float Magazine

Michael Jost (l.) und Michael Köhler © Montage float
Wirtschaft

VW-Chefstratege steigt bei Silent Yachts ein

Der VW-Chefstratege Michael Jost wird die Solarkatamaran-Werft zukünftig beraten. Einige spannende Projekte bringt er bereits mit.

von
Roland Wildberg
in
5 Minuten

Der Lotse verlässt das Schiff – und geht an Bord einer Yacht: Michael Jost, langjähriger Chefstratege des Volkswagen-Konzerns, tritt aus dem Unternehmen aus und wird Mitglied im Experten-Beirat des österreichischen Solarkat-Herstellers Silent Yachts, wie die Werft heute berichtet.

Sein Aufgabengebiet nimmt er mit: die Konzeption und Umsetzung einer Langzeitstrategie – nun für den innovativen Hersteller von Solarkatamaranen. Seit 2015 hat Jost das im Großen bei VW gemacht. Als das Unternehmen im selbst verschuldeten Dieselskandal steckte, leitete der Münchener die Transformation vom Verbrennungs- zum Elektromotor ein.

Der VW ID.3 ist das erste Auto, in dem der MEB genutzt wird; 2020 war seine Premiere
Der VW ID.3 ist das erste Auto mit MEB. 2020 war Premiere. © Volkswagen

2018 wurde Michael Jost dann verantwortlich für die Zukunft des gesamten Konzerns. Mit Tochtermarken wie Skoda, Seat und Porsche und mehr als 660.000 Mitarbeitern ist VW derzeit der größte Autohersteller der Welt. Die komplette Hinwendung zur Elektromobilität ist geschafft, bis 2023 wird VW ein Drittel seiner Investitionen hierauf konzentrieren. Josts Fazit: Seine Arbeit sei getan, nun könne er aufs Wasser gehen. Sein exzellentes Beziehungs-Netzwerk innerhalb des Konzerns geht natürlich nicht verloren – zum Segen von Silent Yachts.

Kooperation seit 2019

Der modulare E-Antriebs-Baukasten von VW
Der modulare E-Antriebs-Baukasten ist Standard für alle Elektroautos im VW-Konzern © Volkswagen

Der heute 59-jährige Manager wurde 2019 auf den Yachthersteller aufmerksam: VW fördert über einen Innovationsfonds neue Geschäftsideen von Mitarbeitern. So erreichte den Manager die Anfrage, ob der so genannte „MEB“ nicht auch auf einem Boot eingesetzt werden könne. Dieser modulare E-Antriebs-Baukasten von VW ist die Grundlage der aktuellen Produktgeneration.

Wie einst Autos auf einem Chassis, so baut heute jedes Elektroauto des Konzerns auf dem MEB auf. Diese Kombination aus Batterieeinheit, Motor und Regelelektronik, von einer stabilen Rahmenstruktur umgeben, wird zukünftig in Millionen Fahrzeugen eingesetzt. Und bald auch in Booten?

  • Silent Yacht 62Die neue Silent 62 Drei-Deck mit drei Ebenen © Silent Yachts
  • Silent Yacht 62Silent Yachts 62 Drei-Deck © Silent Yachts
  • Silent Yacht 62Silent Yachts 62 Drei-Deck © Silent Yachts

„Im ersten Moment fand ich die Idee abwegig“, erinnerte er sich Ende Januar in einem Interview gemeinsam mit Silent-Yachts-Gründer Michael Köhler, veröffentlicht auf der Konzern-Website. Bei näherem Hinsehen war Jost dann „beeindruckt, wie sehr sich das Unternehmen als Anbieter solarelektrisch angetriebener Yachten dem Thema CO₂-Neutralität verschrieben hat“.

In Kürze soll die Kooperation zwischen Volkswagen und Silent Yachts starten. VW liefert den MEB, das Designcenter der spanischen Seat-Tochtermarke Cupra entwickelt einen dazu passenden Solarkatamaran. Das Schiff wird mit 50 Fuß Länge einer der kleinsten Silent-Solar-Kats und soll bis Mitte 2022 schwimmen. 2019 hatte der Vorgänger den Best of Boats Award gewonnen.

Ein eleganter Zweidecker

Ein erstes Rendering der neuen Silent 50 zeigt einen eleganten Zweidecker mit überdachtem Außensteuerstand. Großflächig sind Solarflächen auf dem Dach von Salon und Terrasse verteilt. Über die Spezifikationen des gut 15 Meter langen Schiffs ist noch nichts bekannt. Innerhalb von vier Jahren sollen 50 Stück gebaut werden.

Cupra Design
Der Entwurf der Silent 50 von Cupra Design © Volkswagen

Angesichts der ungeheuren Zahl an Fahrzeugen, die Volkswagen in derselben Zeitspanne auf die Straße bringen wird, mutet diese Stückzahl bedeutungslos an. Doch dem Konzern kommt es nicht auf Quantität an. „Wir zeigen mit dieser Kooperation, dass unsere MEB-Plattform sich auch für andere Mobilitäts-Unternehmen eignet und diesen offensteht“, so Michael Jost. Das betont VW bereits seit längerem. Sogar Konkurrenten dürfen die Plattform nutzen.

Außerdem ist das VW-Mobilitätssystem skalierbar. Der MEB ist in unterschiedlichen Motorisierungen zwischen 2 x 50 kW, 2 x 150 kW und 2 x 300 kW verfügbar. Das ist genau die Menge an Power, die Silent für den Antrieb seiner Solarkats benötigt. Auch die kompakte Bauweise der Schiffe macht die Zusammenarbeit aus Silent-Sicht attraktiv: Auf einer eng definierten Fläche ein Maximum an Energie gewinnen und einsetzen. „Hier können wir sehr viel von Volkswagen lernen“, so Michael Köhler.

Vielsagende Andeutungen

Freunden und Kollegen teilte Michael Jost bereits Anfang März seinen Wechsel mit: „Ich hoffe, wir bleiben in Kontakt und sehen uns auf der Straße oder auf dem Meer.“ Der VW-Topmanager gefällt sich offenbar in vielsagenden Andeutungen – oder er war noch an Geheimhaltungspflichten seines bisherigen Arbeitgebers gebunden.

Jedenfalls ließ sich nur mit Geschick aus den Verlautbarungen herauslesen, in welche Richtung der langjährige Topmanager demnächst Ruder legen wird. Jost kündigte die Neuigkeit scheibchenweise auf seiner eigenen Homepage an: „Nach SmartCars kommen nun SmartBoats, eine nautische Passion, der ich mich gemeinsam mit der Familie widmen werde.“

Mit der Erwähnung seiner Familie spielt der gebürtige Westfale auf einen weiteren wichtigen Wandel in seinem Leben an: Durch Corona war er wie Millionen andere ans Home-Office gebunden und erlebte nach eigener Aussage erstmals den Alltag mit Frau und Kindern: „Seit 1996 führe ich eine Wochenend-Ehe und -Familie. Nun hat mich Corona nach Hause gebracht, und wir haben festgestellt, dass wir zusammen leben können.“

Autonomes Schippern

Auch über die SmartBoats gibt seine Homepage bereits Aufschluss: Darin werden digitale Errungenschaften aus dem Autobereich auf den Yachtbereich übertragen. So befasst sich Jost offenbar schon längere Zeit mit Funktionen, die ein Boot bis zu einem gewissen Grad selbstständig fahren lassen.

Analog zum autonomen Fahren bei VW und anderen Autoherstellern geht es also um autonomes Schippern. Bei Landfahrzeugen soll autonomes Fahren in fünf Entwicklungsstufen realisiert werden: Stufe 1 ist bereits heute möglich, nämlich die Nutzung von Assistenten wie dem Abstands-Tempomaten oder dem Parkpiepser, die aber permanent überwacht werden müssen. Stufe 5 liegt noch in einer weiteren Zukunft, nämlich die vollkommen eigenständige Fahrt ohne Kontrolle durch den Menschen. Eine ähnliche Denkungsart verrät die Projektbeschreibung auf Josts Homepage.

Das Boot folgt der Crew

So leitet er das Kapitel ein mit einer Aufrüstung der Umgebungs-Überwachung: GPS-, AIS- und Radar-Daten werden ergänzt durch die Informationen von Laser-Scannern und Kameras an Bord, die jedes Objekt in der näheren Umgebung erfassen. Darauf könnten Funktionen wie „Auto Dock“ aufsetzen, das automatische Anlegen. „Hold Position“ sorgt seinerseits dafür, dass die Yacht stur an einem zuvor bestimmten Ort verbleibt. Interessant ist auch die Funktion „Follow Me“: Sie wird zum Beispiel aktiviert, wenn die Crew einen Tauchausflug unternimmt. Anstatt zu ankern, folgt die Yacht den Tauchenden. Das erhöht die Sicherheit und schont die Umwelt, weil die Beschädigung des Seegrundes durch Ankern vermieden wird.

Auch die Aktualisierung von Steuer-Software über das mobile Internet „over the Air“ soll möglich werden. Das ist ebenfalls eine große Nummer im Automobilbereich. Der Elektroauto-Pionier Tesla nutzt diese Methode zum Update seiner Fahrzeug-Betriebssysteme seit Jahren erfolgreich. VW will sie beim MEB in nächster Zukunft ebenfalls etablieren.

Die Silent Route verbindet Marinas an der kroatischen Küste
Noch ferne Zukunftsmusik: Die Silent Route verbindet Marinas an der kroatischen Küste © Michael Jost

Silent Route in Kroatien

Ein gutes Stück komplexer ist das System „Silent Route“, dessen Name bereits eindeutig auf Josts neuen Arbeitgeber hinweist. Es handelt sich dabei um eine festgelegte Strecke entlang der kroatischen Küste. Darauf könnten die Silent Yachten autonom pendeln wie Züge auf einem Schienenstrang. In regelmäßigen Abständen legen sie an, um Energie zu tanken und Abwasser zu entsorgen. Die Besatzungen können Landgänge machen und touristische Exkursionen unternehmen.

Silent Resorts sind schwimmende Luxushotels
In jedem Hafen könnte sich ein Silent Resort befinden, an dem die Katamarane eine frei bestimmbare Zeit anlegen können © Silent Yachts

Diese Landstationen sind bereits definiert: Es handelt sich um die fünf Häfen Punat auf Krk, Sukosan nahe Zadar, Sibenik, Split und Dubrovnik. Das sind sämtlich Orte mit modernen Marinas und großem touristischen Angebot. Jeder dieser Zielpunkte könnte auch Standort eines Silent Resorts, also eines schwimmenden Hotels aus Silent-Yachten nebst zentraler Gastronomie-Insel sein.

Diese Projektidee stellte Silent im vergangenen Herbst vor. Das erste Silent-Resort soll auf den Bahamas eröffnen. Wer mag, legt mit seinem gecharterten oder eigenen Solarkatamaran hier an und bleibt ein paar Tage, bevor es weiter auf der Silent Route nach Norden oder Süden geht. „For all the Believers“ leitet Jost die lakonische Projektbeschreibung ein. Aus der Anrede „für alle, die daran glauben wollen“ wird deutlich: Bis die Silent Route in Betrieb geht, gibt es noch viel zu tun.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.