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Der erste deutsche Einhand-Weltumsegler Wilfried Erdmann © Delius Klasing
Seglerlegende

Weltumsegler Erdmann wird 80

Wilfried Erdmann, der erste deutsche Einhand-Weltumsegler, feiert heute seinen 80. Geburtstag. Wir gratulieren.

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4 Minuten

Auf der boot Düsseldorf 2019 begegneten sich zwei ältere Herren, die beide das Gleiche unternommen haben und beide damit bekannt wurden. Und dennoch machten sie in der Folge sehr unterschiedliche Erfahrungen: Wilfried Erdmann (78) und Sir Robin Knox-Johnston (79), beide Weltumsegler und dabei Pioniere.

Der Brite Robin Knox-Johnston war 1968/69 als Erster nonstop einhand um die Welt gesegelt, beim spektakulären Golden Globe Race, und dafür geadelt worden. Wilfried Erdmann war ein Jahr zuvor als erster Deutscher einhand (und mit Stops) um die Welt gesegelt, ein Jahr nachdem Francis Chichester mit nur einem Zwischenstop die Welt umrundet hatte, wofür dieser ebenfalls geadelt wurde.

Wilfried Erdmann und Sir Robin Knox-Johnston
Sir Robin Knox-Johnston und Wilfried Erdmann (re.) auf der boot 2019 © Harry Schack

Wilfried Erdmann ging erstmal leer aus. Das deutsche Segel-Establishment bezweifelte, dass man mit einem 7,62 Meter langen Sperrholzboot allein um die Welt segeln kann. Nur die Bild-Zeitung brachte die Geschichte groß raus.

Mit 17 verließ Erdmann 1957 nach Abschluss seiner Tischlerlehre die DDR und radelte nach Südfrankreich. Hier sah er zum ersten Mal das Meer. Weiter ging es über Nordafrika nach Indien. Er beschloss zur See zu fahren und verdingte sich als Deckshelfer auf Handelsschiffen.

1965 kaufte er im spanischen Alicante ein gebrauchtes Boot. Von einem französischen Segler, dem damals noch nicht so berühmten Bernard Moitessier, ließ er sich die Astro-Navigation beibringen. Ohne die kam man als Segler nicht zu fernen Zielen.

Wilfried Erdmann
Wilfried Erdmann als junger Segler © W. Erdmann

Die verlängerte Hochzeitsreise dauert einige Jahre

Wilfried Erdmann wurde mit seinen Weltumsegelungen und mit seinem Familiensegeln in der Südsee berühmt. Von Anfang an ist Astrid, zunächst Freundin, später Ehefrau, an Bord. Kaum hat er die Welt allein umsegelt, brechen die beiden gemeinsam zur verlängerten Hochzeitsreise auf, eine Weltumsegelung von 1969 bis 1972.

Astrid beschließt danach: „Nie wieder!“ Doch dann segeln sie mit Sohn Kym drei Jahre im Pazifik, bevor er in die Schule muss. Es ist eine Reise durch den unberührten Pazifik, möglichst fernab der Yachtrouten, und alle drei haben sie gut überstanden.

1984 bricht Erdmann zu seiner nächsten Weltumsegelung auf, einhand auf der „magischen Route“ (so auch der Buchtitel). Seine „Kathena Nui“ ist ein 10,60-Meter-Aluminiumboot von Dübbel & Jesse, ohne Motor. Das Geld ist knapp, Kym geht zur Schule, sie bauen gerade ein Haus… Normalerweise verabschiedet sich der Mann da nicht für ein knappes Jahr. Aber da Segeln und darüber zu berichten inzwischen Erdmanns Beruf sind, findet die Reise statt.

Wilfried Erdmann
Wilfried Erdmann auf der magischen Route © W. Erdmann

Danach hat Deutschland einen Segelhelden. Es gibt noch ein paar andere schreibende Weltumsegler, aber Erdmann setzt sich im Markt durch. Er ist ein ruhiger, manchmal verschlossener Mensch, das Gegenteil eines Strahlemanns. Die Nonstop-Reise der „Kathena Nui“ dauerte 343 Tage und führte von Kiel nach Kiel. Danach stand das Schiff erstmal lange Zeit an Land.

16 Jahre später bricht er wieder auf – im selben Boot

Sechzehn Jahre später bricht Erdmann mit demselben Boot noch einmal zur Einhand-Weltumsegelung auf, diesmal in Ost-West-Richtung gegen die vorherrschenden Windrichtungen. Eine brutale Reise, aber Erdmann liebt die Verbindung von Segeln und Kämpfen.

Sohn Kym reist nach Neuseeland, um den segelnden Vater aus der Luft zu fotografieren, als dieser gerade die Hälfte der Reise geschafft hat. Es sind auch Beweisfotos, für alle Fälle. Das Buch „Allein gegen den Wind“ hält sich 32 Wochen in der Spiegel-Bestsellerliste und wird sechsmal aufgelegt.

Wilfried Erdmann
© W. Erdmann

Zweimal ist Wilfried Erdmann der Schlimbach-Preis für die größte seglerische Leistung des Jahres verweigert worden, jetzt soll er ihn endlich bekommen – und lehnt ihn ab. Vielleicht auch aus Solidarität zu seiner Schwiegermutter Ingeborg Heister, die den Preis ebenfalls nicht bekommen hat, als sie mit ihrem Trimaran einhand um die Welt segelte. (Eine Frau! Mit einem Trimaran! Das gefällt manchem Salzbuckel nicht.) Der Schlimbach-Preis ist inzwischen weitestgehend vergessen, Wilfried Erdmann ist es nicht.

Da Wilfried Erdmann nicht nur Segler, sondern auch Autor ist, produziert er mit seinen Reisen Berichtenswertes. Das sind mitunter recht bodenständige Abenteuer. Er segelt die deutsche Ostseeküste mit der Jolle seines Sohnes ab, kaum dass die Mauer gefallen ist. Er segelt mit Astrid um die britischen Inseln, in der Ostsee, im Gezeitenrevier der Nordsee.

Skipper für Preisausschreiben-Gewinner

Er schipperte, als sein Ruhm jung war, die Gewinner eines Preisausschreibens der Zeitschrift Stern über den Atlantik und eine zweite Gewinner-Crew zurück. Das ist nicht immer Wohlfühlliteratur. Er hält viele Vorträge, die eher Erzählungen vor dem Publikum sind, weil er keinen auswendig gelernten Text aufsagt, sondern das Thema, sein Thema, variiert. Wo Erdmann auftritt, sind die Vorträge ausverkauft, und er signiert anschließend Bücher.

„Warum wir immer weiter segeln“, heißt eines seiner späten Werke. Das Segeln ist sein Leben, und „Kathena Nui“ hat sich als das Boot seines Lebens erwiesen. Für Astrid Erdmann ist das Segeln mit den Jahren nicht leichter geworden, „wir sind eben nicht mehr die Jüngsten.“ Immerhin hat das Schiff seit zwei Jahren einen kleinen Einbau-Diesel, der bei Hafenmanövern und Flaute ganz praktisch ist.

Wilfried Erdmann
Der Buchpreis der ITB kam per Post, die Berliner Messe war aus gegebenem Anlass abgesagt worden © W. Erdmann

Heute, am 15. April, wird Wilfried Erdmann – sesshaft geworden in Goltoft an der Schlei – 80 Jahre alt. Am Abend vorher ist er unterwegs und fotografiert, weil das Wetter so schön ist. Die Geburtstagsparty muss wegen des Corona-Virus ausfallen, auch sein neues Buch, das sechzehnte, kommt später raus. „Ich bin auf See“ soll nun im Juni erscheinen.

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