float Magazine

Weihnachtsmann an Bord © Jens Brambusch
Die float-Weihnachtsgeschichte

Weihnachten an Bord

float-Autor und Segelaussteiger Jens Brambusch verbringt dieses Jahr zum ersten Mal Weihnachten an Bord.

Jens Brambusch
von in
4 Minuten

Ich weiß gar nicht, ob ich bereits alle gefunden habe. Sie waren überall: An Deck, unter Deck, sie baumelten am Barometer, lauerten in Schubladen. Einer saß in der Mikrowelle. Sogar im Mast hatte sich einer versteckt. Nur weil ich die ausgewehte türkische Gastflagge eines Tages gegen eine neue austauschte, fand ich ihn. Er hatte sich in der roten Fahne mit dem weißen Halbmond verkrallt, kaum sichtbar mit seiner roten Mütze.

Weihnachten an Bord

Der Zwiebelmann © Jens Brambusch

Es sind mindestens zehn, vielleicht auch zwölf: Kleine, bärtige Männchen, die ein Freund aus Deutschland bereits Anfang November überall an Bord versteckt hatte. Ein kleiner Gruß, eine Erinnerung an die nahende Adventszeit, die unter der Sonne des Südens so weit weg scheint. Eine nette Geste. Oder vielleicht auch pure Gehässigkeit. Er weiß, dass ich kein großer Freund von Weihnachten bin. Und so fiel mir die Entscheidung, dieses Jahr Weihnachten auf meinem Schiff in der Türkei zu begehen, nicht sonderlich schwer. Meeresglitzern statt Lametta.

Weihnachten an Bord

Der Kaffeemann © Jens Brambusch

Der Mann, der sich keine Uhr leisten konnte

Als Kind habe ich Weihnachten geliebt. Ich war aufgeregt und enttäuscht, wenn es nicht schneite. Und entsetzt darüber, dass der Weihnachtsmann trotz aller Geschenke, die er brachte, sich wohl keine Uhr leisten konnte. Anders war es nicht zu erklären, dass er jedes Jahr ausgerechnet dann zu uns kam, wenn mein Vater und ich zu einem kleinen Spaziergang vor dem Abendessen aufbrachen – immer zur gleichen Zeit. Und jedes Mal suchte uns der alte Mann genau dann auf, traf uns aber nie an. Immerhin ließ er die Geschenke da.

Irgendwann war dieser Zauber verflogen. Wir sind keine große Familie. Weihnachten war also nie ein rauschendes Familienfest, an dem alle zusammenkamen. Wir waren ja eh immer da. Wir sind auch keine besonders christliche Familie. Kugeln am Baum waren uns immer näher als der Knirps in der Krippe. Was bleibt, sind die „besinnlichen Tage“, die sich alle wünschen. Ein Wunsch, der nur selten in Erfüllung geht.

Weihnachten an Bord

Der Lichtmann © Jens Brambusch

Überweihnachten im Süden

Wasser, Wind und Wellen sind für mich das bessere Weihnachten. Die Suche nach Besinnung und Entschleunigung war es, die mich vor einem Vierteljahr aufs Meer trieb. Raus aus dem geregelten Leben, raus aus Deutschland. Jetzt habe ich Weihnachten 365 Tage im Jahr, 24/7 – ganz ohne Lametta. Das Weihnachtsfest spielt in der Marina im türkischen Kaş, wo ich auf meiner Dilly-Dally überwintere und überweihnachte, keine große Rolle. Seit einigen Tagen bietet der Supermarkt im Hafen zwar Weihnachtsschmuck an. Aber es sind Ladenhüter.

In der gesamten Türkei spielt Weihnachten keine große Rolle, außer vielleicht in den Bettenburgen der Pauschaltouristen und in einigen großen Städten, wo Läden auf gute Geschäfte hoffen. Schließlich sind 98 Prozent der Bevölkerung Muslime. Jesus ist zwar auch im Islam ein Prophet, aber seine Geburt zu feiern, wäre dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Und so sind die Weihnachtstage in der Türkei ganz normale Werktage. Das große Fest steigt erst an Silvester. Das neue Jahr wird mit Geschenken begrüßt.

Weihnachten an Bord

Der Feuermann © Jens Brambusch

Der heilige Mann von nebenan

Eine größere Bedeutung als Weihnachten hat in der Türkei hingegen der Nikolaus, der keine 30 Kilometer Luftlinie von Kaş gelebt hat – in Myra. Obwohl er ein christlicher Heiliger war, wird er auch von den Muslimen an der hiesigen lykischen Küste verehrt. Er gilt als Patron der Seefahrer. Der Heilige Nikolaus hat, der Legende nach, nicht sein Geld mit den Armen geteilt. Er soll auch etlichen Schiffbrüchigen Unterkunft gewährt und immer wieder in Seenot geratene Schiffe gerettet haben.

In einigen orthodoxen Landeskirchen wird der 6. Dezember nach dem julianischen Kalender gefeiert, dies entspricht dem 19. Dezember des gregorianischen Kalenders. Bei den Serben wird der Nikoljdan am 19. Dezember gefeiert. Die Russisch-Orthodoxe Kirche feiert nicht nur am 6. Dezember, sondern gedenkt auch am 29. Juli der Geburt des Heiligen und huldigt am 9. Mai dem Nikolaus. Arbeitsfrei ist der 6. Dezember in Spanien sowie in Finnland, wobei beides mit dem Verfassungstag zusammenfällt.

Weihnachten an Bord

Der Weinmann © Jens Brambusch

Die zahlreichen Legenden führten dazu, dass der Nikolaus von vielen weiteren Gruppen als Schutzheiliger auserwählt wurde: Neben Seefahrern von Binnenschiffern, Juristen und Fuhrleuten. Nikolaus ist Patron der Pilger und Reisenden, Liebenden und Gebärenden, der Alten, Ministranten und Kinder, aber auch von Dieben, Gefängniswärtern, Prostituierten und Gefangenen. Universeller geht es kaum.

Weihnachten an Bord

Der Kojenmann © Jens Brambusch

Wasser, Wind und Weihnachten

Die Segler, die in der Marina liegen, kommen aus aller Welt. Die wenigsten denken an das „Fest der Liebe“, weil sie keinen Kalender brauchen, um an Dankbarkeit und Demut erinnert zu werden. Die christlichen Werte, die in den Messen an Weihnachten vermittelt werden, sind ohnehin Teil der „guten Seemannschaft“. Wo, wenn nicht auf See, lernt man Hilfsbereitschaft? Wo, wenn nicht in Häfen, kommen so viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen zusammen? Wo, wenn nicht hier, erkennt man, dass Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe verbindender sind als ein Pass?

Weihnachten an Bord

Der Tiefenmann und sein Assistent © Jens Brambusch

Ich hoffe, ich werde an Weihnachten nicht auf die Hilfe des Nikolaus angewiesen sein. Zum ersten Mal werde ich am Heiligabend-Nachmittag segeln, zusammen mit neuen Freunden. Das ist wenig festlich, dafür umso besinnlicher – und spaßiger. Auch wenn der Wind sich vor der angesagten Sonne verstecken sollte: Hauptsache, Leinen los!

Weihnachten an Bord

Der Wettermann © Jens Brambusch

Für ein paar Stunden die Segel setzen, die Stille genießen, das Plätschern des Wassers am Rumpf. Vielleicht ein kurzer Sprung ins Wasser, das immer noch so warm ist wie die Ostsee im Sommer. Wenn sich dann am Nachmittag die Sonne dem Horizont nähert und das Meer in eine glitzernde Decke aus Lametta verwandelt, ist das schöner als leise rieselnder Schnee.

Weihnachten an Bord

Der Fahnenmann © Jens Brambusch

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