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© Jens Brambusch
Leben an Bord

Für eine Handvoll Lira

Segelaussteiger Jens Brambusch lebt auf dem Boot. Der erste Kassensturz überraschte auch ihn.

von
Jens Brambusch
in
8 Minuten

Die Frage, die mir am häufigsten als Segelaussteiger gestellt wird, kann ich leider nicht beantworten. Nicht, dass ich nicht wollte, ich selber hatte nach Antworten auf genau diese Frage gesucht, bevor ich in Deutschland Wohnung und Job aufgab, um fortan auf einem Schiff im Mittelmeer zu leben – und ich bin nicht wirklich fündig geworden. Was daran liegt, dass die Frage zwar nachvollziehbar, aber genauso unmöglich zu beantworten ist wie die, was denn eigentlich das Leben in Deutschland kostet.

Eine Villa in München-Bogenhausen ist nun mal teurer als eine Zweiraumwohnung in der Platte in Eisenhüttenstadt, das Fünf-Gänge-Menü in einem Drei-Sterne-Restaurant in Baiersbronn exklusiver als Pommes Schranke im Ruhrpott. Wohnen kann man hier wie da, Gnocchi an Trüffel schmecken ebenso wie Currywurst mit Fritten. Nur der Preis unterscheidet sich ein wenig.

Und so ähnlich verhält sich auch, wenn man auf dem Wasser lebt. Es ist schier unmöglich zu sagen, was das Abenteuer kostet. Das beginnt mit der Größe des Schiffes, geht über das Revier und endet bei den persönlichen Vorlieben. Selbstversorger oder Restaurantbesucher? Hobby-Trinker oder Tee-Liebhaber?

Ich kann also keine Antwort geben, aber versuchen, mich einer anzunähern. Aufgrund der Erfahrungswerte, die ich in den vergangenen Monaten in der Türkei gesammelt habe, die bekanntlich günstiger ist, als die meisten anderen Reviere im Mittelmeer (Albanien mal ausgeklammert). Hier also mein Versuch einer Antwort auf die Frage aller Fragen.

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Die Türkei ist ein preiswertes Segelrevier © Jens Brambusch

Was kostet es, auf einem Boot zu leben?

Zur Beruhigung: Es ist weniger, als ich dachte. 4,7 war die Zahl, die ich kalkuliert hatte, als ich im September aufbrach. Meine Ersparnisse, so meine Rechnung, würden für 4,7 Jahre reichen.

Zeit genug, um zu erfahren, ob mir das Leben auf einem Schiff auf Dauer gefällt. Zeit genug, um Vertrauen in mein Schiff, eine Moody 425, und vor allem in mich aufzubauen, um das Mittelmeer auch mal eines Tages zu verlassen. Zeit genug, um neue Geldquellen aufzutun, um das neue Leben auch über die 4,7 Jahre hinaus zu finanzieren.

Denn nach dieser Zeit wäre ich erst Anfang 50, die Rente noch weit weg. Ich müsste also wieder Fuß fassen in einer Welt, in der ich schon einmal den Tritt verloren hatte. Und nichts scheint mir derzeit unrealistischer, als mich wieder allmorgendlich durch den Wahnsinn auf den Straßen ins Büro zu quälen. Der Kontrast zum Leben auf dem Schiff wäre zu krass. Zur Verdeutlichung: Ich sitze gerade im Cockpit, geniesse nach einer Sturmnacht die warme Sonne, frage mich, ob die Wolken über den Bergen Regen bringen – und schreibe diesen Artikel.

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Das Boot als Arbeitsplatz © Jens Brambusch

Der Luxus ist, auf Konsum zu verzichten

Mittlerweile, so sieht es derzeit aus, kann ich mir mit den Antworten auf meine Fragen ein bisschen mehr Zeit gönnen. Aus 4,7 wurde 6,3. Ich gebe deutlich weniger aus, als ich anfangs kalkuliert hatte. Und das, obwohl ich in das Schiff bereits mehr investiert habe als geplant. Nicht weil es notwendig war, sondern weil ich es wollte. Das Geld ist also hervorragend angelegt. Die alte Planke habe ich durch eine klappbare Gangway ersetzt, das kleine Dinghi durch ein größeres, den 2,3 PS-Außenborder verschenkt und mir die Kraft eines Sechsspänners gegönnt. Die alte ratternde Wasserpumpe habe ich durch eine schnurrende neue ausgetauscht, Fender erneuert und als nächstes sind die Segel dran.

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Das Dinghi bekam einen neuen Davit © Jens Brambusch

Ausgaben, die zu diesem Zeitpunkt meist nicht nötig – und schon gar nicht einkalkuliert –waren. Aber ich hatte Lust dazu, so wie damals in Deutschland, wenn ich mich auf einen Kaffee in der Stadt verabredet hatte und bepackt wie ein Esel zurück kam und die Tüten im Kleiderschrank entlud. Nur, dass ich das Geld jetzt sinnvoller ausgebe. Die Investitionen erleichtern mir den Alltag oder erhöhen die Sicherheit. Das Leben an Bord ist deutlich uneitler, reduziert auf das Wesentliche. Der Luxus ist, auf Konsum verzichten zu können. Das schont die Bordkasse ungemein.

Hinzu kommt, dass Bootszubehör in der Türkei in der Regel deutlich billiger ist als in Deutschland. Die Gangway beispielsweise kostete gerade mal ein Drittel (180 Euro) von den üblichen Preise in Deutschland, für den 6-PS-Außenborder von Yamaha samt Schlauchboot mit Aluminiumboden zahlte ich 1.100 Euro. Allerdings ist das nicht an allen Orten in der Türkei so. Je kleiner das Angebot, um so höher sind die Preise. Wer sein Schiff auf- und ausrüsten will, für den ist Marmaris der richtige Platz. Insbesondere, was die Qualität der Arbeiten anbelangt – aber auch die Preise.

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Die knapp 30 Jahre alte Moody 425 © Jens Brambusch

Wie teuer der Ausstieg aus dem Alltag und der Einstieg auf ein Leben an Bord ist, hängt zunächst von dem Schiff ab. Die Preise für Gebrauchtboote sind derzeit günstig. Wer hier spart, spart am falschen Ende. Ich habe mich für eine knapp 30 Jahre alte Moody 425 entschieden. Trotz ihres Alters ist die Lady robust, gibt mir ein Gefühl der Sicherheit und hat ihre Seegängigkeit schon mehrmals unter Beweis gestellt. Wer davon träumt, die Welt zu besegeln, denkt meist an weiße Segel über kristallklarem Wasser unter gleißender Sonne. Unter diese Bedingungen fühlt man sich an Bord einer jeden Yacht wohl. Aber wie sieht es nach fünf Tagen Dauerregen, Kälte und Wellengang aus? Wenn man sich vorstellen kann, auch dann noch gerne an Bord zu leben, dann könnte die Yacht die richtige sein.

Zurück zu den Kosten für das Leben an Bord: Ich habe rund 61.000 Euro für meine Moody bezahlt, weitere 5.000 Euro in Davits und eine Solaranlage investiert. Das geht günstiger, ist dann eben aber auch billig. Mittlerweile haben mehrere Yachties versucht, die Davits zu kopieren. Handwerker kamen, nahmen Maß und schweißten ein Gerüst, das so aussieht wie der Jenga-Turm kurz vor dem Einsturz.

Ein weiterer großer Kostenpunkt sind die Liegeplatzgebühren. Ich habe mich für die Marina in Kaş entschieden, die zur Setur-Gruppe gehört, die elf Marinas in der Türkei betreibt. Kaş ist für mich der perfekte Ort zum Überwintern, der südlichste Punkt der Türkei, der Ort ist arm an Massentourismus, aber reich an tollen Restaurants und Bars. Die Marina ist top gepflegt, erst wenige Jahre alt. Ich habe mir einen Liegeplatz bis Mai 2020 gesichert. Das Gute: In dieser Zeit kann ich auch alle anderen Häfen der Gruppe bis zu einem Monat jeweils kostenfrei nutzen.

Marina Kas
Perfekter Ort zum Überwintern © Marina Kas
Marina Kas
Am südlichsten Punkt der Türkei © Marina Kas

Im Monat kostet mich der Liegeplatz rund 280 Euro. Strom und Wasser kommen dazu. Im Sommer bin ich durch die Solaranlage autark, im Winter hilft der Landanschluss die kalten Nächte durch den Heizlüfter erträglicher zu machen. Kosten: in etwa 20 Euro. Viel wichtiger ist mir das kostenlose Wlan, das auch unter Deck stark genug ist, um lange Abende mit kurzweiligen Filmen wegzustreamen. In den ersten Wochen hatte ich mich ganz auf mein Bord-Wifi verlassen, das ich regelmäßig mit neuen Beträgen auf meiner Prepaidkarte füttern musste, was nicht billig (15 Gigabyte kosten 101 Türkische Lira, etwa 16 Euro), vor allem aber aufwändig und nervig ist, weil jedes Mal das Büro des Anbieters aufgesucht werden muss.

Der Liegeplatz ist nicht günstig, aber für mich jede Lira wert. Auch bei den Winterstürmen mit über zehn Windstärken fühle ich mich sicher. Es geht natürlich billiger. Australische Freunde, deren Bordkasse leckt wie ein alter Diesel, haben sich im Stadthafen einen Deal für den Winter ausgehandelt. Sie zahlen 1000 Lira pro Monat für 44 Fuß – inklusive Strom und Wasser (um die 160 Euro). Allerdings sind die sanitären Anlagen in den kalten Monaten geschlossen und in Nächten mit heftigen Stürmen müssen sie, um Schutz zu suchen, in die Marina flüchten. Dann belaufen sich die Tageskosten auf knapp 50 Euro.

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Im Winter kann das Wetter ruppig sein © Jens Brambusch

Für den Winter, der auch hier durchaus garstig bis gräßlich sein kann, empfiehlt sich ein fester Standort. Das Wetter ist unberechenbar, Gewitter mit Sturmböen verwandeln vermeintlich sichere Ankerbuchten in Fallen mit Fallböen. Ab dem Frühjahr beruhigt sich das Meer. Hunderte geschützte Buchten laden dann zum sicheren Ankern ein, kleine Restaurants kobern Segler an ihre Stege, bieten Liegeplatz, oft inklusive Strom und Wasser, für ein Abendessen in ihrem Restaurant.

Ein ausgezeichneter Deal, denn das Essen ist gewöhnlich gut und die Preise sind moderat. Somit ist es möglich, die Türkei zu besegeln, ohne Liegeplatzgebühren zahlen zu müssen. Auch die pittoresken Stadthäfen locken mit günstigen Preisen (zwischen 10 bis 20 Euro), allerdings bieten sie meist wenig Komfort. Doch die quirlige Atmosphäre macht das locker wett.

Die Bordkasse steht und fällt mit Alkohol

Die Lebenshaltungskosten in der Türkei sind für deutsche Verhältnisse sehr günstig. Ein gutes Essen im Restaurant ist ab fünf Euro zu bekommen. Nach oben gibt es natürlich auch hier kaum Grenzen. Obst und Gemüse schmecken hier nicht nur viel besser, sie kosten auf kaum etwas. Wer auf dem Markt einkaufen geht, kann gar nicht so viel schleppen, wie er für zehn Euro kaufen kann. Auch Fleisch und Fisch sind verhältnismäßig günstig. Zigaretten sowieso.

  • Brambusch macht blauDer Absacker reißt Löcher in die Bordkasse © Copyright
  • Brambusch macht blauAuch der Frisör muss im Budget eingeplant sein © Jens Brambusch
  • Brambusch macht blauObst und Gemüse sind gut und preiswert © Jens Brambusch

Aber die Bordkasse steht und fällt mit dem Alkohol, der in der Türkei teuer ist. Nicht im Restaurant, da kostet der halbe Liter Bier um die 2,70 Euro. Im Supermarkt aber muss der Hopfenfreund 8,50 Euro für sechs Dosen des heimischen Efes hinblättern. Türkischer Wein, durchaus gut, kostet ab vier Euro die Flasche. Ganz hart trifft es die Freunde harten Alkohols. Selbst der vergötterte Anisschnaps Raki schlägt mit rund 20 Euro pro Flasche ein Loch in jede Bordkasse. Der Absacker im Restaurant kostet manchmal so viel wie das Hauptgericht.

Zum täglichen Leben gebe ich derzeit rund 500 Euro im Monat aus. Aber ich lasse es mir gutgehen, verzichte ungern auf ein schönes Essen und ein Glas Wein (oder zwei bis drei Bier). Zwar koche ich auch oft, lade dann meistens aber Freunde ein.

Die mit Abstand größten Ausgaben haben mit dem Segeln nichts zu tun. Nach wie vor bezahle ich meine private Krankenversicherung in Deutschland, auch wenn ich in der Türkei als „Resident“ (die Aufenthaltsgenehmigung ist nötig, wenn man länger als drei Monate am Stück und mehr als 180 Tage pro Jahr in der Türkei bleiben möchte) extra eine türkische Versicherung abschließen musste, die die medizinische Grundversorgung deckt (Allianz, knapp 60 Euro im Jahr). Und ich zahle in meine private Altersvorsorge ein.

Unterm Strich sieht meine großzügige Monatskalkulation so aus

Essen & Trinken500 Euro
Liegeplatz300 Euro
Wifi, Telefon, Friseur200 Euro
Rücklage für das Schiff/Instandhaltung/Versicherung500 Euro

Mit 1.500 Euro im Monat lässt sich also ein komfortables Leben an Bord führen. Zumindest in der Türkei. Es geht sicherlich auch günstiger. Vor allem aber geht es auch viel teurer. Und das Gute ist: Mit jeder weiteren Person an Bord lassen sich die Fixkosten hervorragend teilen.

Wer mehr über das Aussteigerleben von Jens Brambusch auf seinem Segelboot lesen will, findet die Fortsetzung nach dem ersten Kassensturz unterm Stichwort Brambusch macht blau.

Dieser Beitrag ist erstmals am 18. Januar 2019 auf float erschienen.

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