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Die Männer von La Patience legen an © Maik Ulmschneider
FLOATS WEIHNACHTSGESCHICHTE

Weihnachten mit den Männern von La Patience

Ein desolater Kahn und eine hoffnungsvolle Mannschaft können die eigene Perspektive gründlich zurechtrücken.

von
Maik Ulmschneider
in
7 Minuten

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Gedankenverloren stehe ich vor dem mannshohen Schneemann, den jemand auf der Pier gebaut und weihnachtlich geschmückt hat, und beobachte die beiden Mädchen, die sich in albernen Posen davor fotografieren.

La patienceDer Schneeman auf dem Pier © Maik Ulmschneider

Ist denn schon wieder Weihnachten? Ein kurzer Blick auf mein Handy zeigt mir, morgen ist tatsächlich schon der 24. Dezember ist. Wie die Zeit vergeht! Dann wird mir bewusst, dass die beiden Mädchen in ihren Bikinis vielleicht noch nie einen echten Schneemann gesehen haben.

Weihnachten unter Palmen, weißer Sand statt Schnee – was für die beiden mexikanischen Mädchen ganz normal ist, bleibt für viele Mitteleuropäer ein Traum, erst recht in diesem Covid-geplagten Jahr 2020.

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Eigentlich wollte ich dieses Jahr, nach zwei Jahren unter der Sonne, mal wieder ins nasskalte Deutschland fliegen und Weihnachten im Kreise der Familie feiern, aber auch dieser Plan geriet unter die Covid-Räder. Wer jetzt noch Pläne macht, ist wahrscheinlich eh selbst schuld.

Unrasiert und fern der Heimat

Dies wird also das dritte Weihnachten sein, allein, unrasiert und fern der Heimat. Allerdings, wenn ich so überlege, wirklich allein war ich eigentlich nie. Vor zwei Jahren, Weihnachten 2018, in Arrecife auf Lanzarote, damals trafen wir uns zu Fondue auf S/V Eastbirds in illustrer Runde mit Seglern aus der ganzen Welt. Dann Silvester auf See vor Westafrika, als sich um Mitternacht auf Funk Seeleute aus aller Herren Länder und auf unzähligen Sprachen ein Frohes Neues Jahr wünschten. Da fühlte man sich auch als Einhandsegler in den dunklen Weiten des Ozeans nicht mehr ganz so allein. Aber der Höhepunkt war dann doch letztes Jahr Weihnachten auf den Bahamas.

  • la patienceDer Frachtpier von Matthew Town auf Great Inagua © Maik Ulmschneider
  • la patienceDie felsigen Klipeen der Great Inagua © Maik Ulmschneider
  • la patienceFlamingos auf den Salzlagunen © Maik Ulmschneider

Als ich in Matthew Town auf Great Inagua, der südlichsten Insel der Bahamas, ankam, machte ich zunächst am Frachtdock des winzigen Hafens fest. Ich war der einzige Segler und der Hafen bis auf ein kleines Patrouille-Boot der Marine und zwei Fischerboote komplett leer.

Great Inagua ist die drittgrößte Insel der Bahamas und, wie ich finde, auch die untypischste. Keine kilometerlangen Sandstrände, keine Touristen, dafür felsige Klippen, Flamingos, Wildesel und vor allem endlose Salzlagunen. Great Inagua beherbergt die zweitgrößte Salzproduktion in Nordamerika und alles, wirklich alles, gehört hier dem US-amerikanischen Konzern Morton Salt.

Warten auf Matilda

Nach ein paar Tagen bat mich George, der gemütliche Hafenmeister, darum, an die kleine Holzpier zu verholen, weil er für den nächsten Tag das Postschiff aus Nassau und den Tag darauf das Frachtschiff aus Haiti erwartete.Den Insulanern war der Stress anzumerken: Was jetzt nicht kam, würde für Weihnachten nicht da sein. Es war der 22. Dezember.

Also verholte ich Seefalke an die kleine Holzpier. Kein leichtes Unterfangen bei sieben Windstärken und heftigen Sturmböen. Ja, das Wetter hier war auch schon mal besser. Auch Matilda, das Postschiff aus Nassau, kam wegen des Wetters mit einem Tag Verspätung an. Schon lange vor der Ankunft war die normalerweise verwaiste Rampe voll bis zum Anschlag: Sie kamen mit Pickup-Trucks, Lieferwagen, Fahrrädern und Schubkarren. Es schien, alle knapp tausend Einwohner der Insel waren hier, um ihre letzten Weihnachtsbestellungen in Empfang zu nehmen. Nach ein paar Stunden Aufenthalt legte Matilda wieder ab und der kleine Hafen lag wieder einsam da wie eh und je.

  • la patienceMathilda liegt im Pier © Maik Ulmschneider
  • la patienceMathilda legt nach ein paar Stunden wieder ab © Maik Ulmschneider

Als ich am Morgen des 24. meine beiden Bootshunde zu ihrem weihnachtlichen Landgang rausließ, bemerkte ich ein Segelboot, das keine zwei Kabel vor der Hafeneinfahrt vor Anker lag. Vielleicht würde ich Weihnachten ja doch nicht allein feiern müssen, dachte ich mit ein bisschen Vorfreude. Sicher wollten die sich nicht bei Nacht und bei dem Wind durch die enge Hafeneinfahrt quetschen und haben das Tageslicht draußen vor Anker abgewartet.

Ohne Motor und Strom

Ich beobachte, wie sie den Anker lichten, Segel setzen und Kurs auf die Hafeneinfahrt nehmen. Hey, das sind Puristen! Ihr Motor muss ausgefallen sein. Kurz vor der Hafeneinfahrt fällt das Segel wieder, dafür kommen lange, hölzerne Riemen zum Vorschein, mit denen sie das schwere Schiff geschickt an die Frachtpier manövrieren. Na, Hut ab! Da muss ich unbedingt gleich mal rüber.

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Der Baum reckt sich nach achtern wie ein Ast © Maik Ulmschneider

Als ich näher komme, sehe ich, dass das Boot in einem erbärmlichen Zustand ist. Es ist eine gaffelgetakelte Slup von vielleicht 55 Fuß. Der Mast ist krumm und schief und sieht aus, als wäre er direkt auf dem Boot gewachsen. Der riesige Baum reckt sich nach achtern wie ein überdimensionaler Ast. Auf einer offenen Feuerstelle an Deck steht hinter einer Holzblende ein dampfender Kessel.

Eine blaue Kunststofftonne ist offensichtlich der Frischwasservorrat, eine etwas kleinere Tonne scheint als Toilette zu dienen. Navigationslichter oder überhaupt jegliche Elektronik gibt es nicht. Das Schiff hat weder Motor noch eine Stromversorgung. Ein Kompass ist die einzige Navigationsausrüstung. Sicherheitsausrüstung: Fehlanzeige.

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Das Schiff hat weder Motor noch eine Stromversorgung © Maik Ulmschneider

Die fünfköpfige Besatzung, ausgemergelt und in verschlissener Kleidung, wirkt erschöpft, aber auch erleichtert und irgendwie glücklich. Die Kommunikation ist schwierig, aber ich erfahre, dass es Frachtsegler aus Haiti sind. Und so beschließe ich kurzerhand, sie zum Weihnachtsgrillen einzuladen.

Weihnachts-Burger

Ich ziehe los und kaufe in dem einzigen Laden der Insel Wagenladungen von Brötchen, Hackfleisch, Käse, Pappgeschirr, Holzkohle und was man sonst noch so für ein zünftiges Burger-Barbecue braucht. Das kostet mich ein Vermögen bei den verrückten Bahamas-Preisen, aber hey, es ist ja nicht jeden Tag Weihnachten!

La patienceDas Geschäft in Matthew Town © Maik Ulmschneider

Am Abend trage ich dann die fleischgewordenen Schätze rüber auf die Frachtpier und baue meinen Holzkohlengrill auf. Der Wind hat mittlerweile etwas nachgelassen.

Die Kommunikation ist immer noch schwierig. Ihr Englisch ist schlecht bis nicht vorhanden, das Französisch voller Kreolisch, was es nicht einfacher macht. Aber wir haben Spaß dabei und teilen unsere Burger großzügig mit meinen beiden Bootshunden Cap’n Jack und Scout. Und so lerne ich am Ende doch eine Menge über ihr Zuhause und ihr Leben.

Ihre Heimat ist der legendäre Piratenhafen Tortuga, der heute zu Haiti gehört. Haiti, das ärmste Land der westlichen Hemisphäre, in dem fast zwei Drittel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, wurde durch das Erdbeben 2010 beinahe komplett zerstört, und die folgenden Hurrikane und eine Cholera-Epidemie brachen endgültig das wirtschaftliche Genick des Landes. Seitdem sind die Küstenwachen der umliegenden Länder ständig damit beschäftigt, haitianische Flüchtlinge aus dem Meer zu fischen, nach einem festgelegten Schlüssel zwischen Turks und Caicos, den Bahamas und den USA zu verteilen und nach kurzem Aufenthalt, in dem sie erkennungsdienstlich erfasst werden, wieder abzuschieben.

Packesel statt Rennziege

Aber meine Freunde sind keine Flüchtlinge, sondern Händler. Sie haben ein Wrack gehoben und es wieder einigermaßen seeklar gemacht: die La Patience.

Sie sagen „Patience“, Geduld, brauchen sie manchmal, sie ist halt keine Rennziege. Sie kaufen landwirtschaftliche Produkte in Haiti und segeln sie nach Great Inagua auf den Bahamas, um sie dort zu verkaufen. Das ist, je nach Wind, jeweils ein Ein-bis-drei-Tage-Trip. Hier warten sie auf das Postschiff, um Geld an ihre Familien in Nassau zu schicken. Dann nehmen sie Bestellungen der Einheimischen entgegen und setzen wieder Segel Richtung Haiti.

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Matratze auf dem Deck © Maik Ulmschneider

Sie schlafen auf einer großen Matratze an Deck, um den wertvollen Frachtraum nicht an Kojen zu verschwenden. Sie kochen auf einer offenen Feuerstelle an Deck. Kein Schutz vor Wetter, der komplette Innenraum ist für Fracht reserviert.

Aber sie sind glücklich und stolz. Sie gehören zu den gerade mal 30 Prozent der haitianischen Bevölkerung, die ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Sie können ihre Familien versorgen, müssen nicht weglaufen, sich aufgreifen, in Lager stecken und in Schande zurückschicken lassen. Noch nie in meinem Leben habe ich Menschen gesehen, die so bitterarm waren und gleichzeitig so entschlossen, sich aus dem Staub in ein besseres Leben zu arbeiten.

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Auf der offenen Feuerstelle an Deck steht hinter einer Holzblende ein dampfender Kessel © Maik Ulmschneider

Ruhe bewahren mit La Patience

Und so verputzen wir unsere Burger, sitzen um den Grill und singen Weihnachtslieder, auch wenn es für sie ungewöhnlich ist, Weihnachten schon am 24. Dezember zu feiern. Später gesellen sich noch ein paar Hochsee-Fischer dazu. Sie waren auf dem Heimweg nach Nassau, haben aber aufgrund des Wetters hier Schutz gesucht und können Weihnachten nun auch nicht zu Hause feiern. Fotos unserer Kinder und eine Flasche Rum machen die Runde. Der gemeinsame Nenner aller Seeleute, beides lässt unsere Augen etwas glasig werden an diesem Heiligabend.

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La Patience unter Segeln © Maik Ulmschneider

Während der wenigen Tage, die sie hier waren, haben wir noch viel geredet. Als wir kurz nach den Weihnachtsfeiertagen alle wieder ablegten, sie mit Kurs Tortuga und ich mit Kurs auf Florida, stand meine Telefonnummer in großen roten Ziffern auf ihrer Matratze. Früher oder später werden wir uns wiedersehen.

An diese Männer musste ich dieses Jahr häufig denken: als ich während des Lockdowns um meine Existenz bangte, als Fahrten- und Besuchspläne ins Wasser fielen und die Welt im Chaos versank. Dann blieb mir meine Jammerei immer gleich im Halse stecken. Die Männer von La Patience hätte das nicht aus der Ruhe gebracht.

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