetzung des Ausnahme-Bootsjahres 2020, könnte es in den nächsten Monaten auf dem deutschen Bootsmarkt weitergehen. Wir haben dazu mit den Geschäftsführern der drei wichtigsten Branchenverbände gesprochen.

Die Branchen-Verbände im Überblick

Der Bundesverband Wassersportwirtschaft (BVWW) vertritt rund 1.800 Gewerbetreibende der Bootsbranche. Mit Fachverbänden (vom Tauchsport bis zu Seenotrettungsmitteln) und der Verbindung zur boot Düsseldorf gilt der BVWW als die einflussreichste Organisation der deutschen Bootsbranche. Geschäftsführer ist Karsten Stahlhut. Warum ein Verband keine Black Box ist, erklärte er als Gesprächsgast beim float Originals Podcast.

Der Deutsche Boots- und Schiffbauerverband (DBSV) ist die Branchenorganisation der Bootsbaubetriebe und Werften in Deutschland. Auch Hersteller und Grossisten von Zubehör, Sachverständige, Konstrukteure, Yachtelektriker und Charterunternehmen mit rund 10.500 Mitarbeitenden sind hier organisiert.

Auch die Arbeitsgruppe „Deutsche Yachten“ gehört dazu, deren Unternehmen ihren Umsatz überwiegend in der Superyachtbranche machen. Geschäftsführer des in Hamburg ansässigen Verbands ist Claus-Ehlert Meyer. Zuletzt sprachen wir auf float mit ihm über das Aus für die Hamburg Boat Show.

Zwei Riesen und zwei Regionalverbände

Der seit 1924 in Berlin-Brandenburg aktive Wirtschaftsverband Wassersport geht, kurz vorm 100-jährigen Bestehen, im „großen“ Bundesverband BVWW auf. Auch der 2018 gegründete Zusammenschluss von Gewerbetreibenden Werder Maritim ist regional verwurzelt und Co-Organisator der Boot & Fun Inwater. Vereinsvorsitzender ist Daniel Barkowski, Projektleiter der mit ganzjährigem Konzept laufenden Bootsmesse Boot & Fun.

„Unterm Strich ein sehr, sehr gutes Jahr 2020“

Wir blicken auf 14 Monate zurück, die anders waren, als wir es erwartet hätten. Welche Auswirkungen hatte die Corona-Pandemie für die BVWW-Mitgliedsunternehmen, Herr Stahlhut?

Karsten Stahlhut: Wir haben unterm Strich tatsächlich ein sehr, sehr gutes Jahr 2020 gehabt, obwohl der sehr lange und harte Lockdown im Frühjahr auch Existenzängste ausgelöst hat. Ab Mai hat sich das Jahr sehr gut entwickelt: Sowohl der Neuboot- als auch der Gebrauchtbootmarkt waren sehr positiv. Unterm Strich wurden so viele Boote verkauft wie selten zuvor.

Portrait Karsten StahlhutKarsten Stahlhut © BVWW

Auch der Chartermarkt war sehr erfolgreich. Dadurch, dass die Leute nicht die Möglichkeit hatten, groß ins Ausland zu reisen, hat insbesondere die Ostsee davon profitiert, aber auch heimische Hausboot-Reviere wie Berlin-Brandenburg bis hoch nach Mecklenburg-Vorpommern. Stark gelitten haben die international aufgestellten Charterunternehmen, die ihre Flotten im Mittelmeer liegen haben.

Wie lief es bei den Bootsbauern und Werften im DBSV?

Claus-Ehlert Meyer: Es sind viele Boote verkauft worden im letzten Jahr. Auch Leute, die schon ein Boot hatten, haben wegen Corona mehr Zeit an Bord verbracht – und so Rückstände beim Zustand der Boote bemerkt. Die Refit-Werften haben alle zu tun. Alle sind ausgebucht, alle suchen händeringend Personal.

Portrait Claus-Ehlert MeyerClaus-Ehlert Meyer © DBSV

Auch beim Zubehör wurden gute Geschäfte gemacht. Man hat teilweise davon profitiert, dass im Frühling keine Ware aus Fernost gekommen ist – zum Beispiel bei Schwimmwesten, die dann aus Deutschland kamen.

Wir haben auch damit zu kämpfen gehabt, dass Lieferketten unterbrochen waren – und sei es nur aus Italien – und so nicht produziert werden konnte. Alle Betriebe haben deutlich mehr Flexibilität an den Tag legen müssen. Das gilt auch für das Personal – Stichwort Kinderbetreuung, Schulschließungen und Quarantäne.

Herr Barkowski, Sie sind nicht nur Messemacher, sondern auch engagiert in Institutionen der Bootsbranche. Wie läuft es im Wirtschaftsverband Wassersport und dem Verein Werder Maritim?

Daniel Barkowski: Eigentlich geht es allen gut. Jetzt muss man auf die Logistik gucken: Wann kommen die Boote, die bestellt worden sind? Wie wird produziert? Konnten die Werften auf die erhöhte Nachfrage reagieren?

Portrait Daniel BarkowskiD. Barkowski © Volkmar Otto

Alle hoffen natürlich, normal arbeiten zu können und die Boote für ihre Hafenkunden zu Wasser zu lassen. Und natürlich auch, dass Charterboote wieder starten können. Denn gewerbliche Übernachtungsangebote sind immer noch verboten. Es ist eine Gemengelage, die unterschiedlich ist in jedem Bundesland. Brandenburg macht nicht immer das Gleiche wie Berlin.

Wie ist die Stimmung bei den Mitgliedsunternehmen des BVWW im Augenblick?

Stahlhut: Das muss man zweigeteilt betrachten. Die Stimmung ist – ich glaube – wie überall in der Gesellschaft mittlerweile nahe dem Nullpunkt. Das ist einfach der Tatsache geschuldet, dass wir als Branche mittlerweile Zweifel am Vorgehen mit den einzelnen Maßnahmen haben.

Was uns sehr hoffnungsvoll stimmt und wo wir viel weiter sind als letztes Jahr um diese Zeit, ist der private Wassersportbereich. Das ist Stand heute in keinem Bundesland verboten.

Wir nehmen zunehmend auch in der politischen Diskussion wahr, dass das Thema kontaktarmer Urlaub in den Fokus geraten ist. Ich gehe davon aus, dass wir wahrscheinlich zu den ersten gehören würden, die auch touristische Reisen anbieten dürfen – im Sinne von Hausboot- oder Segelbootcharter. Vermutlich noch vor den Hotels.

Wassersport Wannsee
Tageweise Charter könnte bald erlaubt sein, wie hier per Floß auf dem Wannsee © Kerstin Zillmer

Stimmen Sie hier für die Bootsbauer zu, Herr Meyer?

Meyer: Wir sind leider keinen Schritt weiter, wenn man April oder März mit dem Vorjahr vergleicht: Wir haben geschlossene Grenzen und Versammlungsverbote, das Szenario wiederholt sich.

Das alles hat letztes Jahr dazu geführt, dass Leute in Wohnmobile und in Boote investieren oder in Ferienwohnungen. Ob die Wohnmobile und Boote wieder als Gebrauchte auf den Markt kommen, weil die Leute doch wieder lieber ins Hotel gehen, wissen wir alle nicht.

Trotzdem sind unsere Mitglieder zuversichtlich. Wir hatten vor kurzem unsere Mitgliederversammlung per Video, mit 75 Teilnehmern. Mit Blick auf diese Saison hatten eigentlich alle ein Lächeln im Gesicht.

Berichten Ihre Mitgliedsbetriebe zurzeit von Herausforderungen in der Lieferkette? Wie gehen diese damit um?

Barkowski: Ich höre von Bootshändlern, die nicht mehr so flexibel bestellen können. Die Nachfrage für gewisse Boote lässt sich teilweise nicht abarbeiten. Die Auswahl beispielsweise bei Motoren ist jetzt schon begrenzt.

Stahlhut: Viele Bauteile kommen aus Übersee, insbesondere Außenbordmotoren, die fast alle aus Asien kommen. Man kann sagen: Da gibt es im Moment große Unterbrechungen der Lieferkette. Das ist der aktuellen globalen Situation geschuldet. Die Containerpreise sind explodiert auf den großen Routen zwischen China und Europa. Aber das größere Problem ist, Container zu bekommen.

Lieferkette Supply Chain Containerschiff
Container sind Mangelware © Diego Fernandez

Wie ist Ihre Markteinschätzung für die Zukunft?

Meyer: Es gibt eine neue Kundschaft, der auch ein bisschen die Erfahrung fehlt. Wir haben jetzt relativ viele Anfänger und Wiedereinsteiger. Wir haben ja das Phänomen, dass jedes Jahr sehr viele den Sportbootführerschein machen, die aber hinterher als Bootskunde nie auftauchen. Ich kann mir vorstellen, dass viele jetzt sagen: „Ich habe den Schein, also kann ich jetzt auch ein Boot kaufen.“

Barkowski: Ich denke, dass die Bootsbranche sich in den nächsten zwei, drei Jahren – auch wenn Corona vorbei ist – im Wachstum befindet. Wer ein Boot gekauft hat, erzählt davon, lädt Gäste ein. Das sind Multiplikatoren für potenzielle Neukunden. Da gibt es jetzt viele Boots-Botschafter.

Stahlhut: Wir befragen unsere Mitglieder regelmäßig. Als Branche gehen wir davon aus, dass 2021 unterm Strich ein positives Jahr sein wird. Die meisten gehen davon aus, dass es mindestens gleich gut bleibt oder sogar besser wird – aufgrund der allgemeinen Situation. Nur ganz wenige gehen davon aus, dass es schlechter im Vergleich zum Vorjahr sein wird.

Das sehr positive Bild, das wir aktuell zeichnen, hängt maßgeblich davon ab, was in den nächsten Wochen oder Monaten passiert. Wassersport wird eine zunehmend wichtige Rolle spielen im Inlandstourismus, weil die Leute zumindest in den nächsten Jahren eher zum heimatnahen Urlaub tendieren werden.

Chartern Seacamper Brandenburg
Chartern auf der Brandenburger Havel © Kerstin Zillmer

Stichwort „heimatnah“: Welche Rolle spielt der Tourismus für die Bootsbranche?

Stahlhut: Das Freizeitverhalten verändert sich, was auch die Tourismusforscher bestätigen. Auch vor der Krise war Deutschland immer Reiseziel Nummer 1 mit starken Wachstumsraten. Dieser Effekt wird sich jetzt beschleunigen.

In einigen Regionen wie Berlin, Brandenburg und Müritz muss man im Sommer gucken, ob man überhaupt noch etwas chartern kann. Dafür braucht man mehr Infrastruktur. Diese Themen gehen wir jetzt beim Masterplan Freizeitschifffahrt mit dem Bundesverkehrsministerium intensiv an.

Barkowski: Eine Woche Mallorca für 199 Euro – ich glaube, das wird so schnell nicht wiederkommen. Hier ist Wassersport „vor der Haustür“ eine Alternative. Wir müssten hier mehr in die Infrastruktur investieren. Es kommen jetzt viele Leute zum Bootfahren, die Fünf-Sterne-Service gewohnt sind.

Was würden Sie denen zurufen, die sich jetzt ein Boot kaufen wollen und einfach warten müssen?

Stahlhut: Man sollte zugreifen, wenn sich die Möglichkeit ergibt. Ich glaube nicht, dass sich die Situation in den nächsten ein, zwei Jahren signifikant entspannen wird. Ich glaube, dass die hohe Nachfrage im Wassersport in den nächsten Jahren anhalten oder sogar noch zunehmen wird.

Und wie steht es mit den Messen?

Meyer: Serienwerften verkaufen um die 70 Prozent ihrer Produktion über Messen. Und Messen fehlen uns. Hier sind die Leute, die Marktübersicht gewinnen wollen. So ein bisschen ist das Prinzip Hoffnung.

Cannes Yachting Festival
In Cannes fand die Inwater-Show 2019 zum letzten Mal statt © Cannes Yachting Festival

Ich rechne damit, dass wir als DBSV auf der Monaco Yacht Show sind. Und ich rechne damit, dass die Interboot stattfindet. Ich glaube, vor September werden wir keine Bootsausstellung in Europa sehen.

Das betrifft ja auch Ihre „Hausmesse“, die boot Düsseldorf …

Stahlhut: Wir glauben, dass es dieses Jahr noch einmal einen erheblichen Schwung geben wird. Daher hätten wir uns sehr gefreut, wenn die boot Düsseldorf – jetzt, im April – hätte stattfinden können. Weil wir der Meinung gewesen sind, dass viele, die letztes Jahr neu eingestiegen sind und sich ein Boot gekauft haben, noch Zukäufe tätigen in Form von zusätzlichem Equipment.

Letztes Jahr ist auch der Ausbildungsbereich stark gewachsen. Für alles, was mit Sportbootführerscheinen und Segelausbildung zu tun hat, gab es eine sehr hohe Nachfrage im Rahmen der „heimatnahen Freizeitgestaltung“. Ich glaube, dieser Schwung der Neueinsteiger wird sich erst in den kommenden Jahren auf den Handel auswirken.

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